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Ehmig: Gleichnisse

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18b8leid

Leiden

11.7.2013
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichworte: Leiden. Seiten 231-250.

Leiden.

Mittel, um sich in Leiden in der Geduld zu erhalten.

Um die Geduld in Leiden zu bewahren, muß man den Glauben festhalten, daß Gott Alles leitet, daß alle Leiden und Trübsale von Gott kommen und uns zu unserem Heile auferlegt werden; ferner muß man die Hofffnung und das lebendige Verlangen nach dem Himmel festhalten und daß wir zu Jesus nur durch Leiden und Geduld gelangen können; diese Gedanken stärken die Seele, daß sie ohne Murren und mit Ergebung alle Widerwärtigkeiten ertragen kann.

Wir müssen den Honigdachs auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung nachahmen; er lebt bloß vom Honig der wilden Bienen, welche in den verlassenen Höhlen der Stachelschweine nisten. Der Honiggeruch lockt ihn in die Höhlen; aber er wird von den erzürnten Bienen mit unzähligen giftigen Stacheln zerstochen und man sollte glauben, er müßte daran sterben. Aber er hilft sich damit, daß er die starke, zottige, sehr bewegliche und verschiebbare Haut hin und her schiebt, wobei die Stacheln der Bienen nicht in´s Fleisch dringen. So müssen wir uns gegen die Ungeduld und das Murren durch Festhaltung des Glaubens an die Vorsehung und durch das Verlangen nach dem Himmel schützen.

Wohlthätige Absicht Gottes in Leiden.

Sünder, kehre zu Gott zurück! Bedenke, daß dem Menschen, so wie ein Lebensziel, so auch ein Sündenmaß gesetzt ist, über das hinaus keine Vergebung mehr zu erwarten.

Kehre zu Gott zurück, der für dich den Himmel erschaffen, der dich erlöset und geheiliget hat. Ohne Gott ist weder ein zeitliches, noch ein ewiges Glück denkbar.

Siehe, der Hund in Kamtschatka versteht seine Zeit und seinen Vortheil. Ist er gleich die Sommermonate frei und wild herumgeirrt und ein Ungeheuer gewesen, so kehrt er doch bei Zeiten zu seinem Herrn zurück, sobald der erste Schnee fällt, weil ihm sein Instinkt sagt, daß er jetzt ohne menschliche Hilfe verhungern müßte.

Mache es auch so! Kehre zu Gott durch Buße zurück, wenn er Trübsale und Leiden schickt. Es sagt dir Vernunft und Glaube, daß Er sie nur zu deiner Besserung sendet und daß man mit Sündigen weder in der Zeit noch in der Ewigkeit glücklich sein könne. Also komme der wohlthätigen Absicht Gottes nach, ändere dein Leben! so werden deine Leiden reichen Gewinn tragen.

Alle lebendigen Geschöpfe der Erde haben ihre Leiden.

Jeder Mensch hat sein Kreuz, sein Leiden; dies muß er geduldig tragen und durch Geduld und Buße sich den Himmel verdienen. Sind die unschuldigen Thiere geplagt, wie käme der sündige Mensch ohne Leiden weg?

Im dichten Vließe des Schafes nistet Ungeziefer. Der Schwertfisch wird von Würmern so gepeiniget, die sich in seine Haut einfressen, daß er wüthend über das Wasser schnellt und sein Schwert in ein Schiff oder einen Felsen bohrt und abbricht. Das Rind und Pferd wird geplagt von Fliegen und Bremsen; das Rennthier wird stundenlang von einer Bremse umhergejagt; selbst in die Gelenke der kleinen Biene setzt sich ein Floh fest und macht ihr unsäglichen Schmerz.

Jedes Land hat seine eigene Plage; in heißen Ländern gibt es wilde Thiere und Schlangen, in kalten sind die Wölfe der Schrecken der Menschen; hier sind es die blutsaugenden Moskitos, hier die Termiten, welche hölzerne Häuser und Pflanzen und Kleider zerfressen; anderwärts aber die Heuschrecken.

Es trage daher der sündige Mensch seine Leiden im Geiste der Buße mit Geduld, so verschafft ihm die Plage und Trübsal den Himmel.

Warum sucht Gott schon Kinder mit Leiden heim?

Manche Menschen haben wenig Verstand und dazu ein hartes Herz und wenig Gefühl; diese muß Gott schon als Kinder durch Leiden erweichen und zu besseren Menschen bilden; denn wollte Er sie in ihren Sünden und Lastern bis in´s höhere Alter ungestört fortleben lassen, so würden sie für Seine Erleuchtung und Gnade verhärtet, sie würden unverbesserlich sein; die Leiden würden sie nur gegen Gott erzürnen. Sie gleichen in ihrer Gemüthsart dem Eichenholze. Dieses läßt sich nur frisch und im Safte, und selbst da nur mit starken Werkzeugen behauen. Ist es einmal trocken, dann dringt kein Stahl mehr ein. Es wird so hart, daß es den Schmieden zu Ambossen dient. Daher fängt Gott schon bei Kindern an, sie durch Leiden und harte Zucht zu guten Christen zu bilden.

Anmerkung ETIKA: Eine unvollständige Antwort. Wir verweisen auf die hl. Bernadette Soubirous, deren Herz sicherlich nicht verhärtet war und die trotzdem sehr viel leiden mußte; außerdem auf die Gedenktafel an die von einer Lawine verschütteten Kinder in Schneeberg. Gott nahm sie zu sich in den Himmel, damit auf Erden ihre Reinheit nicht beschmutzt würde durch die Welt. An anderer Stelle in ETIKA.

Denen, die Gott lieben, können die Leiden nichts schaden.

Die Leiden dieses Lebens gleichen in ihrer Wirkung auf die Seele den Säuren. Diese lösen die härtesten Steine und Metalle auf, sie färben die blauen Pflanzenblüthen roth., die rothen blau, die gelben röthlichbraun, aber den blauen Indigo verändern sie nicht. So wirken Leiden und Widerwärtigkeiten auf die Seele, je nachdem sie Liebe Gottes hat oder nicht. Ist die Liebe herrschend, so wird die Seele durch Leiden von ihren Mängeln geläutert und sie bleibt Gott treu; fehlt die Liebe, dann legt die Seele nicht nur ihre Fehler nicht ab, sie wird noch schlechter, als sie schon ist; denn sie zürnt Gott, hasset Gott, weil Er sie leiden läßt.

Leiden sind sehr nützlich.

Die Leiden gleichen in ihrem Nutzen den Gewittern. Die elektrische Materie in der Luft ziehet die Dünste zu Wolken zusammen, diese verdüstern den Tag; Leiden umdüstern die Seele, trüben ihre Heiterkeit und vernichten den Frohsinn. Jene erzeugen Sturmwinde, diese schütteln und beugen die Bäume, reißen Aeste und Zweige ab, diese führen schwere Verluste mit sich; jene reinigen die Luft durch Blitze und Winde von schädlichen Dünsten, diese heilen die Seele von sündhaften Neigungen; jene lassen einen erquickenden Regen herabströmen, diese entwickeln frommen Sinn und gute Vorsätze; jene machen alles grüner, frischer, lebhafter, diese machen den Menschen bußfertig, gottergeben, gottliebend, eifrig im Dienste Gottes. O wie Viele wären ohne Leiden nicht in den Himmel gekommen!

Wen Gott liebt, den züchtiget Er.

Menschen mit und ohne Leiden gleichen dem schätzbaren Getreide und der Spreu. Wie sehr wird das Getreide mißhandelt; geschnitten, Halm an Halm, ohne Freiheit in Garben gebunden, eng zusammengeworfen in der Scheuer, mit Flegeln geschlagen, geworft, gefegt, auf der Mühle zwischen harten Steinen zerrissen, dann geknetet, geformt, in den heißen Ofen geworfen, zerschnitten, gekocht, zwischen den Zähnen zermalmt. Das Unkraut und die Spreu wird dagegen gar nicht mißhandelt. Und doch ist das so sehr mißhandelte Getreide so sehr geschätzt, daß man die Armen die weggeworfenen Brosamen ehrerbietig aufheben und küssen sieht; während das Unkraut ungedroschen in die Mistpfützen und in Koth geworfen wird. So ist es auch mit den Menschen. Gott liebt gerade Jene, die er viel leiden läßt, während Er Jene hasset, denen Er Alles nach Wunsch gehen läßt; diese verdammt Er, Jene macht Er selig.

In Leiden geben zwei Dinge Standhaftigkeit.

Es ist zum Erstaunen, wie die ungeheuer hohen und starken Lindenbäume, freistehend, ohne Schutz durch Häuser, bei ihren dichtverflochtenen Aesten und bei ihrem Laubdache, den heftigsten Winden und selbst Stürmen widerstehen. Zwei Dinge geben ihnen diese Festigkeit: die Elastizität und Biegsamkeit ihres Holzes und die weit und tief gehenden Wurzeln. Zwei Dinge halten den Menschen in Leiden aufrecht; der gläubige religiöse Sinn, der Alles als von Gott zum Heile verfügt ansieht, und die Geduld, die Alles mit Ergebung in Gottes Willen erträgt. Wer dieses Beides hat, dem schaden die Leiden nichts, sie nützen ihm vielmehr.

Nutzen der Leiden.

Leiden machen den Menschen erst vollkommen; sie sind das, was beim Schleifen dem Diamant den Glanz, beim Bürsten der Wichse den Glanz, beim Politiren dem Holze die Glätte, beim Frottiren dem Scheintoten das Bewußtsein, und beim Reiben zweier Hölzer Hitze hervorbringt. Also reinigen die Leiden von Sünden und machen fromm und gottergeben.

Leiden bringen Tugenden.

Wir Menschen gleichen den Nußbäumen, den Eichen und Mandelbäumen; gutwillig geben sie ihre Früchte nicht her, sie müssen geschlagen werden; dabei fällt manches Aestchen herab. So müssen auch die Menschen mit Leiden heimgesucht werden; sonst können sie die Geduld, die Ergebung, die Sanftmuth und Feindesliebe nicht üben.

Ohne Religion entsteht in Leiden die Verzweiflung.

Ein liederlicher Student in Prag hatte keine Religion und hatte nichts zu leben; er suchte eine Anstellung, aber es wollte sich keine finden. Hätte er gebetet, gehofft und geduldig gewartet, so war es gut für ihn; so aber stürzte er sich in der Verzweiflung in die Moldau und des andern Tages kam sein Anstellungsdekret. Ohne Religion hält man in Leiden nicht aus.

II

Leiden heilen den Menschen von sündhaften Leidenschaften.

Ein Landmann lebte siebenundzwanzig Jahre mit seinem Weibe in Liebe und Eintracht. Nach dieser Zeit wurde das Weib krank, er konnte lange den ehelichen Beischlaf nicht pflegen. Da wurde er zum Vormund ernannt und es entspann sich ein Liebesverhältniß zwischen der Mutter und ihm. Leute verriethen es dem Weibe, die es in ihrer Eifersucht dahin brachte, daß er die Vormundschaft aufgab. Dafür aber konnte er das Weib nicht mehr leiden; er gab ihr allein und unter den Leuten die entehrendsten Schimpfnamen, die man nur Thieren gibt.

Es kam eine junge, üppige, unerfahrne Magd in´s Haus, der er mancherlei Sachen und Eßwaaren kaufte und zusteckte, der er bei allen ihren Arbeiten half, was er dem Weibe niemals gethan. Dieß konnte der Frau nicht verborgen bleiben und obwohl er ihr seit ihrer Krankheit nicht mehr ehelich beiwohnte und sich allein gebettet hatte und obwohl schon Jahre vergangen waren und sie dessen bereits entwöhnt war, so ließ ihr doch die Efersucht nicht zu, ruhig dabei zu sein. Es nahm die Gehässigkeit des Mannes so zu, daß er sein Weib mißhandelte, was er bisher nicht gethan, ja daß er sie aus dem Hause jagte, um mit der Magd wirthschaften zu können. Nun legten sich auch seine Geschwister in´s  Mittel, sie schämten sich seines Aergernisses in seinen alten Tagen und jagten die Magd ohne Umstände aus dem Hause.

Nun schritt Gott durch ein Leiden ein. Dieser Mann fuhr mit dem Knechte in den Wald, um zum Räuchern des Fleisches zu Weihnachten Wachholderreisig zu holen. Als der beladene Wagen durch einen Hohlweg fuhr, hing er sich an die Leiter des Wagens, die Hände rutschten ab, das hintere Rad ging ihm über due beiden Füße und zerdrückte ihm die Zehen. Bei dem Bewußtsein seiner Schuld und der dem Weibe zugefügten üblen Behandlung kam er weinend nach Hause, in der Voraussetzung, daß er in seinem Elende ohne Pflege sein werde. Da aber das Weib auf das Vergangene vergaß und ihn sorgfältig pflegte, erkannte er seine Verirrung und lebt jetzt mit seinem Weibe wieder in Friede und Eintracht. Hätte Gott nicht dieses Leiden ihm in die Füße geworfen, so würde er nicht nur sein lasterhaftes Leben fortgesetzt, sondern auch vielleicht das Weib ermordet haben.

Leiden führen zu einem höheren geistlichen Leben.

Zu Lima in Peru wurde 1586 Rosa, zuerst Isabella genannt, geboren. In ihrer Gemüthsart war sie ruhig, lieblich, anmuthig; sie weinte als Kind nur einmal, als man sie in eine andere Wohnung trug. Schon im dritten Jahre bewies sie eine Leidensstärke, die sie in ihrem ganzen Leben auszeichnete. Als ihr rechter Daumen zwischen den Deckel einer geschlossenen Kiste geklemmt wurde und sie den Schmerz mit einem Muthe weit über ihr Alter hinaus verbiß, verbarg sie die Hand vor der herzueilenden Mutter. Sie zuckte nicht, als in der Folge der Nagel des Fingers abschwärte und der Wundarzt ihn mit einer Zange wegriß. Als sie vier Jahre alt war, hatte die Mutter mit schädlichen Mitteln einen Schaden an ihrem Ohre heilen wollen; darüber hatten eiternde Fisteln sich gebildet, sie blieb zweiundvierzig Tage unter der Hand des Wundarztes und obgleich die heftigsten Schmerzen Tag und Nacht ihren Körper erschütterten, kam keine Klage aus ihrem Munde. Ihr Bruder hatte einst im Spiele ihr Haar mit Koth beschmutzt und da dieser Schmutz dem Kinde nahe gegangen, hatte der Knabe altklug ihr in einer Predigt ausgelegt: die Zöpfe der Mädchen seien Stricke der Hölle, in denen unbehutsame Seelen zu ihrem Verderben sich verfangen. Diese Worte waren tief in sie hineingeschlagen und hatten sie zu unablässigem Gebete entzündet. Sie verlobte sich dem Herrn und schor sich das Haar. Von nun an beging sie keine schwere Sünde. Man wollte sie zur Ehe zwingen, sie weigerte sich beharrlich; die Brüder setzten ihr mit Scheltworten, Ohrfeigen und Fußtritten zu; als sie aber nichts über ihren Entschluß vermochten, gaben sie endlich ihren Willen dazu, daß sie in´s Kloster ging.

Manche Menschen sind zum Leiden geboren.

Agatha vom Kreuze, 1547 im Bisthum Toledo geboren, war ausgezeichnet durch die viele Noth und die Leiden, die sie in ihrem Leben ertragen mußte. Sechsjährig wurde sie von einer Gespielin vom Felsen herabgestoßen nur durch ein Wunder erhalten. Dann fiel sie sich von einer Bank den Finger ab (sic), der ihr aber wunderbar heilte. Wieder wollten sie ihre Verwandten tödten und warfen sie von einer Klippe herab; die Aeltern selbst wurden zuletzt wegen ihrer Freigebigkeit gegen die Armen gegen sie erzürnt und warfen sie mit Schlägen aus dem Hause, so daß sie sich gezwungen fand, den Bauern die Schafe zu hüten. Dort kam sie in neue Gefahren; schlechte Leute stellten ihr nach, ein Räuber wollte sie ermorden, die Wand einer Scheune verschüttete sie; immer wieder wurde sie durch höheren Schutz gerettet.

So viele Thränen vergoß sie in ihren Betrachtungen, daß sie endlich erblindete; sie wurde aber wieder geheilt und begab sich nun in ein Kloster, wo sie das erste Probejahr mit unerhörten Abtödtungen sich quälte, zuletzt aber doch verstoßen wurde. Sie trug die Schmach mit Geduld, wurde in ein anderes Kloster aufgenommen, dort aber von den Schwestern verachtet, verlacht und verspottet. Der Herr erschien ihr, Sein Kreuz tragend und sie ermahnend, es Ihm nachzuthun.

Sie ward abermals aus dem Kloster vertrieben und verfiel in eine schwere Krankheit, ward aber durch eine Erscheinung getröstet und ermuntert, die dritte Regel des heiligen Dominikus anzunehmen. Sie folgte der Aufforderung. Nun erhob sich wieder ein Sturm gegen sie; beim Provinzial angeklagt, als lebe sie mit Liebhabern in Unzucht, ward sie vorgefordert, befragt, als eine scheinheilige lasterhafte Betrügerin, Schänderin des Ordens und als ein Schandfleck der Religion erklärt; das Ordenskleid ward ihr abgenommen, sie selbst aber der Inquisition übergeben und mit Schande und Spott über die Gassen geführt. Es wurde von geistlicher und weltlicher Seite eine Nachforschung über ihr Leben angestellt, wurde von beiden unschuldig erkannt und auf freien Fuß gesetzt.

Sie hatte nun endlich ihren langen Streit ausgestritten; alle Schmach und alle Uebel hatte sie mit Sanftmuth und Geduld ertragen, und in allen diesen Prüfungen erwuchs sie zur höchsten Heiligkeit und wurde nun durch viele Erscheinungen getröstet. Die letzten acht Jahre ihres Lebens schlief sie nicht mehr und vier Jahre vor ihrem Tode sagte sie Tag und Stunde desselben vorher.

III

Viele Heilige flehten um Theilnahme an den Leiden Christi.

Angela della Paie war in ihrem neunten Jahre mit einer Gespielin in die Kirche gegangen; dort waren beide auseinander gekommen und sie kniete allein in der Kapelle des heiligen Franziskus, um zu beten. Sie sah die Wundmale des Heiligen und fing in ihrer Kindeseinfalt mit ihm zu reden an, als ob er lebte: Vater, wer hat dir die Wunden geschlagen? sie thun mir weh, ich will sie dir heilen, wenn du es gestattest. Sie hörte nun antworten: Es sind keine Wunden, sondern Juwelen. Wie, Juwelen, antwortete die Kleine, sie bluten ja! Nein, erwiederte die Stimme, es sind Juwelen; und wenn du sehen willst, wie sie ausgetheilt werden, will ich es dir zeigen. Das möchte ich wohl, lieber Vater, erwiederte Angela. In demselben Augenblicke schien ihr das Gewölbe der Kapelle sich zu öffnen und der Heilige winkte ihr, die Augen zu erheben; sie schaute auf und sah den Herrn in Kindesgestalt, die Arme in Kreuzesform ausgestreckt, mit einem großen Lichte umgeben. Jesus kam zu ihr herab und prägte ihr die Male ein, mit so großem Schmerze der Kleinen, daß sie mit einem überlauten Schrei wie todt zu Boden stürzte und bis zum Abend, immer umleuchtet, liegen blieb. Spät erst kam die Gefährtin, rief Leute und man trug sie ohnmächtig nach Hause. Sie blieb zwei Jahre voll Schmerzen zu Bette liegen und wurde dann durch ein ähnliches Wunder wieder geheilt.

Die selige Osanna von Mantua betete zum Herrn um die Mittheilung der Dornenkrone und ihrer Schmerzen. Nach Verlauf von zwei Jahren wurde ihr die Bitte gewährt. Der Herr erschien ihr, die Krone in den Händen tragend, sie warf sich vor ihm auf die Kniee nieder, die Krone wurde ihr aufgesetzt und der Schmerz war so groß, daß sie sinnlos zu Boden stürzte. Dankbar und fröhlichen Muthes nahm sie die Gabe hin; sie litt von da an heftigen Kopfschmerz; ein Ring umkreiste sichtlich ihr Haupt, den ihre Hausgenossen oft gewahrten, wie sehr sie ihn auch verbergen mochte; er schwoll bisweilen an und es schien dann, als ob schwarzes Blut in ihm umlaufe. Sie wünschte jedoch auch die übrigen Wundmale mit ihren Schmerzen zu besitzen. In unermeßlichem Glanze erschien ihr der Herr und sagte: Hüte dich, meine Tochter, laß ab, du begehrst die allerheftigsten Schmerzen, die weit über deine Kräfte gehen; du wirst erliegen. Sie bat wiederholt und um Seine Hilfe. Da sagte ihr Jesus Seinen Beistand zu und drückte ihr Seine Wundmale ein. Sie stürzte laut schreiend zu Boden und es dauerte lange, bis sie wieder zu sich kam. Die Male waren, wie durch einen dünnen Schleier, nur ihr sichtbar, vor den Menschen verborgen.

Für Gott soll man gerne leiden.

Die Babylonier hatten sich unabhängig gemacht und ihre Stadt befestigt. Darius Histaspis wollte sie wieder zum Gehorsam zwingen und belagerte Babylon ein Jahr und sieben Monate vergeblich. In dieser Noth trieb die Liebe zu seinem König oder die Ruhmsucht einen jungen Perser, Namens Zopyrus, zu einer fast unglaublichen Selbstverläugnung. Er ersann eine List, bei der er seine Nase und Ohren miteinrechnete, denn beide schnitt er sich selbst ab, verschor sich das Haar auf eine schimpfliche Weise und peitschte sich den Rücken mit scharfen Geißeln blutig. So erschien er vor dem Darius. Entsetzlich! sprach Darius, und sprang vom Stuhle auf; wer hat dich so verstümmelt? – Ich selbst, antwortete Zopyrus, und dir zu Lieb, denn so hoffe ich dir die Stadt zu erobern. – Unsinniger, welch ein gräßlicher Gedanke! O hättest du mir das zuvor eröffnet, nimmer hätte ich es zugegeben! – Das wußte ich wohl, o König! darum that ich´s heimlich. Jetzt aber höre meinen Plan! So blutend, wie du mich hier siehst, will ich in die Stadt gehen, will vorgeben, du hättest mich so zugerichtet, will Rache schnaubend gegen dich und mich so wüthend stellen, daß kein Babylonier die List vermuthen soll. Man wird mir ein Heer anvertrauen und mit diesem will ich einen Ausfall thun. Du schickst mir dann tausend Mann der schlechtesten Truppen entgegen, daß ich sie schlage, ein anderesmal zweitausend und endlich viertausend. Sehen mich die Babylonier so siegreich gegen dich fechten, so vertrauen sie mir zuletzt die ganze Macht an und die Thorschlüssel dazu und dann laß mich nur machen.

Er kam an´s Thor. Man fragte, wer er wäre, man glaubte seiner Lüge und ließ ihn ein. Er spielte in der That seine Rolle so natürlich, daß er bei Allen Mitleid und Entsetzen erregte, zumal da sein Name und seine fürstliche Abkunft den Babyloniern wohl bekannt war. Er schwur, daß er dem Darius eine schreckliche Rache zugedacht hätte und daß ihm kein Perser entkommen sollte, wofern man ihn nur schalten ließe. Wirklich ward ihm ein kleiner Haufe anvertraut, mit dem er einen Ausfall und nach der Abrede tausend Perser aus dem Felde schlug. Man gab ihm eine größere Schaar und er überwand die zweitausend. Beim dritten Ausfall besiegte er auch die viertausend; und jetzt ward er zum Oberfeldherrn aller babylonischen Truppen ernannt und bekam die Festungsschlüssel in seine Hände. Nun war es ihm leicht, die Perser einzulassen und die ihm anvertraute Stadt geraden Weges in ihr Verderben zu führen. Die Stadt war also durch List wieder erobert, aber leider durch eine List, die siebentausend Menschen das Leben gekostet hatte. Doch schien Darius dieß nicht sehr zu rechnen; denn er versicherte nachher, er wollte lieber den Zopyrus nicht so verstümmelt sehen, als noch zwanzig solche Städte, wie Babylon, gewinnen. Er bezahlte ihm hierauf seine Nase und Ohren königlich, indem er ihm auf Lebenszeit die Einkünfte von Babylon schenkte und ihn zum Statthalter dieser Provinz einsetzte.

Wollte Gott, wir litten für Ihn Alles, was die Pflicht und die göttliche Vorsehung uns an Leiden aufbürdet, nur halb so willig aus Liebe Gottes, wie reich würde uns Gott, der unendlich reiche, belohnen!

Liebe Gottes und das sehnliche Verlangen nach dem Himmel geben Geduld in Leiden.

Zu Amiens in Gallien wurde Quinctinus, Sohn eines römischen Senators, als Christ gegeißelt, durch Rollen an allen Gliedern verrenkt, durch Kettenschläge zerfleischt, mit siedendem Oel, Fett und Pech übergossen, mit Fackeln gebrannt, und da er auch unter den Qualen nicht aufhören wollte, Jesum zu preisen, wurde ihm Kalk und Essig in den Hals gegossen. Dann steckte man ihm zwei eiserne Stangen durch den Leib, vom Halse bis zu den Hüften und keilte ihm spitzige Pfählchen unter die Nägel. Er lebte noch immer, sie konnten ihn gar nicht todt quälen, bis sie ihn endlich enthaupteten. Was gab ihm diese Starkmuth im Leiden? Die Liebe Jesu und das Verlangen nach dem Himmel.

Anmerkung: In unserem Roman „Jedem nach seinen Taten“ wird geschildert, wie Sadisten im Jenseits gequält werden – auf dieselbe Weise, aber in Ewigkeit.

Gott will uns durch eigene Leiden für die Leiden Anderer empfänglich machen.

Als der heilige Vinzenz von Paul Priester war, mußte er in einer Erbschaftsangelegenheit nach Marseille reisen. Heimwärts reiste er zu Schiff; es überfielen sie aber Seeräuber; Vinzenz wurde von einem Pfeile verwundet und als Sklave nach Afrika gebracht. (Anmerkung ETIKA: Diese Barbarei wird heute noch praktiziert, nicht nur in Afrika. Viele der Mächtigen tun nichts gegen diese Verbrechen, profitieren vielleicht selbst davon, doch niemand legt ihnen das Handwerk, weil die Leute dumm sind, sich in einer Scheinwelt räkeln und nicht wahrhaben wollen, wie das Böse, sprich der Menschenhandel, weltweit um sich greift. Sie wachen höchstens dann auf, wenn sie selber Sklavenfesseln tragen, die Eisenkugel nicht zu vergessen.)

Man gab den Gefangenen ein leinenes Hemd, Beinkleider und Mütze; so wurden sie in Tunis auf dem Markte feilgeboten. Zuerst kaufte ihn ein Fischer, bald aber kam er zu einem Arzt, der ihm sehr zum Abfall vom christlichen Glauben zuredete. Er betete unaufhörlich zu Gott und zu Maria. Der Arzt starb und vermachte ihn seinem Enkel, dieser verkaufte ihn an einen Abgefallenen, der Türke geworden war und ein Gut des Sultans gepachtet hatte. Er hatte drei Weiber, deren erste eine abgefallene Griechin, die zweite aber eine Türkin war. Dieser bediente sich Gott, den Mann in den Schooß der katholischen Kirche zurückzuführen und ihn in Freiheit zu setzen. Der Vorwitz trieb sie an, die Lebensart der christlichen Sklaven auszuspähen; daher kam sie täglich zum heiligen Vinzenz auf´s Feld, wo er graben mußte. Eines Tages befahl sie ihm, das Lob seines Gottes zu singen. Er sang das Salve Regina und andere Gebete. Dieß vergnügte die Frau zum Verwundern; sie unterließ auch nicht, Abends ihrem Manne Vorwürfe zu machen, die schöne christliche Religion verlassen zu haben; es muß, fügte sie hinzu, etwas Uebermenschliches und Wunderbares in dieser Religion liegen. Diese Frau bewog den Mann, mit Vinzenz zu fliehen, wenn ein Schiff zu bekommen wäre. Er machte eines ausfindig, sie begaben sich heimlich auf dasselbe und landeten glücklich in Frankreich, wo der Abgefallene wieder in die Kirche aufgenommen wurde.

Die Vorsehung hatte bei der Zulassung der Gefangenschaft des heiligen Vinzenz ihre eigenen Absichten. Sie wollte ihn einige Zeit in harter Dienstbarkeit schmachten lassen, um aus ihm einen Vater der Armen und Nothhelfer der verlassensten Menschen zu machen. Vielleicht würde ihm das Elend und die Seelengefahr der armen Gefangenen entweder unbekannt geblieben sein, oder er würde es für unmöglich gehalten haben, denselben helfen zu können, wenn nicht die eigene Erfahrung ihn gelehrt hätte, wie nothwendig es sei, diesen Unglücklichen ihr Schicksal zu erleichtern.

IV

Leiden legt Gott den Sündern zu ihrer Bekehrung auf.

Im Jahre 1402 starb Prinz David von Schottland, ein Sohn König Roberts. Der ausgelassene, zügellose junge Mann, der als wüster Possenreißer seinen Stand entwürdigte, hatte so unverschämt Frevel auf Frevel gehäuft, daß sein Vater ihn gefangen nehmen und zu seinem Bruder bringen ließ, der in den caledonischen Gebirgen eine feste Burg bewohnte, damit er von diesem bewacht und unter strenger Zucht gehalten würde. Dem ehrlosen und herrschsüchtigen Bruder, der längst mit dem Plane umging, die Söhne seines Bruders aus der Welt zu schaffen, um sich selber den Weg zum Throne zu sichern, war diese Gelegenheit willkommen, die ihn in den Stand setzte, mit dem Prinzen David den Anfang zu machen. Er warf ihn deßhalb in einen festen und von allen Seiten wohlverwahrten Thurm, dessen Zugänge er mit Wachen besetzte, die jeden Versuch, dem Prinzen einige Nahrungsmittel zu bringen, vereitelten, so daß dieser in kurzer Zeit vor Hunger und Elend verschmachtete. Doch gerade diese Hilflosigkeit diente zu seiner Bekehrung, er muß mit der Liebesreue gestorben sein, denn an seinem Grabe geschahen Wunder.

Leiden führen zu Gott und machen fromm.

Die Folgen des dreißigjährigen Krieges waren entsetzlich und kläglich sah es in ganz Deutschland aus, als der westphälische Friede dem Kriege und Räuberleben ein Ende machte. Man konnte Tage lang reisen, ohne ein Haus zu finden; in vielen Provinzen befanden sich keine Städte und Dörfer mehr, sondern nur Aschenhaufen. Durch das Aussterben vieler Familien waren viele Bauern- und Herrengüter herrenlos geworden, und wurden für ein Spottgeld verkauft. Fast alles bare Geld war verschwunden, manches vergraben. Handel und Gewerbe lagen darnieder, und haben sich bis jetzt nicht wieder zu dem alten Flor erhoben; die Holländer und Engländer hatten den Handel an sich gerissen, die Hansa war erstorben. Manche Stadt und Landschaft hatte durch die ungeheueren Brandschatzungen, die den Schweden oder Wallensteinern entrichtet werden mußten, sich eine schwere Schuldenlast aufbürden müssen und seufzt unter derselben theils noch bis auf den heutigen Tag. Die dreißigjährigen Schrecken des Krieges, die tägliche Todesangst, die Hungersnoth, die Vergänglichkeit der zeitlichen Güter, die man so deutlich erkannte, alles dieses hatte den Blick der Deutschen wieder nach dem Himmlischen gerichtet, und in ihnen eine äußerst religiöse Stimmung zurückgelassen. In der Religion fand man Heilung so vieler geschlagener Wunden, der Krieger kehrte zu den stillen Geschäften des Ackerbaues zurück und Sonntags goß der feierliche Gottesdienstdienst eine Ruhe in sein Herz, die er im Getümmel des Lagers nie gekostet hatte. Selten war wohl in Deutschland der Eifer, fromme Stiftungen zu machen, so groß, als gleich nach dem dreißigjährigen Kriege.

Leiden führen zu Gott.

Die letzten Lebensjahre Ludwigs XIV. von Frankreich waren sehr traurig. Der spanische Erbfolgekrieg hatte Frankreichs Macht gelähmt, Handel und Ackerbau lagen darnieder, neunhundert Millionen Thaler Schulden lasteten auf dem Staate und der Tod entriß dem König seine Kinder und Enkel. 1711 starb sein Sohn, vierzig Jahre alt, der Kronprinz; dessen Sohn sank zehn Monate später in´s Grab und seine Gemahlin folgte ihm schon nach sechs Tagen. Sein Enkel war nun Thronerbe, aber auch er starb, und nun war nur noch ein Enkel, ein Knabe von zwei Jahren, übrig. So viele Schläge zermalmten den alten König und stumpften ihn endlich für die Welt so ab, daß er sich ganz zu der Andacht hinneigte, wovon er in seiner Jugend wenig geäußert hatte. Alter und Leiden führen den Menschen zu Gott und zur Religion und es ist löblich, daß Ludwig am Abend seines Lebens ihren Trost suchte, da Andere ihr Lasterleben bis zu ihrem Tode fortsetzen. Da seine letzte Stunde kam und seine Kräfte sichtbar abnahmen, empfing er die heiligen Sterbsakramente und starb mit den Worten: Gott! komm mir zu Hilfe! Herr! eile mir zu helfen!

V

In Leiden findet man nur bei Gott wahren Trost.

Es thut dem Herzen wohl, in der Gräueln der französischen Revolution auch Zügen von wahrer Geistesgröße zu begegnen. Unter der Klasse der vielen ehrenwerthen Priester Frankreichs, die den heiligen Martyrern der ersten Jahrhunderte an die Seite gesetzt werden können, gehörte auch Abt Fenelon, ein ehrwürdiger Greis von achtzig Jahren, der sein langes Leben nur den Pflichten seines Berufes und der Ausübung der Werke der Barmherzigkeit gewidmet und sich zum vorzüglichsten Geschäfte gemacht hatte, die jungen Savoyarden, die sich in Frankreich zur Reinigung der Schornsteine aufhielten, zu unterrichten und zu unterstützen.

Sie hingen mit kindlicher Zärtlichkeit an ihm. Als nun ihr geistlicher Vater verhaftet wurde, aus dem einzigen Grund, weil er ein tugendhafter Priester war, forderten sie vom Convente dessen Freilassung, aber vergebens.  Fenelon wurde von allen seinen Unglücksgefährten im Kerker geschätzt und hatte die Freude, Viele in den Schooß der Kirche  und der Tugend zurückzuführen. Als ihm sein Todesurtheil bekannt gemacht ward, rief er aus: Welches Glück, für Jesus Christus zu sterben, der für uns gestorben ist!

Als er in die Amtsstube trat, fielen ihm zwei gefesselte Savoyarden zu Füßen, die in Thränen zerfloßen. Weinet nicht, meine Kinder, tröstete sie ihr geistlicher Vater, es ist des Herrn Wille, daß ich sterbe; betet für mich! Komme ich in den Himmel, wie ich es von Gottes unendlicher Barmherzigkeit hoffe, so werdet ihr droben an mir einen Fürbitter haben.

Als der Henker erschien, ihn und seine Mitgefangenen zu binden, wendete er sich an diese mit den Worten:

Meine Brüder! Gott verlangt von uns ein großes Opfer, das Opfer unseres Lebens; wir wollen es Ihm bereitwilligen Herzens darbringen, damit wir bei Ihm Gnade erlangen. Vertrauen wir auf Ihn, Er wird uns unsere Sünden verzeihen, wenn wir sie bereuen; ich will euch nun die Lossprechung von eueren Sünden ertheilen.

Knieend empfingen alle Verurtheilten des heiligen Martyrers Segen. Selbst der Henker soll gerührt sein Haupt geneigt haben, um des Segens theilhaftig zu werden. Auf dem Wege zur Richtstätte, selbst noch am Fuße des Blutgerüstes ertheilte der ehrwürdige Priester Lehre und Trost und sprach mit einer Begeisterung von der Ewigkeit, als sähe er, wie Stephanus, den Himmel offen. –

Der Finanzier Fougeret, verhaftet, weil er eine ihm auferlegte übermäßige Steuer nicht bezahlt hatte, wurde regelmäßig zweimal am Tage von seinen drei ihn zärtlich liebenden Töchtern besucht, deren sehnlichster Wunsch war, des Kerkers Schrecken mit dem Vater zu theilen. Was sie wünschten, geschah. Seine Gemahlin und seine Töchter wurden mit ihm eingesperrt. In´s Gefängniß tretend, riefen sie: Wie froh sind wir! alle unsere Wünsche sind erfüllt; wir sind nun bei unserem guten Vater, den wir so lieb haben und dessen Unschuld uns tröstet! gewiß wird diese siegen. Ihr lieben Kinder, versetzte der Vater, indem er sie wechselweise an´s Herz drückte, nun ich euch bei mir habe, sind alle meine Leiden vergessen. Nun biete ich dem Schicksale Trotz, meine Standhaftigkeit zu schüttern.

Die Marquise Koia-Beranger war mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrer jungen Schwester eingesperrt. Sie selbst schien ihr eigenes Elend nicht zu empfinden und nur Gefühle für das traurige Loos ihrer Aeltern zu hegen. Sie wich nicht von der Mutter Seite, derselben stets durch Wort und Beispiel Trost einsprechend. Als nun Vater, Mutter und Schwester das Todesurtheil empfingen, nicht aber sie, rief sie fast verzweifelt aus: Gott, ihr sterbet also vor mir, und ich bin verdammt, euch zu überleben? Dann riß sie sich die Haare aus, umarmte bald ihre Aeltern, bald ihre Schwester und jammerte immerfort: Ach, wir sterben nicht zusammen! Endlich kam auch ihr Todesurtheil; gleich versiegten ihre Thränen und schwand ihr Schmerz. Mutter! jauchzte sie, auf das Todesurtheil zeigend, wir sterben zusammen! Dem Begnadigten auf dem Richtplatze konnte nicht seliger zu Muthe sein. Sie schmückte sich wie zu einem Feste, schnitt sich das schöne Haar ab und flößte selbst auf dem Wege zum Blutgerüste der Mutter noch Muth ein. Mutter, gefaßt, liebe Mutter! versetzte sie. Bist du nicht glücklich, da du Niemanden diesseits des Grabes zurückläßt? Deine ganze Familie folgt dir in den Tod und du empfängst den Lohn, den deine Tugenden verdienen.

Aus dem Leiden eines Menschen darf man nicht schließen, daß er von Gott verworfen sei.

Abt Moyses war ein ausgezeichneter unvergleichlich heiliger Mann. Dennoch wurde er, um einer einzigen harten Rede willen, die er gegen den Abt Macarius gesprochen, zur Strafe sogleich einem grimmigen Teufel übergeben, so daß er seinen eigenen Unrath verzehrte.  Daß ihm aber diese Zuchtruthe auf göttliche Anordnung zu Theil geworden ssei, damit in ihm nicht die geringste Mackel einer Sünden zurückbliebe, bewies seine schnelle Hellung. Denn sobald sich der Abt Makarius zum Gebete niedergeworfen hatte, wich der böse Geist schneller, als man es sagen kann, von ihm.

Wir sollten in den größten Leiden Gott danken.

Am Samstage kamen die Armen in ein Kloster, um das Almosen zu empfangen. Während sie schliefen, war Einer darunter, der nur eine einzige Decke hatte, deren einer Hälfte er sich als Unterlage, der andern als Decke bediente. Es war aber gerade sehr kalt. Als er hinaus gehen mußte, hörte ihn der Vorsteher vor Frost zittern und seufzen; er tröstete sich aber selbst und sprach: Ich danke dir, o Gott! Wie viele Reiche sind jetzt im Gefängnisse, oder liegen in Ketten, oder haben die Füße in den Block gespannt, ohne freiwillig hinausgehen zu können, während ich wie ein Kaiser bin, meine Füße ausstrecken und hingehen kann, wohin ich will. Da der Vorsteher in der Nähe stand, konnte er jedes seiner Worte hören; dann aber ging er hinein und erzählte den Brüdern Alles, welche dadurch sehr erbaut wurden.

VI

Leiden sind ein Mittel gegen den Leichtsinn.

Die selige Margaretha Maria Alacoque war in ihrem dreizehnten Jahre sehr fromm, brachte täglich vier Stunden in Betrachtung und Gebete zu, sie fastete dreimal in der Woche, trug ein Bußkleid und schlief auf harter Erde. Wer hätte es glauben sollen, daß diese seeleneifrige Margaretha lau und leichtsinnig werden sollte. Es entstand in ihr ein eigener Trieb nach Vergnügungen; die heilige Beichte wurde ihr sehr lästig und daher viel seltener, die Schmeicheleien und Liebkosungen der Ihrigen wurden ihr immer angenehmer, die Unterhaltungen gefielen ihr, einmal besuchte sie auch als Maske einen Ball.

Allein Gott erbarmte sich ihrer und brachte sie durch Leiden zur Besinnung. Ihre bejahrte Mutter überließ nämlich das ganze Hauswesen einer Magd, welche die gute Margaretha äußerst hart behandelte. Die Magd war geizig und trotzig und entzog ihr oft das Nothwendigste. Sie mußte sich bisweilen sogar Kleidungsstücke ausleihen, um in die Kirche gehen zu können. Dieß Alles ertrug sie mit Geduld; sie bewies der Mutter zärtliche Liebe, der alten, kranken, und diese belohnte ihr Gott mit der Gnade, daß sie zu ihrem vorigen Eifer zurückkehrte und Gott von Tag zu Tag mehr liebte.

Die Heiligen schöpften aus der täglichen Betrachtung des Leidens Jesu Weisheit.

Der heilige Bonaventura lernte in Paris den heiligen Thomas von Aquin kennen. Sie wurden die innigsten Freunde, und erstaunt über die tiefe Gelehrsamkeit, die in seinen Schriften, und die Salbung, die in seinen Gesprächen lag, fragte ihn Thomas, in welchem Buche er seinen Gelehrsamkeit und Beredsamkeit geschöpft habe? Da zeigte der heilige Bonaventura auf sein Crucifix und sprach: Das ist die Quelle, aus der ich mein Wissen schöpfe.

Einmal sagte ihm der heilige Aegidius: Gott hat euch Gelehrten herrliche Gaben verliehen, mit denen ihr Ihm dienen und Seinen Namen vor den Menschen verherrlichen könnet; aber was können wir einfältigen Leute zu seiner Ehre thun?

Der Heilige antwortete:  Ihr könnet Gott aus aufrichtigem Herzen lieben, und dieses ist es allein, was Ihm wahrhaft gefällt. Und ich sage noch mehr, daß nämlich ein frommes Weib Gott noch mehr lieben könne, als ein berühmter Gottesgelehrter. Ganz entzückt über diese Worte, lief der Frater auf die Gasse und rief: Kommet her ihr einfältigen und ungelehrten Menschen, kommet und liebet unsern Herrn Jesum Christum; ihr könnet Ihn lieben und mehr lieben als der Pater Bonaventura und die geschicktesten Gottesgelehrten! Dann fiel er in Verzückung, die drei Stunden dauerte. Das Kreuz, vor dem der heilige Bonaventura das Leiden Jesu betrachtete, war von seinen Thränen und Küssen ganz geschwärzt.

Leiden führen zu Gott.

Der heilige Hieronymus Aemilianus war der Sohn vornehmer Aeltern aus Venedig. Als Soldat lebte er wie seine Kameraden leichtsinnig und ausschweifend. Er wurde Festungskommandant und gerieth in Gefangenschaft, wo er in Fesseln im Kerker schmachtete. Diese einsamen Leiden öffneten ihm die Augen. Er fing an, über die Welt und ihre Nichtigkeit nachzudenken. Oft sagte er zu sich selbst im Gefängnisse: Wie viele Opfer habe ich für die eingebildete militärische Ehre gebracht! Und wie wenig habe ich bis jetzt für Dich, o mein Gott, für meine Seele und für das ewige Leben gethan! Um frühzeitig ein Paar Jahre eine Stellung zu behaupten, durchwachte ich so viele Nächte, trotzte als Soldat so vielen Gefahren! und um eine ewige Stellung zu erlangen, war mir Unglücklichen jedes Opfer zu groß, jede Zeit zu kostbar! Diese Betrachtung führte ihn zum Gebete und regte ihn zur Buße an. Er erhielt die Freiheit, diente in Venedig den Pestkranken, versammelte die armen Waisenkinder in einem Hause und versorgte sie mit Unterricht und Nahrung, bis sie in der Welt ihr Brod verdienen konnten. Er stiftete einen eigenen Orden zur Versorgung armer Waisenkinder.

Leiden bekehren und führen zu Gott.

Die Jesuiten suchten die wilden Huronen in Nordamerika zum christlichen Glauben zu bekehren, aber ihre Bemühungen waren wenig gesegnet, bis Gott diese Wilden mit Leiden heimsuchte. Es starben Viele in einer Hungersnoth und nebstdem überfielen die Irokesen das Land der Huronen. Da sammelten sich die Huronen um den Missionär und um seine Kapelle. Die Noth erzeugte zahlreiche aufrichtige Bekehrungen, stärkte die Schlaffen und Lauen und trieb die Ungläubigen zur Taufe. Alle Kapellen wurden zu klein. Im Sommer und Winter vereinigte sich die Menge in und außer der Kapelle knieend im Gebete mit dem heiligen Meßopfer.

Es war an einem Julimorgen des Jahres 1648, die streitbaren Männer waren auf Kriegs- und Jagdzügen aus und nur Greise, Weiber und Kinder waren in dem großen Dorfe Teanansteyan zurückgeblieben. Da erhob sich der Ruf: Zu den Waffen, zu den Waffen! Der Missionär Pater Anton Daniel hatte eben die Messe beendet. Daniel eilte an´s Pfahlwerk, wo sich die wenigen Vertheidiger einfanden; er feuerte ihren sinkenden Muth an, denn eine furchtbare Irokesenmacht näherte sich dem Dorfe. Wenige hastige Worte; hier hörte er Beichte, dort taufte er, dann flog er zurück in´s Dorf. Dichte Schaaren umdrängten ihn und flehten um die Taufe. Da war keine Zeit zum Einzelntaufen, er taufte durch Besprengung. Dann flog er von Hütte zur Hütte, die Alten und Kranken Beicht zu hören. Endlich kam er wieder zur Kapelle, sie war gefüllt bis zur Thüre, Alles hatte sich um das heilige Sakrament des Altares gesammelt, hier suchten sie Schutz. Flieht, meine Kinder, flieht, rief der Missionär, hier will ich sterben, hier ist mein Platz, so lange ich sehe, daß noch Eine Seele dem Himmel zu gewinnen ist; und sterbe ich, um euch zu dienen, dann wohl mir! Er drängte sie zur Flucht durch die Hinterpforte der Kapelle, schritt zur Hauptthüre, ging heraus und schloß hinter sich zu. Die Irokesen waren bereits zur Stelle; aber beim Anblick dieses Mannes, der so furchtlos ihnen entgegen trat, prallten sie zurück, als wäre plötzlich eine Gottheit über sie gekommen. Doch bald flogen die Pfeile in seinen Leib, er stand unerschrocken, bis ihn eine Flintenkugel durchbohrte; nun starb er freudig, seine Kinder hatten sich alle gerettet. Die Irokesen zündeten die Kapelle an und schleuderten seinen Leib in die Flammen, so daß er vom Feuer völlig verzehrt ward.

VII

Wer für Christus leidet, den tröstet Gott.

Ein katholischer Missionär schreibt aus China: Sie wünschen zu wissen, welche Beschwerden ich ertrage? Ich habe keine; oder vielmehr, ich erfahre die süßesten Tröstungen, indem ich die große Zahl von Bekehrungen sehe, welche die Gnade Gottes täglich unter meinen Augen wirkt. Ich lebe in einem der schönsten Häuser des Dorfes, in dem des Katechisten, eines wohlhabenden Mannes; es wird auf ein Pfund Sterling geschätzt. Lacht nicht, es gibt einige im Werthe von acht Pfennigen. Mein Zimmer hat einen Bogen Papier zur Thüre; der Regen fällt eben so schnell durch mein Dach, als er außen niederfällt, und zwei große Kessel genügen dürftig, das Wasser aufzufangen, das durch das Dach meiner Kapelle träufelt. Der Prophet Elisäus hatte im Hause der Sunamitin ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter zur Zimmereinrichtung, - in Allem vier Möbel. Dabei war kein Ueberfluß. Wenn ich für meinen Theil gut suchen würde, könnte ich auch vier Stücke finden. Laßt sehen: einen hölzernen Leuchter, einen Kasten, eine Pfeife und ein paar Schuhe, im Ganzen vier. Bett: keines; Stühle: keine; Tisch: keinen.

Das sind meine Möbel; bin ich reicher oder ärmer, als der Prophet? Dieß ist ein Räthsel, das vielleicht nicht zu lösen ist. Denn zugegeben, daß sein Zimmer bequemer eingerichtet war, als das meinige, müssen wir doch auch bedenken, daß keins der Möbel ihm gehörte; während in meinem Falle, wenn auch der Leuchter der Kapelle gehört, und der Kasten mir geliehen wurde, doch nicht geläugnet werden kann, daß wenigstens die Pfeife und die Schuhe mir eigen gehören. Die letzteren ziehe ich an, wenn ich Messe lese. Was die Pfeife betrifft, so dient sie mir nur dazu, die Haltung zu behaupten, wenn ich in einem Lande reise, wo Jedermann raucht, obgleich es mir nicht gelungen ist, einen Reiz darin zu entdecken, und ich nach zwei Versuchen sogar davon berauscht worden bin, was mir gänzlich die Lust genommen hat, einen dritten zu machen.

Wie groß müssen die Tröstungen sein, womit Gott die Leiden und Entbehrungen dieser Missionäre versüßt, da sie noch scherzen können?

Die Darstellung des Leidens Jesu gewinnt die Wilden.

Der Jesuiten-Missionär Franz Solano, vertraut mit der Mundart der barbarischen Stämme Südamerika´s, hatte in dem Feuereifer eines Apostels schon Tausende in den Schafstall Christi gesammelt, als die entferntesten östlichen Stämme, welche das Land zwischen dem Dulce und dem St. Tomè durchzogen, in ungeheueren Massen herangerückt kamen, Wuth und Mord gegen ihre bekehrten Brüder schnaubend und Alle, die Christen geworden waren, mit den grausamsten Qualen bedrohend. Die Neubekehrten flohen im höchsten Schrecken und die neue Mission schien von rascher Auflösung bedroht.

Da schritt Solano allein voran, auf den Schutz der Mutter Gottes vertrauend, um der heranrückenden Menge zu begegnen. Er war ein Diener Dessen, der gesagt hatte: Ein guter Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Die Stunde, zu sterben, war gekommen und er wollte sterben, wie es sich für einen Apostel geziemt.

Aber er sollte nur dem Wunsche nach Martyrer werden und nachdem er durch übernatürliche Macht das Vorrücken der Barbaren aufgehalten, richtete er eine so erschütternde Rede über das Leiden des Herrn Jesus an sie und ermahnte sie mit so feurigen Worten, seine heilige Religion anzunehmen, daß an diesem einzigen Tage mehr als neuntausend bekehrt wurden. Hierauf durchzog er das Land, überall den gekreuzigten Jesum Christum predigend und überall wirkte er, gleich den Aposteln, Zeichen und Wunder. Selbst die wilden Thiere brachten ihm in ihrer Art ihre Huldigung dar.

VIII

Die Betrachtung des Leidens Jesu entzündet die Liebe zu Ihm.

Die selige Armella diente in einem Hause, wo sie nichts zu thun hatte, als die Kinder zu warten. Hier wurde alle Abende aus dem Leben der Heiligen und aus dem Leiden Jesu vorgelesen. Davon wurde nun ihre Seele in unermeßlicher Liebe und Reue entzündet. Es kam ihr vor, als sähe sie überall das Blut ihres Heilandes; die Gasse schien ihr manchmal so blutig, wie der Kreuzweg zu Jerusalem; der Bissen, den sie aß, schien ihr in Blut getaucht; wenn sie trank, glaubte sie Blut zu trinken.

Und der stete Gedanke, daß die Liebe zu ihr dem Heilande so großes bitteres Leiden verursacht habe, bewirkte, daß sie in der Gluth ihrer Liebesreue manchmal sagte: O, mein Herr, gib mir lieber den Tod und die Hölle, als die Anschauung Deiner Liebe und meiner Sünden.

Darum war es ihr eine wahre Erleichterung, wenn sie etwas zu leiden hatte.

Bertha, eine Jungfrau, betrachtete emsig das bittere Leiden und Sterben Jesu Christi. Alle ihre Arbeiten, spinnen, nähen, Holz tragen, oder etwas Anderes bezog sie auf das bittere Leiden Christi. Wenn sie spann, betrachtete sie mit großem Mitleiden, wie Christus von den bösen Juden unbarmherzig an den Haaren herumgezogen wurde; wenn sie Holz trug, betrachtete sie, wie Christus das Kreuz, verlassen von allen seinen Freunden, auf seinen Schultern, als ein unschuldiges Lamm, um unseres Heiles willen, auf den Kalvarienberg trug. Vor Liebe zum Gekreuzigten fing sie an zu siechen, sie bekam die fünf Wundmale des Herrn.

Mit Leiden werden auch heilige Menschen heimgesucht.

Wen Gott lieb hat, den züchtiget Er. Der Gemahl der heiligen Elisabeth zog mit in´s heilige Land; Elisabeth sank vor Schrecken zu Boden, doch ergab sie sich in Gottes Willen. Er starb auf der Reise.

Nach seinem Tode riß der Schwager Heinrich die Herrschaft über das Land an sich und vertrieb die Elisabeth mit ihren Kindern. Unter Schimpfreden mußte sie die Wartburg verlassen und durfte außer den Kindern und zwei treuen Dienerinnen nicht das Geringste mit sich nehmen. Mitten im Winter mußte sie zu Fuß nach Eisenach wandern. Hier hatte sie Jahre lang unermeßliche Wohlthaten gespendet, aber sie wurde von allen Thüren abgewiesen, was man keiner Bettlerin thut, denn der schändliche Schwager, Landgraf Heinrich, hatte strenge verboten, sie aufzunehmen.

Da stand die Königstochter mit vier Kindern in der Winterkälte weinend auf der Straße und kein Mensch erbarmte sich ihrer. Sie versuchte es in einem elenden Wirthshause, wo doch Jedermann Zutritt hat. Der Wirth, wahrscheinlich um nicht in Ungnade zu fallen, wies ihr einen schlechten Stall zum Übernachten an, worin altes Gerümpel und Schweine waren. Hier im tiefsten Schmerz tröstete sie Gott. Indem sie bis Mitternacht voll übernatürlichen Trostes dasaß, hörte sie im Franziskanerkloster, das sie in früheren Jahren gegründet hatte, läuten. Sie begab sich in die Kirche und dankte Gott für ihre Leiden.

Bald fing aber der Jammer von Neuem an, wenn sie die armen Kinder ansah, welche über Kälte und Hunger klagten. Sie wußte keinen andern Rath, als sie mitleidigen Personen anzuvertrauen, die sich anboten, sie zu ernähren, was ihrem Mutterherzen unendlich weh that.

Sie selbst suchte sich durch Spinnen zu ernähren und selbst von diesem geringen Verdienste gab sie noch Almosen. Endlich hörte ihr Bruder, der Bischof von Bamberg, von ihrer Noth und nahm sie mit den Kindern zu sich.

IX

Die Betrachtung des Leidens Jesu der Weg zur Heiligkeit.

Das Leiden Jesu war dem seligen Missionspriester Leonard eine tiefe Herzenssache. Täglich besuchte er die Stationen des Kreuzweges und vergoß Thränen des Mitleids, führte auch überall, wo er Mission hielt, die Uebungen des Kreuzweges ein und legte ganz besonders die Betrachtung des bitteren Leidens den Beichtkindern auf. Er selbst trug ein Kreuz mit fünf scharfen Eisenspitzen auf der Brust, damit die Stacheln ihn fortwährend an die Schmerzen des Heilandes erinnerten; an allen Freitagen aber zerkaute er Wermuth und sonst bittere Kräuter zum Andenken an die bittere Galle, womit der Herr am Kreuze getränkt wurde.

Alle Leiden des Tages soll man Morgens Gott aufopfern.

Der heilige Franz Borgia, Herzog von Spanien, wanderte einst als Ordensmann in ärmlicher Kleidung zu Fuß seine Straße, als ein adeliger Herr mit seinem Gefolge vorüberritt, ihn grüßte und anhielt und ihn, seinen früheren Freund, mitleidig betrachtete. Wie geht es euch, rief er? Sehr gut, erwiederte Franz fröhlichen Angesichtes. Aber Borgia, fuhr der Andere fort, wie schleppt ihr euch zu Fuß so weite und mühsame Wege? Ihr seid ja etwas Besseres gewohnt! Wo findet ihr ein anständiges Nachtlager? eine erträgliche Erquickung?

Für alles Dieses, entgegnete Franz, ist auf´s Beste gesorgt, überall finde ich treffliche Bewirthung, die beste Speise, das bequemste Lager. Wie so? rief Jener, wer hilft euch, wer ist euch zu Diensten? Mein Kammerdiener besorgt Alles auf´s Beste. Ihr seid ja allein? Ich habe meine Dienerschaft vorausgesendet. Und damit ich euch Alles deutlicher erkläre:

So oft ich früh Morgens mein Herz zu Gott erhebe und mein Thun und Lassen für den bevorstehenden Tag bedenke, so erwecke ich den Vorsatz: alle Entbehrungen, Widerwärtigkeiten, Mühen und Leiden, die etwa Gott an diesem Tage mir senden wird, im Voraus willig anzunehmen, in der Ueberzeugung, daß ich alles Dieses und bei weitem noch mehr, für meine Sünden verdient habe. Dieser Gedanke ist der Kammerdiener, den ich voraussende und weil ich es denn überall noch besser antreffe, als es mir gebührt und ich es verdiene, so sehe ich mich überall auf´s Beste beherbergt und bewirthet.

X

Wir sollen bei unseren Leiden denken: Sie kommen aus der Hand Gottes.
(Anmerkung: Vergleiche aber das ETIKA-Gedicht Himmelsstreben:
Das größte Unglück ist die Sünde. Aus ihr entspringt doch alles Leid. …)

Durch die Straßen einer Stadt schritt in Winterszeit ein junger Ritter mit Federhut und in zierlicher Kleidung. Wie er aber so stolz einherschritt, wurde ihm plötzlich ein Klumpen Schnee auf den Rücken geworfen. Der Ritter entbrannte in Zorn, er zog seinen Degen und sah mit flammenden Blicken umher, um den Unverschämten zu entdecken, der sich so keck an ihn gewagt. Da sah er an einem Fenster eine junge Dame, die er sehr liebte, und die eben den zweiten Schneeball lachend auf ihn herabschleuderte. In diesem Augenblick war der Zürnende nicht bloß besänftigt, sondern freudig überrascht und sein Grimm war in die fröhlichste Laune umgewandelt; denn diese Neckerei war ihm der stärkste Beweis, daß er geliebt werde. Wenn uns ein Leiden zustößt, denken wir: Es kommt von Gott und wen Gott liebt, den züchtigt Er.

Wir müssen Gott für alle Leiden Dank sagen.

Der heilige Felix von Kantalicio mußte für´s Kloster Almosen sammeln. Von seinem zweiunddreißigsten bis zum zweiundsiebzigsten Jahre durchzog er Tag für Tag mit einem Gefährten, den Sack auf dem Rücken, den Rosenkranz in der Hand, die Stadt Rom und sammelte Lebensmittel für das Kloster ein. Nie murrte, nie klagte er darüber, immer war er heiter. Bei der größten Sommerhitze ging er auf dem Pflaster immer barfuß, so daß oft die scharfen Steine seine Füße zerschnitten, und um sie zu heilen, nähte er die Wunden zusammen, wodurch er seine Schmerzen nur vermehrte. Nach einem kleinen Nachtessen und einem langen Gebete begab er sich zur Ruhe auf eine Binsendecke, die auf zwei Brettern lag, und schlief etwa zwei Stunden. Dann betete er Jesum im Sakramente an bis Mitternacht. Früh diente er dem Priester beim Altare und dann trat er seine Sammlung wieder an. Während derselben sagte er nichts so häufig, als: Gott sei Dank! Für jedes Almosen und gute Wort hatte er ein: Gott sei Dank! Für jeden betrübten Zufall, für jede rauhe Abweisung, für jede Mühe, für jede Unbill und Schmach sagte er: Gott sei Dank! Auch die Kinder auf der Gasse ermunterte er, recht oft dieses liebe Wort zu sagen, oder den süßen Namen Jesus zu nennen.

Leiden sind ein Glück für uns.

Der heilige Franz Borgia ertrug im Orden große Gichtschmerzen und andere schmerzliche Krankheiten, ohne einen Laut der Klage von sich zu geben. Dabei tödtete er noch seinen Leib ab. Auf seinen Missionsreisen, wo ihm das Gehen wegen seiner kranken Füße ohnehin schwer ankam, legte er noch kleine Steinchen in seine Schuhe. Er war mit der schlechtesten Speise zufrieden und genoß auch davon nur wenig.

Als er in den Oden trat, war er dick beleibt, nach einigen Jahren hatte ihn das fortwährende Fasten so abgemagert, daß er die Haut seines Unterleibes übereinander legen konnte. Jeden, den ein Leiden drückte, beneidete er um sein Glück und rief aus: O wäre ich würdig, es zu besitzen!

Es machte ihm großen Kummer, wenn er sah, daß bei den meisten Menschen die Leiden verloren wären, weil sie dieselben mit Unwillen trügen. Ein solches Glück ist nicht für den, sagt er dann, der es nicht kennt! Ein solcher Schatz ist nicht für Einen, der ihn nicht zu würdigen weiß. Der besitzt ihn, der ihn nicht möchte, und ich, der ich so sehr darnach verlange, bin seiner nicht würdig!

Bei all seinen Mühen und Leiden hatte er immer die Augen auf Gott gerichtet, woher die Leiden kommen. Wenn er nach einer langen Tagreise in einer elenden Herberge anlangte, und außer dem Obdach nichts vorfand; wenn er oft ganze Nächte im Freien zubringen mußte, so war er dabei vergnügt. Regen, Wind, Hitze und Kälte verehrte er als Diener Gottes. Wenn ihn die Mittagssonne auf den Scheitel brannte und das Blut fast zum Kochen brachte, sprach er lächelnd zu seinem Gefährten: O wie uns die Freundin versteht!

XI

Die Verehrung des bittern Leidens Jesu ist sehr heilsam.

Hermannus Carthusianus schreibt Serm. 14: Es war einer, welcher täglich, bevor er schlafen ging, das heilige Kreuzzeichen im Namen Jesu von Nazareth, Königs der Juden, machte und dabei eine kurze Andacht zum Leiden Jesu verrichtete. Nachdem er eines jähen und unversehenen Todes gestorben, wollten ihn die bösen Geister mit sich führen. Sie wurden aber abgeschreckt, denn sein Gesicht, worauf er das Kreuz gemacht, glänzte wie ein Stern. Bald darauf erschien ein herrlicher Mann, und erweckte ihn wieder zum Leben, bis er genügend Buße gethan habe, und nach zwei Tagen verschied er neuerdings in Gott selig.

Ein frommer Einsiedler wollte gerne wissen, welches Werk Gott dem Herrn am angenehmsten sei. Hierauf erschien ihm der Herr ganz nackt, mit Blut überronnen, mit einem schweren Kreuze auf den Schultern und sagte zu ihm: es sei Ihm nichts angenehmer, als wenn Ihm die Christen Sein Kreuz tragen helfen und dieses könne geschehen, wenn sie nur Sein Leiden betrachten möchten. Ludolph de Sat. in vita Christi.

Leiden schickt Gott den Gerechten.

Ein Lehrer sah eines Tages zwei Schüler schlafen. Da sagte er zum Nachbar der Schlafenden: Du, gib deinem Nebenmanne einen tüchtigen Rippenstoß und wecke ihn auf. Den andern Schüler aber ließ er schön stille fortschlafen, er that, als bemerkte er ihn gar nicht. Warum? Der eine Knabe war fleißig, gelehrig, aufmerksam und brav; er wußte, daß es für diesen wackeren Schüler ein Schade wäre, wenn er ihn schlafen ließe; darum ließ er ihn wecken. Den Andern aber ließ er schlafen, weil er ihn als einen unaufmerksamen und muthwilligen Schüler kannte und wußte, daß er nur dann am bravsten sei, wenn er schläft. So macht es auch Gott mit Leiden.

In Leiden soll uns der Gedanke trösten, daß Andere noch schwerer leiden.

Zum weisen Solon kam einst einer seiner Freunde, von Kummer niedergedrückt, um bei ihm Trost zu suchen. Solo führte ihn auf den höchsten Punkt der Stadt Athen, zeigte auf alle die herrlichen Paläste und auf die Vorräthshäuser der Kaufleute herab, die vor ihnen lagen, und sprach: Wie viele Drangsale und Unruhen, wie viele Sorgen und Peinen sind unter diesen Dächern verborgen? Sieh dich um, und du wirst kein Haus finden, das so unglücklich wäre, daß es sich nicht an einem anderen noch unglücklicheren trösten könnte. Trösten wir uns also mit dem Gedanken: Andere leiden noch mehr, als wir!

XII

Leiden sind ein wahres Glück für die Seele.

Der heilige Vinzentius von Paul erzählte den Seinigen: Ich sah einen Menschen, der weder lesen, noch schreiben konnte. Man nannte ihn den Bruder Anton und sein Bild hängt in unserem Saale. Er war ein Mann voll des Geistes Gottes. Alle Menschen nannte er seine Brüder und Schwestern; selbst die Königin hieß er seine Schwester. Alles wollte ihn sehen. Einst fragte man ihn: Bruder, was thut ihr, wenn ihr krank werdet? Wie verhaltet ihr euch, um davon einen guten Gebrauch zu machen? Seine Antwort war: Ich nehme es an als eine Schickung Gottes. Z. B. wenn ich das Fieber bekomme, so sage ich: Wohlan, mein Fieber, du kommst von Gott, sei mir daher willkommen, ich grüße dich als meine Schwester (vergleiche das Gedicht „Krankheiten: Mahnende Geschwister“ in dem Buch von Rainer Lechner: „Empor aus der Scheinwelt“, rezensiert in den „Dolomiten“ vom 11.7.2013); alsdann lasse ich Gott mit mir machen. Sehen Sie, meine Herren, sagte Vinzentius, diesen Gebrauch hat er davon gemacht und so pflegen die Diener Jesu Christi, die Liebhaber des Kreuzes mit den Krankheiten gleichsam zu scherzen; denn Leiden sind wahre Güter für die Seele.

Leiden dienen zum Seelenheile.

Als der heilige Ignatius Barcelona verließ, um in Alkala seine Studien fortzusetzen, wollte ihn Paskal, der noch sehr jung war, begleiten und sein Schüler werden. Der Heilige gab ihm aber zu erkennen, daß Gott ihn in der Welt haben wolle, und verkündigte ihm zugleich, was ihm geschehen würde. Ihr werdet, sagte er zu ihm, ein sehr tugendhaftes Mädchen heirathen und mit ihr mehrere Kinder haben; ihr werdet auch vielen Kummer erleben und sehr arm sterben; aber tröstet euch, alles Unangenehme, was euch widerfährt, wird zu eurem Heile gereichen.

Die Prophezeigung traf ein Paskal heirathete eine äußerst tugendhafte Dame und hatte mit ihr drei Söhne und vier Töchter. Allein sein ältester Sohn kam taubstumm auf die Welt; sein zweiter wurde verrückt; der dritte war sehr leichtsinnig und starb eines plötzlichen Todes. Von seinen vier Töchtern konnte er nur Eine verheirathen. Paskal kam mit der Zeit so herunter, daß er fast um Almosen bitten mußte. Diese Unglücksfälle drückten ihn jedoch nicht nieder. Sehet da, sagte er, was mir der heilige Mann Ignatius vorhergesagt hat! Als seine Freunde ihn ein besseres Geschick hoffen ließen, erwiederte er: Die Weissagung des Heiligen muß in Erfüllung gehen; ich bitte Gott um nichts, als um Geduld. Ignatius hatte Paskal vor seinem Tode durch häufige Briefe gestärkt und vergaß ihn auch nach seinem Tode nicht, wo er ihm erschien, ihn tröstete und neue Hoffnungen für seine Seligkeit gab.

Leiden dienen zur Vervollkommnung der Tugend

Dem seligen Heinrich Suso offenbarte Gott in einer Vision die folgenden Leiden. Er erschrack und bat Gott, solche wegzunehmen. Da sagte ihm eine innere Stimme: Oeffne das Fenster und schau hinaus. Er schaute hinaus und sah im Kreuzgang des Klosters einen Hund mit einem Tuche; dieser machte wunderliche Geberden, bald warf er es in die Höhe, bald zerrte er es hin und her, riß Löcher hinein und beschmutzte es ganz mit Staub. Da sagte die Stimme: So wirst du in deiner Brüder Munde sein. Suso dachte nun: ergib dich darein, laß dich schweigend mißhandeln, wie dieses Tuch. Er ging hinab, holte das Tuch und bewahrte es auf als Kleinod und wenn er recht verläumdet ward, schaute er nur dieses Tuch an.

Ende des Kapitels

In Originalschreibweise. Beistriche manchmal anders gesetzt, um die allgemeine Verwirrung seit der missglückten Rechtschreibreform nicht noch zu steigern.

Übersicht über Neue Gleichnisse - Index 18 B ETIKA-Bibliothek