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Ehmig: Gleichnisse

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Lüge

26.5.2014
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichwort: Lüge. Seite 295-201.

Lüge.

Lügen können nicht bestehen.

Lügen und Irrthümer können nicht bestehen, die Wahrheit bleibt in Ewigkeit; jene zerfallen in sich selbst wie der Schimmel, der sich auf Speisen ansetzt; in der Luft und Sonne zerfließt er in sich selbst; so kommt mit der Zeit die Wahrheit an den Tag und entlarvt die Lüge und den Irrthum.

Das Lügen ist häßlich.

Der Lügner gleichet dem Monde; denn der Mond ist ein Lügner; er bildet im Ab- und Zunehmen ein lateinisches C und D; diese Buchstaben bedeuten: crescit und decrescit; das heißt, er wächst und nimmt ab. Und das ist gerade nicht wahr; wenn er das C hat, so nimmt er ab, und bildet er das D, so nimmt er zu. Der Mond ist also ein Lügner; und ihm gleichen alle jene Menschen, welche anders reden und sich stellen, als sie denken und innerlich gesinnt sind. Das Lügen ist häßlich.

Wir sollen auch die Nothlügen vermeiden.

Zur Zeit der Christenverfolgung gab Kaiser Maximian den Befehl, den heiligen Antimus, Bischof von Nikomedien, in´s Gefängniß zu werfen. Da geschah es, daß die Soldaten, welche ihn aufsuchten, zufälligerweise in die Wohnung des Heiligen kamen, wo sie Etwas zu essen verlangten. Der heilige Antimus erfüllte ihr Begehren und bewirthete sie sehr gut. Sie fragten ihn sodann, wo sie nun den Bischof Antimus finden könnten, worauf der Heilige antwortete: Ihr sehet ihn vor euch stehen; denn ich selbst bin Antimus. Da sprachen die Soldaten voll Dankbarkeit zu dem Heiligen: Wir wollen dich nicht mit uns fortführen, sondern aussagen, daß wir dich nicht gefunden haben. Aber Antimus entgegnete: Das dürft ihr durchaus nicht thun, liebe Kinder! denn ich will nicht, daß ihr eine Lüge begehet; nein, ich will lieber sterben, als euch dazu rathen! Hierauf begleitete er sie zum Kaiser.

Lügen darf man um keinen Preis.

Zur Zeit der französischen Revolution ward zu Autun der Pfarrer des kleinen Seminars von Clermont durch den Pöbel gefänglich eingezogen. Der Maire oder Bürgermeister, der ihn retten wollte, rieth ihm, wenn auch nicht den verlangten kirchenverrätherischen Eid abzulegen, so doch zu erlauben, daß man dem Volke sage, er habe ihn abgelegt. Nein, entgegnete der gewissenhafte Pfarrer, wie ein zweiter Eleazar, ich würde Sie als Lügner bei dem Volke bezeichnen; es ist mir nicht erlaubt, mein Leben durch eine Lüge zu erkaufen. Derselbe Gott, welcher mir verbietet, den Eid abzulegen, verbietet mir auch, die Leute glauben zu machen, als hätte ich den Eid abgelegt. Der Maire schwieg erstaunt über eine solche Gewissenhaftigkeit und der Pfarrer starb als Martyrer.

Das Lügen ist eine allgemeine Sünde.

Pater Vieira, P. 4. Fol. 232, trug ein Gedicht oder eine Parabel vor, folgenden Inhalts: Als der Teufel vom Himmel fiel, zerbrach er und seine Glieder fielen in unterschiedliche Länder. Der Kopf fiel nach Spanien, darum sind sie hochmüthig, aufgeblasen und gravitätisch. Die Brust fiel nach Italien, darum sind die Indianer (Anmerkung: wohl ein Druckfehler, oder der Setzer fühlte sich betroffen) listig, verschlagen und tückisch. Der Bauch fiel nach Deutschland, darum sind die Deutschen gemächlich, dem Essen und Trinken ergeben. Die Füße fielen nach Frankreich; darum sind die Franzosen unruhig und zum Tanzen geneigt. Die Hände fielen nach Algier und andern am Meere gelegenen Ländern, darum sind sie Seeräuber. Wohin fiel aber die Zunge? Die Zunge, glaube ich, hat der Teufel vor lauter Zorn in so viele Stückchen zerbissen, daß in jedes Land der ganzen Welt ein Trümmchen gefallen ist; darum sagt der Prophet: Es ist keine Wahrheit auf Erden. Obwohl das Lügen eine allgemeine Sünde ist, so gibt es doch viele fromme Christen, welche keine Lüge sagen; das Lügen ist etwas Teuflisches.

Lügen im Scherze führen zu Verstellung und Falschheit.

Thespis erfand zu Athen das Schauspiel. Er kleidete sich mit seinen Gefährten wie Helden und so zogen die ersten Schauspieler auf einem breiten Wagen durch die Straßen Athens, machten Halt, wenn das Volk sie sehen wollte und führten, auf dem Wagen stehend, das Gesicht mit Weinhefen bestrichen, eine Begebenheit aus dem Leben des Ulysses, des Herkules und anderer Helden auf. Dieser Anfang der Schauspielkunst war so roh, daß Solon den Thespis einst öffentlich fragte, ob er sich nicht schäme, dem Volke solche Lügen vorzumachen. Thespis antwortete, er wäre ja nur ein Scherz und solche Lügen schadeten Niemand. Da stieß Solon mit seinem Stocke auf den Boden und rief aus: Ach, erlauben wir uns die Lügen nur erst im Scherze, so werden sie sich bald in ernsthaftere Sachen mischen. Seine Worte gingen bald in Erfüllung; Pisistratus (?) führte bald eine Lügenkomödie auf, die weit ernsthafter war und ihn zum Herrscher über Athen machte.

II

Das Lügen verabscheuten selbst die Heiden als großes Laster.

Die alten Perser hatten viele Weiber; viele Kinder haben war ein großer Ruhm. Ein Knabe wurde bis zum sechsten Jahre von den Weibern erzogen und kam bis dahin seinem Vater gar nicht unter die Augen. Dann aber übernahm dieser die Erziehung, und hielt ihn bis zum, einundzwanzigsten Jahr zum Reiten, zum Bogenschießen und zur Wahrhaftigkeit an; denn das Lügen hielten die Perser für das schändlichste Laster, so wie nächst diesem das Schuldenmachen. Leider sind sehr viele Christen hierin weniger gewissenhaft.

Ein Christ soll auch kleine Lügen meiden.

Der heilige Andreas Avellinus begab sich nach Neapel, um die Rechtswissenschaft zu studiren. Er wurde zum Doktor der Rechte promovirt und auch zum Priester geweiht. Als solcher führte er für Privatpersonen Prozesse, jedoch nur in rein kirchlichen Angelegenheiten. Die Prozesse wurden damals mündlich und öffentlich geführt. Als er einmal so einen kirchlichen Prozeß führte, begegnete es ihm, daß ihm eine kleine Lüge entschlüpfte. Als er darauf zufällig in der Schrift jene Worte las: Ein Mund, der Lügen sagt, tödtet die Seele; überfiel ihn eine solche Reue, daß er augenblicklich die Advokatur aufgab und sich ganz dem priesterlichen Dienste widmete.

Lügen soll man nicht, weder um des Guten noch um des Bösen willen.

Zum heiligen Johannes dem Einsiedler kamen einmal sieben Männer auf Besuch. Hierauf fragte er sie, ob unter ihnen kein Geistlicher sei? Als sie dieß verneinten, sah er einen Jeden an und erkannte, daß Einer unter ihnen war, der die geistliche Würde hatte, der aber aus Demuth verborgen zu sein wünschte, er war Diakon. Es wußten dieß selbst auch die Reisegefährten nicht, mit Ausnahme eines Einzigen, der sein Vertrauter war. Es wollte nämlich der Diakon seine Würde aus Demuth verbergen, damit er nicht wegen der geistlichen Weihe und Würde von großen Männern vorgezogen würde, die sie besuchten, und denen er an Verdiensten weit nachstände. Als ihn der heilige Johannes sah und mit dem Finger auf ihn deutete, der auch jünger war, als die Uebrigen, sprach er: Dieser ist Diakon. Da er es aber läugnen wollte, nahm ihn Johannes bei der Hand, küßte ihn und sprach: Mein Sohn! verläugne doch die Gnade Gottes nicht, damit nicht aus dem Guten Böses und aus der Demuth Lüge werde. Denn eine Lüge soll man auf jegliche Weise verhüten, man mag sie vorbringen um des Bösen oder auch um des Guten willen; weil alle Lüge nicht von Gott, sondern wie der Heiland sagt, Math. 5, Joh. 8, aus dem Bösen – vom Teufel ist. Auf diese Weise bekannte er die Wahrheit und ertrug mit Gelassenheit und Sanftmuth die freundliche Bestrafung des heiligen Johannes.

Gott straft die Heiligen wegen einer Nothlüge strenge.

Die heilige Radegund diente bei einer Herrschaft als Magd. Sie liebte die Armen. In der Nähe des Schlosses in einem Walde lag ein Spital für Kranke, die sie oft besuchte, pflegte und mit Speise erquickte. Als Radegund wieder einmal Speis und Trank in´s Siechenhaus trug, begegnete ihr der Herr. Sie war aber schon vorher bei ihm von andern Dienstboten angeschwärzt worden, als veruntreue sie Manches der Herrschaft und schleppe es den Armen zu. Ihr Herr faßte deßhalb Argwohn und fuhr sie an, was sie da im Korbe habe. In der augenblicklichen Angst, schwer gescholten zu werden, nahm sie, was niemals erlaubt ist, zu einer sogenannten Nothlüge ihre Zuflucht und sagte, sie habe Kamm und Seife darin, um die Kranken zu reinigen. Radegund entging auf diese Weise der Rüge ihres Herrn. Als sie aber einige Zeit später wieder durch den Wald ging, der zwischen dem Schloß und dem Siechenhause lag, wurde sie von Wölfen angefallen und ganz zerbissen. Wegen ihres langen Ausbleibens wurde man unruhig und es wurden zwei Knechte ausgesandt, sie zu suchen; diese fanden die Magd halb todt in ihrem Blute liegen. Man trug sie nach Hause, wo sie noch drei Tage lebte und dann ihren Geist aufgab. Sie wurde neben dem Siechenhause begraben, und weil man sie alsbald für eine Heilige ansah, über ihrem Grabe eine Kapelle erbaut. Dieses Unglück, welches der heiligen Radegund begegnete, wird als Strafe angesehen für die Sünde, von welcher sie sich überraschen ließ, nämlich ihrem Herrn eine Lüge zu sagen.

Man soll selbst Nothlügen verabscheuen.

Der heilige Johannes Cantius reiste einmal nach Rom, wie gewöhnlich allen und zu Fuß. Plötzlich sprangen Räuber auf ihn los, schlugen ihn und nahmen ihm sein Reisegeld; dabei drohten sie ihm mit dem Tode, wenn er nicht freiwillig Alles hergebe. In der Bestürzung hatte Johannes nicht daran gedacht, daß er aus Vorsicht einige Goldstücke in die Kleider eingenäht habe und sagte deßhalb, er habe Nichts zurückbehalten. Als er nachher vom ersten Schrecken sich erholt hatte, fiel ihm erst sein verborgenes Gold ein und es erfüllte ihn mit bitterem Schmerz, daß er den Räubern eine Unwahrheit gesagt habe. Mit eiligen Schritten lief er ihnen nach, rief ihnen aus der Entfernung, sie möchten warten und als er sie erreicht hatte, bekannte er kniefällig, er habe gelogen und verdiene Gottes Zorn. Er reichte ihnen alles Gold hin, das er aus Vergeßlichkeit zurückbehalten hatte. Die Räuber erstaunten über eine solche Wahrheitsliebe und Einfalt, ihre harten Seelen wurden gerührt, wie ein Schneefeld aufthaut, wenn laue Winder darüber hinwehen und wenn die Sonne scheint; sie warfen sich selbst dem heiligen Manne zu Füßen, gaben ihm Alles zurück und baten ihn um Verzeihung. Wäre er auf der Lüge beharrt, so hätte er Nichts wiederbekommen.

III

Die Lügen hassen und strafen die Menschen mit Recht.

Drei norddeutsche Studenten wollten während der Ferien nach Wien reisen. Im Bewußtsein ihres Geldes nahmen sie keine Pässe. An der Grenze wurden sie angehalten und ihnen die Pässe abverlangt. Batzig gaben sie zur Antwort: Wir sind Studenten von Berlin und wollen Wien mit unserem Besuche beehren; was scheeren wir uns um Pässe, unsere Friedrichsd´or sind der beste Paß. Der Unteroffizier aber war anderer Ansicht, Wollen´s in´s Paßbureau spazieren, vor den Herrn Polizeikommissär! lautete sein strenger Befehl. Die Studenten fügten sich der Nothwendigkeit, gingen in´s Paßbureau, und gaben dort dieselbe Antwort auf das Befragen nach den Pässen. Der Polizeikommissär fragte nach ihren Namen. Der Erste sagte: Ich heiße Göthe; der Zweite: Ich nenne mich Schiller; und der Dritte: Mein Name ist Lessing. Sie nannten sich also scherzweise nach den berühmtesten deutschen Dichtern. So, so, antwortete der Polizeikommissär, den Spott wohl merkend. So, so: Göthe, Schiller, Lessing; schön, sollen gleich die Bekanntnschaft mit dem Dichter Klopfstock machen; wollen die Herren nur dort hinein spazieren; will den Klopfstock gleich zitieren. Es geht die dunkle Sage, daß die preußischen Windbeutel im Nebenzimmer ordnungsgemäß mit dem Klopfstock ausgestäubt worden und nach erhaltener Lektion für´s Lügen keine weitere Lust verspürten, Wien mit ihrem Besuche beehren zu wollen.

Als im Jahre 1648 in Münster in Westphalen der sogenannte Westphälische Frieden geschlossen wurde, der dem dreißigjährigen Kriege endlich ein Ende machte, fälschte ein Schreiber Urkunden, die sich auf den Frieden bezogen. Die Fälschung wurde entdeckt und dem Schreiber zur gerechten Strafe die rechte Hand abgehauen, mit welcher er bei der Fälschung die Feder geführt. Und diese Hand wird in einem kleinen Schreine noch im Friedenssaale aufbewahrt und gezeigt. Als ich einst, schreibt ein Schriftsteller, diese Knochenhand betrachtete, hat ein wahrer Schauer vor der Lüge und ihrer Strafe mich erfaßt und ich habe bei mir selbst gedacht: Wenn schon ehedem die weltliche Obrigkeit die Lüge so schwer strafte, wie schrecklich mag erst Gottes Strafgericht solche Frevel rächen!

Auch Lügen in der Noth sind nicht erlaubt.

Einer der heldenmüthigen Tiroler, die im Jahre 1809 mit dem unsterblichen Andreas Hofer gefangen genommen wurde, weil er für Gott und Vaterland, Religion und christliche Sitten gegen Unglauben, Willkürherrschaft, Verrath und Liederlichkeit gekämpft, ward vom Kriegsgericht in Botzen zum Tode verurtheilt. Da derselbe aber ein Ehrenmann und Vater vieler Kinder war, so verwarf der französische General das kriegsgerichtliche Urtheil, um denselben vom Tode zu retten und ordnete eine neue Untersuchung an. Man drang nun in Peter Mayer, er möge doch nur behaupten, er habe die Proklamation des Vicekönigs von Italien nicht gelesen, die den aufständischen Tirolern bei Todesstrafe gebot, die Waffen niederzulegen; so würde er dann, auf diese Behauptung hin, freigesprochen werden. Peter Mayer hatte aber die Proklamation gelesen und darum wies er, als Christ und Ehrenmann, eine solche Zumuthung, sein Leben mit einer Lüge zu erkaufen, zurück. Weder die Liebe zum Leben, noch das für Weib und Kind schlagende Herz, konnten ihn bewegen, sich zu einer Nothlüge zu verstehen, obgleich selbst seine Richter es wünschten und ihn dazu aufforderten und ihm die Nothlüge auf die Zunge legten. Eines Christen und Ehrenmannes würdig antworte er vor dem Kriegsgerichte: Ich hab das Papier wohl gelesen, aber Nichts darauf gehalten und mich fortgewehrt; das ist die Wahrheit und dabei bleib ich. Auf diese Erklärung hin mußte das Kriegsgericht zum zweiten Male das Todesurtheil über ihn fällen, das dann auch am 1. März 1810 durch Pulver und Blei vollzogen wurde.

Auch Scherzlügen sind nicht erlaubt.

Zum heiligen Thomas von Aquin sagte ein Ordensbruder im Scherze: Siehe, wie die Ochsen fliegen! Thomas von Aquin sah aufmerksam umher, um fliegende Ochsen zu gewahren, allein er konnte keinen entdecken. Darüber lachte der Ordensbruder. Thomas aber sagte ernst zu ihm: Bruder, lieber will ich glauben, daß Ochsen fliegen, als daß ein Geistlicher lügt. Diese Antwort gereichte dem Heiligen zur größten Ehre.

Ein gewisser Ortsschulinspektor sagte zu seiner eigenen Mutter: Wenn morgen die Mutter meines Nachbars euch besucht, so müßt ihr ja recht laut reden, denn die gute Frau hört schwer. Zu jener Frau hatte er aber den Tag zuvor das Nämliche in Bezug auf seine Mutter gesagt; und als nun die beiden Frauen zusammen trafen, schrieen sie einander gar mörderisch an, so mörderisch, daß sie endlich, nachdem sie sich heiser geschrieen, den Irrthum entdeckten und die Scherzlüge witterten. Das war freilich zum Lachen, und doch war diese Scherzlüge sündhaft, weil unkindlich.

Ein Arzt hatte ein reiches, vornehmes Fräulein kurirt. Statt der Bezahlung übergab es demselben ein reich gebundenes Notizbüchlein und sprach dabei seinen verbindlichsten Dank für die sorgfältige Behandlung aus. Das Notizbüchlein war aber kein eigentliches Notizbüchlein, sondern es waren, als Büchlein gebunden, werthvolle Banknoten. Der Arzt verstand aber den Scherz nicht, wies mit Entrüstung das Büchlein zurück und erklärte, daß er sich mit einer so werthlosen Spielerei nicht abspeisen lasse. Dabei zog er die Rechnung aus der Tasche und übergab sie mit dem Ausdrucke beleidigten Stolzes. Schweigend nahm das Fräulein die Rechnung, entfaltete sie, las die Summe, öffnete dann das Notizbüchlein, riß eine von den vielen Banknoten heraus, und reichte sie mit leichter Verneigung dem enttäuschten, staunenden Arzte und zog sich mit dem verschmähten Notizbüchlein in´s Nebenzimmer zurück. Das war ein feiner Scherz und eine feine Scherzlüge. Schade, daß keine feinere Nase. als diejenige des geldgierigen Doktors, von ihr Wind bekam, und sie in klingende Münze übersetzte! Solche Scherzlügen kann man mit vollen Segeln vom Stapel lassen.

Soll eine Scherzlüge ohne Sünde sein, so darf sie den Nächsten nicht kränken, beleidigen, benachtheiligen; sie muß zur Erheiterung oder Erhöhung der Freude dienen; sie muß in solche Worte gekleidet sein, daß Derjenige, dem sie gilt, wohl die Lunte riecht.

Gott bestraft die Lüge oft schon auf Erden.

Der heilige Julian wollte mit seinen Brüdern eine Kirche bauen und wirkte sich vom Kaiser den Befehl aus, daß alle Vorüberreisenden ihm auf kurze Zeit helfen sollten. Etliche Bauern mußten mit Ochsenwägen diese Weg nehmen; wollten aber nicht helfen. Sie legten daher einen von ihnen auf den Wagen, deckten ihn mit Kotzen zu und geboten ihm, sich todt zu stellen. So kamen sie nun zum Orte. Julian bat sie, ihm eine Stunde zu helfen. Sie sagten: Wir können nicht, wir haben einen Todten auf dem Wagen und müssen ihn begraben. Pfui, sagte Julian, das ist eine schändliche Lüge; Gott wird zulassen, was ihr vorgebet. Als sie nun hübsch weit weg waren, zupften sie den Gesellen und riefen: Wach auf! gelt, den Pfaffen haben wir recht betrogen! Dieser wollte sich aber nicht rühren, er war wirklicht todt!

 

In Originalschreibweise.

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