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Ehmig: Gleichnisse

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Liebe

29.3.2014
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichwort: Liebe. Seite 260-290

Liebe.

Mangel an Liebe Gottes ist nicht zu entschuldigen.

Man hat Beispiele, daß Pferde ihre Herren nicht nur kennen, sondern lieben, ihnen wie Hunde nachlaufen, wenn sie gerufen werden, kommen, nur sie allein aufsitzen lassen. Wenn nun diese Thiere ihren Wohlthäter(n) so zugethan sind, mit welcher Liebe sollten wir unseren himmlischen Vater und Jesum Christum unseren Erlöser lieben, mit welcher Treue Gott dienen und Ihm anhangen! Aber ach! von wie Wenigen wird Gott geliebt? Wenn sie  Ihm nur mit dem halben Eifer dieneten, mit dem sie der Sünde und dem Teufel zu ihrem Verderben dienen, so wäre Gott zufrieden. Mangel an Liebe Gottes ist nicht zu entschuldigen.

Mangel an Liebe zu den Kindern ist bei Aeltern nicht zu entschuldigen.

Es ist widernatürlich, wenn Aeltern ihre Kinder nicht lieben; Natur und Religion fordern diese Liebe. In Folge dieser Liebe müssen sie für das geistige und leibliche Wohl der Kinder mit Aufopferung sorgen; sie müssen es sich selbst abdarben, um die Kinder zu nähren, zu kleiden, unterrichten zu lassen und sie anständig zu versorgen. Sie müssen sich die Mühe nehmen und sorgfältig wachen, um sie zu guten Christen zu bilden.

Wie sehr beschämt die Seeotter so manche Aeltern! sie hält ihre Jungen zwischen den Vorderfüßen, wie eine Mutter ihr Kind, und liebkoset sie; nimmt man ihr die Jungen, so folgt sie dem Jäger vor Gram und läßt sich ohne Widerstreben von ihm fangen und töten. Sie will sich entweder mit ihren Jungen des Lebens freuen, oder ohne sie sterben.

Wie wenige Aeltern besitzen diese Liebe, besonders die christliche Liebe! Ihre Kinder mögen verführt werden und in Todsünden leben, das kümmert sie nicht; sie bereiten wohl selbst die Gelegenheit zur Sünde vor. Steht eine Versorgung in Aussicht, dann lassen sie alle Unzucht geschehen; ja selbst ohne Aussicht auf eine Ehe gestatten sie dieses Laster. So gehen die Aeltern mit ihren Kindern ewig zu Grunde. Mangel der Aeltern an natürlicher und christlicher Liebe zu den Kindern ist nicht zu entschuldigen.

Ohne Liebe Gottes ist das Menschenherz nur für´s Irdische eingenommen.

Das Menschenherz gleicht dem Turmalin, je nachdem es Gott liebt, oder gegen Gott kalt ist; liebt es Gott, so achtet es das Irdische gering, liebt es Ihn nicht, so hat es nur Sinn für sinnlose Dinge und Freuden. So der Turmalin. Ist er kalt, so zieht er die Asche an sich und hält sie; ist er warm, so stößt er sie ab.

Unzüchtige Liebe ist eine verderbliche Leidenschaft.

Der Auerhahn lebt das ganze Jahr einsam und sein äußerst scharfes Gesicht und Gehör macht, daß ihn die Jäger zu einer andern, als der Paarungszeit, gar nicht zu Gesicht bekommen. Im März aber, wo er sich paart, macht ihn der Geschlechtstrieb blind und taub und zu dieser Zeit wird das vorsichtige Thier erschossen.

So wirkt unzüchtige Liebe auf den Menschen; sie erzeugt den geistigen Tod; sie ist an sich eine Todsünde, vertreibt den heiligen Geist, beraubt der heiligmachenden Gnade, benimmt die Freudigkeit an Religion, Gebet, Andachtsübungen; macht taub gegen das Wort Gottes und seine Drohungen (Anmerkung ETIKA: das wirft ein düsteres Licht auf jene Geistlichen, die ständig behaupten, das Evangelium enthalte keine „Drohbotschaft“); macht leichtsinnig in Bezug auf die ewige Verdammniß. Sie geben sich zuletzt der Sünde hin, weil sie selbe entweder nicht mehr als solche erkennen oder glauben und weil sie an ihrer Bekehrung verzweifeln.

II

Wer Gott und Jesum nicht liebt, kann nicht in den Himmel kommen.

Alles, Natur und Religion, Vernunft und Gnade, wirken darauf hin, Gottes Liebe in uns zu entzünden. Wer nun dennoch Gott nicht liebt, kann nicht in den Himmel kommen, wo die Liebe herrscht. Solche gleichen den Amphibien mit kaltem Blute, den Fröschen, Kröten, Schlangen, Nattern, Molchen. Sie fühlen sich immer kalt an, selbst in der heißen Zone Afrikas; sie bleiben immer kalt, wenn sie auch stundenlang in den Strahlen der Sonne liegen. Das Anfühlen solcher Thiere verursacht dem Menschen, weil er warmes Blut hat, eine schaurige Empfindung von Kälte in der Hand; man eckelt sich, man wirft sie weg. So können auch Solche, die Gott nicht lieben, nicht unter den Heiligen des Himmels sein. Wer Jesum nicht liebet, ist verflucht.

Die Liebe Gottes ist bei vielen Menschen noch unrein.

Naphta und Bergöl fließen beide aus der Erde, brennen beide, riechen beide; jene riecht angenehm und rußet nicht, dieses riecht übel und setzt viel Ruß ab. Diesen gleichet die Liebe vieler Menschen, sowohl zu Gott, als zum Nächsten. Bei ihrer Liebe ist noch viel Eigennutz, noch viel irdischer Sinn, noch viel zeitliches Interesse, noch viel Eigenliebe und Begierde nach dem Lob und Beifall der Menschen. Sie denken bei ihren Liebeswerken allerdings an Gott, thun das Gute wegen Gott und lieben den Nächsten wegen Gott; aber sie denken auch dabei: Gott wird mich segnen; Gott könnte mich krank machen; man weiß nicht, wie man des Nächsten Hilfe wieder braucht; ich kann auch einmal Mangel leiden müssen; die Leute werden mir Beifall geben. Diese irdischen Gedanken trüben die christliche Liebe. Liebt man aber Gott nur des Nutzens wegen und dient man dem Nächsten nur um des Lobes willen, dann gleicht diese Liebe dem stinkenden Bergtheer, der nur zum Kalfatern der Schiffe gut ist, und zur Wagenschmiere verwendet wird.

Die Liebe zu Gott ist der Grade fähig und auch der gänzlichen Abnahme.

Die Liebe Gottes in der menschlichen Seele ist fähig, gänzlich zu erlöschen, aber auch zu wachsen; sie gleichet dem Quecksilber im Barometer; dieses kann unter den Gefrierpunkt sinken, oder auch einige Grad Wärme haben und sich ausdehnen, so lang die Glasröhre ist. So die Liebe; sie kann durch die Todsünde gänzlich auslöschen; sie kann sich aber auch vermehren; also vom schuldigen Gebete bis zur Verzückung; von der einfachen Ergebung bis zur Stigmatisation; vom einfachen Andenken an Gott bis zum Versenken in Gott; vom einfachen Almosen und vom Trunke frischen Wassers bis zur Hingabe seiner Selbst im Martertod, oder zum Dienste eckelhafter Kranker oder bis zur Stellvertretung für gefangene Sklaven. Wo die Liebe fehlt, desto mehr zieht sich die Seele in sich selbst zusammen, desto größer die Eigenliebe und der Eigennutz; wenn nur ich habe, denkt ein Solcher, Andere mögen auch sehen, wie sie durchkommen.

III

Die Todsünde vertreibt die christliche Liebe.

Durch Anwendung des Salpeters, Salmiaks und Salzes kann man Wasser im heißesten Sommer, selbst über dem Feuer, ja sogar Quecksilber zu Eis gefrieren machen, welches letztere zum Gefrieren eine Kälte von zweiunddreißig Graden nöthig hat. Durch diese Salze wird dem Wasser aller Wärmestoff entzogen, daher hört die Flüßigkeit des Wassers auf und wird Eis daraus. Was diese Salze mit dem Wasser, das thut jede Todsünde mit der Seele. Die Liebe ist das Leben der Seele und durch die Todsünde wird die Liebe ausgelöscht. Namentlich zerstören die Liebe direkt: der Unglaube, welcher einen fanatischen Haß gegen die Katholiken erzeugt; der Hochmuth, welcher Verachtung des Mitmenschen im Gefolge hat; der Neid, welcher die Liebe geradezu zerstört; der Geiz, welcher Unrecht thut, die Verführung zur Sünde; überhaupt jede Todsünde, wie Gotteslästerung, falscher Eid, Unbarmherzigkeit. Dahin gehören auch die Gesellschaft sittenloser und irredenkender Menschen und das Lesen gottloser Bücher.

Denen, die Gott lieben, können böse Menschen nicht schaden.

Denen, die Gott lieben, können böse Menschen nicht wahrhaft schaden; sie fördern sie durch Verfolgung, Gehäßigkeit und üble Nachrede nur im Guten; dadurch büßen die Guten ihre Sünden ab; dadurch schließen sie sich enger an Gott an und lieben Ihn mehr; dadurch sehnen sie sich nach dem Himmel und verachten die Erde; dadurch erkennen sie ihre Fehler und legen sie ab; dadurch erhalten sie Gelegenheit, ihre Feinde zu segnen und für sie zu beten; dadurch erlangen sie Gelegenheit zur Uebung der Geduld und Gottergebenheit. Also, die Guten und Gottliebenden verfolgen, heißt nichts anderes, als sie im Guten fördern. (Anmerkung ETIKA: Wir würden es begrüßen, wenn der Verfasser Gelegenheit hätte, seine im Prinzip richtige Theorie in Syrien, im Irak und in Ägypten auszuprobieren.)

In den Verfolgenden nimmt aber die Gnade Gottes ab und sie erwerben eine schwere Schuld, wenn sie nicht aus menschlicher Gebrechlichkeit, sondern aus Bosheit verfolgen. Zwischen den verfolgten Gerechten und den Verfolgern waltet ein ähnliches Verhältniß ob, wie zwischen zwei Kugeln auf einer Kegelbahn oder auf einem Billard. Lauft bereits eine Kugel und die andere in derselben Richtung hinten drein, die vordere stoßend, so gewinnt jene an Geschwindigkeit, während die stoßende an Geschwindigkeit abnimmt; sind sie beide elastisch und etwa von Elfenbein, war die eine ruhig gelegen, so wird sie mit der Geschwindigkeit der stoßenden laufen, diese aber bleibt ganz stille stehen.

Liebeswerke muß man umsonst thun.

Der Christ muß dem Nächsten in der Noth helfen und dienen, ohne sich für die Gefälligkeiten mit Geld oder durch Gegendienste bezahlen zu lassen; denn in solchem Falle wäre es kein Liebeswerk mehr. Leider gibt es viele Christen, welche abgenützten Pumpen gleichen, in die man zuvor Wasser gießen muß, bevor sie Wasser schöpfen; ein Mensch, der Geld findet, und es ohne ein Finderlohn zurückstellt, ist eine Seltenheit.

IV

Sündhafte Liebe verwüstet das Glück des Menschen.

Hadding, einer der alten Könige Dänemarks, belagerte einst Monate lang eine feste Stadt, ohne sie bezwingen zu können, bis er endlich durch eine seltsame Erfindung seinen Zweck erreichte. Er ließ nämlich alle Tauben, die aus der Stadt auf die Saatfelder hinausflogen, zusammen fangen und jeder eine lange, mit Schwefel bestrichene Schnur unter die Flügel binden. Als der Abend gekommen war, zündete man die Fäden am untersten Ende an und ließ die Tauben fliegen. Sie eilten ihrer Heimath zu und in wenigen Stunden schon stand die ganze Stadt in Flammen; denn zuerst brannten die Taubenschläge und diese setzten die durchgehends hölzernen Häuser in Brand. Einer ähnlichen List bedient sich auch der Teufel, um das Glück einer Ehe zu zerstören; er entzündet in einem Ehegatten verbotene Liebe zu einer Person, woraus sich Lüge, Ränke, Ungehorsam und Trotz, Kränkung und Schmähung, Unverschämtheit, Eifersucht, Haß und die Gräuel des Mordes, des Lebensüberdrußes und der Lebenszerrüttung entwickeln.

Verbotene Liebe verdirbt die Kinder.

In Wien bemerkte die Frau eines Anstreichers, daß ihr Sohn mit einem Mädchen eine Liebschaft unterhalte, die sie ihm wegen ihrer Sittenlosigkeit und Mangel an Häuslichkeit nicht zur Frau geben konnte. Sie stellte ihn darüber zur Rede und suchte ihn von dieser Leidenschaft zu heilen. Der Sohn aber gerieth darüber so in Zorn, daß er seiner Mutter einen heftigen Stoß auf die Brust versetzte, worauf sie zu Boden sank und in drei Stunden den Geist aufgab. Diese sündhafte Liebschaft machte ihn zum Muttermörder.

Heroische Nächstenliebe üben selbst neubekehrte Wilde.

Der katholische Missionär Antonius Ruiz reiste mit einer kleinen Schaar neubekehrter Indianer durch die Urwälder Paraguays. Plötzlich wurden sie von einem Haufen Wilder überfallen. Schon hatten sie sieben Gefährten des Antonius ermordet, da riß einer der Neubekehrten ihm hastig das Gewand, den Hut und Mantel ab, bekleidete sich selbst damit und bat den Priester, sich zu flüchten. Die Wilden verfolgten nun den Verkleideten, den sie für den Missionär hielten und der durch seine Schnelligkeit sich rettete und so entkamen Sie Beide. Welch eine Liebe, mit welcher dieser erst dem rohesten Heidenthum entrissene Wilde sich für den Missionär aufopferte.

Gott straft bei den Heiligen auch kleine Lieblosigkeiten.

Ein Ordensbruder von Clairvaux war in der Normandie, wohin ihn der heilige Bernhard in Geschäften geschickt hatte, krank geworden. Voll Bekümmerniß für jedes seiner Kinder machte er den Vorschlag, den Kranken suchen zu lassen, damit er wenigstens den Trost hätte, seine Tage in Clairvaux zu beschließen. Aber Guido, sein Bruder, der die zeitlichen Angelegenheiten des Klosters besorgte, fürchtete den Aufwand, den diese lange Reise erforderlich machen würde und theilte seine Ansicht hierüber dem heiligen Bernhard mit. Wie, rief dieser mit dem Tone schmerzlicher Verwunderung aus, du schätzest Pferde und Geld höher, als einen deiner Brüder? Nun denn, da du nicht willst, daß dein Bruder mit uns in diesem Thale ruhe, so wirst du selbst nicht in demselben ruhen! Diese Weissagung ging bald in Erfüllung. Guido, der in Angelegenheiten des Ordens in das Kloster Pontigny gereist war, starb nach einer kurzen Krankheit und wurde daselbst begraben.

V

Die Liebe zu einem Weibe verrückt alle Verhältnisse.

In Annegarns Weltgeschichte 8. Bd. S. 218 werden die bösen Folgen einer sündhaften Liebe zu einem Weibe in einem besonderen Falle anschaulich gemacht. Eine Tänzerin, welche sich Lola Montez nannte und durch ihre Geburt Spanien oder Irland, durch ihre Bildung Frankreich angehörte und durch ihr Auftreten und Betragen in mehreren Hauptstädten, z. B. Berlin, Warschau, Paris übel berüchtigt war, hatte die Neigung des alternden Fürsten von Baiern gefesselt. Sie wurde zur Gräfin Landsfeld erhoben. Das Ministerium Abel widersetzte sich dieser Erhebung und trat ab. Das neue Ministerium fügte sich den Launen der Tänzerin, die sich fortwährend in Regierungsangelegenheiten mischte. So wurden nach und nach die Professoren: Lassaulx, von Moy, Philipps, Döllinger, Sepp und Höfler, welche eine Zierde der Münchener Hochschule waren, wegen ihrer kirchlichen Richtung und ihrer Mißbilligung des herrschenden Aergernisses, theils in unfreiwilligen Ruhestand, theils auf andere ihnen nicht zusagende Stellen versetzt. Solche Maßregeln reiner Willkür mußten Unwillen gegen die Regierung erregen und versetzten die Studierenden in eine äußerst gereizte Stimmung.

Am 29. Jänner 1848 starb der Professor Joseph Görres. Die Studenten wollten ihm, dem berühmten Gelehrten, durch ein feierliches Leichenbegängniß eine Huldigung darbringen. Ein Fackelzug mit Trauermusik und Gesang am Grabe des Verewigten sollte der letzte Scheidegruß sein, den ihm die Hochachtung seiner Schüler weihte. Der Rektor der Universität und auch die Polizei hatten die Genehmigung bereits ertheilt, als am 3. Februar, dem Tage der Beerdigung, gegen diese Feierlichkeit ein Verbot erschien, dessen Urheberin man unschwer zu errathen glaubte. Die Studenten unterwarfen sich dem Verbote, und blieben selbst dann noch ruhig, als sie in den folgenden Tagen den Kirchhof von Soldaten besetzt fanden und es ihnen nicht einmal gestattet ward, dort am Grabe des geliebten Lehrer einige Lieder zu singen.

Lola Montez, gereizt und erbittert, durch den Widerstand, den sie erfuhr und durch die Verachtung, mit welcher die weit überwiegende Mehrzahl der Studenten von ihr sprach, soll sogar geäußert haben: wenn sich das nicht ändere, so würde sie schon Sorge tragen, daß die Universität geschlossen werde. Diese Äußerung reizte die Bevölkerung Münchens; unruhige Haufen durchwogten die Straßen und machten den erbitterten Gefühlen Luft. Da aber die Gräfin Landsfeld ihr Benehmen durchaus nicht änderte, so kam es zu unruhigen Auftritten.

Statt den Gegenstand des allgemeinen Hasses zu entfernen, befahl der König am 10. Februar die Schließung der Hochschule. Sie zählte damals eintausendfünfhundertundneunzig Studenten. Die Bewegung wurde bald so ernst und die Umstände gestalteten sich so drohend, daß der König sich nicht nur genöthigt fand, seinen Befehl zurück zu nehmen, sondern sich auch gezwungen sah, der Gräfin Landsfeld aufzugeben, ungesäumt die Hauptstadt und das Land zu verlasen. Geschmäht und auf´s Tiefste verachtet, verließ sie einen Schauplatz, auf welchem sie so viel Unheil angerichtet hatte.

Unzüchtige Leidenschaft führt zur Hölle.

Janus Nicius, Exempel 1, erzählt: In einer Stadt Siziliens warf ein leichtfertiges Mädchen ihre Augen auf einen Studenten, mit dem sie eine Liebschaft unterhielt, wobei ihre Unschuld verloren ging. Eines Tages ließ sich der Student zur Ader. Als er vor dem Hause der Geliebten vorbei ging, lud sie ihn ein, sie zu besuchen. Er folgte und blieb sogar über Nacht bei ihr. Da geschah es, daß er sich im Schlafe den Verband abriß und sich verblutete. Das Mädchen zündete Licht an und erschrack sehr, ihren Geliebten in ihrem Bette todt zu finden. Um allen Verdacht abzulenken, trug sie den Todten vor die Kirchenthüre. Man vermutete, seine Feinde hätten ihn ermordet. Als nun das Mädchen des andern Tages auch in die Kirche trat und ihren Geliebten auf der Todtenbahre sah, übermannte sie das Gefühl der Liebe und sie rief vor allen Leuten: Ich, ich habe ihn gemordet. Dann stach sie sich einen Dolch in die Brust und so vereinigte sie sich mit ihm in der Hölle.

VI

Die Liebe Gottes tilgt alle Mängel und Unvollkommenheiten.

Die heilige Katharina von Genua war von ihrer frühesten Jugend bis zu ihrem letzten Athemzuge, all ihr Leben hindurch, von jener Liebe erfüllt; die geistige Gluth, in der sie als in ihrem Elemente athmete und lebte, hatte sich selbst ihrem Leiblichen mitgetheilt; und ihr Leben glich jener Opferflamme, die dort auf dem Felsen von Gideon sich von oben herab entzündet und in der ihr Geist gleich jenem Boten nun schwebend aufgegangen. Als sie einst ihren Freunden, die eine Zeit lang staunende Augenzeugen ihres Glühens gewesen, sagte: Ach, wenn ihr nur wüßtet, was mein Herz empfindet! und diese nun in sie drangen, zu ihrem Troste und Unterricht sich näher zu erklären, antwortete sie: Ich finde keine Worte, um eine so brennende Liebe auszudrücken. Alles, was ich sagen kann, ist, daß, wenn nur ein Funke von den Flammen, die in meinem Herzen brennen, in die Hölle fallen könnte, sie sogleich in den Himmel sich umgewandelt fände; die Teufel würden Engel, die Strafen Tröstungen; denn mit Gottes Liebe mag nimmer eine Strafe bestehen. Die göttliche Liebe, sagt sie, versengt und verzehrt im Herzen jegliche Liebe, jegliche Neigung, jegliche Begierde, jegliche Lust, die sie jemals an Dinge dieser Erde band oder noch binden könnte. Die Seele legt deßwegen nicht nur alle Fehler, bis auf die geringsten, sondern auch alle Unvollkommenheiten und unnützen Gewohnheiten ab, ohne auf die Einwendungen ihrer eigenen sinnlichen Natur und auf die Widersetzlichkeit des Teufels, der Welt und des Fleisches zu achten.

Das Herz der heiligen Katharina von Siena war in solcher Liebesgluth entzündet, daß das gewöhnliche elementarische Feuer ihr vielmehr kühlend als wärmend schien.

Fleischliche Liebe durch Zaubermittel erregt.

Im Leben des heiligen Basilius, Erzbischofs von Cäsarea in Kappadozien, in den Zeiten des Kaisers Julianus im vierten Jahrhundert wird folgendes Vorkommniß erzählt:

Der Senator Proterius hatte eine Tochter, die er dem klösterlichen Leben bestimmte; aber einer der Knechte des Hauses wurde in heftiger Liebe zu ihr entzündet und ging zu einem Zauberer, damit dieser durch seine Kunst ihm Befriedigung seiner Leidenschaft verschaffe. Der Zauberer gab ihm einen Empfehlungsbrief an den Teufel, den er auf dem Grabmale eines Heiden in die Höhe heben sollte, worauf dann die dienstbaren Geister erscheinen und ihn zu ihrem Herrn führen würden. Er that also und wurde wirklich dahin geführt, wo Satan, umgeben von seinen Geistern, auf hohem Throne saß.

Der Neuling ward vom Geiste der Finsterniß Anfangs hart angefahren, zuletzt aber doch in Gnaden angenommen, nachdem er schriftlich der Taufe entsagt, dafür ein freiwilliges Gelöbniß dem neuen Herrn abgelegt und sich erboten, mit ihm in alle Ewigkeit das Schicksal zu theilen, das ihm bereitet ist.

Nun wurden die Dämonen der Lust abgesendet, um das Mädchen auch seinerseits in Liebe gegen den Verlornen zu entzünden, was ihnen auch gelang. Die Tochter warf sich liebekrank auf die Erde und rief den Vater an: Erbarme dich meiner, habe Mitleid mit deinem Blute, gib mir den Jüngling, den ich mir erwählt! wenn nicht, wirst du mich in Kurzem des bittern Todes sterben sehen und am jüngsten Tage meinethalben schwere Rechenschaft zu geben haben.

Der Vater wehklagte und versuchte jedes Mittel, sie anderen Sinnes zu machen; da aber keines zum Ziele führte und auch die Freunde zur Nachgiebigkeit ihm riethen, so vermählte er die Unsinnige mit dem Geliebten.

Bald aber bemerkten die Befreundeten der Frau, daß ihr Gatte weder zur Kirche, noch auch zu den Sakramenten gehe und sagten ihr an, was sie gesehen. Sie entsetzte sich darüber und befragte ihren Mann, der Anfangs die Sache läugnete, da sie ihn aber aufforderte, in diesem Falle gemeinsam mit ihr zur Kirche zu gehen und die Sakramente zu empfangen, die Wahrheit gestehen mußte.

Sie eilte nun zum heiligen Basilius, ihn um Erbarmung und Hilfe flehend. Dieser ließ den Unglücklichen vor sich kommen und nachdem derselbe unter vielen Thränen den ganzen Verlauf der Sache ihm erzählt, und seinen guten Willen, sich zu bekehren, betheuert hatte, sperrte er den Reuigen, nachdem er ihn mit dem Kreuzzeichen bezeichnet, in die Sakristei der Kirche ein und begab sich für ihn in´s Gebet drei Tage hindurch.

Unterdessen wurde der Büßer in seinem Verschluße von den bösen Geistern durch Geschrei, Vorwürfe, Schrecken und Steinigungen auf´s härteste angefochten. Der Heilige, der ihn nach Verlauf von drei Tagen durch Speisen und gutes Zureden gestärkt hatte, verschloß ihn abermal und nachdem er ihn in anderen drei Tagen wieder besuchte, erfuhr er von ihm, daß er die Peiniger nicht ferner mehr sehe und ihr Schreien und Drohen nur von ferne höre. Wieder verschloß er ihn und fuhr im Gebete fort, und so bis zum vierzigsten Tage.

Nun stellte ihn der Heilige der Geistlichkeit und dem Volke vor, beide auffordernd, die ganze Nacht ihr Gebet mit dem seinigen zu vereinigen, damit der böse Feind nicht zuletzt noch siegreich werde. Das Volk that der Aufforderung gemäß, der Dämoen aber kam, um seine Beute mit Gewalt dem Heiligen zu entreißen; dieser aber rang mit ihm, alles Volk hob die Hände flehend zum Himmel und rief ohne Unterlaß zu Gott. Endlich fiel vor aller Augen die Verschreibung aus der Höhe in die Hände des Heiligen, der sie zerriß und in den Koth trat und dann den Geretteten seinem Weibe wieder übergab.

VII

Ehebrecherische Liebe straft sich selbst.

Kaiser Augustus verstieß seine zweite Gemahlin und heirathete eine gewisse Livia, die er ihrem Manne entriß. In dieser Livia hatte Augustus einen wahren Plagegeist in sein Haus gebracht. Sie besaß aus ihrer vorigen Ehe zwei Söhne, Tiberius und Drusus, und faßte den Plan, ihr Tiberius sollte nach Augustus Kaiser werden. Sie spann allerlei Pläne an, um ihren Zweck zu erreichen, über deren Bosheit man staunen muß. Sie schaffte durch Gift alle Kinder und Enkel Augustus aus dem Wege, um ihrem Liebling Tiberius den Weg zum Throne zu bahnen. Ohne ihre Tücke wäre im römischen Reiche Alles ganz anders gekommen; statt einer Reihe von verworfenen Kaisern hätte das römische Reich vielleicht eine Folge von eben so vielen guten Herrschern erhalten und Millionen Menschen hätten unter ihnen glücklich gelebt.

Die christliche Liebe sorgt für das Seelenheil Anderer.

Theodelinde, die Gemahlin des Langobardenkönigs Autharis war dem Langobardenreiche eine wahre Landesmutter. Sie wurde Wittwe. Theodelinde, mit schönen Gaben des Geistes und Körpers geziert, hatte das Zutrauen des Volkes gewonnen und ward von den Großen als Königin anerkannt; sie räumten ihr die Befugniß ein, sich selbst einen Gemahl zu wählen. Theodelinde, mit Eifer dem katholischen Glauben ergeben, gewann durch Vorstellungen und Herzensgüte zuerst ihren Gemahl Agilulph, dann auch einen Theil der Nation für den wahren Glauben, denn die Langobarden waren der arianischen Ketzerei zugethan. Papst Gregor I. empfand darüber eine solche Freude, daß er der Königin eine Krone sandte, die sogenannte eiserne Krone, mit welcher sich forthin die lombardischen Könige krönen ließen. Eigentlich war sie von Gold, aber ohne Zinken und umschloß nur einen eisernen Reif, der aus einem Nagel vom Kreuze Christi geschmiedet ist. Nach Agiluphs Tod (diesmal so geschrieben) herrschte die fromme und weise Theodelinde für ihren noch unmündigen Sohn Adelwald zum Segen des Landes. Sie endete ihr schönes Leben im Jahre 627.

Ehebrecherische Liebe verblendet den Verstand und macht den Menschen zum Teufel.

Heinrich VIII., König von England, hatte einen älteren Bruder, mit Namen Arthur, der schon im zwölften Jahre mit Katharina, Tochter des Königs von Spanien, verlobt worden war. Als Prinz Arthur vierzehn Jahre zählte, holte man die Braut nach England und das Paar wurde vermählt. Der kränkliche Arthur starb aber noch binnen Jahresfrist. Da wünschte Heinrich, Katharina zu heirathen, die Aeltern willigten beiderseits ein, und auch der Papst dispensirte gerne, weil Katharinens bestandene Ehe zwischen zwei Kindern doch nur eine Verlobung gewesen war. Als nun Heinrich König geworden war, vollzog er seine Ehe. Er war damals achtzehn Jahre alt, Katharina sechsundzwanzig Jahre; dennoch liebte er sie von ganzem Herzen. Sie gebar ihm drei Söhne und eine Tochter; aber nur die Tochter, Namens Maria, blieb am Leben.

Zu seiner Zeit trat Luther gegen die katholische Kirche auf; Heinrich schrieb ein Buch, und widerlegte ihn. Aber dieser Heinrich, der den katholischen Glauben vertheidigte, trat hernach selbst gegen denselben auf, da er – eine andere Frau nehmen wollte. Schon siebzehn Jahre hatte seine Ehe bestanden, als er, fünfunddreißig Jahre alt, unter den Hofdamen seiner Gemahlin ein Fräulein, Anna Boleyn, von zwanzig Jahren fand, welche ihm besser gefiel, als sein dreiundvierzigjähriges tugendhaftes Weib. Diese Anna sollte sein Weib werden. Er bat den Papst, seine Ehe mit Katharina als ungiltig zu erklären. Da das der Papst nicht konnte und nicht that, wüthete er. Katharina fiel ihm vor dem Legaten des Papstes zu Füßen, und flehte mit Thränen, sie nicht zu verstoßen, nachdem sie zwanzig Jahre sein treues Weib gewesen und seine Tochter Maria doch nicht zu brandmarken. Er täuschte einen Priester, als habe der Papst es erlaubt und ließ sich heimlich mit Anna Boleyn trauen. Katharina und ihre Tochter verwies er auf´s Land. Da die Geistlichkeit und die Großen gegen seine zweite Ehe waren, fiel er von der Kirche ab und erklärte sich selbst als den Papst von England. Heinrich wüthete nun gegen die Katholiken wie ein Teufel; auch war diese Anna Boleyn nicht die letzte seiner Frauen; er heirathete deren noch vier. So blind und boshaft macht sündhafte Liebe.

VIII

Denen, die Gott lieben, lenkt die Vorsehung alle Dinge zum Besten.

Der heilige Franz von Sales hatte eine Wallfahrt zur Mutter Gottes nach Loretto gemacht und wollte heimreisen. Er gedachte, sich in Ankona einzuschiffen und nach Venedig zu fahren. Er fand daselbst ein Schiff, das im Begriffe war, unter Segel zu gehen. Dieses Schiff sollte eine Dame nach Venedig führen, welche es für sich allein und für eine zahlreiche Dienerschaft gemiethet hatte, die sie mit sich führte. Nur unter dieser Bedingung war sie mit dem Schiffspatron einig geworden. Sei es nun, daß dieser, von dem stattlichen Aussehen des jungen Herrn, oder von seinen höflichen Manieren eingenommen, oder von der Hoffnung eines größeres Gewinnes bewogen ward, kurz, er hielt der Dame nicht Wort und nahm ihn in sein Schiff auf.

Kurze Zeit darauf erschien die Dame, welche dasselbe gemiethet hatte und als sie Fremde wahrnahm, die nicht zu ihrem Gefolge gehörten, ward sie hierüber zornig und befahl dem Schiffspatron, solche augenblicklich fortzuschaffen. Der Graf ersuchte sie ausnehmend höflich, ihm zu erlauben, daß er die bequeme Gelegenheit ihrer Ueberfahrt benützen dürfe; er habe nicht mehr, als drei Bediente bei sich und nur wenig Gepäcke; er würde ihr auf keine Weise lästig sein und nur den Raum einnehmen, den sie so gefällig wäre, ihm zu gestatten; auch der unbequemste Ort wäre gut genug für ihn und er liefe Gefahr, in langer Zeit nicht abreisen zu können, wenn sie die Ehre ihm versage, sie begleiten zu dürfen. Der Patron selbst und sogar die Leute ihres Gefolges vereinten ihre Bitten mit den seinigen.

Doch die Dame blieb bei ihrem harten Sinne, jagte ihn schmählich aus dem Schiffe hinaus und es fehlte nicht viel, so hätte sie sein Gepäck in´s Meer werfen lassen. Der Graf litt diese Beschimpfung mit seiner gewöhnlichen Gelassenheit. Sein Hofmeister aber und seine Bedienten geriethen in einen Zorn, den sie nicht verheimlichen konnten. Er sagte ihnen mit einer Ruhe, die ihn nie verließ, man müsse sich dem Willen Gottes unterwerfen; Dinge, die auch noch so zufällig schienen, ereigneten sich nur durch eine besondere Fügung Seiner Fürsehung und sie sollten sich nur erinnern, was zu Rom mit der Herberge sich begeben hätte, die sie hatten verlassen müssen. Dieses Meer, fügte er bei, ist den Stürmen gar sehr ausgesetzt und Mancher fährt aus diesem Hafen aus, ohne an dem Orte anzukommen, den er beabsichtigt. Seine Ahnung traf ein.

Der Himmel war heiter, die Luft ruhig, das Meer still, der Wind günstig; Alles traf zusammen, die glücklichste Fahrt zu verheißen. Doch einen Augenblick nach ihrer Abfahrt änderte sich der Wind, er ward stürmisch und widrig; der Himmel bedeckte sich mit dichten Wolken und es erhob sich einer der furchtbarsten Stürme, die man seit langer Zeit gesehen hatte. Das Schiff ward wüthend von dem Meere hin und her geschleudert, vergeblich waren alle Anstrengungen, den Hafen wieder zu gewinnen; es sank unter vor dem Anblicke des Grafen und seines Gefolges, ohne daß ein Mensch mit dem Leben davon kam.

Dieser traurige Anblick war für den heiligen Franz ein neuer Grund, sein ganzes Vertrauen auf Gott zu setzen und den Anordnungen seiner Vorsehung sich blindlings zu überlassen. Er bewunderte, wie sie alle Dinge zu den verschiedenen Zielen führt, die sie sich vorsetzt und zwar auf Wegen, die der menschlichen Klugheit nicht wahrnehmbar, ja die ihr gänzlich unbekannt sind; wie das, was eine Wirkung des Zufalls, ein Zusammenwirken untergeordneter Ursachen aus Ungefähr, ja sogar allen Regeln der menschlichen Weisheit entgegen scheint, höchst weise geordnet ist und immer entweder die Barmherzigkeit oder die Gerechtigkeit des Allmächtigen im hellen Lichte zeigt.

IX

Was die christliche Liebe zur Hebung des Elendes
unglücklicher Menschen vermag.

Graf Gondy war General der Galeeren und folglich der Galeerensträflinge. Vinzenz von Paul fand sich von der christlichen Liebe getrieben, sich besonders der dahin verurtheilten Gefangenen anzunehmen. Gondy bemerkte dieses mit Wohlgefallen und um dem eifrigen Priester recht viele Gelegenheit zu verschaffen, seine Liebe gegen diese Elenden zu zeigen, erwirkte er ihm von Ludwig XIII. die Ernennung zum Oberen aller Geistlichen, welche bei den königlichen Galeeren angestellt waren.

In dieser Eigenschaft reiste Vinzenz 1622 nach Marseille, um sich von dem Zustande der dortigen Gefangenen zu überzeugen. Aber ach – wie blutete sein liebendes Herz, als er dahin kam!

Er sah, wie diese unglücklichen Menschen durch die Größe ihres Elendes und durch unmenschliche Behandlung für alles Höhere erstorben, sich ganz ihrer Verzweiflung hingaben. Anstatt ihre selbstverschuldeten Leiden im Geiste der Buße zu ertragen, war ihr Herz mit Haß und verbissenem Ingrimm erfüllt und ihr Mund ergoß sich in die schrecklichsten Verwünschungen nicht nur gegen die Menschen, sondern auch in die schrecklichsten Flüche und Lästerungen gegen die heilige Vorsehung.

Vinzenz vergoß Thränen bei diesem Anblicke und so sehr ihm ihr zeitliches Elend zu Herzen ging, so jammerte ihn doch noch weit mehr der Zustand ihrer Seelen. Als praktischer Menschenkenner wußte Vinzenz, daß es, um auf das Gemüth dieser Unglücklichen zu wirken, nothwendig sei, zuerst durch herzliches Wohlwollen, durch Mitleid und Theilnahme, ihnen Liebe und Vertrauen einzuflößen. Wie hätten auch seine Ermahnungen Eingang finden können, so lange ihr Herz jedem menschlichen Gefühle verschlossen blieb! Er begegnete ihnen daher immer mit unverstellter Liebe und Freundlichkeit, er ertrug mit unüberwindlicher Sanftmuth ihre Beleidigungen und Grobheiten, er legte bei ihren Vorgesetzten Fürbitte ein, daß sie menschlicher behandelt würden, er beschenkte sie, so viel er vermochte, ja man sah ihn sogar, wie er sie manchmal umarmte und ihre Fesseln küßte. Diese Beweise von Liebe und Theilnahme machten auf die armen Gefangenen um so mehr Eindruck, je ungewohnter sie seit langer Zeit waren, auch nur ein freundliches Wort zu hören.

Demnach faßten sie Zutrauen zu ihm, sie betrachteten ihn als ihren wohlwollenden Vater, Einer nach dem Andern legte ihm eine reumüthige Sündenbeichte ab und da sie auch bei dieser Gelegenheit seine unerschütterliche Geduld und Sanftmuth, sein väterliches Wohlwollen und und seine zu jedem Opfer bereitwillige Herzensgüte erfuhren, so fiel nun jede seiner Lehren und Ermahnungen in ein aufgelockertes, gut zubereitetes Erdreich und brachte hundertfältige Früchte. Vinzenz hatte die armen Galeeren zu Marseille so lieb gewonnen, daß er sich herzlich gerne entschlossen hätte, stets bei ihnen zu bleiben.

Gott rief ihn nach Paris. Auch da stieg er, von heiliger Liebe getrieben, in die grausen Kerker hinab, wo die zur Galeere bestimmten Verbrecher im tiefsten Elende schmachteten. Sein wohlwollendes Herz wurde hier beinahe noch mehr gekränkt, als in Marseille. Er fand diese Unglücklichen in feuchten, unterirdischen Gefängnissen angefesselt, elend genährt, halb nackt, mit Unflath und Ungeziefer bedeckt, Einige sogar halb verfault und Alle ohne den geringsten geistlichen Trost, vielmehr in dem schrecklichsten Seelenzustande und der Verzweiflung preisgegeben.

Tief ergriffen ging er zu Gondy, erzählte ihm, was er gesehen habe, und machte ihn als General der Galeeren, vor Gott verantwortlich, wenn er diesem Elende nicht abhelfen würde.

Der edle Graf war bei dieser Erzählung sehr bewegt in seinem Innern und ertheilte ihm die Vollmacht, das Schicksal dieser Gefangenen zu erleichtern. Nun miethete Vinzenz ein Haus, ließ es zu diesem Zwecke herstellen und brachte die Gefangenen aus ihren unterirdischen Gewölben dahin. Weil der Staat keinen Beitrag dazu machte, so nahm er seine Zuflucht zu mildtätigen Herzen. Er besuchte sie beinahe täglich, gab ihnen Unterricht in der Religion, bereitete sie zur Generalbeichte und zum Empfange der heiligen Sakramente vor, tröstete sie in ihren Anliegen, spendete ihnen reichliches Almosen und verschaffte ihnen jegliche Erleichterung, derer ihr Zustand fähig war. Als eine ansteckende Krankheit unter ihnen einriß, schloß er sich sogar zu ihnen ein, ohne die Gefahr zu achten, wovon sein eigenes Leben bedroht war. War er in Geschäften abwesend, so übergab er das Haus zwei Priestern. Wie in Marseille, so krönte Gott auch hier seine Bemühungen mit dem glücklichsten Erfolge. Die Galeoten ertrugen ihr hartes Schicksal mit Ergebung in den göttlichen Willen.

X

Die christliche Liebe ist theilnehmend und aufopfernd.

Nach dem schrecklichen Kriege in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war Lothringen ganz verarmt. Der heilige Vinzenz sendete den armen Leuten Geld, bis sie sich ein wenig erholt hatten. Dabei wurden die Klöster keineswegs vergessen, indem er ihnen nicht nur nach dem Bedürfnisse monatlich gewisse Summen anwies, sondern auch Tücher schickte, um sich neu zu kleiden, nachdem ihnen die alten Kleider beinahe am Leibe verfault waren. Er sammelte beim König und bei der Königin. Ueberhaupt hat Vinzenz achtundzwanzigtausend Ellen Tuch zur Bekleidung der Armen nach Lothringen gesendet.

Bei dem anhaltenden Elende kamen viele Menschen jedes Standes nach Paris und suchten Hilfe. Wirklich fanden Alle an ihm einen liebevollen Vater. Er gab sich alle nur erdenkliche Mühe, um sie mit Obdach, mit Nahrung und Kleidung zu versehen. Eben so väterlich sorgte er für ihr Seelenheil. Er suchte die Fremdlinge gehörig zu beschäftigen, damit sie vor dem Müssiggange bewahrt und in den Stand gesetzt würden, allmählich sich selbst ihr Brod zu verdienen.

Als er gehört, daß in den Städten Lothringens viele vaterlose und verlassene Töchter, sowohl aus dem Adel als aus dem Bürgerstande mit dem größten Elende und nebstdem in Gefahr seien, dem Muthwillen des dort in Besatzung liegenden Militärs zur Beute zu werden: ließ er diese gefährdeten Personen einladen, nach Paris zu kommen, wo sie Versorgung finden würden. Es meldeten sich aber viele, und es war nicht möglich, sie alle unterzubringen. Daher wählte er diejenigen aus, die sich in besonderer Gefahr befanden. So kam denn ein Zug von einhundertundsechzig solcher Jungfrauen nach Paris, welche einstweilen die fromme Le Gras zu sich nahm, bis sie nach und nach in guten adeligen Häusern als Kammerjungfern versorgt werden konnten.

Eben so kamen sehr viele verwaiste Knaben und fanden ihre Aufnahme bei Sankt Lazarus. Vinzenz brachte sie seiner Zeit bei guten Menschen in Dienst, oder sorgte, daß sie ein Handwerk lernten.

Die christliche Liebe thut den Bedürftigen auf eine zarte Art wohl.

Unter Denen, die nach Paris flüchteten, befanden sich auch sehr viele Adelige, sowohl Männer als Frauen, die, nachdem sie ihr mitgebrachtes Geld verzehrt hatten, nun in der traurigsten Lage waren, besonders, da sie sich schämten, ihre Noth bekannt werden zu lassen und fremde Wohlthätigkeit anzusprechen.

Da kam ein edler Mann zu Vinzenz, stellte ihm die Noth dieser Fremdlinge vor und bat ihn, auf Mittel zu denken, wie ihnen könnte geholfen werden. O mein Herr, antwortete dieser, welche Freude machen Sie mir! Ja freilich muß man diesem armen Adel zu Hilfe kommen, um in ihm unsern Erlöser zu ehren, welcher vom höchsten Adel und doch so arm gewesen ist.

Nachdem er die Sache Gott empfohlen hatte, bildete er eine Gesellschaft vornehmer Männer, deren Wohlthätigkeit ihm bekannt war. Es waren ihrer sieben bis acht, die sich zu diesem schönen Zwecke verbanden. Sie verfaßten ein genaues Verzeichniß dieser Hilfsbedürftigen und legten monatlich an einem Sonntage das erforderliche Geld zusammen. Auf diese Weise sorgten sie mit möglichster Zartheit und Schonung des Ehrgefühls dieser Adeligen acht ganze Jahre für dieselben, vom Jahre 1640 bis 1648, wo sie nach Abschluß des westphälischen Friedens wieder heimkehren konnten. Auch da wurden sie mit freigebigem Reisegeld versehen.

Vinzenz begnügte sich nicht, diesen schönen Männerverein zum Wohlthun zu ermuntern, sondern er trug auch selbst reichlich dazu bei. Als einst dreihundert Livres fehlten, verwendete er gleich das Geld dazu, welches ihm kurz vorher ein Freund geschenkt hatte, um sich ein anderes Pferd zu kaufen, weil das seinige sehr alt und schon einigemale mit ihm gefallen war. Ein anderes Mal mangelten zweihundert Livres. Vinzenz fragte den Schaffner, wie viel Geld er in der Kasse habe. Dieser antwortete, nicht mehr als einhundertundfünfzig Livres und auch diese müsse er morgen für das Haus ausgeben. Ei, sprach Vinzenz, gehen Sie und legen Sie dieses Geld zum Almosen, damit die Summe voll werde. Ein Kavalier hörte dieses unbemerkt und erbaute sich so sehr, daß er des andern Tages dem Hause St. Lazarus tausend Livres verehrte.

Die im Jahre 1640 entstandene Gesellschaft dauerte auch nach der Abreise des lothringischen Adels noch fort und hielt im Hause St. Lazarus monatlich eine Versammlung, um sich über die Wohlthätigkeitsanstalten zu beraten. Vorzüglich nahm sie sich zwanzig Jahre hindurch jener verarmten Adeligen an, die in England und Schottland ihrer Religion wegen verfolgt und daher gezwungen worden waren, ihr Vaterland zu verlasen. Paris war damals der eigentliche Sitz, nicht des Liberalismus, sondern wahrer christlicher Liberalität, die nichts Anderes ist, als der christliche Glaube, thätig durch Werke der Liebe.

XI

Die Liebe opfert sich für Andere.

Als in dem Priorate zu St. Lazarus bald nach der Uebernahme desselben die Pest einriß und selbst der Superior der regulirten Chorherren davon ergriffen wurde, eilte Vinzenz gleich zu ihm, tröstete ihn und trug ihm seine Dienste an. Nicht achtend der Gefahr, welcher er sich aussetzte, wollte er sogar selbst den Kranken warten und pflegen und die Seinigen konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten.

Ein anderes Mal, als er durch eine Vorstadt ging, sah er, wie ein Künstler von sechs wüthenden Soldaten mit gezückten Schwertern verfolgt wurde und ihnen bereits nicht mehr entrinnen konnte. Es schien unmöglich, den armen Menschen zu retten, ohne sich selbst dem Tode auszusetzen. Aber Vinzenz trat ihnen entschlossen in den Weg, hielt sie so lange zurück, bis der Verfolgte entkommen konnte; und – diese, über seinen Muth erstaunt, ließen sich durch seine Leutseligkeit besänftigen.

Ja, die Liebe bewog ihn sogar, um Bedrängte und schwer Versuchte zu beruhigen, sich selbst Gott zur Erduldung ihrer innern Leiden anzubieten. Ein wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Eifers berühmter Priester wurde aus besonderer Zulassung Gottes von den schrecklichsten Glaubenszweifeln geplagt. Bald darauf wurde er gefährlich krank, und seine Gemüthsleiden vermehrten sich dergestalt, daß er beinahe in Verzweiflung gerieth. Vinzenz hatte inniges Mitleid mit ihm, und weil alle Gründe, wodurch er ihn zu beruhigen suchte, vergeblich waren, so wendete er sich zu Gott und betete: Herr! rette diese Seele und lasse ihre Qualen über mich kommen, damit ich sie erdulde! Wirklich ward seine Bitte erhört. Der so beängstigte Priester fühlte sich sogleich von aller Unruhe und Ungewißheit befreit und starb nach einiger Zeit mit solcher Zuversicht, daß er sagte, alles, was die katholische Kirche lehret, sei ihm so gewiß, als wenn er es mit seinen Augen sähe. Hingegen erlitt Vinzenz durch mehrere Jahre die heftigsten Versuchungen, aus denen jedoch sein Glaube am Ende nur um so fester und verklärter hervorging.

Sinnliche Liebe verrückt den Verstand.

Don Juan de Sylva, ein portugiesischer Edelmann, erhielt das Ehrenamt, die Prinzessin Eleonore, Braut Kaiser Friedrichs, im Jahre 1151 nach Livorno zu begleiten, bei welcher Gelegenheit er von der seltenen Schönheit dieser Fürstin dergestalt überwältigt, geblendet und tödtlich verwundet wurde, daß er seine glänzende Laufbahn aufgab und mit seinem Grame sich in eine öde Wildniß des mittleren Italiens zurückzog, wo er als Einsiedler im dumpfen Hinbrüten seine Tage beschloß. Er hatte aber keineswegs den Geist und die Gesinnung der alten heiligen Einsiedler; denn er nannte sich den liebenden Bruder.

XII

Sinnliche Liebe durch Zauberei hervorgebracht.

In einer Stadt Palästinas war ein Jüngling in eine gottgeweihte Jungfrau verliebt. Da er durch Berühren, Scherze, Winke, Gespräche und andere Mittel, welche die Anfänge der sterbenden Jungfrauschaft zu sein pflegen, nichts ausrichtete, reiste er nach Memphis in Aegypten, bekannte den Zauberern sein Leiden und bat um ein Zaubermittel. Ein Jahr lang blieb er bei ihnen und kam ganz verderbt, seines abscheulichen Sieges gewiß, zurück. Man gab ihm ein Blech mit abentheuerlichen Zeichen und einigen Bannworten und dieß vergrub er unter der Türschwelle der Jungfrau. Alsbald ward diese unsinnig. Sie riß den Schleier vom Kopfe, zerraufte sich die Haare, knirschte mit den Zähnen und rief laut den Namen des Jünglings aus. Die Gewalt der Liebe hatte sie in Wuth gebracht. Ihre Aeltern brachten sie nun zum heiligen Hilarion in´s Kloster. Der Teufel heulte und schrie. Damit es nicht scheine, als wäre der Teufel durch einen Gegenzauber ausgetrieben worden, fragte der heilige Hilarion weder nach dem Jüngling, noch nach dem Bleche und was darauf stand; sondern befreite einfach die Jungfrau und gab ihr einen Verweis, daß sie Dinge begangen hatte, durch die der Teufel sie in Besitz nehmen konnte.

Die christliche Liebe entzieht sich selbst das Beste, um es Anderen zu geben.

Der heilige Einsiedler Ammonius hatte sich aus Steinen eine Einsiedelei errichtet, sie mit einer Mauer umgeben und mit einem Brunnen versehen. Dergleichen Einsiedeleien hatte er mehrere für seine leiblichen Brüder errichtet. Einmal kam ein Mann zu ihm, in der Absicht, bei ihm zu bleiben und sich von ihm auf dem Wege des Heiles unterweisen zu lassen und fragte den heiligen Ammonius, ob er nicht eine leere Zelle habe, um darin wohnen zu können. Ammonius antwortete: Ich will nachsehen; bis ich aber eine solche finde, bleibe einstweilen hier in dieser Einsiedelei, während ich jetzt hingehe, um zu suchen. Er überließ dem Bruder die Einsiedelei sammt Allem, womit sie versehen war; selbst aber setzte er sich fest in einer ganz kleinen Zelle, die er, weit von jenem Orte entfernt, aufgefunden hatte. So trat er diesem seine Wohnung ab, ohne daß dieser es wußte. Wenn Mehrere kamen, um unter seine Leitung zu treten, so erbaute ihnen der Mann Gottes, mit Hilfe aller Brüder, an einem einzigen Tage eine Wohnung. Nachdem nun Jeder, der bleiben wollte, seine Einsiedelei besonders hatte, lud er ihn zur Kirche, um ihn zu erquicken. Während sich der Ankömmling dort befand, brachte jeder Bruder das Nothwendige aus seiner Zelle herbei, um die neuen Zellen einzurichten, so daß durch gemeinschaftliches Zusammenwirken der Liebe nichts von dem fehlte, was entweder zum Nutzen oder zum Lebensunterhalte nothwendig war; wobei jedoch die Gabe, die jeder Einzelne gegeben hatte, unbekannt und verborgen blieb. Wenn es daher Abend geworden, und die Neueingetretenen zurückkehrten, so fanden sie ihre Zellen gänzlich zubereitet und Alles in denselben vorhanden, dessen sie zu ihrem Gebrauche bedurften; ja dieselben waren so gut eingerichtet, daß sie keinerlei Mangel an ihnen entdecken konnten. Mit welcher Einfalt übten diese Männer die christliche Liebe?

Die christliche Liebe betrübt den Nächsten nicht wegen irdischer Dinge.

Ein Bruder fragte einen Altvater: Wenn mir ein Bruder etliche wenige Goldstücke schuldig ist, soll ich sie von ihm zurückfordern? Der Altvater antwortete: Sage es ihm einmal bescheiden. Jener fuhr fort: Wenn ich ihn einmal aufgefordert habe und Jener gibt mir nichts, was muß ich dann thun? Der Altvater erwiederte: Dann sage nichts mehr zu ihm. Jener aber sagte darauf: Was soll ich aber thun, wenn ich meiner Aufwallung nicht Herr werden kann, die mich drängt, umgestümer in ihn zu dringen? Der Altvater erwiederte: Laß deine Gedanken murren, wie sie wollen, nur betrübe deinen Nächsten nicht, weil er dein Bruder ist. (Anmerkung ETIKA: entspricht nicht unserem Gerechtigkeitssinn.)

Die christliche Liebe vermeidet möglichst jede Beschämung des Nächsten.

Als Abt Johannes von Scithi mit einigen Brüdern herabkam, verfehlte ihr Führer den Weg, denn es war Nacht. Da sagten die Brüder zum Abt Johannes: Was fangen wir an, Vater! da der Führer den Weg verloren hat, damit wir nicht in der Irre sterben? Der Altvater entgegnete ihnen: Wenn wir ihn zur Rede stellen, werden wir ihn betrüben, denn er wird sich schämen; doch will ich selber vorgeben, ich sei so erschöpft und könne nicht mehr weiter gehen, sondern wolle hier liegen bleiben bis zum Anbruche des Tages. Sie thaten also und auch die Uebrigen sagten: Auch wir wollen nicht weiter ziehen, sondern bei dir bleiben. So erwarteten sie den nächsten Morgen, um jenen Bruder nicht zu beschämen.

XIII

Die christliche Liebe ist dienstfertig.

Ein Altvater in Scithi war krank und hätte gerne frisch gebackenes Brod gegessen. Da dieß einer der geübteren Brüder hörte, nahm er in seinen Pelz gedörrtes Brod hinein und ging nach Aegypten, wo er frisches Brod dafür eintauschte, das er dem Altvater brachte. Als die Mönche das frische Brod sahen, verwunderten sie sich; der Altvater aber wollte nichts davon essen, indem er sprach: Es ist das Blut meines Bruders. Die Brüder redeten ihm zu und sprachen: wegen Gott, daß das Opfer des Bruders nicht vergeblich sei. Und so gab er ihren Bitten nach und aß.

Ein Wettstreit christlicher Liebe.

Einst gingen drei Brüder in die Ernte und übernahmen es, ein Feld von sechzig Schäffeln abzuernten. Einer derselben wurde schon am ersten Tage krank und kehrte in seine Zelle zurück; die anderen zwei aber sprachen zu einander: Unser Bruder ist erkrankt; thun wir uns also Gewalt an und wir hoffen von Gott, daß wir durch das Gebet jenes Bruders sowohl unsere Aufgabe lösen, als auch seinen Theil der Arbeit zu Stande bringen.

Als sie nun das ganze Feld abgeräumt hatten und kamen, um ihren Lohn in Empfang zu nehmen, da riefen sie jenen Bruder herbei und sprachen: Komm, Bruder, und nimm auch du deinen Lohn! Der aber fragte: Was soll ich für einen Lohn erhalten, da ich nicht gearbeitet habe? Und sie antworteten: Durch dein Gebet haben wir die Erntearbeit zu Stande gebracht, welche wir akkordirt hatten; komm also und empfange deinen Lohn! Darüber entstand nun ein großer Wettstreit christlicher Liebe; denn jener sagte, er wolle nichts nehmen, weil er nichts gearbeitet habe; diese hingegen wollten nicht eher ruhen, als bis er seinen Lohn genommen habe; daher trugen sie diesen Streit einem großen Altvater zur Entscheidung vor. Die zwei arbeitenden Brüder sprachen: Wir gingen aus, um zu ernten und verpflichteten uns, einen Acker von dreißig Tagwerken abzuräumen. Selbst wenn wir alle Drei zusammen geholfen hätten, würden wir diese Arbeit nur mit großer Mühe zu Stande gebracht haben; durch das Gebet dieses Bruders wurden wir aber schneller fertig, als sonst Drei gekonnt hätten, und räumten den Acker ab. Darum sagten wir auch zu ihm, er solle seinen Lohn nehmen; er aber will nicht.

Als dieß der Altvater hörte, verwunderte er sich und sagte zu einem seiner Mönche: Gehe hin und gib das Zeichen, daß sich die Brüder alle versammeln. Als sie gekommen waren, sprach er zu ihnen: Kommet, meine Brüder, und höret ein gerechtes Urtheil. Hierauf erzählte er ihnen den ganzen Sachverhalt und verurtheilte jenen Bruder, daß er seinen Lohn annehmen müsse und mit demselben nach Gutdünken schalte. Der Bruder aber entfernte sich traurig und weinend, gleich als sei ihm das größte Unrecht geschehen.

Christliche Liebe wünscht Böses, aber zum Heile, nicht aus Rache.

Ein gewisser Bruder wurde vom Teufel der Unzucht hart beunruhigt; darum ging er zu einem Altvater und trug ihm seine Versuchung vor. Dieser, der keine Erfahrung hatte, wurde unwillig, schalt ihn einen erbärmlichen Bruder und einen Mönch, der unwürdig sei, das Ordenskleid zu tragen, da er solchen Gedanken Gehör schenke. Auf diese Rede verzweifelte der Bruder an sich selbst, verließ seine Zelle und kehrte in die Welt zurück.

Auf göttliche Zulassung begegnete ihm aber der Abt Apollo und da er ihn so verzagt und äußerst traurig sah, fragte er ihn: Mein Sohn, was ist die Ursache deiner so großen Betrübniß? Jener gab ihm vor lauter Verwirrung des Geistes gar keine Antwort; auf vieles Zureden des Altvaters bekannte er endlich: Die unkeuschen Gedanken beunruhigen mich gar sehr; ich habe dieses auch jenem Altvater gestanden, doch nach seinen Reden habe ich keine Rettung mehr zu hoffen; darum kehre ich in meiner Verzweiflung wieder in die Welt zurück. Abt Apollo aber als ein weiser Arzt bat und ermahnte ihn sehr und sprach zu ihm: Darum darfst du dich, mein Sohn, weder wundern noch verzweifeln; denn auch ich werde noch in meinem Alter und bei meiner Lebensweise von ähnlichen Gedanken beunruhigt. Verliere also nicht den Muth in diesem Falle, welcher nicht so fast durch menschliche Sorgfalt, als vielmehr durch Gottes Barmherzigkeit zu heilen ist. Erfülle mir heute nur den Wunsch und kehre in deine Zelle zurück. Der Bruder machte es so.

Abt Apollo ging von ihm hinweg zur Zelle jenes Altvaters und betete vor der Thüre stehend weinend zum Herrn: O Herr, der du Versuchungen zum Heile zulassest, laß den Kampf, welchen jener Bruder zu leiden hat, über diesen Alten kommen, damit er durch Erfahrung in seinen alten Tagen noch lerne, was er in so langer Zeit nicht gelernt hat, auf daß er gegen jene, welche von solchen Versuchungen beunruhigt werden, in Zukunft mitleidiger sei.

Nach diesem Gebete sah er einen Neger neben der Zelle stehen, welcher seine Pfeile gegen den Alten abschoß, so daß er von denselben gleichsam durchbohrt wie ein Betrunkener hin und her taumelte. Unfähig, sie länger auszuhalten, verließ er seine Zelle und ging gleich jenem Jünglinge in die Welt zurück. Abt Apollo aber, wohl wissend, was geschehen war, trat ihm in den Weg und fragte: Wohin gehst du? Was ist die Ursache der Verwirrung, die sich deiner bemächtigt hat? Jener erkannte, der heilige Mann wisse, was ihm begegnet sei und konnte vor Scham kein Wort sprechen. Apollo aber sprach zu ihm: Gehe in deine Zelle zurück und erkenne übrigens deine Schwachheit und glaube zuverläßig, der Teufel habe dich bisher noch nicht gekannt oder verachtet, da du noch nicht wie andere tugendhafte Männer gewürdigt wurdest, gegen den Teufel zu streiten. Doch, was sage ich streiten? Du konntest ja nicht einmal einen Angriff von ihm ertragen? Dieß widerfuhr dir aber deßwegen, weil du jenen Jüngling, der vom gemeinsamen Feinde angefochten wurde, und den du in seinem Streite durch Trostworte hättest stärken sollen, der Verzweiflung preisgabest; da doch Christus sagt: Man dürfe das zerknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Denn Niemand kann die Nachstellungen des Teufels ertragen, oder das Feuer der natürlichen Begierden auslöschen oder zurückhalten, wenn die Gnade Gottes die menschliche Schwachheit nicht unterstützt. Wir wollen aber den Herrn, der dieß zu deinem Heile anordnete, bitten, daß er diese Geisel von dir abwende. Nach diesen Worten betete er und augenblicklich war der Greis von seinem Kampfe befreit. Hierauf ermahnte ihn Apollo, er solle Gott um Weisheit im Reden bitten.

XIV

Geschlechtliche sinnliche Liebe führt zu Verbrechen.

Auf einem Schiffe befanden sich Reisende beiderlei Geschlechtes. Als sie in die hohe See gekommen waren, vermochte eins der Schiffe nicht von der Stelle zu kommen, obwohl der Wind günstig war und andere Schiffe theils nach Konstantinopel, theils nach Alexandria ohne Hinderniß fortsegelten. Dieses Schiff blieb etwa fünfzehn Tage ruhig liegen und konnte nicht weiter kommen. Daher befiel sie Alle große Traurigkeit und Trostlosigkeit, da sie nicht wußten, was die Sache bedeuten sollte.

Der Schiffspatron aber, den die Sorge für das Schiff und für die Reisenden oblag, fing an, Gott um Hilfe zu bitten. Da hörte er auf einmal eine Stimme, die zu ihm sprach:

Wirf die Maria über Bord und du wirst eine glückliche Fahrt haben.

Er dachte daher nach; da erscholl die Stimme neuerdings:

Ich sage dir, wirf die Maria hinaus, und ihr werdet sicher fortkommen.

Unschlüssig rief er nun beständig: O Maria! o Maria! denn er wußte nicht, wer diese Maria sei. Da fragte eine Weibsperson im Schiffe, gleichsam zur Erwiederung: Was willst du, mein Herr? Er sagte zu ihr: Sei so gut und komm zu mir herauf. Sie kam; er aber nahm sie bei Seite und sprach zu ihr: Siehst du wohl, meine Schwester Maria, daß meine Sünden Schuld daran sind, daß wir Alle zu Grunde gehen? Sie aber begann tief zu seufzen und antwortete ihm: Ach, mein Herr Schiffspatron! ich bin die Sünderin. Auf seine Frage, welche Sünden sie auf sich habe, sprach sie:

Wehe mir! es gibt gar keine Sünde, die ich nicht begangen hätte und deßwegen seid ihr Alle in so große Gefahr gerathen.

Hierauf erzählte ihm das Weib ihren Lebenswandel und fuhr fort:

Ich Unglückliche hatte einen Mann, dem ich zwei Söhne gebar, und welcher starb, als der ältere Knabe neun, der jüngere fünf Jahre alt war. Neben mir wohnte aber ein Soldat, den ich gerne geheirathet hätte; weßwegen ich mich ihm antragen ließ. Er aber weigerte sich dessen unter dem Vorwande, er wolle kein Weib ehelichen, welches bereits von einem andern Manne Kinder hätte. Da ich nun sah, daß meine Söhne das Hinderniß der Verbindung seien, tödtete ich, von Leidenschaft verblendet, beide Knaben und ließ dem Soldaten sagen, ich sei nunmehr kinderlos. Dieser aber, sobald er gehört hatte, was ich mit meinen Söhnen gethan, rief aus: So wahr Gott im Himmel lebt, so gewiß nehme ich dich nicht zum Weibe! Aus Furcht, mein Verbrechen möge ruchbar werden, und ich die Todesstrafe leiden müssen, ergriff ich die Flucht.

Nachdem der Schiffsherr dies vernommen hatte, wollte er sie nicht sogleich in´s Meer stürzen, sondern verschob die Sache und sagte zu ihr: Siehe, ich will einmal in das Boot steigen und wenn das Schiff alsdann weiter fahren kann, so wisse, daß meine Sünden dasselbe aufgehalten haben. Er rief daher den Bootsmann und befahl ihm, das Boot in Bereitschaft zu setzen. Allein ungeachtet er sich in dasselbe setzte, blieb das Schiff doch unbeweglich stehen. Daher stieg er wieder in das Schiff zurück und sagte zu dem Weibe: Nun mache du denselben Versuch und steige in das Boot hinab. Kaum war jedoch das Weib in das Boot getreten, so drehte sich dasselbe fünfmal im Kreise herum und das Weib versank in der Tiefe; das Schiff aber flog nun pfeilschnell auf den Wellen dahin, so daß es in dritthalb Tagen das Ziel seiner Reise erreichte, zu der es außerdem fünfzehn Tage gebraucht haben würde.

XV

Die christliche Liebe macht erfinderisch

Die heilige Katharina von Siena hatte schon als junges Mädchen so einen Drang, die Armen zu unterstützen und ihnen Almosen zu reichen, daß ihre Angehörigen, in der Besorgniß, sie möchte hierin zu weit gehen, sie sorgfältig überwachten, besonders zur Zeit einer in Siena herrschenden Theuerung. Als Katharina sich beobachtet sah und nicht wußte, welchen Weg sie einschlagen sollte, um der Neigung ihres Herzens zu folgen, so kam sie, nachdem sie erst zu Jesus und Maria gebetet hatte, auf den Gedanken, Brod zu backen aus dem Mehle, das ihre Aeltern für gänzlich verdorben hielten und wovon sie keinen Gebrauch mehr machen wollten. Kaum hatte sie Hand an´s Werk gelegt, als die heilige Jungfrau, umgeben von Engeln, ihr erschien und mit ihren eigenen Händen ihr kneten half. Sobald Maria den verdorbenen Teig berührt hatte, wurde er sogleich wieder brauchbar, und nicht nur war das Brod, das sie buk, von außerordentlichem Wohlgeschmack, sondern es vermehrte sich auch dergestalt, daß Katharina mehrere Wochen lang davon austheilen konnte, ohne ihren Vorrath zu erschöpfen. Dieses Wunder bezeugte der gelehrte und fromme Raimund von Kapua, der Beichtvater der Heiligen.

Die Probe ächter Nächstenliebe ist die Feindesliebe.

Die Probe ächter Nächstenliebe ist herzliche Feindesliebe. In dem Hause, wo die heilige Armella diente, war ein Knecht, der von Jugend auf vielen Sünden und Lastern ergeben war. Armella suchte ihn durch ihre Ermahnungen auf einen besseren Weg zu bringen; dafür übte der Bösewicht alle möglichen Feindseligkeiten gegen sie aus, und verschrie sie als Diebin, als Hexe, als verteufeltes Weibsbild. Armella ließ sich dadurch nicht abhalten, ihn bei Andern zu entschuldigen, für ihn zu beten und bei jeder Gelegenheit ihm dienstfertig zu sein. Dieß brachte ihm aber keineswegs andere Gesinnungen bei. Zuletzt wurde er wegen schlechter Streiche aus dem Hause gejagt und gesellte sich zu den Straßenräubern. Nach einigen Jahren wurde er gefangen und sollte hingerichtet werden. Da flehte Armella mit vielem Gebete, Thränen und Seufzern zu Gott, Er möge ihm doch die Gnade der Bekehrung verleihen und wo möglich auch von der Schande des Galgens befreien. Sie brachte es auch durch ihre Bemühungen dahin, daß ein Geistlicher sich um sein Seelenheil annahm. Fortwährend erkundigte sie sich um ihn, bis sie erfuhr, daß er im Gefängnisse mit den heiligen Sakramenten versehen gestorben sei. Da brachte sie es nun wieder durch Freunde dahin, daß in der Domkirche für den Verstorbenen gebetet und heilige Messen gelesen wurden. Aehnlich benahm sie sich auch gegen zwei Mägde, von denen sie verfolgt wurde. Die Eine wurde durch die Fürbitte der Armella wieder in´s Haus genommen, nachdem sie wegen ihrer Aufführung fortgejagt worden war; die Andere wurde in einer schweren Krankheit von Armella mit außerordentlicher Liebe und Sorgfalt gepflegt, so daß Jene oft ganze Nächte bei der Kranken sitzen blieb.

Die eheliche Liebe soll zärtlich, aber dabei vernünftig und christlich sein.

Unter dem Kaiser Diokletian wurden zwei christliche Soldaten um des Glaubens willen gemartert; Beide hatten Frauen und Beide ein kleines Kind. Der Eine heiß Nicander, der Andere Marcian. Als sie nun im Gefängnisse saßen, kam die Frau des Nicander, Daria, und bestärkte ihren Mann und sprach: Streue keinen Weihrauch (Anmerkung: für die Götzen), verläugne Christus nicht, damit du bei Gott lebest. Der Statthalter sprach: Du möchtest einen andern Mann heirathen, deßwegen willst du diesen los werden. Wenn du den Verdacht hast, sprach Daria, daß ich dieses wolle, so tödte mich vor meinem Manne für Christus. Nachdem sie zwanzig Tage im Kerker gelegen hatten, wurden sie auf den Richtplatz hinausgeführt. Dem heiligen Nicander folgte nun seine Frau und ein Freund, welcher das Kind des Nicander auf dem Arme trug.

Dem heiligen Marcian folgte ebenfalls seine Frau; diese jammerte, machte ihm Vorwürfe und sprach: War dieß gemeint, Marcian, als du mir im Gefängnisse sagtest, fürchte Nichts, weine nicht meinetwegen? Erbarme dich meiner; schau dein liebes Kind an; kehr um und verachte uns nicht, was willst du? warum hassest du uns? wie ein Lamm gehst du zur Schlachtbank! und mit diesen Worten faßte sie ihn am Kleid und zog ihn zurück.

Marcian blickte sie an und sprach: Hat dich Satan ganz in seiner Gewalt? Geh fort von mir, oder stimme mir bei, für Gott das Marterthum zu vollbringen. Da nun sein Weib fortwährend wehklagte und jammerte und ihn zurückhalten wollte und ihm das Kind vor die Füße hingelegt hatte, sprach Marcian: Gehe im Herrn, denn du kannst deinen Mann nicht martern sehen, du kämest von Sinnen. Hierauf hob er das Kind auf, küßte es, blickte zum Himmel und sprach: Herr, allmächtiger Gott, sorge für dieses Kind!

Das Weib des heiligen Nicander konnte sich kaum durch die Volksmenge durchdrängen, um noch mit ihrem Manne zu sprechen. Als sie ihm nahe gekommen war, grüßte Nicander dieselbe und sprach: Gott sei mit dir, meine Schwester! Sie aber sagte:

Sei stark, Geliebtester! und erweise dich mannhaft! Ich habe zehn Jahre ohne dich gelebt, als du in den Feldzügen warest und habe Tag und Nacht mich gesehnt, dich noch einmal zu sehen und dann zu sterben; nun habe ich dich gesehen und freue mich, da ich sehe, daß du in´s ewige Leben gehst. Ich werde mich hochgeehrt und glücklich preisen, daß ich die Gattin eines Martyrers bin. Sei nun guten Muthes, mein Herr, gib Gott dein Blut und Leben, damit du auch für mich erlangest, dem ewigen Tode entrissen zu werden.

Auch Nicander ließ sich noch sein Kind reichen, küßte und segnete dasselbe und gab es dann seiner Mutter zurück. Der Scharfrichter verband nun Beiden die Augen, nahm das Schwert und enthauptete sie.

Beide Weiber waren Christinnen; beide liebten ihre Männer zärtlich; und doch, wie verschieden war ihre Liebe! Daria liebte ihren Mann zärtlich, aber auch vernünftig und christlich; die Andere aber unvernünftig und unchristlich; denn sie suchte ja ihren Mann aus unbesonnener Liebe zum Abfall zu verleiten.

XVI

Die christliche Liebe ist erfinderisch im Gutesthun.

Im zehnten Jahrhunderte herrschte auf den Alpen zwischen Italien und der Schweiz noch Götzendienst; auch wohnte auf diesem Gebirge ein Zauberer, ein Riese, der an Fremden und Reisenden Gewaltthätigkeiten verübte, Viele ermordete und sie dem Götzen opferte.

Ein Priester, der heilige Bernard von Menthon, hatte den Muth, das Götzenbild zu zerstören und den Zauberer gefangen zu nehmen. An der Stelle der Götzenbilder errichtete der Heilige zwei Hospize, welche den Wanderern über die Berge zur Zufluchtsstätte dienen sollten. Er verwendete hierzu das Einkommen seiner Pfründen, die er ohnehin nur zur Unterstützung der Armen bestimmt hatte, und bezog darauf selbst eins der Hospize, um den Wanderern Tag und Nacht zu dienen. Er sorgte für Nachtlager, Speis und Trank, versteht sich unentgeldlich, empfing mit aller Liebe die Reisenden, ging ihnen an gefährlichen Orten entgegen, belehrte die Unwissenden und stärkte die Schwachen. Er durchwanderte die Gebirge, predigte den Bewohnern das Evangelium und bekehrte die Heiden. Bald folgten seinem schönen Beispiele einige gottesfürchtige Jünglinge, die unter seiner Leitung zu leben wünschten. Er gab ihnen die Regel des heiligen Augustin und lebte mit ihnen, von Schnee und Eis umgeben, in tiefster Einsamkeit, fern von allen menschlichen Wesen, ein himmlisches Leben. Die Wanderer, welche von ihm liebevoll gepflegt wurden, redeten von ihm in den Thälern, in Dörfern und Städten und von allen Seiten zogen Schaaren von Menschen zum Hospiz, um den Heiligen zu sehen und zu hören und Niemand ging ohne Trost und Bewunderung von dannen. Die ketzerischen Schweizer haben diese Hospize aufgehoben.

Die christliche Liebe ist groß in der katholischen Kirche.

Der heilige Raimund stiftete einen Orden zur Erlösung gefangener Christen aus den Händen der ungläubigen Türken. Einst ging er nach Algier und erlöste viele Christen; als aber sein Geld erschöpft war, gab er sich selbst als Geisel für jene Gefangenen hin, deren Lage am härtesten war, deren Glauben am meisten in Gefahr stand. Diese freiwillige Aufopferung erbitterte die Ungläubigen noch mehr. Sie mißhandelten ihn so unmenschlich, daß er unter ihren Händen gestorben wäre, wenn sie nicht die Furcht, das bestimmte Lösegeld für ihn zu verlieren, bewogen hätte, sein Leben zu schonen. Man belästigte ihn nun nicht mehr und gestattete ihm, hinzugehen, wohin er wollte. Diese Erlaubniß benützte er, um die Christen zu besuchen und zu trösten; auch öffnete er mehreren Muhamedanern die Augen, daß sie sich taufen ließen. Als dieß die Obrigkeit erfuhr, verurtheilte sie ihn, lebendig gespießt zu werden. Dieß Urtheil wurde jedoch abgeändert und er wurde grausam mit Stockschlägen mißhandelt. Wieder zu Kräften gekommen, setzte er sein Bekehrungswerk fort. Zur Strafe peitschte man ihn an allen Straßenecken, durchbohrte seine Lefzen mit glühendem Eisen und versperrte den Mund mit einem Hängeschlosse, welches man wegnahm, wenn er essen wollte. Endlich machten ihn die Brüder frei.

Eine heldenmäßige Nächstenliebe.

Peter Claver, ein Jesuitenpriester, wurde als Missionär nach Karthagena in Amerika geschickt. Zu Karthagena, einer der beträchtlichsten Städte Südamerikas, sollte Peter Claver durch seine außerordentliche unbeschreibliche Nächstenliebe ein Schauspiel der Engel und Menschen werden. Diese Stadt, am Meere gelegen, wegen der unausstehlichen Sonnenhitze und des häufigen Regens sehr ungesund, wurde nur von Menschen besucht und bewohnt, welche der Durst nach Gold und Silber in die neue Welt gelockt hatte.

Hier wurden auch alle Negersklaven zusammen gebracht, hier wurde mit ihnen Handel getrieben, von hier wurden sie nach allen Ländern Amerikas abgesendet. Zum Heile dieser armen Neger, die man grausam ihrem Vaterlande entrissen, gekauft und geraubt und wie das Vieh auf Schiffe geladen und zur ewigen härtesten Sklaverei bestimmt hatte; ‒ zum Heile dieser armen Menschen war Peter Claver von der göttlichen Vorsehung bestimmt, wie es ihm auch sein heiliger Freund Alphons Rodriguez vorausgesagt hatte. Keine Feder ist im Stande, zu schildern, was der Diener Gottes diesen elenden Menschen an Leib und Seele Gutes erwiesen hat. Ueber neunundreißig Jahre brachte er unter ihnen zu, sich selbst als Sklaven dieser Sklaven betrachtend.

Sie waren ganz rohe unwissende Heiden, höchst unreinlich und mißtrauisch gegen jeden Weißen, weil sie glaubten, man habe sie nur nach Amerika geschleppt, um mit ihrer Haut die Schiffe zu belegen. Viele aus ihnen waren ganz wild und kaum bezähmbar, aller aber höchst ungelehrig und widerspenstig. Ihre Herren bekümmerten sich nicht um das Heil ihrer Seelen; ohne irgend einen Unterricht zwangen sie dieselben, die Taufe zu empfangen, weßwegen sie vor wie nachher ihren heidnischen Gebräuchen nachhingen.

Unter der Peitsche ihrer Aufseher mußten sie die härtesten Arbeiten verrichten. Wurden sie krank, so bekümmerte man sich weniger um sie als um das liebe Vieh. –

Peter Claver aber, bedenkend, daß der göttliche Heiland Sein Blut auch für die Seelen dieser armen Sklaven vergossen, daß auch sie Kinder Gottes und Erben des Himmelreiches werden sollten, umfaßte sie alle mit der zärtlichesten Liebe einer Mutter. Hatte er durch liebevolle Erweise seines Mitleids ihr Zutrauen gewonnen, dann taufte er zuerst ihre kleinen Kinder, alsdann unterrichtete er die Erwachsenen, taufte auch sie und wachte nun wie ein sorgsamer Vater über ihr sittliches und religiöses Betragen, damit sie ja nicht in ihren alten Aberglauben zurückfielen und ihre Seelen verlieren möchten.

Denen, die bereits getauft waren, hing er ein Zeichen von Blei, in denen die heiligen Namen Jesus und Maria eingeprägt waren, um den Hals, mit der Mahnung, es ihr Leben lang zum Andenken an die erhaltene Gnade und zum Schutze gegen die Gefahren zu tragen, denen sie ausgesetzt wären.

Mit einem Stocke in der Hand, an dem ein Kreuz befestigt war, mit einem Kreuze am Halse, und mit einem Sacke voll allerlei Eßwaaren auf dem Rücken, die er gebettelt hatte, besuchte er täglich die langem, feuchten, finstern, nackten Gefängnisse oder Zwinger der Neger. Verpestete Luft, unerträglicher Gestank drangen ihm entgegen, er aber achtete nicht darauf.

Zuerst pflegte er die Kranken, reinigte sie von ihrem Unrathe, erquickte sie mit Speise und Trank und tröstete sie auf die liebevollste Weise. Die Gesunden versammelte er in einem großen Hofe, wo er einen Altar errichtet hatte, und gab ihnen durch Dollmetscher, die ihre Sprache verstanden, den nöthigen Unterricht, wobei er nie unterließ, Alle mit der zärtlichsten Andacht zu der Mutter Gottes zu erfüllen. Er stellte sie Alle unter ihren besonderen Schutz und suchte ihnen eine große Liebe zum Rosenkranzgebete beizubringen. Er vertheilte unter sie eigenhändig Rosenkränze, deren Zahl gar nicht zu berechnen ist. Ohne jene zu zählen, die er im Beichtstuhle, in Spitälern und in Gefängnissen verschenkte, gab er alle Jahre acht- bis neuntausend an die neuangekommenen Neger ab und dabei war er ungemein besorgt, daß sie ihn alle genau und fleißig bei sich trugen. Er selbst betete mit ihnen den Rosenkranz in größter Andacht. –

Da die Neger fast ganz nackt gingen, so sorgte er für ihre Bekleidung, und sah besonders darauf, daß sie bei dem Unterrichte immer mit Anstand erschienen. Um die Schamhaftigkeit und die Liebe zur Keuschheit ihnen einzuflößen und sie in dieser Tugend zu bewahren, erweckte er in ihren Herzen eine besondere Andacht zur unbefleckten, ohne Makel der Sünde empfangenen Jungfrau.

Er hatte einige reiche und tugendhafte Personen dahin gebracht, daß sie an den Marienfesten eine Mahlzeit für die Armen besorgten, wobei man weder Reinlichkeit noch Ueberfluß vermißte. Von den Speisen ließ er einen Theil, begleitet von einem kleinen Musikchor, in das Spital St. Lazarus bringen, den andern theilte er selbst vor der Pforte aus, wo er zur Bequemlichkeit der Armen einen Tisch bereiten ließ, an den er sich selbst setzte, aber immer an den letzten Platz. Um aber auch seine Gäste zu erheitern, ließ er immer einige Musikanten kommen, denn die Neger lieben die Musik gar sehr, und war dann vergnügter im Kreise dieser Armen, als wenn er an der Tafel der größten Könige gespeist hätte. Nach dem Essen hielt er an sie eine kleine Anrede, um ihnen Ehrfurcht und Vertrauen zu Maria einzuflößen, betete dann mit ihnen den Rosenkranz und entließ sie endlich ganz entzückt über die Tugenden und Güte eines so liebevollen Vaters.

Um sich bei den wunderbaren Liebeswerken, die er täglich, bei Tag und Nacht an seinen geliebten Negern übte, zu ermuthigen und Kräfte zu sammeln, gebrauchte er drei Mittel: das heilige Meßopfer, die Anbetung des heiligsten Altarssakramentes und die Andacht zur Mutter Gottes. Christum im Herzen, das Bild Mariä an der Brust, das Kreuz in der Hand betrat er die schauderhaften Wohnungen, oder vielmehr Höhlen und Winkel, in welchen die an der Ruhr oder an den pestartigen Kinderpocken kranken Neger lagen, und in welche kaum Luft eindringen konnte. Die Brüder, welche ihn begleiteten, fielen darüber in Ohnmacht, er aber machte sich nichts daraus; er drang hinein, tröstete, belehrte sie und leistete ihnen alle geistliche Hilfe. Er machte ihre Betten, reinigte ihre Wunden, umarmte sie, ja leckte sogar mit seiner Zunge den Eiter von ihren Geschwüren.

Nicht genug, die Neger in der Stadt zu trösten, zu unterrichten, für Gott zu gewinnen, hielt er auch Missionen auf dem Lande. Nicht Regen, nicht Stürme, nicht die unerträgliche Hitze, nicht die giftigen Stiche der Muskitos hielten ihn von seinen apostolischen Arbeiten ab. Er mußte steile Berge übersteigen, über mit Dorngesträuch bewachsene Felsen klettern, Bäche voll Schlamm und breite Meeräste bis an die Kniee durchwaten, durch undurchdringliche Gebüsche sich Bahn brechen, um zu den Hütten der Neger zu gelangen, so daß das Blut ihm oft von Händen und Füßen rann; aber ein Blick auf das Kreuz, auf seine liebe Mutter Maria und muthig zog er weiter. Kam er endlich bei der Ortschaft an, wo die Neger wohnten, dann ging er von Hütte zu Hütte und merkte sich die schlechteste und armseligste, um da an der Seite eines Kranken selbst zu wohnen.

Ganz erschöpft und abgemattet kam er von diesen Missionen nach Hause zurück, so daß man ihn kaum mehr kannte; allein ohne sich zu erholen, ohne einen Tag auszuruhen, setzte er seine gewöhnlichen Arbeiten in der Stadt fort.

Fast sechsunddreißig Jahre hatte er auf diese Weise für das Heil seiner Mitmenschen gearbeitet, als in Karthagena die Pest ausbrach, die ihn selbst ergriff und dem Tode nahe brachte. Meine Sünden, rief er, haben die Pest gebracht, womit die Stadt gezüchtiget wird. Zum Erstaunen Aller überstand er die Pest, aber niemals erholte er sich wieder von dieser Krankheit. Ein heftiges Zittern benahm ihm den freien Gebrauch seiner Hände. Doch ließ er von seinen Strengheiten nicht nach. Seine Mitbrüder, die Jesuiten, waren durch die Pest größtentheils hinweggerafft worden und Pater Claver, der arme Kranke, der so vielen Kranken Barmherzigkeit erwiesen, fand sich nun größtentheils verlassen. Ueberdieß ließ ihn der Neger, der ihn bedienen sollte, nicht nur hilflos liegen, sondern mißhandelte ihn mit der größten Grausamkeit. Pater Claver klagte nicht, sondern duldete freudig. Meine Sünden, sagte er, haben mehr verdient! Endlich starb er am Feste Mariä Geburt an gänzlicher Entkräftung im Jahre 1654.

XVII

Die christliche Liebe wird Allen Alles.

Auf der Reise nach Indien machte sich´s der heilige Franz Xaver zur ersten Angelegenheit, den Unordnungen zu steuern, welche gewöhnlich aus dem Müssiggange der Reisenden entstehen. Das Spiel, ihre Hauptunterhaltung, veranlaßte manchen Zank. Um Glücksspiele zu verbannen, welche so häufig zu Zänkereien und Flüchen Anlaß geben, schlug er kleine unschuldige Spiele vor, die geeignet waren, den Geist zu zerstreuen und zu erheitern, ohne die Leidenschaften zu erregen. Konnte er sie nicht verhindern, so blieb er doch dabei, um sie durch sanfte Vorstellungen, wenn sie sich vergaßen, in Schranken zu halten und zu sich zu bringen. Er schien an ihrem Gewinne oder Verluste lebhaften Antheil zu nehmen und erbot sich selbst eine kurze Zeit für sie zu spielen. Auf manche Weise suchte er den tausend Schiffsgenossen gefällig zu werden. Mit Jedem unterhielt er sich von dem, was ihm am nächsten lag. Mit den Matrosen sprach er vom Seewesen, mit den Soldaten vom Kriege, mit den Kaufleuten vom Handel, mit den Vornehmen von Staatsangelegenheiten. Seine Menschenfreundlichkeit und Liebenswürdigkeit gewann ihm alle Herzen; auch die rohesten und verdorbensten Menschen fanden Vergnügen an seiner Unterhaltung und hörten ihm sogar mit Wohlgefallen zu, wenn er von Gott und himmlischen Dingen sprach.

Christliche Liebe macht klug zum Heile der Sünder.

Um einen Klostergeistlichen zu bekehren, der seinen Stand und seine Würde durch eine anstößige Aufführung entehrte, gebrauchte der heilige Ignatius eine fromme List. Er ging am Morgen eines Sonntags zu ihm, beichtete ihm und legte, unter dem Vorwande, sein Gemüth zu beruhigen, eine Generalbeichte ab. Während er sich nun aller seiner früheren Ausschweifungen mit einem lebhaften Schmerze anklagte, warf sich der Beichtvater innerlich sein unregelmäßiges und um so schuldvolleres Leben vor, als die Sünden eines Ordensgeistlichen um so abscheulicher sind, als die eines Weltmannes. Er warf sich auch seine Hartherzigkeit vor, da er sah, daß Ignatius in Thränen zerfloß; er ward erweicht und noch ehe die Beichte zu Ende war, fühlte er sich selbst von einer wahrhaften Reue ergriffen. Er theilte dem heiligen Ignatius seine Stimmung mit, und bat ihn um Hilfe, um dem Abgrunde zu entrinnen, in welchen ihn sein Leichtsinn geworfen hatte. Ignatius ließ ihn die geistlichen Uebungen machen und brachte ihn nach und nach auf den Weg der Vollkommenheit.

Uneigennützige Liebe ist edel und schön.

Als einst zu Wien eine Feuersbrunst ausbrach, eilte Kaiser Joseph schnell herbei und wagte sich zu nahe an ein brennendes Gebäude. Ein Handwerksmann sah die Gefahr des Kaisers und bat ihn, sich von diesem Orte zu entfernen. Als Joseph aber doch noch zögerte, ergriff ihn der Handwerksmann, hob ihn in die Höhe und trug ihn an einen sicheren Ort. Gleich darauf stürzte das Gebäude zusammen und die glühenden Balken fielen gerade auf den Platz, wo der Kaiser gestanden war. Joseph reichte dem Handwerksmann sogleich seinen mit Gold gefüllten Beutel. Der brave Mann schlug ihn jedoch aus, mit den Worten: Was ich gethan habe, geschah aus Liebe und diese lasse ich mir nicht bezahlen. Darf ich aber um eine Gnade bitten, so soll es für meinen fleißigen, ehrlichen Nachbar geschehen, der so arm ist, daß er nicht Meister werden und sich das nöthige Handwerkszeug nicht anschaffen kann. Mit Freunden erfüllte der Kaiser diese Bitte; seinem Retter zu Ehren aber ließ er eine goldene Denkmünze prägen.

Die vollkommene und unvollkommene Liebe Gottes können beisammen sein.

Eine sehr arme Wittwe hatte ein Kind geboren, sah aber nicht, wie sie es in ihrer so großen Noth künftig ernähren und erziehen könnte, und faßte deßhalb den Entschluß, es vor die Hausthüre ihres Nachbars, eines reichen, gutherzigen Herrn, zu legen, in der Hoffnung, daß derselbe sich des armen Geschöpfes erbarmen und es an Kindesstatt annehmen werde. Wirklich wurde auch der Herr, als er das holde Knäblein sah, von Mitleid gerührt, nahm es in sein Haus und entschloß sich, ihm Vaterstelle zu vertreten. Indessen erwachten im Herzen der Mutter das Gewissen und zugleich die zärtlichste Liebe zu ihrem Kinde. Sie machte sich die bittersten Vorwürfe und war ganz untröstlich darüber, daß sie sich so unbarmherzig von ihrem Kinde getrennt habe, ohne zu wissen, was geschehen und wer es nun ernähren und erziehen werde. Dennoch hatte sie nicht den Muth, dem Herrn ihre That zu bekennen und es wieder zurückzufordern. Sie wandte sich demnach an eine andere Person und durch diese gelang es ihr, zu bewirken, daß der Herr sie, die Mutter, rufen ließ und ihr einen guten Lohn versprach, wenn sie das arme gefundene Kind nähren und verpflegen wollte. Ihr könnet euch leicht denken, mit welcher Freude sich die Mutter des Kindes annahm und es besorgte. Sie that es nun doppelt gern, erstens aus wohlwollender Liebe zu ihrem Kinde, das sie auch ohne Lohn mit Freuden ernährt und erzogen hätte; dann aber auch wegen des Lohnes, der ihr doch auch bei ihrer großen Dürftigkeit sehr lieb war. Sie trug demnach eine zweifache Liebe zu ihrem Kinde, eine ganz uneigennützige und zugleich eine eigennützige, ohne daß die eine der andern schadete. In ähnlicher Weise kann auch unsere Liebe zu Gott beschaaffen sein. Wir können Ihn lieben, weil Er an sich liebenswürdig ist, ohne Rücksicht auf Lohn, und das ist die vollkommene Liebe. Da wir aber sehen, daß Gott aus überschwänglicher Güte unsere Liebe auch ewig belohnen will, so lieben wir Ihn auch und dienen Ihm um so eifriger, damit wir den so herrlichen Lohn, der Gott selbst ist, nicht verlieren. Das ist die unvollkommene Liebe.

XVIII

Der Eifer der christlichen Liebe soll nicht übereilt sein.

Juniperus, auf deutsch Wachholder, ein Schüler des heiligen Franziskus von Assisi, war ein heiliger Mann, voll Liebe zu Gott und zum Nächsten, aber auch die christliche Demuth und Einfalt in Person. Einmal besuchte er einen Kranken, welchen er fragte, auf was er Appetit hätte. Ach, sagte er, wenn ich etwas vom Schweinernen hätte, wenn´s auch nur ein Fuß wäre. In seinem Liebeseifer, nicht bedenkend, daß andere Menschen nicht seine flammende Liebe hätten, lief er in den Wald, wo eine Heerde Schweine weidete, schnitt einem Schweine das Bein ab, kochte es, richtete es zu und brachte es dem Kranken. O wie freute er sich, daß es ihm so gut schmeckte!

Der (Hirte?) meldete diesen Vorfall seinem Herrn; dieser kam wüthend in´s Kloster gelaufen und schimpfte die Brüder Heuchler, Räuber, Betrüger, Spitzbuben und schlechte Kerle und sagte: Warum habt ihr meinem Schweine das Bein abgeschnitten? Ueber diesen Lärm kam der heilige Franz mit allen Brüdern herbei und suchten ihn zu besänftigen, aber vergebens; schimpfend ging er weg. Da vermuthete der heilige Franz, daß dieß der Juniperus in seinem Liebeseifer gethan haben dürfte, er fragte ihn und Juniperus gestand frohlockend seine That, als wäre sie das größte Liebeswerk. Der heilige Franz aber befahl dem Juniperus, dem Manne nachzulaufen, ihn um Verzeihung zu bitten und zu besänftigen, damit er nicht etwa dem Orden Schlechtes nachrede. Juniperus holte den Mann ein, und erzählte mit Inbrunst und Freude, warum er das gethan, gerade so, als ob er dem Manne einen großen Dienste erwiesen hätte, für den er ihm noch danken sollte. Der Mann aber sagte ihm Grobheiten und nannte ihn einen Räuber und den allerschlechtesten Kerl. Ungeachtet aller Grobheiten, auf die er gar nicht achtete, wiederholte er die Geschichte, denkend, der Mann habe ihn nicht recht verstanden; er wiederholte also die Geschichte, fiel ihm um den Hals, umarmte und küßte ihn und sagte ihm, daß dieß bloß aus Liebe Gottes geschehen sei und bat ihn, desgleichen mit den übrigen Schweinen zu thun, mit solcher Liebe, Einfalt und Demuth, daß dieser Mann in sich ging, sich mit Thränen zur Erde warf, sein Unrecht bereute, das er den Brüdern angethan, und daß er jenes dreibeinige Schwein schlachtete, kochte und es den Brüdern in´s Kloster brachte. Der heilige Franz sagte dann zu seinen Brüdern: Wollte Gott, ich hätte von solchen Wachholderbäumen einen ganzen Wald!

Die christliche Liebe macht erfinderisch.

Bruder Juniperus hatte so viel Mitleiden und Liebe zu den Armen, daß er Alles, was er hatte, verschenkte und wenn er Nichts hatte, gab er dem Armen seine Kapuze, ja seinen Habit, den damals alle gemeine Leute in Italien trugen. Zuletzt verschenkte er Paramente, Bücher und Vorhänge, und was ihm unter die Hände kam, an die Armen, so daß der Guardian ihn beim heiligen Gehorsam verbieten mußte, Nichts von seinen Kleidern wegzuschenken. Wenige Tage nach diesem Verbote traf sich´s, daß Juniperus einem beinahe ganz nackten Armen begegnete, der ihn um Gotteswillen um ein Almosen bat. Voll Mitleid sprach Juniperus zu ihm: Ich habe Nichts, das ich dir geben könnte, als diese Kutte; aber der Guardian hat mir beim Gehorsam verboten, sie wegzugeben; aber wenn du sie mir abnimmst, werde ich es nicht hindern. Das ließ sich der Arme nicht zweimal sagen,  er zog ihm die Kutte aus und ließ den Juniperus halb nackt stehen. Als Juniperus in´s Kloster kam und gefragt wurde, wo die Kutte wäre, antwortete er: Ein guter Mensch hat sie mir abgenommen und ist damit fortgegangen.

Geschlechtliche Liebe ein Rausch.

Der achtzehnjährige Tochter des Gutsbesitzers Arnold v. B. in Kärnthen war seit einigen Monaten mit einem reichen Gutsnachbar verlobt. Die Vermögensumstände des Brautvaters waren durch verunglückte Spekulationen zerrüttet und die Tochter wollte sich dem Vater zu Liebe opfern. Für den 25. August 1866 war die Hochzeit des Paares festgesetzt. Am 24. Abends fand man aber das Mädchen entseelt in ihrem Zimmer und aus einigen Zeilen von ihrer Hand ging hervor, daß sie seit zwei Jahren einen Bürgerssohn geliebt und sich aus Verzweiflung vergiftet habe. Als ihr Vater, ein Mann von fünfundsechzig Jahren, diese Schreckensnachricht erhielt, fiel er vom Schlage gerührt todt zu Boden, die alte blinde Mutter ist seit jenem Tag lebensgefährlich erkrankt und der unglückliche Bräutigam verfiel in Wahnsinn.

Die christliche Liebe gedeiht nur in der katholischen Kirche.

Die christliche Liebe ist eine Gabe des heiligen Geistes; wo dieser nicht ist, dort kann auch die Liebe nicht sein; der heilige Geist ist aber nur in der katholischen Kirche. (Anmerkung ETIKA: Es kommt darauf an, was man unter der katholischen bzw. allgemeinen Kirche versteht, um zum Beispiel die heutige Situation herzunehmen. Und wirkt der heilige Geist nur innerhalb der Amtskirche, nicht auch in der ganzen Welt und zu allen Zeiten?) Ein kaiserlicher Soldat aus Schlesien, der bei Königgrätz 1866 gefangen wurde, schrieb an seine Aeltern: Liebe Aeltern! Ihr werdet vielleicht denken, ich bin schon todt, aber der liebe Gott hat mich bis heute noch am Leben erhalten; wir wurden gefangen und befinden uns jetzt in Preußen. Sie werden neugierig sein, wie denn die Gefangenen in Preußen behandelt werden. Sie werden, wenigstens wo ich bin, erstens grob, wie Verbrecher und nicht wie Kriegsgefangene behandelt; zweitens werden sie mit der Kost so verpflegt, daß sie sich nicht einmal satt essen können; gar oft ist das, was sie bekommen, nicht einmal zu genießen; bei uns in Schlesien zu Hause werden die Schweine besser gefüttert, als wir unschuldige Kriegsgefangene behandelt werden. Ich wollte, ich wäre lieber auf dem Schlachtfelde, als lebend in die Hände der Preußen gefallen; wenigstens müßte ich nicht, wenn die Gefangenschaft noch lange dauert, zuletzt gar vor Hunger sterben; denn das Wenige, was wir bekommen, ist oft so ungenießbar, daß oft der Zehnte keinen Bissen zu essen wagt; dazu müssen wir noch den Preußen harte Arbeiten verrichten. Stralsund heißt die Stadt, wo wir sind. Ich bitte, diesen Brief zu veröffentlichen, damit doch die Welt weiß, wie gut wir behandelt werden!

XIX

Ungezügelte geschlechtliche Liebe führt zum Selbstmord.

Am 30. September 1866 hat sich der nächst Baden stationirte königlich sächsische Infanterist Georg F. in einem nahe gelegenen Wäldchen mit seinem eigenen Stutzen erschossen und blieb sogleich todt. F., welcher bereits seit zwei Jahren bei einem Grundbesitzer einquartiert war, benahm sich stets so liebenswürdig gegen die Familie, daß man ihn halb wie den eigenen Sohn liebte. Die Tochter des Hauses, eine sehr anmuthige Brünette, schien ihm auch nicht abhold zu sein und äußerte sich wiederholt, sie würde sich Niemanden Andern, als diesen Sachsen zum Manne wünschen.

Bald wurde das Verhältniß der beiden jungen Leute intimer, und auch die Aeltern erklärten sich zu einer Heirath einverstanden, wenn F. aus dem Militärverbande treten würde. Bei einer Tanzunterhaltung war nun F. und seine Braut auch erschienen. Letztere, sich zu sehr dem Tanzvergnügen hingebend, zog sich eine Verkühlung zu, an deren Folgen sie bereits acht Tage später am Typhus starb. F. war von dieser Stunde an nicht mehr derselbe; Stunden, ja manchmal Nächte hindurch weinte er auf dem Grabe seiner ihm entrissenen Braut. Am 29. Abends kam er spät nach Hause, küßte die Aeltern des Mädchens und gab an, daß er soeben Marschordre erhalten habe und er noch Abends abmarschiren müsse. Er entfernte sich hierauf aus dem Hause. Am 30. wurde derselbe mit durchschossener Brust aufgefunden. So sind die jungen Leute! sich sehen, sich lieben ist Eins, ohne zu berücksichtigen, ob Verhältnisse und Religion eine Ehe erlauben. (Anmerkung ETIKA: Leider ein wenig geeignetes Beispiel, um das Anliegen des Verfassers auszudrücken.)

Die Folgen blinder Liebe zeigten sich wieder recht klar und deutlich in einem Drama, das im November 1866 in Wien in der Vorstadt Landstraße zu einem bedauernswerthen Abschlusse kam. Anna, die neunzehnjährige Tochter eines alten, ausgedienten Soldaten, ein hübsches und bishin völlig braves unbescholtenes Mädchen, das durch ihrer Hände Arbeit den Vater ernährte, knüpfte mit einem im Hause wohnenden Ingenieur ein zärtliches Verhältniß an. Dasselbe wurde so geheim gehalten, daß der Vater erst spät, als seine Tochter sich wieder in die Wohnung des Ingenieurs begeben wollte, davon Kenntniß erhielt. Er eilte derselben sogleich nach, forderte Einlaß und als er dem erschrockenen Paare gegenüberstand, fand er in dem Liebhaber seiner Tochter einen durch galante Abenteuer bekannten jungen Mann. In seiner Bestürzung nahm er seine Tochter, ohne ein Wort zu sprechen, mit sich, fand aber am andern Morgen das Bett derselben leer, und erst  nach einiger Zeit wurde das unglückliche Mädchen in der Wohnung des Liebhabers entdeckt, wo es sich, durch einen Abschiedsbrief desselben zur Verzweiflung gebracht, die Pulsadern durchschnitten hatte. Die augenblicklich herbeigeholten Aerzte hoffen das Mädchen zu retten. O Wahnsinn von einer Liebe!

Welches traurige Ende oft jene Liebe nimmt, die, ohne zu prüfen, sich dem ersten Eindrucke überläßt und dann blindlings ganz und gar sich hingibt, zeigt wieder ein erschütternder Vorfall, der sich im Dezember 1866 in Wien ereignete. (Anmerkung ETIKA: P. Franz Ehmig sammelte schon ein Jahrhundert vor uns derartige Zeitungsberichte, und seine Sammlung wird wie die unsere aus Zeitgründen wohl erst im Jenseits vollständig ausgewertet werden.)

Daselbst war nämlich ein Herr, der mit einem jungen, sehr hübschen Mädchen einen heftigen Wortwechsel geführt hatte, stehen geblieben und nachdem er das weinende Mädchen mehrmals mit harschen Worten zurückgewiesen hatte, warf er sich schnell in einen der dortigen Fiaker und fuhr davon. Als das Mädchen, seine Geliebte, den Wagen nicht mehr erreichen konnte, taumelte sie mit einem herzzerreißenden Schrei gegen die Mauer und stürzte wie leblos in die Auslage einer daselbst befindlichen Putzwaarenhandlung hinein, so daß die Glastafeln in Trümmer gingen und das Gesicht und den Hals des Mädchens zerschnitten. Die Unglückliche, welche über und über blutete, konnte trotz aller Bemühungen nicht zum Bewußtsein gebracht werden; ein Schlag hatte sie getödtet. Das Mädchen ist neunzehn Jahre alt, bürgerlich gekleidet und gänzlich unbekannt.

Die Wilden haben mehr christliche Liebe, als die gebildeten Katholiken.

Wie sehr die zum christlichen Glauben bekehrten Indianer bestrebt sind, ihren katholischen Glauben durch Werke zu zeigen, zeigt folgender in Notre Dame de Bethsiamis geschriebener Brief an den Erzbischof von Quebek. Er lautet: Monseigneur! Es gereicht mir zur besonderen Freude, diese kleine Gabe zu übersenden. Kaum hatten meine Indianer von Ihrem Aufrufe um Beisteuer für die Nothleidenden gehört, als sie sagten: Vater, wir haben viel Hunger und Kälte gelitten und sind daran gewöhnt von Jugend auf. Du weißt, wie sehr betrübt unser Vater, der große Gebetsmann (der Erzbischof von Quebek), ist, weil das Feuer die Hütten seiner Kinder, die in dem großen Dorfe (Quebek) wohnen, zerstört hat; sie sind allem Wind und Wetter ausgesetzt, ohne Nahrung und ohne Kleider. Wir wollen unsern Vater, den großen Gebetsmann, trösten und ihm und unsern Brüdern helfen; schicke ihm dreimalhunderttausend Dollar von dem Gelde, das du uns von der Regierung für unsere Ländereien gebracht hast. Wir können wieder leiden und sind froh, wenn wir denen helfen, die Hunger leiden und kalt sind (Anm.: haben). Wenn wir nahe bei ihnen wären, würden wir ihnen einen Theil von unserer Jagd geben.

XX

Unzeitige, aussichtslose Liebschaften machen die Mädchen unglücklich.

Ein Schustergesell schritt an einem Feiertage aufgeputzt, seine Geliebte am Arme, hinaus vor´s Thor zum Tanze. Dort wirbeln sie lustig dahin. Nach dem Tanze trinken sie an einem Tische, wo auch der frühere Liebhaber saß. Bald wäre die Eifersucht in Zorn ausgebrochen, weil das Mädchen ihren früheren Geliebten manchmal ansah. Ein Jahr später wandelt dasselbe Mädchen durch dasselbe Thor, an demselben Feiertage, abermals zu Zweien, aber dießmal ohne ihren Liebsten, jedoch mit seinem Sprößling im Arme. O wie war das stolze, flotte, üppige, blühende Mädchen jetzt welk, abgehärmt, in ärmliche Kleider gehüllt! Sie geht nicht mehr nach dem Tanzsaale; o nein, sie schleicht auf´s Grab ihrer Mutter, die vor einem Vierteljahre die Schand und Schmach ihrer gottvergessnen Tochter unter die Erde gebracht. Und wo ist ihr flotter Geliebter? Er ist auf und davon, nachdem ihm das Mädchen unter Thränen ihren traurigen Zustand geoffenbart. Siehe, dahin bringen Hochmuth, Eitelkeit, sündhafte Liebschaft und Verstocktheit gegen gute Ermahnungen!

Ende des langen Kapitels Liebe

Übersicht über Neue Gleichnisse - Index 18 B ETIKA-Bibliothek