ETIKA

Ehmig: Gleichnisse

www.etika.com

18b8lieh

Liebhaberei – List ‒Litanei

27.4.2014
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichworte: Liebhaberei. List. Litanei. Seite 290-293.

Liebhaberei.

Liebhaberei und Vorliebe macht blind im Verstande und ungerecht.

Wilhelm von der Normandie eroberte England. Er ließ sich vom gemeinsten Manne sprechen, baute auf der Wahlstatt ein Kloster und ehrte die Geistlichkeit. Solches gewan ihm alle Stände, aber er behielt die Liebe des Volkes nicht. Die vielen tausend Normänner, die ihm England erobert hatten, wollten belohnt sein und in seiner blinden Vorliebe vertrieb er viele Engländer von Haus und Hof, um Jenen Güter zu verschaffen. Das erweckte Volksaufstände; Wilhelm rückte gegen seine Unterthanen aus, zündete Städte und Dörfer an, und machte Strecken, die Tagreisen lang waren, zu Wüsteneien. Gefangene Engländer behandelte er grausam. Weil der Eroberer ein großer Jagdliebhaber war, so wurden viele große Gehege angelegt und deßhalb Kirchen und Wohnhäuser ohne weitere Umstände niedergerissen. Wer in den königlichen Wildbahnen einen Hasen schoß, wurde geblendet; wer aber einen Menschen erschlug, kam mit einem Pfund Silbers los. In einem Kriege gegen Frankreich stolperte sein Pferd, er zog sich eine Quetschung zu, an welcher er starb. So blind und ungerecht macht Vorliebe und Liebhaberei.

Liebhaberei eines großen Mannes.

König Friedrich der Große wohnte im Sommer in Sanssouci, im Dezember zu Potsdam, im Jänner zu Berlin. Aber überall mußten ihm seine Hunde nachgefahren werden und zwar in Kutschen; selbst während des siebenjähriges Krieges waren sie in den Feldlagern unter seinem Gefolge. Die lieben Hunde fütterte er täglich in seinem Zimmer aus einer großen Schüssel mit Ragout und regierte sie dabei mit einem Stöckchen. Starb eines von den lieben Thieren, so ließ er es in seinem Garten beerdigen und setzte ihm ein Denkmal mit Inschriften. Die Favorithündin schlief in des Königs Bette, wurde täglich von einem Kammerdiener spazieren geführt und folgte dem Könige nach Berlin immer in einer sechsspännigen Kutsche.

Uebertriebene Liebhaberei ist Sünde.

Das erste Exemplar von einem Kupferstiche von Rembrandt, das „Hundertguldenstück“, wovon im Ganzen nur acht Exemplare existiren, kam unter den Hammer in London, wurde zu zweihundert Pfund Sterling ausgeboten und ging zuletzt nach langem hitzigen Bieten für die ungeheuere Summe von eintausendeinhundertundachtzig Pfund Sterling in den Besitz eines gewissen Palmer über. Wahrlich sonderbar ist es, daß sogenannte Kunstfreunde für ein einziges Kunstwerk eines verstorbenen Künstlers aus purer Liebhaberei Tausende verwenden, während zahllose tüchtige Künstler der Gegenwart am Hungertuche nagen.

List.
List ist in gewisser Beziehung erlaubt.

Lüge und Täuschung ist immer Sünde; aber eine List, wobei man dem Nächsten seine Gedanken und Absichten und seinen Plan verbirgt, ist erlaubt; weil der Nächste kein Recht hat, in alle unsere Gedanken und Geheimnisse einzudringen. Wenn die List an sich etwas Unsittliches wäre, würde sie der Schöpfer nicht so manchen Thieren anerschaffen haben. Manche stellen sich todt, bewegen sich nicht und entgehen so ihren Feinden. Die Rohrdrommel ist ein Wasservogel und sitzt im Schilfe. Wollte sie sich bewegen und entfliehen, wenn der Jäger nahe kommt, so würde sie sich verrathen und erschossen werden. Sie braucht daher eine List, um sich den Blicken desselben zu entziehen. Sie streckt Hals und Kopf unbeweglich in die Höhe; so sieht sie aus, wie ein spitziger Pfahl oder wie ein alter Strunk, deren das Wasser viele im Schilfe hängen läßt. Solche List wenden die Menschen öfters im Leben an und zwar ohne Sünde, wenn sie nämlich eine gerechte Ursache haben, Etwas zu verbergen, was der Mitmensch kein Recht hat, zu wissen und was er mißbrauchen würde. Hat ja auch Jesus sich angestellt, als wüßte er nicht, was in Jerusalem vorgefallen ist und als wollte er weiter gehen.

Unschuldige List gegen Feinde und Verführer ist erlaubt.

Wenn uns böse Menschen verfolgen, sei es, daß sie unser Vermögen beschädigen, die Pflichten erschweren, oder gar zur Sünde verführen wollen: so ist es erlaubt, eine unschuldige List anzuwenden, sie zu schrecken, oder ihnen zu drohen. Der Schöpfer lehrte dem Bombardirkäfer eine List, wodurch er seine Feinde schreckt, sich schützt und rettet. Ein größerer Laufkäfer ist sein geschworener Feind. Will er ihn aber fassen, so knallt er ihm von hinten einen Dunst in den Hals. Der Verfolger stutzt und der Bombardirkäfer gewinnt Zeit, in ein Loch zu entwischen. Findet er nicht schnell genug ein Loch oder eine Erdritze, so wiederholt er seine Schüsse mit einem für ein so kleines Thier auffallenden Knalle. Eben so gestattet Gott dem Menschen, eine unschuldige List anzuwenden, um sich gegen die Anfechtungen und Anfeindungen des Teufels, des Fleisches und der Welt zu schützen.

Eine fromme List zur Bekehrung einer Sünderin.

Im vierten Jahrhunderte lebte in Aegypten eine schöne, junge, begabte Frauensperson, mit Namen Thais, welche zwar getauft war, aber der Unzucht wegen in Lande umherzog, und Jung und Alt verführte. Der heilige Einsiedler Paphnutius hörte von ihrem Sündenleben, weinte Tag und Nacht um ihre arme Seele und flehte für sie zu Gott. Nach langem Flehen fiel ihm eine fromme List ein. Er verkleidete sich als einen Stutzer, ging in das Haus und verlangte mit ihr zu sprechen, und zwar ganz unbemerkt, da ihm an seinem Rufe viel gelegen sei. Sie führte ihn in ein abgelegenes Zimmer. Er fragte, ob sie nicht ein noch verborgeneres Gemach wüßte? Sie sprach: Was fürchtest du die Menschen? Diese können uns nicht sehen; aber vor dem Angesichte Gottes können wir uns nicht verbergen, wir mögen hingehen, wohin wir wollen. – Wie, entgegnete Paphnutius, du weißt, daß es einen Gott gibt? – Ja wohl, erwiederte Thais, auch weiß ich, daß es einen Himmel für die Guten und eine Hölle für die Bösen gibt. Paphnutius rief nun mit heiligem Eifer: Da du diese schrecklichen Wahrheiten kennst und glaubst, wie kannst du vor Seinen Augen so kühn sündigen? Auf diese Worte fiel sie ihm zu Füßen und bat ihn, sich um ihre Seele anzunehmen. Sie verbrannte alle Habseligkeiten öffentlich, um so das Aergerniß gut zu machen, und folgte ihm in ein Kloster, wo er sie in eine Zelle einschloß und ihr folgendes Gebet vorschrieb: O Du, der Du mich erschaffen, erbarme Dich meiner! Nach drei Jahren ging sie als geläuterte Büßerin in den Himmel ein.

Litanei.

Die lauretanische Litanei ist Gott und Maria sehr lieb.

Der gottselige Pater Silveira Konsalvus aus der Gesellschaft Jesu schiffte sich als Missionär nach Aethiopien ein. Auf der Seefahrt hatte er die Schiffsleute und Soldaten bewogen, mit ihm öfters die lauretanische Litanei zu singen. Die gute Wirkung hiervon sollten sie bald erfahren. Sie waren schon lange auf dem Meere herumgeirrt, ohne Land zu sehen. Endlich am Tage Mariä Lichtmesse erblickten sie die Insel Mozambique.

Aber in dem Augenblicke, als sie auf die Insel zusteuerten, überfiel sie ein gewaltiger Sturm, durch welchen das Schiff die ganze Nacht von den Wellen hin- und hergeworfen wurde. Pater Konsavus sang mit der Schiffsmannschaft die Litanei und siehe, bei Tagesanbruch wurden sie vor der Stadt Mozambique und der Kirche Unserer Lieben Frau wieder ansichtig, sie landeten glücklich und verfügten sich sogleich in die Kirche, um dort der allerseligsten Jungfrau, dem Meeresstern, für ihre glückliche Rettung Dank zu sagen.

Ahme daher diese Heiligen nach und bete fleißig die lauretanische Litanei, besonders an Samstagen. Die heilige Kirche sieht dieß gerne, daher haben die Päpste Denen, die sie beten, gnadenreiche Ablässe verliehen. Papst Sixtus V. verlieh zweihundert Tage Ablaß allen Denen, die sie andächtig und reumüthig beten; Pius VII. bestätigte diesen Ablaß von Neuem und dehnte ihn auf dreihundert Tage für ewige Zeiten aus. Er verlieh auch Jenen, welche diese Litanei an den Festtagen Unserer Lieben Frau, als: der Empfängniß, der Geburt, Verkündigung, Reinigung und Himmelfahrt Mariä und Jenen, welche sie alle Tage beten, einen vollkommenen Ablaß, wofern sie wahrhaft reumüthig beichten und kommuniziren, eine öffentliche Kirche besuchen und nach der Meinung des Papstes beten, wobei Pius erklärte, daß man diese Ablässe auch den armen Seelen im Fegefeuer zuwenden könne.

In Originalschreibweise.

Übersicht über Neue Gleichnisse - Index 18 B ETIKA-Bibliothek