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Ehmig: Gleichnisse

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18b8sitt

Sittenlosigkeit

4.11.2016
ETIKA-Bibliothek.
Auszüge

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. 1869. Vierter Band. Stichwörter: Sittenlosigkeit. Ab Seite 245

Vorhergehende Gleichnisse: Segen

Sittenlosigkeit.
Sittenlose Menschen hassen die Prediger.

Der heilige Ignatius traf in Spanien ein Frauenkloster, genannt das Engelskloster. Dieser Name paßte aber nicht sehr für die Klosterfrauen; sie lebten in großem Leichtsinn und die Kleidung abgerechnet, waren sie wahre Buhlerinnen. Ignatius konnte diese Schmach an heiliger Stätte nicht ohne Abscheu sehen. Er bemühte sich mit einem Priester Puygaltus, diese Nonnen zu bekehren, und es gelang ihm so gut, daß sie den Herren aus der Stadt, mit denen sie einen ärgerlichen Umgang hatten, ihre Thore verschlossen. Diese Veränderung brachte diejenigen, welche das Kloster am meisten besuchten, zur Verzweiflung und sie verfehlten nicht, sich an dem zu rächen, den sie als Urheber desselben erkannten: diese Rache beschränkte sich aber nicht auf hitzige Worte und einfache Beleidigungen. Als Ignatius eines Tages mit dem Priester Puygaltus aus dem Engelskloster zurückkehrte, wurden sie von zweien Mauren angegriffen und unter fürchterlichen Stockschlägen zu Boden geworfen, Puygaltus starb nach wenigen Tagen; Ignatius ward für todt auf dem Platze gelassen. Als er, nachdem die Mörder sich geflüchtet hatten, ein wenig zu sich kam und sich nicht aufrecht erhalten konnte, ward er von einem liebreichen Menschen, der dort vorbei ritt, auf sein Pferd gehoben und in die Wohnung der Agnes Pascal gebracht. Die Schmerzen nahmen ihn so mit, daß man an seinem Leben zweifelte; er litt dreiundfünfzig Tage bis zur Genesung.

Die Sittenlosigkeit der Christen verhindert die Verbreitung der Religion unter den Heiden.

Als der heilige Franz Xaver in Indien ankam, war die christliche Religion wohl schon unter den Heiden geprediget; aber theils waren die Portugiesen zu habsüchtig und kümmerten sich nicht um den Unterricht der Neubekehrten, theils schützten sie sie nicht gegen die Muhamedaner. Am schädlichsten aber wirkte das sittenlose Leben der Portugiesen selbst. Den deutlichsten Begriff von dem großen Sittenverderben, welches damals unter ihnen herrschte, giebt uns ein Bericht, der an den König Johann III. einige Monate vor der Ankunft Xaver´s, von einem glaubwürdigen angesehenen Manne eingesandt wurde. Diesem zufolge hielten die Portugiesen so viele Beischläferinnen, als sie wollten, die in ihrem Hause wohnten und gleiche Rechte mit ihren rechtmäßigen Frauen genoßen. Sie raubten sogar und kauften Weiber, um Gewinn aus ihren Diensten oder Geld daraus zu ziehen, wobei sie den Sklavinnen den täglichen Erwerb bestimmten, den sie einbringen mußten und wenn dieser nicht einging, mißhandelten sie diese unglücklichen Geschöpfe grausamst. Diese, zuweilen außer Stande, das Maß ihrer Arbeiten zu erfüllen, wurden manchmal durch Furcht und Verzweiflung geleitet, ein schändliches Gewerbe zu treiben und sich öffentlich jedem Wüstling preis zu geben, um nur den Geiz ihrer Tyrannen befriedigen zu können. Die Gerechtigkeit ward feilgeboten; die ärgsten Missethaten blieben ungestraft, wenn die, welche sie begingen, bemittelt genug waren, ihre Richter durch Geschenke zu bestechen. Alle Wege, die zum Reichthum führten, wie sündhaft sie sein mochten, wurden für erlaubt gehalten. Wucher ward ohne Scheu getrieben, sogar der Meuchelmord ward nicht mehr als Verbrechen angesehen; Einige rühmten sich seiner, als hätten sie eine Heldenthat vollbracht, so sehr waren sie verwildert. Wie sehr auch der Bischof von Goa diesem Verderben durch Bannflüche Einhalt zu thun versuchen mochte, es fruchtete Nichts. Die Herzen dieser Menschen waren so verhärtet, daß sie seiner Drohungen und des Bannes der Kirche spotteten. Wie hätte auch die Beraubung der Sakramente eine Strafe sein können für Gottlose und Missethäter, welche sich freiwillig derselben beraubten? Dadurch hatte der Gebrauch der Sakramente der Buße und des Altares beinahe völlig aufgehört und wenn sich hie und da noch Einige fanden, welche von ihrem Gewissen gefoltert, sich mit Gott versöhnten, so mußte die Beichte bei Nacht und geheim abgehalten werden, weil Alle sich einer so selten gewordenen religiösen Handlung schämten.

Sklaverei.
Die alte Sklaverei und Wohlthätigkeit des Christenthums durch Aufhebung derselben.

Rom, das seine Entstehung flüchtigen Sklaven verdankte, zeigte sich Anfangs gegen seine Gefangenen menschlich und die Erinnerung an das erste Geschick ihrer Väter, verbunden mit der Einfachheit der Sitten, bezähmte lang in seinen Einwohnern den Hang, der sie zur Härte und zur Barbarei gegen Jene antrieb, welche die Gewalt der Waffen ihnen unterworfen hatte. So lange die Sitten einfach blieben, bebauten die Römer das Land gemeinsam mit ihren Sklaven, aßen sie mit ihnen an demselben Tische.

So lebte Kato Anfangs mit seinen Sklaven auf seiner ländlichen Meierei. Doch später durch die bürgerlichen und militärischen Würden, die er eingenommen hatte, reich gemacht, schlug dieser tugendhafte Philosoph Jene, welche irgend eine Ungeschicklichkeit bei seiner Bedienung bei Tische gingen und verkaufte gleich gemeinem Vieh Jene, welche vom Alter geschwächt waren. Er gab den Herren den Rath, diese unnützen Wesen nicht zu füttern. Von dieser Zeit angefangen, verschlimmerte sich die Lage der Sklaven; sie wurden, im Rom wie in Griechenland, ein Gegenstand des Luxus gleich den Pferden; die reichen Bürger besaßen oft mehrere Hundert, ja selbst Tausende. In dunklen, ungesunden Löchern auf einander gestopft, verschmachteten diese Elenden in Verzweiflung.

Bedienten sie bei Tische, so war ihnen nicht erlaubt, die Lippen zu bewegen; das geringste Flüstern wurde mit Peitschenhieben bestraft; das mindeste unfreiwillige Geräusch, wie Husten, Niesen, war ein Verbrechen, das man sie grausam büßen ließ. Sie wurden genöthigt, die ganze Nacht stehend aufzubleiben, ohne irgend eine Nahrung zu sich zu nehmen, ohne ein einziges Wort austauschen zu dürfen.

Eine blutdürstige Laune war während ihrer Toilette der gewöhnliche Humor der römischen Damen, die an den Anblick von im Amphitheater zerrissenen menschlichen Wesen gewöhnt waren. Die unglücklichen Sklavinnen bezahlten mit ihrem Blute und ihren Thränen den Kummer oder die schlechte Laune ihrer schuldvollen Despotin. Bis zum Gürtel entblößt standen sie vor ihrer Herrin da, deren mit einem schneidigen Eisen bewaffnete Hand zum Zerfleischen des Armes oder der Brust bei der geringsten Ungeschicklichkeit, die sie begingen, bereit stand. An ihnen rächte man die Unmöglichkeit der Kunst, die Gebrechen der Natur in Schönheiten umzuwandeln, die Blüthe der Jugend, welche das Alter oder die Ausschweifung der Jugend verwelkt hatten, zurückzurufen. Während sie die grausame Matrone scheitelten, stieß diese ihnen bald ihr Stilet in den Busen, bald ließ sie dieselben an den Haaren aufhängen und mit Riemen peitschen, bis es ihr zu sagen beliebte: Es ist genug. Diese Barbareien gaben dem Palaste einer Römerin das Aussehen einer Schlachtbank, so war er allerorten mit dem Blute der Sklaven bespritzt. –

Die zum Feldbau bestimmten Sklaven wurden noch mehr mißhandelt als jene, die zum persönlichen Dienste der Herren verwendet wurden. Alle hatten Fesseln an den Füßen; einige Herren ließen sie mit einem glühenden Eisen im Gesichte zeichnen. Genöthigt, unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend unter dem Stocke zu arbeiten, schloß man sie die Nacht hindurch in stinkende, unterirdische Gewölbe ein. Man gab ihnen von den gemeinsten Nahrungsmitteln nur das, was sein mußte, um sie nicht Hungers sterben zu lassen. Wehe dem, der sich einen Seufzer nach der Freiheit erlaubte! er wurde in das Amphitheater als Futter für die wilden Thiere gesendet, seinen Unglücksgefährten zur Warnung, seinen Unterdrückern zum Schauspiel. An den Feiertagen, während die Lastthiere ausruhten, wurden die Sklaven gezwungen, die alten Gruben zu reinigen, die Wege zu pflastern, die Gärten umzugraben, das Unkraut auszujäten und die Wasserbehälter auszuschlämmen. Kein Gesetz beschützte sie, sie waren den Thieren gleichgestellt; ja noch mehr, man achtete sie gleich einem Geräthe, einem Werkzeuge; sie waren die Sache des Herrn; sie waren mehr als verächtlich, sie waren Nichts. Kein Gericht stand für ihrre Klagen offen; wenn sie dahin berufen wurden, nahm man ihnen ihre Aussage nur mit der Folter ab; die Folter allein gab ihrer Aussage eine Art gesetzlicher Autorisation. Da der Herr alles Recht über seinen Sklaven hatte, konnte er ihn aus Spekulation der Unzucht, der Verstümmelung, dem Tode überliefern.

Juvenal berichtet, daß eine römische Dame ihren Sklaven kreuzigen ließ, weil es ihr so gefiel. Horaz spricht von an´s Kreuz gehefteten Sklaven, weil sie eine Sauce gekostet, einen Fisch angeschnitten hatten. Wurde der Herr das Opfer eines Meuchelmordes, so wurden alle Sklaven seines Hauses hingerichtet. Vierhundert Sklaven des Pedarius wurden zu Tode geschleppt, weil sie sich mit ihrem Herrn, als er ermordet wurde, unter demselben Dach befanden. Bei den Leichenfeierlichkeiten der Reichen opferte man eine gewisse Anzahl Sklaven. Manchmal erwürgte man bei den Gelagen einen Sklaven, um sich an dessen Schmerzen zu weiden. War ein Sklave alt,  so ließ man ihn auf der Insel Tiber verhungern; denn er besaß weder Familie, noch Eigenthum, noch Geld, noch Recht; das Gesetz untersagte ihm jedes Eigenthum. Der Vater konnte seine Kinder, der Gläubiger seinen Schuldner als Sklaven  verkaufen. Zudem war jeder Kriegsgefangene Sklave. Der Epirus lieferte den Römern einmalhundertfünfzigtausend Sklaven, die Cimbern und Teutonen ebensoviel, die Juden nach der Einnahme Jerusalems neunmalhundertsiebenzigtausend, die Gallier zur Zeit Cäsars eine Million. Italien zählte mehrere Millionen Sklaven. Hätten sie eine besondere Tracht getragen, sagt Seneca, so wäre man über die kleine Anzahl freier Bürger erschrocken. Die Folge waren Verschwörungen und Sklavenkriege.

Wie sehr müssen wir Gott danken für das Christenthum, welches die Sklaverei aufhob! Vielleicht würden auch wir unter dem Sklavenjoche seufzen, wenn Christus nicht gekommen wäre. Wie unglücklich waren die Sklaven, kein Trost der Religion erleichterte und tröstete ihre Herzen! So tief sinkt die Menschheit ohne Gott, daß sie den Bruder für eine Waare ansieht! So tief würde die Menschheit wieder sinken, wenn der Unglaube und die Freidenkerei und Atheisterei überhand nehmen möchte.

Anmerkung ETIKA:

In der Hölle im Erdkern sind die Verhältnisse umgekehrt. Die Sklaven (jene, die nicht erlöst wurden) sind jetzt die Herren und zahlen es ihren Peinigern mit gleicher Münze heim. Lies den Roman „Jedem nach seinen Taten“ von Rainer Lechner (2. Ausgabe; 1. Ausgabe von Delmonte).

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