ETIKA

Ehmig: Gleichnisse

www.etika.com

18b8leif

Leidenschaft

28.9.2013
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichwort: Leidenschaft. Seiten 250-256.

Leidenschaft.

Leidenschaft macht blind und taub gegen die Gefahr der ewigen Verdammniß.

(Anmerkung ETIKA: Dinge, die heute von fast niemandem mehr gepredigt werden, nicht einmal vom Papst)

Obgleich die Todsünde ewige Strafe verschuldet und der Sünder jeden Augenblick sterben kann, wo er dann unabänderlich ewig in die Hölle stürzt; so bemerken doch die Sünder diesen sehr gefährlichen Seelenzustand nicht, so lange die sündhafte Leidenschaft ihre Gewalt ausübt. Man sieht Menschen Jahre lang in wilder Ehe, oder im Ehebruche, oder in der Unzucht leben, oder ein sündhaftes Gewerbe treiben, oder dem Trunke ergeben, oder in bitterer Feindschaft leben; ohne daß sie ihre Seelengefahr bemerken und beherzigen. Sie gleichen den Kriegern am See Trasimene. Als dort die Römer und Karthager mit einander kämpften, bemerkten sie in der Hitze des Kampfes nicht, daß unter ihren Füßen ein Erdbeben tobte, daß der Boden fort und fort wankte und bebte; in der Erbitterung hörten sie nicht das unterirdische Getöse und Donnern. So sieht der Mensch in der Leidenschaft nicht die offene Hölle, über deren Abgrund er steht. In ihre Vergnügen versunken , von der Leidenschaft verblendet, in Geschäfte verwickelt, das Herz voll Nahrungssorgen, Spekulationen und Pläne merken sie nichts von ihrer Gefahr der Verdammniß. Mache dich frei von der Leidenschaft!

Die böse Leidenschaft muß gleich im Entstehen ausgerottet werden.

Eine jede Leidenschaft ist in ihrem Entstehen leicht auszurotten. Versäumt man es, so verblendet sie nach und nach den Verstand, fesselt das Herz und es ist ihre Unterdrückung menschlicher Weise unmöglich. Dieß gilt vorzüglich von eingewurzelter Feinschaft, von Rache, von verbotener Liebe, von Unkeuschheit, Trunk, Geiz und Habsucht. Es nimmt sie Gott in die Zucht und läßt sie alle bösen Folgen ihrer Leidenschaft fühlen, aber sie bessern sich nicht, oder nur so lange, als Gott straft.

Die Leidenschaft in Bezug auf ihre wachsende Macht gleichet einem Baum. Den ersten Keim aus dem Samenkerne reißt man mit zwei Fingern aus; das Bäumchen von einem Jahr fordert schon Anstrengung; das Bäumchen von drei bis vier Jahren reißt der stärkste Mann erst nach vielem Rütteln mit ganzer Kraftanstrengung aus; den starken Baum, dessen Wurzeln weit und breit und tief in die Erde gedrungen, reißen viele Pferde nicht mehr aus. So die Leidenschaft. Spürst du in dir eine sündhafte Neigung, unterdrücke sie gleich im Anfange, später wird es beinahe unmöglich! Wie viele Eheleute, welche glücklich gelebt haben würden, wenn sie das erste aufkeimende Wohlgefallen an einer Person unterdrückt hätten, enden mit dem Verbrechen des Gattenmordes? Aus dem unbewachten Wohlgefallen wurde eine Neigung, allmählich eine Liebe, diese überging in Leidenschaft, blendete den Verstand, fesselte das Herz, erzeugte ehebrecherische Genüsse, Gattenhaß, Mißhandlung, Gattenmord; der Galgen ist das Ende.

Sündhafte Leidenschaften verderben alle Kräfte des Menschen.

Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten, zu größerer Liebe Gottes und zur Dankbarkeit, zur Mehrung der guten Werke und Verdienste; geht es ihnen gut, so lieben sie Gott innig und danken Ihm dafür, dienen Ihm desto treuer und vermeiden desto sorgfältiger die Sünde; leiden sie, so sind sie geduldig, erwecken Akte der Reue, der Geduld der Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen; werden sie von Menschen verfolgt, so üben sie Feindesliebe (Anmerkung ETIKA: nicht immer ratsam, denkt man an die Grausamkeit der alten Römer und an den wütenden Fanatismus der Moslembrüder gegen die ägyptischen und syrischen Christen; sollen sie sich denn abschlachten lassen?) und werden auf diese Weise immer reicher an Verdiensten.

Es ist bei ihnen, wie bei der edlen Biene und beim Seidenwurme; aller Saft, den sie aus den Blüthen oder Blättern saugen, verwandelt sich bei jener in den süßen, wohlriechenden, wohlschmeckenden Honig, bei diesem in Seide. Ist dagegen der Mensch von einer sündhaften Leidenschaft, von einer der sieben Hauptsünden beherrscht, so verdirbt diese Leidenschaft seine Denk- und Handlungsweise dergestalt, daß das, was er denkt, begehrt, fühlt, will, thut und redet, größtentheils Sünde wird. Des Geizigen, Unzüchtigen, Trinkers, Rachsüchtigen Gedanken und Begehrungen haben beinahe alle die Sünde zum Gegenstande. Diese gleichen dem Dintenfische und dem Schleimwurm; Alles, was sie genießen, verwandelt sich bei jenem in Dinte, bei diesem in Schleim. Wie der Wille auf Gott oder auf die Sünde gerichtet ist: so ist auch, was man denkt, begehrt, redet oder thut – gut oder böse.

II

Leidenschaften sind für den Teufel ein Mittel, Seelen zu fangen.

Der Teufel erregt gern im Menschen solche Leidenschaften, die den Verstand betäuben, und wie rasend machen; unter diese gehört die sinnliche Liebe zu Personen des andern (Anmerkung: oder eigenen) Geschlechtes, das Verlangen nach fremdem Gute, Trunkenheit und Rache; solche kann er zu allen Verbrechen verleiten. Solche Leidenschaften gleichen in ihrer Wirkung dem Stechapfel; sein Blatt ist in Ostindien und China so giftig, daß es, um den Rand eines Glases gestrichen, dem, der daraus trinkt, sobald er die Lippen ansetzt, auf eine Zeit rasend macht; mit dem Samen betäuben die Diebe die Hunde; die Früchte, von Kindern genossen, bewirken Raserei und Tod. So wirken diese Leidenschaften.

Sündhafte Leidenschaften entleeren die Seele aller Tugenden.

Sündhafte Leidenschaften: Spiel, Trunk, Liebschaft, Unzucht, Ehebruch, Genäschigkeit, Trägheit, Geiz, Habsucht, Neid, Feindschaft, gleichen in ihren Wirkungen den Haargefäßen, womit man eine Flasche ihres Inhaltes allmählich entleeren kann; hängt man Fäden in eine mit Oel gefüllte Flasche und läßt man diese Fäden in eine andere leere hinabhängen, so steigt das Oel in den Fäden empor und entleert die Flasche. Dasselbe thun sündhafte Leidenschaften; sie entleeren die Seele allmählich ihrer Tugenden; man entwöhnt das öftere Andenken an Gott, das Gebet, die Betrachtung, das öftere Messehören und Beichten; sie berauben die Seele des inneren Friedens, der Sanftmuth, Geduld, der Liebe, Bescheidenheit, Höflichkeit, der Herzensgüte, Freigebigkeit, Verschwiegenheit, der Pünktlichkeit und Thätigkeit in der Erfüllung der Pflichten. Es lasse ja Niemand eine der sieben Hauptsünden zur Leidenschaft werden.

Jede Leidenschaft legt dem Menschen Fesseln an.

In Asien entstand ein neues Königreich, mit der Hauptstadt Palmyra. Der König Odenatus wurde ermordet, aber seine kluge Gemahlin Zenobia ersetzte ihn auf dem Thron vollkommen.  Während die berühmtesten Baumeister sich beeiferten, die Residenz Palmyra zu verschönern (Anmerkung: alles vergebens, wenn man den Ort heute in der Wüste Syriens besucht), zog sie an der Spitze ihrer Untertanen in feindlichen Gebieten umher, und unterwarf sich dieselben. Ganz Mesopotamien und ein Teil von Syrien und Aegypten erkannte sie als Königin des Morgenlandes an. Da kam ein Stärkerer über sie, der damalige römische Kaiser Aurelian, schlug sie und plünderte und zerstörte Palmyra. Sie selbst wurde gefangen und in Rom im Triumphe in goldenen Ketten aufgeführt. Dann wies ihr der Sieger einen Landsitz in Italien zum Aufenthalte an, auf welchem sie ihr Leben beschloß. Was nützte ihr der Landsitz; sie war ja doch eine Gefangene. Was nützten ihr die goldenen Ketten? sie war ja doch gefesselt. So ist jeder von einer Leidenschaft Befangene ein Gefesselter und wenn ihm auch die Leidenschaft Vergnügen und Ehre verschafft, so liegt er doch in Fesseln. Der Teufel macht es, wie Richard mit dem Statthalter von Cypern, den er zur Ergebung vermochte, indem er ihm versprach, er wolle ihn nie in eiserne Fesseln legen; er hielt Wort, denn er ließ ihn in silberne schmieden und lieferte ihn so aus. Fesseln sind Fesseln. (Frage: Ist diese Zenobia identisch mit jener Schönheit, die von Agatha Christie zitiert wird: entweder in dem Sammelband „Die goldene Kugel“ oder in „Die karibische Affäre“)

5syrpalmyraleuteundsaeulen.jpg

Ruinenfeld in Palmyra - Foto: Rainer Lechner

Leidenschaften verblenden den Verstand.

Im fünfzehnten Jahrhunderte träumte ein nicht sehr begabter, aber ehrgeiziger Ordensmann, er sei Papst geworden. Er ließ diese Einbildung in seiner Seele tiefe Wurzeln fassen. Als man auf dem Concilium zu Konstanz zur Tilgung der unselbigen Spaltung dahin kam, daß die Afterpäpste ihren Ansprüchen entsagten, zweifelte der eingebildete Mann keinen Augenblick, daß nun die Reihe an ihn kommen werde. Je zuversichtlicher aber die Andeutungen waren, die er darüber fallen ließ, desto tiefer sah er sich gedemüthigt und beschämt, als ihm die Nachricht zu Ohren kam, daß bereits Martin V. zum Papste gewählt worden sei.

III

Leidenschaften scheinen oft angeboren zu sein, aber unbezwingbar ist dem Christen keine.

Ein Millionär aus Hessen gab seinen vierundzwanzigjährigen Sohn nach Paris, um die Sprache zu erlernen. Seit vier Jahren wohnte er daselbst. Wie er selbst sagte, wurde er von seinem Vater immer mit so viel Geld versehen, als er immer wollte. Derselbe pflegte in einem Laden täglich eine Cigarre zu fünfunddreißig Kreuzer zu kaufen, die er gleich anzündete und (richtig: worauf er) fortging. Doch fiel sein Benehmen dem Kaufmanne auf. Er gab Acht auf ihn und ertappte ihn auf der That, wo er in großer Verwirrung alles gestand, daß er nämlich Cigarren in seine Rocktasche praktizirte. Er erbot sich, die gestohlenen Cigarren zu bezahlen, wurde aber arretirt und man fand in seinem Zimmer eintausendzweihundertundfünfzehn Stück fünfundzwanzig Kreuzer Cigarren, die gestohlen waren. Er entschuldigte sich damit, daß er eine unbezwingliche Leidenschaft habe, zu stehlen. Wer wird ihm dieses glauben? Der Hang kann wohl mächtig gewesen sein, aber unbezwinglich war er nicht.

Die Befriedigung der bösen Leidenschaften soll man verschieben.

Leidenschaft blendet; darum ist es gut, die Befriedigung wenigstens bis auf den andern Tag zu verschieben, wo man mit mehr Ruhe und Überlegung und mit weniger Verblendung handelt. Maria Leczinska, die Königin von Frankreich, fühlte von Jugend auf einen leidenschaftlichen und unwiderstehlichen Hang zum Besitz jener glänzenden und kostbaren Gegenstände, die minder dem wahren Bedürfnisse, als dem Prunke und der Mode dienen; da sie diese Leidenschaft kannte, hatte sie sich das Gesetz auferlegt, den Einkauf solcher niedlichen Dinge, auch wenn sie mit allen Reizen schimmerten, bis zum nächsten Morgen zu verschieben, wo dann ihre große Liebe zu den Dürftigen wieder die Oberhand gewann. Bei einer solchen Veranlassung sagte sie einmal: Dieses Tafelgeräth, - es war von kostbarem, goldbemalten Porzelan – gefällt mir über die Massen; jedoch um richtig zu urtheilen, bedarf ich meiner Augen von morgen Früh. So sollte es Jeder machen, der von irgend einer bösen Leidenschaft befangen ist.

Eine herrschend gewordene Leidenschaft tödtet Vernunft und Gewissen.

Wie eine herrschende Leidenschaft den Menschen zum Teufel macht, zeigt sich an Napoleon I., der in sich die Leidenschaft, Herrscher in Frankreich zu werden, übermäßig anwachsen und mächtig werden ließ; er übte die schreiendsten Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, um diese Leidenschaft der Herrschsucht zu befriedigen. Zuerst ließ er dem Prinzen Ludwig XVIII. eine gute Pension antragen, wenn er seinen Rechten entsage. Da dieser sich weigerte, suchte ihn Napoleon durch Meuchelmord aus dem Wege zu räumen, Bonaparte schlug nun einen andern Weg ein. Er ließ den nach England geflüchteten Königlichen heimlich sagen, er wolle die (Herrschaft der) Bourbons wieder herstellen, lockte sie nach Paris und verhaftete sie; man erhob einen ungeheueren Lärm, als hätten die Bourbons in allen Ländern Mörder gegen den ersten Konsul gedungen. Unter diesem Vorwande ließ er den Prinzen Ludwig Anton von Bourbon, Herzog von Enghien, im Badischen aus dem Bette holen, vor ein Kriegsgericht stellen und erschießen. Zu Petersburg hielt der Hof dem Prinzen Exequien und am Trauergerüste standen die Worte: Ihn verschlang das korsische Raubthier, der Schrecken Europas, die Pest des ganzen Menschengeschlechtes. Nun folgte das Gericht über die Gefangenen, welche Napoleon im Gefängnisse erdrosseln ließ, weil sie drohten, Dinge gegen Napoleon zu entdecken, daß die Franzosen denselben sicher steinigen würden.

Leidenschaften lassen sich nicht abtöten, sondern nur bezähmen.

Ein Altvater, der fünfzig Jahre lebte, ohne Brod zu essen und der nur selten Wasser getrunken, sagte von sich, er habe die Unzucht, den Geiz und die eitle Ruhmsucht in sich abgetödtet. Als Abt Abraham hörte, er habe so gesprochen, kam er zu ihm und fragte ihn: Hast du wirklich dieses gesagt? Er bejahte es. Da fragte ihn Abraham: Gesetzt, du tretest in deine Zelle ein und findest eine Weibsperson auf deiner Matte liegen, kannst du dir einbilden, es sei keine Weibsperson? Er antwortete: Nein, aber ich bekämpfe meine Gedanken, um jenes Weib nicht zu berühren. Abraham sagte zu ihm: Siehe, du hast also deine Wollust nicht ertödtet, denn deine Leidenschaft lebt noch und ist nur angebunden. Ferner, wenn du auf der Straße gehest und siehst dort Steine und Scherben liegen, und unter denselben auch Gold, würdest du dieses den Steinen gleich achten? Er antwortete: Nein, aber ich würde meinen Gedanken widerstehen und es nicht aufheben. Abraham sprach: Siehe, so lebt auch diese Eigenschaft noch in dir, ist aber angebunden. Endlich, wenn du von zwei Brüdern hörtest, der Eine liebe dich und spräche Gutes von dir, der Andere aber hasse und verläumde dich und sie kämen zu dir, würdest du Beide gleich aufnehmen? Er antwortete: Nein, aber ich würde mir Gewalt anthun, daß ich dem, der mich haßte, gleiche Wohlthaten erwiese, wie dem, der mich liebete. Da sagte Abraham: Es leben folglich deine Leidenschaften noch alle, sie werden aber von dir und von heiligen Männern im Zaume gehalten.

Anmerkung ETIKA: Von einem, der seine Leidenschaft nicht im Zaume halten konnte, berichtet die tragische Geschichte „Der Teufel“ von Leo Tolstoi.

Das Christenthum verlangt die Bezähmung der Leidenschaften.

Johann de Britto arbeitete in Indien als Missionär und hatte fünfzehn Monate nach seiner Rückkehr aus Europa bereits wieder achttausend Ungläubige getauft. Als ein Fürst des Landes von großem Ansehen und Einfluß wunderbar von seiner Krankheit geheilt worden war, bat er ihn um die Taufe. Johannes antwortete: Du weißt nicht, welche Reinheit des Lebens das Bekenntniß des Christenthums fordert. (Anmerkung ETIKA: Eine ernste Aufforderung auch an Papst Bergoglio, bei der evangelischen Wahrheit zu bleiben.) Ich würde vor Gott schuldig sein, wenn ich dir die Gnade der Taufe gäbe, bevor du genügend belehrt und vorbereitet wärest, dieses Sakrament zu empfangen. Als der Fürst aufgefordert wurde, alle seine Frauen bis auf Eine zu entlassen, willfahrte er sogleich und dieses Ereigniß führte zum Marthyrthum de Britto´s. Ein wollüstiges Weib tanzte das Haupt Johannes des Täufers hinweg; ein ähnliches Schicksal traf den Johannes. Eine der abgesetzten Frauen des Fürsten war eine Nichte des Königs, den sie zur Rache aufforderte und auf dessen Befehl de Britto enthauptet wurde.

IV

Leidenschaften schmeicheln und tödten die Seele.

Aristobulus, ein Jüngling von zwanzig Jahren, der Bruder seiner Gemahlin Mariamne, war der letzte Fürst aus dem Stamme der Makkabäer. Diesem zu Ehren gab der heuchlerische König Herodes ein glänzendes Gastmahl. Nach dem Essen begab man sich in die Gärten und die jungen Leute wurden aufgefordert, zu schwimmen. Herodes hatte es heimlich schon mit einigen verabredet, daß sie im Wasser den Aristobulus zum Scherze unter das Wasser ziehen, im Ernste aber ersäufen sollten. So geschah es. So macht es jede Leidenschaft; sie schmeichelt und tödtet die Seele.

Ein Reiter wurde von seinem widerspenstigen Gaule über Stock und Stein dahin geschleppt. Jemand, der ihn vorüberfliegen sah, fragte ihn: Wohin? Der Reiter zeigte auf den Gaul und rief: Wohin es diesem beliebt! Dieses Pferd ist das treue Abbild jeder Leidenschaft, der Unzucht, der Eitelkeit, des Zorns.

Leidenschaften führen zuletzt zur Hölle.

Als der Diakon und Märtyrer Cäsarius aus Afrika nach Kapua geführt wurde, sah er daselbst einen Jüngling von schöner Gestalt, Namens Lucianus, prächtig gekleidet, in allen Wollüsten und Ergötzungen sich herumtreibend, der auch Alles erhielt, was er wünschte und dem die heidnischen Bewohner Kapuas mit der größten Ehrerbietung begegneten. Cäsarius erkundigte sich, wer dieser Jüngling wäre und warum man ihm mit solcher Ehrfurcht begegne? Man sagte ihm, dieser Jüngling habe sich dazu hergegeben, sich am neuen Jahre, zur Sühnung des Vaterlandes den Göttern zu opfern. Zu diesem Ende sind ihm sechs Monate Frist gegeben, um allen seinen Launen und Lüste Genüge zu thun und Alles zu genießen, wornach es ihn verlangt; nach Verlauf dieser Zeit wird er völlig geharnischt und gewaffnet auf einem prächtig geschmückten Pferde den Gipfel einer hohen Klippe hinanreiten und sich von da sammt dem Pferde in´s Meer hinunter stürzen. Dieser Jüngling ist das treue Bild jedes Sklaven einer sündhaften Leidenschaft, die ihn in die Hölle hinabstürzt.

Jede sündhafte Leidenschaft muß man starkmütig unterdrücken.

Im Jahre 1453, als die Strafgerichte Gottes über Konstantinopel ausbrachen und diese Stadt von Mahomet erobert wurde, fiel den Plünderern eine Jungfrau von ganz außerordentlicher Schönheit, Namens Irene, in die Augen, die sie dem Großherrn zuführten. Dieser hatte kaum seine Siege vollendet, als er schon, von der Schönheit jener Griechin gefesselt, sich in seine neuen Paläste zurückzog und alle Reichsgeschäfte seinen Großen überließ. Drei Jahre waren bereits vergangen, welche der Tyrann in Ueppigkeit und Müssiggang verlebte; schon murrten die Janitscharen laut über die Weichlichkeit ihres Gebieters, schon hatte ein Aufstand sich vorbereitet, als endlich Mustapha, der Vesir, es unternahm, ihm die Gefahr zu schildern und ihn an den schmählichen Verlust seines Ruhmes zu erinnern. Er sagte seinen Großen ein Gastmahl an, führte die schöne Irene im vollen Schmucke in den Saal und enthauptete sie selbst. Das gab ihm sein früheres Ansehen wieder. Deine sündhafte Leidenschaft ist deine Irene, diese tödte in dir.

In Originalschreibweise.

Übersicht über Neue Gleichnisse - Index 18 B ETIKA-Bibliothek