ETIKA

Ehmig: Gleichnisse

www.etika.com

18b8magn

Magnetismus

26.7.2014
ETIKA-Bibliothek

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1868. Dritter Band. Stichwort: Mädchen. Seiten 303-309.

Magnetismus.

Die Pflanzen haben eine magische Wirkung auf den Menschen.

Schon Plinius beschreibt die magische Wirkung einiger Pflanzen. Als man in neuerer Zeit, zum Behuf der Heilkunde, wieder die Aufmerksamkeit mehr auf diese Wirkungen gerichtet, hat man einen Theil jener früher gemachten Beobachtungen neuerdings bestätigt gefunden. So hat man bemerkt, wie der bloße Geruch des Samens vom Bilsenkraute, besonders wenn die Wärme seiner Wirksamkeit zu Hilfe kömmt, bei Denen, die den Dunst einathmen, eine Neigung zum Zorne hervorruft. Ein sonst einträchtiges Ehepaar konnte nicht zwei Stunden im gemeinsamen Arbeitszimmer beisammen sein, ohne daß es zu den allerheftigsten Streitigkeiten zwischen ihnen gekommen; man hielt das Zimmer für behext, bis man endlich ein Päckchen Bilsenkrautsamen in der Nähe des Ofens gefunden, nach dessen Entfernung der Friede zwischen den Streitenden nicht ferner mehr angefochten wurde. –

Der Arzt Kämpfer war in Gamron, in Persien, von den Banianen mit sechs andern Europäern zu einem Gastmahle, eine Stunde vor der Stadt, geladen. Als es im Verlaufe desselben zum Gesundheitsausbringen kam, tranken sich die Europäer fleißig im Weine zu; die Banianen aber, dieses Getränkes sich enthaltend, nahmen dafür Bissen einer Latwerge, die ihnen kürzlich von ihrer Heimath zugesendet worden. Kämpfer wünschte sie zu kosten,  erhielt einen starken Antheil und theilte ihn mit den Anderen, Einen ausgenommen, der sich weigerte, weil er die Wirkung schon früher kennen gelernt. Alle wurden mit einem Gefühle von Wohlbehagen übergossen, wie sie es nie zuvor gefühlt; es war nichts als Freude, Scherz, Lustigkeit, gegenseitiges Anlachen und Sichliebhaben. Als am Abende die Gäste ihre Pferde zur Heimkehr bestiegen, schien es, als habe die Wirkung andere Gestalt angenommen;  denn es war ihnen, als ob sie auf Flügelrossen über Wolken und Regenbogenbrücken getragen würden, da von allen Seiten die hellsten Farbenlichter in die Augen schienen. Als sie angelangt sich zum Abendessen niedersetzten, verschlangen sie Alles mit Wolfshunger und die Speisen waren so schmackhaft, daß es sie bedünkte, als schmaußten sie bei den Göttern. Am folgenden Tage erwachten sie heiter und ohne Nachwehen zu fühlen; ihnen war nichts geblieben, als die Erinnerung an die Freudigkeit, in der sie gewesen; aber es war merkwürdig genug als Nachwirkung eine fortdauernde Furcht geblieben, in der es ihnen gehend wie reitend gewesen, als würden sie nach der rechten Seite hin überstürzen. Alles Andere, was sonst vorgegangen, mußten sie sich von dem Gefährten erzählen lassen, der sich des Genusses enthalten hatte.

Das Schlafwachen, ein magnetischer Zustand.

Maria, die Gattin des John Goffe von Rochester, erkrankte an einem langwierigen Uebel und ward deßwegen nach Westmulling, neun Meilen von ihrem Wohnorte, in ihres Vaters Haus gebracht, wo sie am 4. Juni 1691 starb. Am Tage vor ihrem Tode wandelte sie ein großes Verlangen an, ihre beiden Kinder zu sehen, die sie unter der Pflege einer Amme zu Hause zurückgelassen, und sie bat ihren Gatten, ein Pferd zu miethen, sie müßte nach Rochester gehen und bei ihren Kindern sterben. Man machte ihr begreiflich, sie sei nicht in dem Zustande, das Pferd zu besteigen und das Bett zu verlassen; sie aber bestand darauf, wenigstens den Versuch zu machen; kann ich nicht sitzen, sagte sie, so lege ich mich der Länge nach auf´s Roß, sagte sie, denn ich muß meine Lieblinge sehen.

Ein Geistlicher war um zehn Uhr Abends noch bei ihr, dem sie ihre Willigkeit zu sterben, und die Hoffnung, die sie auf Gottes Barmherzigkeit hatte, erklärte; aber, sagte sie, mein Jammer ist: daß ich meine Kinder nicht mehr sehen kann. Zwischen ein und zwei Uhr am nächsten Morgen kam sie außer sich. Eine Wittwe Turner, welche die Nacht bei ihr gewacht, sagte: ihre Augen seien offen und starr gewesen, der Mund aber geschlossen; die Frau brachte ihre Hände an den Mund und ihre Nasenlöcher, und fühlte keinen Athem; sie glaubte, die Kranke liege in einer Ohnmacht, und war ungewiß, ob sie todt sei oder lebendig. Als sie später am Morgen wieder zu sich kam, erzählte sie ihrer Mutter, sie sei zu Hause bei ihren Kindern gewesen. Das ist unmöglich, erwiederte die Mutter, du bist alle die Zeit nicht aus diesem Bette gekommen. Wohl, sagte darauf die Andere, aber ich war vergangene Nacht bei ihnen, als ich im Schlafe lag. Uebereinstimmend mit dieser ihrer Rede, sagte und betheuerte nun die Amme in Rochester und sie war willig, es mit einem Eide vor der Obrigkeit zu bekräftigen und das Sakrament darauf zu nehmen; sie sagte: sie habe am Morgen etwas vor zwei Uhr die Gestalt der Maria Goffe aus dem Nebenzimmer, in dem bei offener Thüre das eine Kind allein schlief, kommen sehen und sie sei etwa eine Viertelstunde an der Seite des Bettes gestanden, in dem sie mit dem jüngeren Kinde lag. Ihre Augen bewegten sich und ihre Lippen schienen zu sprechen; aber sie sagte nichts. Die Amme setzte hinzu, sie sei vollkommen wach gewesen, und weil es einer der längsten Tage im Jahre war, habe es hell zu werden angefangen. Sie setzte sich in ihrem Bette auf, blickte unverwandt die Erscheinung an und hörte die Glocke zwei schlagen. Nach einer kurzen Weile sagte sie: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, wer bist du? Auf diese Worte entfernte sich die Gestalt und ging von dannen; sie warf sich schnell in ihre Kleider und folgte, konnte aber nicht ausfinden, was aus ihr geworden war.

Nun und nicht früher wandelte sie ein Grausen an und sie ging aus dem Hause, das an dem Wasser lag, und wandelte einige Stunden auf dem Kai herum, nur von Zeit zu Zeit nach den Kindern sehend. Um fünf Uhr Morgens klopfte sie  an einem Nachbarhause an, aber erst eine Stunde später ließ man sie bei wiederholtem Klopfen ein und sie erzählte nun den Leuten, was sich begeben. Diese wollten sie bereden, sie habe geträumt; sie aber erwiederte: wenn ich sie in meinem ganzen Leben je gesehen, dann sah ich sie diese Nacht.

Eine von Denen, die bei ihrer Rede zugegen gewesen, Marie, die Gattin des J. Sweet, erhielt am Morgen Botschaft von Mülling (sic) herüber; die Goffe liege am Sterben und wolle sie sprechen; sie ging daher am nämlichen Tage hinüber und fand sie in den letzten Zügen. Die Mutter der Kranken erzählte ihr unter Anderm, wie sehr ihre Tochter nach den Kindern sich gesehnt und wie sie nun sage, sie habe sie gesehen. Das brachte der Frau Sweet die Worte der Amme wieder in´s Gedächtniß, denn bis dahin hatte sie nichts davon erwähnt, sondern es als einen Irrwahn der Frau lieber verschwiegen. Diese ganze Erzähling ist eine reine, wohlbewärte und darum vollkommen glaubwürdige Thatsache.

Anmerkung ETIKA: Bei dieser Geschichte fällt uns ein, dass angeblich einmal auch die viele Jahre lang bis zu ihrem Tode bettlägerige Domenica Lazzeri von Capriana aus die schwebende Jungfrau Maria von Mörl in Kaltern besucht haben soll. Beide wiesen die Wundmale Christi auf und lebten fast ausschließlich von der hl. Kommunion.

Übersicht über Neue GleichnisseIndex 18 B ETIKA-Bibliothek