ETIKA

Kneipp-Reile

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27KR4

Wasseranwendungen
Allgemeines

14.3.2009

Das große Kneippbuch. Ein Volksbuch für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian Kneipp. Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und herausgegeben von Bonifaz Reile, langjährigem Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Ab Seite 349.

Inhalt dieses sehr langen Kapitels:
Allgemeines - In welchem Zustand muß man sein? - Verhaltensmaßregeln bei den Bädern und den Güssen -
Die einzelnen Anwendungen des Wassers

Allgemeines.

Dem Wesen aller Krankheiten entsprechend, wonach dieses durch Störungen des Blutes, nämlich durch anormalen, fehlerhaften Blutumlauf, oder durch dem Blute beigemischte, verdorbene, fremdartige Bestandteile, die Krankheitsstoffe, entstehen, verfolgen die Wasseranwendungen den dreifachen Zweck des Auflösens, des Ausscheidens der Krankheitsstoffe und der Kräftigung des Organismus.

Im Allgemeinen kann gesagt werden, daß

·       der erste Dienst des Lösens von allen Dämpfen und den warmen Kräutervollbädern besorgt wird;

·       der zweite Dienst des Ausscheidens von sämtlichen Wickelungen, zum Teil von den Gießungen und Aufschlägern;

·       der dritte Teil der Kräftigung von allen kalten Bädern, allen Gießungen, zum Teil von de Waschungen, endlich von dem gesamten Material der Abhärtung.

Ins Einzelne kann und will ich an dieser Stelle, um nicht zu Mißverständnissen Anlaß zu geben, nicht eingehen.

Da eine jede Krankheit in den oben angegebenen Blutstörungen wurzelt, so leuchtet ein, daß auch in einem jeden Krankheitsfalle alle drei Arten der Anwendung oder mit anderen Worten verschiedene Anwendungen vorkommen müssen, welche mehr oder weniger auflösen, ausleiten und kräftigen; ferner, daß nicht der kranke Körperteil allein, etwa der Kopf oder der Fuß oder die Hand, in Behandlung kommt, sondern stets der ganze Körper, den ja in solchem Falle krankes Blut durchströmt: die kranke Stelle mit Vorzug und besonderer Berücksichtigung, der übrige Körper als mitleidender. Es wäre einseitig und weit gefehlt, in diesen zwei wichtigen Punkten anders handeln zu wollen. Manche Beispiele im späteren Verlauf werden meine Behauptung rechtfertigen.

Wer immer das Wasser, so wie ich denke und wünsche, als Heilmittel gebraucht, dem sind die Anwendungen niemals Selbstzweck, d. h. er wird nie wie ein Tor Vergnügen daran haben, daß er mit recht Vielem, mit Dämpfen und Güssen und Wickeln, „hantieren und prahlen und wüten“ kann. Die Anwendungen werden einem Verständigen stets nur Mittel zum Zweck sein. Erreicht er diesen durch das gelindeste Wässerchen, so wird er glücklich sein; denn seine Aufgabe ist ja nur, der nach Gesundheit d. i. nach selbsteigener und selbständiger Tätigkeit ringenden Natur zu dieser Freitätigkeit zu verhelfen, die Krankheitsbande, die Leidensketten zu lösen, auf daß sie ungehindert und frisch und freudig alle Arbeit wieder allein tue. Nach Vollendung dieser Aufgabe zieht der Heilende sofort und gerne seine Hand zurück.

Diese Bemerkung ist wichtig, noch wichtiger das Darnachachten. Gar nichts nämlich bringt das Wasser als Heilelement so sehr in Verruf und Mißkredit als indiskretes, maß- und vernunftloses Anwenden, scharfes, strenges, schroffes Verfahren. Diejenigen, ja allein diejenigen, ich kann es nicht oft genug wiederholen, welche sich als Sachverständige im Wasserheilverfahren aufspielen, aber mit ihren endlosen Wickeln, ihren fast das Blut austreibenden Dämpfen u. a. jeden Patienten abschrecken, richten den größten Schaden an, der nur überaus schwer wieder gut zu machen ist. Ich heiße das nicht das Wasser zu Heilzwecken gebrauchen, ich heiße solche Gewalttaten – man verzeihe den Ausdruck! – dem Wasser Schande antun.

Wer immer die Wirkungen des Wassers versteht und es in seiner überaus mannigfaltigen Art anzuwenden weiß, besitzt ein Heilmittel, welches von keinem anderen, wie immer benamsten Mittel übertroffen werden kann. Keines ist mannigfaltiger in der Wirkung, sozusagen dehnbarer als Wasser.  In der Schöpfung beginnt es mit den unsichtbaren Luft- oder Dampfkügelchen, setzt sich fort im Tropfen und schließt ab mit dem den größten Teil der Erde erfüllenden Weltmeer. Das muß jedem Hydropathen ein Fingerzeig sein und Jedem sagen, daß eine jede Anwendung, mag sie Wasser in tropfbar oder dehnbar flüssiger Form erfordern, der Steigerung von dem gelindesten bis zum höchsten Grade fähig sei, daß in jedem Einzelfalle nicht der Patient sich nach dem Wickel, dem Dampf u. s. w., sondern jederzeit jedwelche Anwendung sich nach dem Patienten zu richten habe.

In der Auswahl der zu treffenden Anwendungen zeigt sich der Meister. Der Heilende wird den zu Heilenden ohne jede Auffälligkeit streng prüfen. Zuerst werden die sekundären Leiden in die Augen springen, d. i. die Nebenkrankheiten, welche wie Giftpilze aus dem innern Krankheitsboden hervorschießen. Sie lassen in der Regel schnell auf den Herd der Krankheit, auf das Hauptleiden schließen. Man frägt und sieht nach, wie weit die Krankheit vorangeschritten, welches Unheil sie bereits angerichtet. Dann schaut man den Patienten an, ob er alt oder jung, schwach oder stark, mager oder korpulent, ob er blutarm, nervös u. s. w. sei. All diese Punkte und noch andere mehr zeichnen in den Geist das richtige Krankenbild, und erst wenn dieses klar und fertig ist, greift man in die Wasserapotheke und wendet an nach dem Grundsatze: Je gelinder, je schonender, desto besser und wirksamer.

Im Allgemeinen mögen an dieser Stelle noch folgende Bemerkungen Platz finden, welche die sämtlichen Wasseranwendungen angehen.

Keine Anwendung, heiße sie, wie sie wolle, kann schaden, wenn dieselbe in der vorschriftsmäßigen Weise genommen wird.

Die meisten derselben geschehen mit kaltem Wasser, sei es Brunnen-, Quell-, Flußwasser o. a. In allen Fällen, in denen nicht extra warmes Wasser verordnet ist, gilt der Ausdruck „Wasser“ stets nur von kaltem Wasser. Dabei folge ich dem Erfahrungsgrundsatze: Je kälter, desto besser. Zur Winterszeit mische ich für Gesunde in das zu Güssen bestimmte Wasser noch kältenden Schnee. Man werfe mir nicht Schroffheit vor; denn man bedenke die überaus kurze Dauer meiner Kaltwasseranwendungen. Wer es einmal gewagt hat, hat es für immer gewonnen, alle Vorurteile sind ihm benommen. Indessen bin ich nicht unerbittlich.

Anfängern in der Wasserkur, schwächlichen, insbesondere ganz jungen und ältern, hochbetagten Personen, Kranken, welche das Kalte zurückschreckt, Leute, welche wenig Naturwärme haben, Blutarmen und Nervösen gönne ich namentlich zur Winterszeit zum gewärmten Bad- und Gießraume (14-15 0 R.) mit Freuden für den Beginn laues, „abgeschrecktes“ Wasser zu einer jeden Anwendung. Die Fliegen locke ich ja auch mit Honig, nicht mit Salz oder Essig.

Die warmen Anwendungen erhalten in jedem einzelnen Falle bezüglich der Wärmegrade, der Dauer u. s. w. genaue, spezielle Vorschriften. Die Wärmegrade, mit R. bezeichnet, bedeuten stets Réaumur.

Betreffs der kalten Anwendungen schulde ich (später ist dieser Punkt oftmals betont und des Weitern erörtert) in Kürze noch einige Winke, welche das Verhalten vor, während und nach der Anwendung regeln.)

Niemand wage es, bei Kältegefühl, Frösteln u. s. f. irgend eine kalte Anwendung vorzunehmen, wenn dieses an der betreffenden Stelle nicht extra erlaubt ist. Die Anwendung soll tunlichst schnell (jedoch ohne Angst und Hast) vorgenommen werden; auch beim Aus- und Ankleiden soll durchaus keine Verzögerung eintreten, z. B. durch langsames Zuknöpfen, Binden. All diese Nebenarbeiten können geschehen, wenn der ganze Körper einmal ordentlich bedeckt ist. Ein kaltes Vollbad soll, um ein Beispiel anzuführen, zum Auskleiden, Baden und Ankleiden die Zeit von vier bis fünf Minuten nicht übersteigen. Es bedarf dazu nur einiger Übung.

Nach keiner, gleichviel, wie sie heißt, kalten Anwendung wird (außer dem Kopfe und den Händen bis zur Handwurzel – Letzteres, um beim Anziehen der Kleider diese nicht naß zu machen) der Körper je abgetrocknet. (Anmerkung ETIKA: Are Waerland hingegen erlaubt das Abtrocknen mit einem groben Handtuch, worauf man zum Trockenbürsten übergeht.) Den nassen Körper bedeckt man sofort mit dem trockenen Hemde und den anderen Kleidungsstücken; man tut dieses möglichst schnell, wie gesagt wurde, um tunlichst bald alle nassen Stellen luftdicht abzuschließen.

Dieses Verfahren erscheint Manchen, ja den Meisten eigentümlich, da sie meinen, sie müßten jetzt den ganzen Tag „naß herumlaufen“. Bevor sie ein Urteil fällen, mögen sie es nur einmal probieren. Sie werden es alsbald fühlen, wozu das Nichtabtrocknen taugt und gut ist. Das Abtrocknen ist ein Reiben und erzeugt, da es unmöglich an allen Stellen auf ganz gleichmäßige Weise geschehen kann, ungleichgradige Haut- und Naturwärme, was bei Gesunden wenig, bei Kranken und Schwachen oft sehr viel zu bedeuten hat. Das Nichtabtrocknen verhilft zu der geordnetsten, gleichmäßigsten und schnellsten Naturwärme. Es geschieht gleichsam, wie wenn man Wasser ins Feuer spritzt. Die innere Körperwärme benützt das am äußeren Körper anklebende Wasser als Material zu rascher Bildung intensiverer, größerer Wärme. Wie gesagt, nur auf eine Probe kommt es an.

Dagegen verordne ich strenge, daß der Angekleidete nach jeder Wasseranwendung sich Bewegung mache (geschehe es durch Arbeit oder Spazierengehen), welche so lange dauere, bis alle Teile des Körpers vollkommen trocken und normal warm sind. (Anmerkung: Are Waerland macht das mit Gymnastik; an anderer Stelle empfehlen wir das Bali-Gerät und das Masseur-Deuser-Band.) Im Beginne der Bewegung kann man etwas rascher gehen, nach Eintritt der Wärme langsamer. Man fühlt sich am besten, wann die normale Körperwärme eingetreten ist und die Bewegung, das Gehen aufhören kann. Solche Patienten, welche schnell erhitzt sind und leicht in Schweiß kommen, sollen gleich von Anfang an langsamer und eher etwas länger gehen und ja nicht schwitzend oder erhitzt sich setzen, selbst nicht im warmen Zimmer. Ein Katarrh wäre die unausbleibliche Folge.

Als Regel für Alle kann gelten, daß die Minimalzeit, die kleinste Zeit der Bewegung nach einer Anwendung stets eine Viertelstunde betragen soll. Wie dieselbe ausgefüllt werde (durch Gehen, körperliche Arbeit u. s. w.), bleibt sich, wie gesagt, gleich.

Diejenigen Anwendungen, welche das Bett vorschreiben, vornehmlich die Aufschläger und die Wickelungen, enthalten diese Notiz an Ort und Stelle, ebenso das einer jeden besonderen Übung Eigenartige. Wer bei einer solchen Anwendung einschläft, den soll man im Frieden schlafen und ruhen lassen, selbst wenn die vorgeschriebene Zeit vorüber ist. Wie beim kleinsten und größten Bedürfnis, versieht auch hier die Natur selbst die besten und genauesten Weckuhrdienste.

Sind Tücher notwendig, so verstehe ich darunter niemals feine Leinwand, sondern körniges, wo möglich gröberes Reisten. Wenn einfache, arme Leute statt dessen nur abgenützten Zwillich (Zwilch), einen hänfernen Kaffeesack oder noch Ärmere einen weichen „Rupf“ o. A. zur Hand haben, so sind sie nicht im Nachteil. Zum Abwaschen des Körpers, was oft vorkommt, taugt ebenfalls am besten ein ziemlich grobes, linnenes oder hänfenes Tuchstück.

Aus Gründen, welche ich in der Einleitung kurz andeutete, bin ich gegen die Wolle als Kleidungsstück auf bloßer Haut. Dagegen dient mir der Wollstoff vorzüglich als Umhüllung, z. B. des eiskalten Wickels. Er entwickelt rasche und reichliche Wärme und steht in dieser Beziehung unübertroffen da. Aus dem gleichen Grunde empfehle ich bei solchen Anwendungen das Federbett als Zudecke.

Das sogenannte Frottieren, ob es nun durch Reiben oder Bürsten oder auf sonstige Weise geschieht, findet bei meinen Anwendungen keine Stelle. Den einen Zweck desselben, der im Erwärmen besteht, erfüllt bei mir gleichmäßiger und egaler das Nichtabtrocknen; den anderen, nämlich die Öffnung der Poren, die Steigerung der Hauttätigkeit u. s. w. besorgt das grobe Linnen- oder Reistenhemd, wieder mit dem Vorteile, daß dieses nicht wie die Bürste minutenlang, sondern bei Tag und Nacht, ohne Opfer von Zeit und Kraft arbeitet. Wenn an manchen Stellen von kräftiger Abwaschung die Rede ist, so verstehe ich darunter lediglich ein schnelles Abwaschen der ganzen zu behandelnden Stelle. Das Naßwerden, nicht das Geriebenwerden ist die Hauptsache.

Ein Punkt möge hier noch erwähnt werden. Die Anwendungen am Abende, in der Zeit vor dem Schlafengehen, behagen den meisten Menschen nicht, sie werden dadurch aufgeregt, gleichsam aus dem beginnenden Schlafe gerüttelt. Andere dagegen wiegt eine gelinde Abendanwendung in sanften Schlaf. Ich empfehle solche Anwendung im Allgemeinen nicht, rate indessen einem Jeden, er möge in diesem Stücke nach seinem Gutdünken, nach seinen Erfahrungen handeln, da ja er allein auch die Folgen zu tragen haben wird.

Bezüglich der speziellen Kenntnisse für eine jede besondere Anwendung verweise ich auf die folgenden Abschnitte. Daselbst ist auch angegeben, welche Anwendungen für sich allein als sogenannte ganze, und welche nur als Teilanwendungen, d. h. als solche, welche nur in Verbindung mit anderen auftreten, zu gelten haben, ebenfalls, welche der Anwendungen (Dämpfe) besondere Vorsicht erheischen.

Ich schließe diesen allgemeinen Teil mit dem Wunsche, daß durch die Wasserübungen recht viele Gesunde noch mehr erstarken und recht viele Kranke genesen mögen, und schicke dem Teile, der die Wasseranwendungen im Einzelnen aufzählt und beschreibt, noch einige wichtige allgemeine Ausführungen über den Zustand, in dem man sich bei den Anwendungen befinden soll, voraus.

In welchem Zustande muß man sein, um eine Anwendung vornehmen zu können?

Das Allererste und Notwendigste ist, wie schon oben kurz betont, daß der Körper seine volle Naturwärme hat, d. h. es darf ihn nicht frösteln und nicht frieren.

Diese Wärme muß man sich verschaffen, indem man entweder vorher in einem erwärmten Lokale sich aufgehalten hat oder durch Bewegung und Arbeit den ganzen Körper in einen warmen Zustand gebracht hat. Wer halb kalt und halb warm ist, bei dem würde das Wasser entweder nur wenig oder gar nicht wirken, vielmehr im Gegenteile geradezu nachteilig sein; denn es tritt die Kälte des Wassers in den Zweikampf mit der Wärme der Natur. Ist wenig Naturwärme vorhanden, so wird die Kälte recht leicht den Sieg davon tragen, und der Körper würde nicht leicht wieder warm werden, oder es könnte auch die Kälte ein langwieriges Fieber bewirken. Also bei allen Anwendungen ist die erste Bedingung, daß der Körper seine vollständige Wärme habe.

Anders verhält es sich jedoch bei Solchen, welche an kalten Füßen leiden. Wer mit kalten Füßen im Schnee geht (man muß es nicht gerade so lange tun wie der Sohn Andreas Hofers 1809 nach dessen Gefangennahme beim Abstieg von der Pfandler Alm, im neuen Film „Das Heilige Land Tyrol“ gespielt von …), bekommt sie am allerschnellsten warm und bringt sie in eine große Wärme. Mit kalten Füßen im kalten Wasser gehen ist auch gut und macht am allerehesten warme Füße; doch darf dieses Wassergehen die Zeit von drei bis fünf Minuten nicht überschreiten. Je kälter das Wasser ist, um so rascher und um so stärker wird die Wärme einwirken. Man darf also nur bei voller Naturwärme im Wasser gehen oder eine Wasseranwendung vornehmen.

Nun frägt es sich: Wie warm darf man sein, und kann man auch im Schweiße ins Wasser? Die Antwort lautet: Die höchste Naturwärme ist für den Kampf mit dem kalten Wasser am allerbesten. Wer im Schweiß die Anwendung vornimmt, der wird auch den besten Erfolg haben, und sollte Jemand wirklich von Schweiß triefen, so daß er ihm von der Stirne und vom ganzen Körper rinnt, er wird sicher den allerbesten Erfolg erreichen.

So lange ich lebe, habe ich warnen gehört, man solle im Schweiß ja kein Bad nehmen; ich selbst aber habe wohl über fünfhundert Mal im stärksten Schweiß ein kaltes Bad genommen und auch Anderen geraten, und nicht ein einziger Fall kam mir vor, bei dem nicht der beste Erfolg eingetreten wäre. Es ist auch ganz klar; ist die Wärme eine Kraft gegen das Wasser, so muß die höchste Wärme die höchste Kraft sein.

Man sagt gewöhnlich: Das Blut ist erhitzt und in Wallung bei großer Hitze. Das ist allerdings wahr, aber dieser Zustand wird so augenblicklich gemildert und gedämmt, daß er für den Schwitzenden die höchste Wohltat wird, wie wenn er im Schweiß seine Hände und sein Gesicht abwischt. Sollte der Puls in der Hitze und vom Gehen 150 Schläge in einer Minute machen vor dem Baden, so wird er nach dem Baden nur mehr 80, höchstens 90 Schläge machen.

Man sagt: die Lunge kann es nicht verarbeiten, und der plötzliche Druck auf die Lunge schadet; es kann eine Lungenlähmung hervorbringen. Auch das ist unwahr. Es ist doch nicht denkbar, daß das Wasser in zwei Sekunden in die inneren Organe eindringen kann, um sie zu zerstören; denn man geht allererst in das Wasser bis an die Brust, und in einer Sekunde schon hat das kalte Wasser viel Hitze verschluckt. Man wäscht dann rasch die Brust, und die brennende Hitze wird gleichsam weggefegt; wenn man dann will, kann man sich ganz gut bis an den Hals eintauchen, oder man kann den Oberkörper waschen und damit auch das Bad beschließen.

Auf die Frage: „Wie lange soll ein Bad dauern?“ lautet die Antwort: „Das kürzeste Bad ist das beste.“ Die gewöhnliche Dauer ist ein bis zwei Sekunden; nur ausnahmsweise darf es auch fünf bis sechs Sekunden dauern. (Anm.: Oh Schreck, wenn der Abschreiber daran denkt, wie er einst im Kleinen Montiggler See das Eis aufgehackt und dann oft weit in den See hinaus geschwommen ist.) Gerade hierin hat man bisher die größten Fehler begangen, daß man die Bäder zu lange gemacht und dadurch eine wahre Tyrannei gegen den Körper verübt hat, was sicher nicht den Erfolg haben konnte, wie ihn das kurze Bad aufweist, und zudem auch noch Jeden vor einer solchen Tortur zurückschreckt.

·       Wie viel wird dem Körper Wärme entzogen, wenn man 6 bis 10 Minuten oder noch länger im kalten Wasser bleibt!

Ist aber einmal dem Körper Wärme entzogen, so kommt er nur sehr schwer wieder zu der erforderlichen Temperatur. Ein bis zwei Sekunden werden jedoch nicht viel entziehen können, und deshalb entwickelt sich auch recht rasch die angenehmste Wärme; das ist auch die Ursache, warum jetzt so Viele für das Wasser schwärmen, die früher den größten Graus vor einem kalten Bade hatten. Von dieser kurzen Dauer also kommt es, daß das kalte Wasser jetzt nicht mehr so gefürchtet wird; es dauert ja nur ein paar Augenblicke, erleichtert sehr schnell und bewirkt weder Frösteln noch Frost.

Nun entsteht die Frage: Wie kalt darf das Wasser sein? Die Antwort lautet: Je kälter, desto besser. Ich habe schon viele Bäder genommen und Andern dazu geraten, wobei in das Wasser noch Schnee gemischt wurde. Schaudert man das erste Mal zurück, so geht man das zweite Mal um so herzhafter daran, weil man die Überzeugung gewonnen, daß das kälteste Wasser am schnellsten die angenehmste Wärme entwickelt. Also das kälteste Wasser ist das beste.

Dieses gilt, wie bei den Kindern, so auch bei den alten Leuten, wenn es mit der größten Vorsicht angewendet wird. Taucht man ein Kind ins Wasser, zählt dabei bloß eins, zwei und legt es schnell wieder ins warme Bett, aus dem es herausgenommen wurde, so wird das kleine Geschöpf, und sollte es erst einige Tage alt sein, sicher recht bald warm werden, und man wird den besten Grund zur Abhärtung legen. (Anmerkung: Nach einem plötzlichen Kindstod im Trentino warnte heute im Radio ein Arzt vor zu warmer Luft und Rauch im Zimmer. Das Kind ist buchstäblich erstickt, weil die Luft zu wenig kalt und rein war. 11.3.2009)

Es kam im heurigen Jahre eine Persönlichkeit aus den höchsten Ständen zu mir, ziemlich hoch betagt und so abgemagert und gebrechlich, daß sie nur kurze Strecken gehen konnte. Diese Person hat gebeten, man möchte mit lauwarmem Wasser anfangen; sie habe schon mit warmen Fußbädern den Anfang gemacht. Ich gab ihr einen zarten Schenkelguß mit ganz kaltem Wasser, auf den sie recht schnell warm wurde; seitdem sagte sie nie mehr etwas vom warmem Wasser, weil es ihr in Folge der rascheren Entwicklung der Wärme und Steigerung der Kräfte immer behaglicher wurde.

Also bleibt der Hauptgrundsatz: Das kälteste Wasser ist das beste. Ob das Wasser aus einem Bache oder einem Brunnen kommt, ist ganz gleich, wenn es nur naß und frisch ist.

Nun frägt es sich: Soll man ins Wasser hinein hüpfen oder springen? Die Antwort lautet: Man soll langsam in das Wasser hineinsteigen, ebenso auch mit den Gießungen von unten nach oben beginnen, damit der Körper recht schonend behandelt wird. Zu rasch ins Wasser gehen rate ich nicht, weil der Wasserschlag auf den Körper zu stark ist; langsam ins Wasser steigen bringt keinen Nachteil, während zu große Eile gefährlich werden kann.

Ein Schulknabe wollte ein Bad in einem Bache nehmen. Er nahm einen starken Anlauf und sprang ins Wasser, wo es ungefähr einen Meter tief war. Wie er hineinsprang, tauchte er schnell unter und wurde zur Leiche. Da ist aber nicht die Kälte des Wassers schuldig, - es war Sommerszeit -, sondern der zu rasche Schlag des Wassers auf den Körper, auf Herz und Brust verursachte eine Lähmung. Mir sind drei solche Fälle bekannt. Natürlich mußte jedesmal das Wasser die Schuld tragen, obwohl es Sommer war. (Anmerkung: Wir denken an jenen Bürgermeister aus dem Etschtal, dem das Gericht Haus und Hof wegnehmen wollte, weil er im Schwimmbad eine Rutsche hatte aufstellen lassen, auf der ein Jugendlicher in den Tod gerutscht war. Die Tageszeitung „Dolomiten“ hatte daraufhin eine Spendensammlung gestartet, denn die Empörung über das Urteil war im ganzen Lande groß. Beim Jüngsten Gericht werden wir sehen, woran jener Jugendliche gestorben ist und ob der Bürgermeister wirklich Schuld auf sich geladen und der Richter richtig geurteilt hat. Er ging freilich davon aus, daß die Rutsche fehlerhaft konstruiert war. Allerdings muß angemerkt werden, daß die Rutsche nach dem Unfall noch zehn Jahre lang in Betrieb gewesen sein soll und nie etwas passiert ist, so sagte jemand im Radio. Wir haben das Obduktionsergebnis nicht parat, können uns also irren. Unser Gefühl sagt uns aber, daß der Bürgermeister unschuldig war.)

Also bleibt Hauptgrundsatz: Wie der Körper ganz warm sein soll, so soll man auch die Anwendung auf den ganzen Körper auf das schonendste und zarteste vornehmen.

Eine weitere Frage beschäftigt auch Viele, nämlich wann die Anwendungen vorgenommen werden können. Hierauf lautet die Antwort: Weil die Einwirkung auf die Natur ganz gelinde vor sich geht und den Organismus nicht besonders angreift, so darf man auch nicht besonders ängstlich sein, wann eine Anwendung vorgenommen werden soll. Hier müssen wir wohl unterscheiden zwischen einem Anfänger, der ans Wasser noch nicht gewöhnt ist, und Einem, der seine Natur ans Wasser bereits gewöhnt hat, wie es z. B. beim Händewaschen so ziemlich Jedem ganz gleichgültig ist, zu welcher Zeit er dies vornimmt.

Ich habe eine größere Anzahl kalter Bäder genommen, wenn ich zur Nachtzeit aufgewacht bin, mag es nun 12, 2 oder 3 Uhr gewesen sein. Ich habe mehr als zwei Jahre mein tägliches Bad genommen, sobald ich aufgestanden bin; ich habe es auch am Abend genommen, wenn das Tagewerk vollbracht war, ebenso recht oft unmittelbar vor und nach dem Essen gebadet; mir hat Alles gut getan.

Durch die Länge der Zeit bekam ich eine solche Naturwärme, daß ich nach dem Baden gar nicht mehr nötig hatte, Bewegung zu machen; ich war gewöhnlich nach dem Baden wärmer als vorher. Anfänger sollen nach meiner Überzeugung nicht unmittelbar vor Tisch und nicht gleich nach Tisch ins Wasser gehen, weil, wenn man sich nach dem Baden sogleich an den Tisch setzt, nicht so bald die nötige Wärme eintritt. (Anmerkung ETIKA: Achtung, auch nicht mit vollem Magen in die Badewanne oder ins Schwimmbecken, denn es könnte ein Schock eintreten!)

Abends vor dem Schlafengehen soll ein Anfänger auch nicht baden, weil der Körper zu dieser Zeit müde und zum Schlafe geneigt ist und durch das Bad allzu sehr angegriffen wird, worauf gerne ein etwas unruhiger Schlaf eintritt. Vor dem Schlafengehen rate ich also das Bad nicht; doch kenne ich Mehrere, die gerade vor dem Schlafengehen ihr Bad nehmen und dann am besten schlafen. Die sollen es immerhin tun, und es wird ihnen auch nicht schaden. Es kann also Jeder selbst darauf kommen, welche Zeit die beste ist. Ich muß nochmal wiederholen: Die Einwirkung des Wassers auf die Natur unseres Körpers ist in diesen einfachen Anwendungen so gelind und schonend, daß von einem starken Angegriffensein wohl kaum die Rede sein kann.

Wie soll man sich nach dem Bade verhalten? Wie man vor dem Baden ganz warm sein soll, wenn man einen guten Erfolg erzielen will, so soll man auch Sorge tragen, daß man nach dem Bade so schnell als möglich wieder warm wird. Das ist wohl einer der wichtigsten Punkte für den Hydropathen. Wer ans Wasser gewöhnt ist, der macht sich nichts daraus; er ist bald wieder ganz erwärmt.

Schwächere oder recht verweichlichte Leute müssen doppelt Sorge tragen, daß sie die natürliche Wärme sobald wie möglich wieder bekommen; dies geschieht entweder durch einfache Bewegung oder dadurch, daß man in ein warmes Lokal (Zimmer) geht und dort so lange Bewegung macht, bis man vollständig erwärmt ist. Man vergesse aber ja nicht, daß, wenn diese Reaktion vor sich gegangen und eine angenehme Wärme eingetreten ist, vielleicht eine zweite und sogar dritte Reaktion eintreten kann! Wenn man daher nach einiger Zeit etwas Frösteln verspürt, so muß man eben wieder Bewegung machen, bis die volle Wärme da ist.

Man kann sich auch durch verschiedene Turnübungen eine raschere Wärme verschaffen. Doch warne ich vor zu vielen anstrengenden Bewegungen, die selbst einen geruhten Körper müde machen; solche würden die kräftigende Wirkung des Wassers vereiteln. Man muß in jeder Beziehung den Körper schonend behandeln.

Ratsam ist es für den, der Zeit und Gelegenheit hat, die Anwendungen in der Frühe vorzunehmen; wer es jedoch Nachmittags tun will, für den ist die beste Zeit eine Stunde nach dem Mittagessen oder eine Stunde vor dem Abendessen. Aber auch zur Nachtzeit vom Bette aus, nach dem ersten Schlaf, wo der Körper die meiste Naturwärme besitzt und auch schon etwas geruht hat, sind Wasseranwendungen sehr am Platze; nur muß man dann rasch wieder ins Bett, damit man wieder die notwendige Wärme bekommt.

Verhaltensmaßregeln bei den Bädern und den Güssen.

Achtet immer darauf, daß die Anwendungen so gemacht werden, wie ich dieselben angeben werde! Es gibt viele Leute, welche zwei bis drei Anwendungen recht gut machen; dann kommt ihnen aber in ihrer Dummheit in den Kopf, die eine oder andere Wasseranwendung hinzuzufügen, und sie verderben Alles wieder. Nicht das Viele, sondern die zarteste Behandlung sagt unserer Natur am meisten zu.

Bedenken wir nur, wie zart unsere Augen sind! Betrachten wir einmal dieselben, betrachten wir die hundert und hundert kleinen Äderchen! Dafür taugt eine gelinde Behandlung, nicht aber eine schroffe und gewalttätige. Ich glaube kaum, daß das vielgepriesene Massieren und Kneten den günstigen Erfolg hat, von welchem man oft zu hören bekommt. Man könnte es oft besser maltraitieren statt massieren heißen. Da nehmet lieber einen vernünftigen Blitzguß! Der fängt an zu klopfen und treibt Alles heraus, was herausgetrieben werden soll, und wenn ihr auch eine Hypotheke von vierzig Pfund habet, der Blitzguß wird dieselbe löschen und euch von der Last befreien. Wenn unsere Organe aus Draht wären, so könnte man sie in schroffer Weise behandeln; da sie aber so fein sind, muß man sie auch recht vorsichtig behandeln.

Der Körper des Menschen ist so wunderbar, daß wir sagen müssen: Nur ein Gott konnte einen solchen Körper ausdenken und erschaffen. Aber wer kümmert sich um seinen Körper? Der Mensch ist zufrieden, so lange er gesund ist, etwas zu essen hat und dem Vergnügen nachgehen kann.

·       Wir müssen uns schämen, uns Bilder Gottes zu nennen, weil wir uns so wenig um das Meisterwerk, welches Gott erschaffen hat, bekümmern.

·       Wir müssen uns schämen, daß wir auf der Welt sind und uns mit wertlosen und nichtigen Dingen abgeben, das Erhabene aber am allerwenigsten beachten.

Daher kommt es auch, daß wir in Folge unserer Ungeschicklichkeit und Unkenntnis so viel Mühsal und Elend an und um uns herum ertragen müssen.

Und eben daher kommt es, daß wir von hundert Mühsalen kaum einige beseitigen, weil wir eben zu faul sind, um zu denken, und so ungeschickt leben. Man schlägt die Hände zusammen und möchte alle Mühsale und Armseligkeiten abladen und die ganze Litanei abbeten und um Wegnahme alles Dessen bitten, was schadhaft ist am Körper vom Scheitel bis zur Fußspitze.

Nun wollen wir erwägen, welche Vorsicht wir beim Baden anwenden sollen. In meiner Kindheit hat man uns in der Schule gesagt: „Zum Baden dürft ihr gehen; aber geht dorthin, wo die Leute nicht hinkommen, damit ihr kein Ärgernis gebet! Wenn ihr zum Baden gehet und seid in Schweiß geraten, so seid vorsichtig!“ Denn wenn die Buben zum Baden gehen, so gehen sie nicht, sondern sie laufen. „Ihr müßt euch ordentlich abkühlen; wenn ihr das nicht tut, könnte euch der Schlag treffen, und ihr müßtet plötzlich sterben.“ So sagte man uns in der Schule. Worin bestand  nun das Abkühlen? Die Kleider wurden bis aufs Hemd abgelegt, und so hat man sich an die Luft gesetzt oder gestellt. Wehte der Wind, so war man schnell fertig; war das nicht der Fall, so mußte man länger warten. Dann wurde uns auch noch befohlen, bevor wir ins Wasser gingen, Arme, Schultern, Brust und Gesicht naß zu machen. Alles Das sollte mit der größten Vorsicht und Pünktlichkeit geschehen.

Aber gerade Dieses war die reinste Dummheit; denn wir dürfen nicht vergessen, daß die Naturwärme auch den Zweikampf mit der Kälte des Wassers aufnimmt. Wenn viel Wärme im Wasser ist, kommt es dem Körper zugute, und je größer die Kälte des Wassers ist, um so mehr Wärme muß der Körper haben. Stehe ich aber außer dem Wasser, bis ich bedeutend abgekühlt bin, und steige dann hinein, so komme ich schlecht gerüstet zum Kampfe. Im größten Schweiße hat der Mensch am meisten Wärme, und wenn er fröstelt, am allerwenigsten. Da ist doch ganz klar. Geht man daher sofort ins Wasser, so kann die Naturwärme den Kampf mit der Kälte des Wassers besser aufnehmen. Mit einem warmen Körper läßt sich´s gemütlich hineinsteigen.

Wenn die Buben einen Anlauf nehmen und in ein Wasser hineinspringen, welches ziemlich tief ist, so daß sie hinunterpurzeln und augenblicklich wieder in die Höhe kommen wie der Frosch, welcher schnell seinen Kopf wieder oben hat, so verwerfe ich das vollständig. Es sind mir selbst drei Fälle bekannt, in welchen plötzlicher Tod eingetreten ist.

Da war aber nicht die Hitze im Körper oder die Kälte des Wasser schuld, sondern das zu rasche Eintauchen und der Schlag, welcher dabei auf den Körper ausgeübt wird. Da kann selbst bei einem Menschen, bei welchem der Puls noch so langsam, schwach und matt geht, der Fall eintreten, daß das Lebensrad stehen bleibt. So ein Schlag auf die Brust, auf den ganzen Körper ruft eine gewaltige Erschütterung hervor, wobei leicht die Möglichkeit eintritt, daß das kaum noch schlagende Herz ins Stocken gerät, und dann tritt der Tod ein. Dann muß aber die Ursache sein, daß der Unglückliche sich nicht abkühlte, sondern im Schweiße ins Wasser gegangen ist.

Wenn Jemand vernünftig ins Wasser steigt, kann wohl von einem andern Einfluß als dem allerbesten kaum die Rede sein. Ist Jemand mit einem Pack beladen, so daß er kaum gehen kann, und sieht, daß ihm wenigstens einiges Gepäck abgenommen wird, so geht es schon leichter. Wenn Einer recht in der Hitze ist, dann ist der Kopf und der ganze Körper wie mit lauter Hitze beladen, und die Last, der Schweiß drückt. Kommt er nun ins Wasser, so wird die Last abgeladen. Wenn er mit den Füßen bis über die Knöchel ins Wasser hinein geht, merkt er schon das Wohlbehagen und sagt sich: „Das tut meinen Füßen wohl.“ Er tappt hinein wie die Gans ins Wasser; es wird ihm leichter und angenehmer, die Last wird weniger, und dem Körper wird wohler. Man muß nun aber nicht denken, daß man eine Stunde warten müsse, bis man ins Wasser darf; es ist einfach zu beachten, daß man nicht hinein springt, sondern hinein geht. In den ersten zwei bis drei Sekunden ist es gut, nur bis zur Körpermitte ins Wasser zu gehen; dann darf man ganz hinein. Man braucht auch nicht, wie Viele meinen, den Krebsgang zu machen und statt vorwärts rückwärts zu schreiten.

Wie lange soll man im Wasser bleiben? Vier bis sechs Sekunden. Kaum ist man im Wasser, so wird der Herzschlag, der durch die Hitze aufgeregt wurde, ruhiger.  Der Körper wird, sobald er ins Wasser kommt, entlastet. Müdigkeit und Bangigkeit verschwinden, und Kopf und Herz werden leichter. Das schnelle Atmen hört gleich auf. Nun frage ich: Was könnte da schaden? Auch hohe Herren, welche sonst viel wissen, haben geglaubt, daß das Wasser einen fürchterlichen Angriff auf das Herz mache. Ich machte vor ihnen Proben; ich ließ sogar Herzleidende begießen, während die Herren Ärzte Herz und Puls beobachteten. Da haben wir gesehen, daß schon in dem Augenblicke, in welchem das Wasser an den Körper kam, der Pulsschlag beruhigt wird; es gibt nicht einmal einen kleinen Stoß aufs Herz. Somit darf man die Ansicht, welche bisher herrschte, wohl als Aberglaube bezeichnen. Je wärmer der Körper ist, desto leichter geht er ins Wasser, desto willkommener und nützlicher ist das Baden. Wenn man vorher bange war, so geht es nach dem Baden besser; denn das ängstliche Gefühl wird abgeladen, und es wird Einem leicht und angenehm.

Wollt ihr recht vorsichtig sein, so geht zuerst bis an die Brust ins Wasser, weil im Oberkörper sich das Herz, die Lunge und die Sprachorgane befinden. Nach ein paar Sekunden – und die sind schnell vorbei – ist der Herzschlag bereits im Abnehmen begriffen. In drei Minuten war in einem Falle (Ärzte haben sich überzeugt) der Puls von 130 Schlägen auf 100 gesunken. Freunde, das bedeutet keine kleine Entlastung des Herzens!

Beobachten wir den normalen Herzschlag! In einer Minute schlägt das Herz siebenzig- bis achtzigmal. In Folge von Arbeit und Anstrengung des Körpers steigt die Zahl um dreißig Schläge in der Minute. Durch ein Bad kann man dem Herzen diese große Arbeit zum guten Teile abnehmen. Seht, welch ein Vorteil ein Bad ist! Nach dem Bade geht der Puls nimmer so hoch, d. h. es ist dem Herzen schon die Last in etwas abgenommen. Oder glaubt ihr, daß es keine Lust sei, in einer Minute 120 Schläge zu machen, d. h. so viel als 120 Schritte in einer Minute? Da ist es doch eine große Erleichterung, wenn diese Schläge weniger werden; das werdet ihr einsehen. Wenn viel Last abgenommen wird, trägt man leichter. Dann kommt aber erst das allgemeine Wohlbehagen. Ob ihr nun beim Baden bis zur Körpermitte in das Wasser geht oder hinsitzt und dabei den Oberkörper schnell benetzt oder aber zuerst bis zur Mitte ins Wasser kommt und nach vier Sekunden schnell den Körper bis an die Achseln eintaucht, ist ganz gleich.

Das höchste Unheil beim Baden ist, vorher hinzusitzen und sich der Luft auszusetzen. Wo die Poren offen sind, geht die Luft hinein. Findet einige Abkühlung statt, so schließen sich die Poren vielleicht, noch ehe der Schweiß richtig herauskam; er wird teilweise oder ganz unterdrückt, die Poren werden und bleiben damit gefüllt, und das Ende ist Rheumatismus. Man bekommt ihn ja am ehesten, wenn man schwitzt und dann in die Zugluft kommt. Ist der Rheumatismus aber einmal da, so macht er es wie eine Maus im Loch; beide graben weiter.

Vor den Güssen und Bädern sich lange hinzustellen und lange Diskurse anzufangen, Krankheiten zu erzählen u. s. w. hat keinen Wert. Manche vergessen darüber, daß sie schon für den Guß ausgezogen sind; vielleicht würden sie ihn zu nehmen vergessen, wenn sie nicht gerufen würden. Andere gucken und schauen, ob sie sich auch nach der Mode anziehen; ihre Kleider bestehen aus vielen Stücken. Bis alle diese an den gehörigen Platz gebracht sind, ist auch eine Verkältung da. Wenn man sich im Bad erkältet hat, ist oft der Grund kein anderer, als daß man sich nicht mit dem Aus- und Anziehen getummelt hat. Darum soll bei den Güssen das Stillschweigen aufs strengste eingehalten werden; denn es gibt Leute, welche, wenn sie reden hören, auch reden oder zuhören müssen. Nichts ist besser, als wenn man sich schnell aus- und anzieht, und deshalb soll nicht viel geredet werden.

Wenn Jemand ein Kleid auf dem Leibe hat, ist der Körper versorgt; aber wenn kein Kleid am Körper ist, ist er immer Gefahren ausgesetzt. Glaubt ihr, ihr könntet entkleidet drei bis vier Minuten in der Luft euch hinstellen? Nein: jede Sekunde kann nachteilig sein. Bedenkt nur, daß die Wärme aus dem Körper verfliegt wie der Rauch in der Luft! Viel Wärme strömt vom Körper weg, und deshalb soll man die Kleider auf dem Leibe behalten, bis der Augenblick zum Gusse kommt. Das Kleid weg und hinein ins Wasser! Und dazu ist keine halbe Minute notwendig.

Ein Gießer ist dann tüchtig, wenn er keine Rederei aufkommen läßt und dafür sorgt, daß man bald zum Guß kommt. Ich darf Jemanden eine Viertelstunde blitzen, und er verkühlt sich doch nicht; denn so lange das Wasser über den Rücken läuft, vermehrt es die Wärme. Wenn aber der Guß vorbei ist, heißt es: „Jetzt, Natur, komm mit deiner Wärme! Du hast die Wärme gesammelt, und jetzt mußt du den ganzen Körper erwärmen.“ Wenn dann der Körper ohne Kleidung ist, fängt die Luft an, die ausströmende Wärme wegzustehlen; die Luft dringt hin, und der Mensch wird der zweiten Wärme, welche ihm die Gießung gebracht hat, beraubt und setzt sich der Verkühlungsgefahr aus.

Im erhitzten Zustande wäre ein Bad, mit Vorsicht genommen, stets zu empfehlen. Aber gerade in solchen Lagen fehlt gewöhnlich die Zeit oder die Gelegenheit dazu. Was ist dann aber zu tun? Gesetzt den Fall, ich werde zu einem Kranken in einer Filialgemeinde geholt und muß mich sehr beeilen. Wenn ich hinkomme, bin ich heiß; aber da werden zuerst die Geschäfte abgetan, und nach Erledigung derselben ist man dann gewöhnlich schon abgekühlt. Wenn Das nicht wäre, würde es am besten sein, gleich wieder Bewegung zu machen. Nun haben aber Viele die Ungeschicklichkeit und sagen: „Wenn du gegangen bist und geschwitzt hast, mußt du dich ruhig hinsetzen und abwarten, bis der Schweiß vom Körper ist.“ Das ist nicht richtig. Das ist am allergefährlichsten, und so soll man nicht verfahren.

Ich war einst bei einem Bauern; dieser hatte sechs Pferde, auf die er viel hielt. Wenn die Pferde vom Feld heimkamen, wurden sie in den Stall geführt, und augenblicklich mußte ihnen eine Decke aufgelegt werden. Hätte das ein Knecht unterlassen, so würde der Bauer ihn höchstens zweimal gewarnt, das dritte Mal aber entlassen haben. Wenn man die Menschen pflegte wie die unvernünftigen Tiere, wären viele Leute gesund. Warum hat der Bauer das Zudecken streng verlangt? Ich glaube, er hat den rechten Grund selbst nicht gewußt; er sagte sich aber, daß die Pferde sonst verdorben würden, da sie leicht Frostfieber bekommen. Und da hatte der Mann Recht; wenn die Pferde erhitzt sind, kann es vorkommen, daß die Türe offen gelassen wird und der Wind bei der einen Tür hinein, bei der andern der Zug hinaus geht. Das halten die Pferde nicht aus, sie werden krank. Da seht ihr, was gute Pflege ist. Die Decke erfaßt die Ausdünstung. Das Pferd ist geschützt, und in kurzer Zeit ist es getrocknet. Wie kann man es noch besser machen? Noch besser wäre, das Pferd einige Minuten in Bewegung zu halten. Denn dadurch würde die Hitze langsam bis zur gewöhnlichen Temperatur herabsinken. (Anmerkung: Eben aus diesem Grunde duldete Leichtathletiktrainer … nicht, daß sich jemand nach einem Lauf erschöpft zu Boden fallen ließ. Er hieß diesen immer langsam auslaufen, zumindest mußte der Läufer noch mindestens die halbe Kurve im Stadion abgehen und sich dann etwas Warmes überziehen.)

Wenn die Menschen beim Spaziergang mehr laufen als gehen und durch das Laufen im Schweiße nach Hause kommen, werden sie ihrer Gesundheit, statt zu nützen, vielleicht nur schaden. Wenn ihr einen Spaziergang macht, so geht, wenn ihr vernünftig handeln wollt, die letzte Strecke langsamer und macht den Rock oder etwa die Weste auf! So kann man sich schnell abkühlen, ohne den geringsten Schaden zu erleiden. Am besten ist es, den Körper ins kalte Wasser zu bringen; dann wird der ganze Körper gut abgekühlt, aber auch die Müdigkeit, die Strapazen sind bald verschwunden. Wer durch Gehen, Arbeiten, Tragen oder durch was immer für eine Anstrengung in Schweiß geraten ist, dem ist viel Kraft genommen. Das Wasser nimmt als eine stärkende Kraft die zu große Hitze weg und stärkt den ganzen Körper innerhalb weniger Sekunden.

(Anmerkung: Pfarrer Kneipp wußte noch nichts von jenen, die mit dem Rad aufs Stilfser Joch (2600 m) oder Timmelsjoch (2500 m) fahren und dort schweißüberströmt ankommen. Solchen Sportlern raten wir natürlich unbedingt, vor der windigen Rückfahrt das Unterleibchen und evtl. das Trikot zu wechseln. Sonst ist die Erkältungsgefahr groß.)

Die einzelnen Anwendungen des Wassers.

Die von mir gebrauchten und in diesem Teile beschriebenen Wasseranwendungen theilen sich in

Aufschläger,

Bäder,

Dämpfe,

Gießungen,

Waschungen,

Wickelungen.

Die Unterabteilungen einer jeden Anwendung sind dabei nicht berücksichtigt. Fremdklingende Übungen sind namentlich und sachlich an Ort und Stelle erklärt.

Zum besseren Verständnis für Ausländer wird nur noch zum Teil (statt Theil) die Rechtschreibung vor 1900 verwendet. Ein ETIKA-Service für die ganze Welt.

Sollte irgend jemand Freude daran haben, uns zu helfen und Texte aus dem in alter Schrift gedruckten, mehr als 1400 Seiten umfassenden Buch abzuschreiben und uns später per E-Mail zuzusenden, dem würden wir Kopien einiger Seiten schicken (eventuell Wünsche angeben). Adresse: Rainer Lechner, Ulfas 6, I-39013 Moos i. P. (BZ). Antwort vielleicht erst innerhalb einiger Wochen oder Monate möglich.

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