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ETIKA |
Kneipp-Reile |
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27KR4 |
Wasseranwendungen |
14.3.2009 |
Das große Kneippbuch. Ein
Volksbuch für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian
Kneipp. Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und
herausgegeben von Bonifaz Reile,
langjährigem Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft
München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Ab Seite 349.
Inhalt dieses sehr langen Kapitels:
Allgemeines - In welchem Zustand muß man sein? - Verhaltensmaßregeln bei den Bädern und den
Güssen -
Die einzelnen Anwendungen des Wassers
Allgemeines.
Dem Wesen aller Krankheiten
entsprechend, wonach dieses durch Störungen des Blutes, nämlich durch
anormalen, fehlerhaften Blutumlauf, oder
durch dem Blute beigemischte, verdorbene, fremdartige Bestandteile, die Krankheitsstoffe, entstehen, verfolgen
die Wasseranwendungen den dreifachen Zweck des Auflösens, des
Ausscheidens der Krankheitsstoffe und der Kräftigung des Organismus.
Im Allgemeinen kann gesagt werden, daß
· der erste Dienst des Lösens von allen
Dämpfen und den warmen Kräutervollbädern besorgt wird;
· der zweite Dienst des Ausscheidens von
sämtlichen Wickelungen, zum Teil von den Gießungen
und Aufschlägern;
· der dritte Teil der Kräftigung von
allen kalten Bädern, allen Gießungen, zum Teil von de
Waschungen, endlich von dem gesamten Material der Abhärtung.
Ins Einzelne kann und will ich an dieser
Stelle, um nicht zu Mißverständnissen Anlaß zu geben, nicht eingehen.
Da eine jede Krankheit in den oben
angegebenen Blutstörungen wurzelt, so leuchtet ein, daß
auch in einem jeden Krankheitsfalle alle drei Arten der Anwendung oder
mit anderen Worten verschiedene Anwendungen vorkommen müssen, welche mehr oder
weniger auflösen, ausleiten und kräftigen; ferner, daß
nicht der kranke Körperteil allein, etwa der Kopf oder der Fuß oder die Hand,
in Behandlung kommt, sondern stets der ganze Körper, den ja in solchem
Falle krankes Blut durchströmt: die kranke Stelle mit Vorzug und besonderer
Berücksichtigung, der übrige Körper als mitleidender. Es wäre einseitig und
weit gefehlt, in diesen zwei wichtigen Punkten anders handeln zu wollen. Manche
Beispiele im späteren Verlauf werden meine Behauptung rechtfertigen.
Wer immer das Wasser, so wie ich denke und
wünsche, als Heilmittel gebraucht, dem sind die Anwendungen niemals
Selbstzweck, d. h. er wird nie wie ein Tor Vergnügen daran haben, daß er mit recht Vielem, mit Dämpfen und Güssen und
Wickeln, „hantieren und prahlen und wüten“ kann. Die Anwendungen werden einem
Verständigen stets nur Mittel zum Zweck sein. Erreicht er diesen durch
das gelindeste Wässerchen, so wird er glücklich sein; denn seine Aufgabe ist ja
nur, der nach Gesundheit d. i. nach selbsteigener und selbständiger Tätigkeit
ringenden Natur zu dieser Freitätigkeit zu verhelfen, die Krankheitsbande, die
Leidensketten zu lösen, auf daß sie ungehindert und
frisch und freudig alle Arbeit wieder allein tue. Nach Vollendung dieser
Aufgabe zieht der Heilende sofort und gerne seine Hand zurück.
Diese Bemerkung ist wichtig, noch wichtiger
das Darnachachten. Gar nichts nämlich bringt das Wasser
als Heilelement so sehr in Verruf und Mißkredit
als indiskretes, maß- und vernunftloses Anwenden, scharfes, strenges, schroffes
Verfahren. Diejenigen, ja allein diejenigen, ich kann es nicht oft genug
wiederholen, welche sich als Sachverständige im Wasserheilverfahren aufspielen,
aber mit ihren endlosen Wickeln, ihren fast das Blut austreibenden Dämpfen u.
a. jeden Patienten abschrecken, richten den größten Schaden an, der nur überaus
schwer wieder gut zu machen ist. Ich heiße das nicht
das Wasser zu Heilzwecken gebrauchen, ich heiße solche Gewalttaten – man verzeihe
den Ausdruck! – dem Wasser Schande antun.
Wer immer die Wirkungen des Wassers versteht
und es in seiner überaus mannigfaltigen Art anzuwenden weiß, besitzt ein Heilmittel,
welches von keinem anderen, wie immer benamsten
Mittel übertroffen werden kann. Keines ist mannigfaltiger in der
Wirkung, sozusagen dehnbarer als Wasser.
In der Schöpfung beginnt es mit den unsichtbaren Luft- oder
Dampfkügelchen, setzt sich fort im Tropfen und schließt ab mit dem den größten
Teil der Erde erfüllenden Weltmeer. Das muß jedem
Hydropathen ein Fingerzeig sein und Jedem sagen, daß
eine jede Anwendung, mag sie Wasser in tropfbar oder dehnbar flüssiger Form
erfordern, der Steigerung von dem gelindesten bis zum höchsten Grade fähig
sei, daß in jedem Einzelfalle nicht der Patient sich
nach dem Wickel, dem Dampf u. s. w., sondern jederzeit jedwelche
Anwendung sich nach dem Patienten zu richten habe.
In
der Auswahl der zu treffenden
Anwendungen zeigt sich der Meister. Der Heilende wird den zu Heilenden
ohne jede Auffälligkeit streng prüfen. Zuerst werden die sekundären
Leiden in die Augen springen, d. i. die Nebenkrankheiten, welche wie
Giftpilze aus dem innern Krankheitsboden
hervorschießen. Sie lassen in der Regel schnell auf den Herd der Krankheit, auf
das Hauptleiden schließen. Man frägt und sieht nach, wie weit die Krankheit
vorangeschritten, welches Unheil sie bereits angerichtet. Dann schaut man den
Patienten an, ob er alt oder jung, schwach oder stark, mager oder korpulent, ob
er blutarm, nervös u. s. w. sei. All diese Punkte und noch andere mehr zeichnen
in den Geist das richtige Krankenbild, und erst wenn dieses klar und fertig
ist, greift man in die Wasserapotheke und wendet an nach dem Grundsatze: Je gelinder, je
schonender, desto besser und wirksamer.
Im Allgemeinen mögen an dieser Stelle noch
folgende Bemerkungen Platz finden, welche die sämtlichen Wasseranwendungen
angehen.
Keine Anwendung, heiße sie, wie sie wolle,
kann schaden, wenn dieselbe in der vorschriftsmäßigen Weise genommen wird.
Die meisten derselben geschehen mit kaltem
Wasser, sei es Brunnen-, Quell-, Flußwasser o. a. In
allen Fällen, in denen nicht extra warmes Wasser verordnet ist, gilt der Ausdruck
„Wasser“ stets nur von kaltem Wasser. Dabei folge ich dem Erfahrungsgrundsatze:
Je
kälter, desto besser. Zur
Winterszeit mische ich für Gesunde in das zu Güssen bestimmte Wasser noch
kältenden Schnee. Man werfe mir nicht Schroffheit vor; denn man bedenke die
überaus kurze Dauer meiner Kaltwasseranwendungen. Wer es einmal gewagt hat, hat
es für immer gewonnen, alle Vorurteile sind ihm benommen. Indessen bin ich
nicht unerbittlich.
Anfängern in der Wasserkur, schwächlichen,
insbesondere ganz jungen und ältern,
hochbetagten Personen, Kranken, welche das Kalte zurückschreckt, Leute,
welche wenig Naturwärme haben, Blutarmen und Nervösen gönne ich namentlich zur
Winterszeit zum gewärmten Bad- und Gießraume (14-15 0 R.) mit
Freuden für den Beginn laues, „abgeschrecktes“ Wasser zu einer jeden Anwendung.
Die Fliegen locke ich ja auch mit Honig, nicht mit Salz oder Essig.
Die warmen Anwendungen erhalten in
jedem einzelnen Falle bezüglich der Wärmegrade, der Dauer u. s. w.
genaue, spezielle Vorschriften. Die Wärmegrade, mit R. bezeichnet, bedeuten
stets Réaumur.
Betreffs der kalten Anwendungen
schulde ich (später ist dieser Punkt oftmals betont und des
Weitern erörtert) in Kürze noch einige Winke, welche das Verhalten vor,
während und nach der Anwendung regeln.)
Niemand wage es, bei Kältegefühl, Frösteln u. s. f. irgend
eine kalte Anwendung vorzunehmen, wenn dieses an der betreffenden Stelle nicht extra erlaubt ist. Die
Anwendung soll tunlichst schnell (jedoch ohne Angst und Hast)
vorgenommen werden; auch beim Aus- und Ankleiden soll durchaus keine
Verzögerung eintreten, z. B. durch langsames Zuknöpfen, Binden. All diese
Nebenarbeiten können geschehen, wenn der ganze Körper einmal ordentlich bedeckt
ist. Ein kaltes Vollbad soll, um ein Beispiel anzuführen, zum Auskleiden, Baden
und Ankleiden die Zeit von vier bis fünf Minuten nicht übersteigen. Es bedarf
dazu nur einiger Übung.
Nach keiner,
gleichviel, wie sie heißt, kalten Anwendung wird (außer dem Kopfe und den Händen bis zur
Handwurzel – Letzteres, um beim Anziehen der Kleider diese nicht naß zu machen) der Körper
je abgetrocknet. (Anmerkung ETIKA: Are Waerland
hingegen erlaubt das Abtrocknen mit einem groben Handtuch, worauf man zum
Trockenbürsten übergeht.) Den nassen Körper bedeckt man sofort mit dem
trockenen Hemde und den anderen Kleidungsstücken; man tut dieses möglichst
schnell, wie gesagt wurde, um tunlichst bald alle nassen Stellen luftdicht
abzuschließen.
Dieses Verfahren erscheint Manchen, ja den
Meisten eigentümlich, da sie meinen, sie müßten jetzt
den ganzen Tag „naß herumlaufen“. Bevor sie ein
Urteil fällen, mögen sie es nur einmal probieren. Sie werden es alsbald
fühlen, wozu das Nichtabtrocknen taugt und gut ist. Das Abtrocknen ist ein
Reiben und erzeugt, da es unmöglich an allen Stellen auf ganz gleichmäßige
Weise geschehen kann, ungleichgradige Haut- und
Naturwärme, was bei Gesunden wenig, bei Kranken und Schwachen oft sehr viel zu
bedeuten hat. Das Nichtabtrocknen verhilft zu der geordnetsten,
gleichmäßigsten und schnellsten Naturwärme. Es geschieht gleichsam, wie wenn
man Wasser ins Feuer spritzt. Die innere Körperwärme benützt das am äußeren
Körper anklebende Wasser als Material zu rascher Bildung intensiverer, größerer
Wärme. Wie gesagt, nur auf eine Probe kommt es an.
Dagegen verordne ich strenge, daß der Angekleidete nach jeder Wasseranwendung sich
Bewegung mache (geschehe es durch Arbeit oder Spazierengehen), welche so
lange dauere, bis alle Teile des Körpers vollkommen trocken und normal warm
sind. (Anmerkung: Are Waerland
macht das mit Gymnastik; an anderer Stelle empfehlen wir das Bali-Gerät und das
Masseur-Deuser-Band.) Im Beginne der Bewegung
kann man etwas rascher gehen, nach Eintritt der Wärme langsamer. Man fühlt sich
am besten, wann die normale Körperwärme eingetreten ist und die Bewegung, das
Gehen aufhören kann. Solche Patienten, welche schnell erhitzt sind und leicht
in Schweiß kommen, sollen gleich von Anfang an langsamer und eher etwas länger
gehen und ja nicht schwitzend oder erhitzt sich setzen, selbst nicht im
warmen Zimmer. Ein Katarrh wäre die unausbleibliche Folge.
Als Regel für Alle kann gelten, daß die Minimalzeit, die kleinste Zeit der Bewegung
nach einer Anwendung stets eine Viertelstunde betragen soll. Wie
dieselbe ausgefüllt werde (durch Gehen, körperliche Arbeit u. s. w.), bleibt
sich, wie gesagt, gleich.
Diejenigen Anwendungen, welche das Bett
vorschreiben, vornehmlich die Aufschläger und die Wickelungen, enthalten
diese Notiz an Ort und Stelle, ebenso das einer jeden besonderen Übung
Eigenartige. Wer bei einer solchen Anwendung einschläft, den soll man im
Frieden schlafen und ruhen lassen, selbst wenn die vorgeschriebene Zeit vorüber
ist. Wie beim kleinsten und größten Bedürfnis, versieht auch hier die Natur
selbst die besten und genauesten Weckuhrdienste.
Sind Tücher notwendig, so verstehe ich
darunter niemals feine Leinwand, sondern körniges, wo möglich gröberes
Reisten. Wenn einfache, arme Leute statt dessen nur abgenützten Zwillich
(Zwilch), einen hänfernen Kaffeesack oder noch Ärmere
einen weichen „Rupf“ o. A. zur Hand haben, so sind sie nicht im Nachteil. Zum
Abwaschen des Körpers, was oft vorkommt, taugt ebenfalls am besten ein ziemlich
grobes, linnenes oder hänfenes Tuchstück.
Aus Gründen, welche ich in der Einleitung
kurz andeutete, bin ich gegen die Wolle als Kleidungsstück auf bloßer Haut.
Dagegen dient mir der Wollstoff vorzüglich als Umhüllung, z. B. des
eiskalten Wickels. Er entwickelt rasche und reichliche Wärme und steht in
dieser Beziehung unübertroffen da. Aus dem gleichen Grunde empfehle ich bei
solchen Anwendungen das Federbett als Zudecke.
Das sogenannte Frottieren, ob es nun
durch Reiben oder Bürsten oder auf sonstige Weise geschieht, findet bei meinen
Anwendungen keine Stelle. Den einen Zweck desselben, der im Erwärmen
besteht, erfüllt bei mir gleichmäßiger und egaler das Nichtabtrocknen; den anderen,
nämlich die Öffnung der Poren, die Steigerung der Hauttätigkeit u. s. w.
besorgt das grobe Linnen- oder Reistenhemd, wieder
mit dem Vorteile, daß dieses nicht wie die Bürste
minutenlang, sondern bei Tag und Nacht, ohne Opfer von Zeit und Kraft arbeitet.
Wenn an manchen Stellen von kräftiger Abwaschung die Rede ist, so verstehe ich
darunter lediglich ein schnelles Abwaschen der ganzen zu behandelnden Stelle. Das
Naßwerden, nicht das Geriebenwerden
ist die Hauptsache.
Ein Punkt möge hier noch erwähnt werden. Die Anwendungen
am Abende, in der Zeit vor dem Schlafengehen, behagen den meisten Menschen
nicht, sie werden dadurch aufgeregt, gleichsam aus dem beginnenden Schlafe
gerüttelt. Andere dagegen wiegt eine gelinde Abendanwendung in sanften Schlaf.
Ich empfehle solche Anwendung im Allgemeinen nicht, rate indessen einem
Jeden, er möge in diesem Stücke nach seinem Gutdünken, nach seinen Erfahrungen
handeln, da ja er allein auch die Folgen zu tragen haben wird.
Bezüglich der speziellen Kenntnisse für eine
jede besondere Anwendung verweise ich auf die folgenden Abschnitte. Daselbst
ist auch angegeben, welche Anwendungen für sich allein als sogenannte ganze,
und welche nur als Teilanwendungen, d. h. als solche, welche nur in
Verbindung mit anderen auftreten, zu gelten haben, ebenfalls, welche der
Anwendungen (Dämpfe) besondere Vorsicht erheischen.
Ich schließe diesen allgemeinen Teil mit dem
Wunsche, daß durch die Wasserübungen recht viele
Gesunde noch mehr erstarken und recht viele Kranke genesen mögen, und schicke
dem Teile, der die Wasseranwendungen im Einzelnen aufzählt und beschreibt, noch
einige wichtige allgemeine Ausführungen über den Zustand, in dem man sich bei
den Anwendungen befinden soll, voraus.
In welchem Zustande muß man sein, um eine
Anwendung vornehmen zu können?
Das Allererste und
Notwendigste ist, wie schon oben kurz betont, daß der
Körper seine volle Naturwärme hat, d. h. es darf ihn nicht frösteln und
nicht frieren.
Diese Wärme muß man sich verschaffen, indem man entweder vorher in
einem erwärmten Lokale sich aufgehalten hat oder durch Bewegung und
Arbeit den ganzen Körper in einen warmen Zustand gebracht hat. Wer halb
kalt und halb warm ist, bei dem würde das Wasser entweder nur wenig oder gar
nicht wirken, vielmehr im Gegenteile geradezu nachteilig sein; denn es tritt
die Kälte des Wassers in den Zweikampf mit der Wärme der Natur. Ist wenig
Naturwärme vorhanden, so wird die Kälte recht leicht den Sieg davon tragen, und
der Körper würde nicht leicht wieder warm werden, oder es könnte auch die Kälte
ein langwieriges Fieber bewirken. Also bei allen Anwendungen ist die erste
Bedingung, daß der Körper seine vollständige Wärme
habe.
Anders verhält es
sich jedoch bei Solchen, welche an kalten Füßen leiden. Wer mit kalten Füßen im Schnee
geht (man muß es nicht gerade
so lange tun wie der Sohn Andreas Hofers 1809 nach dessen Gefangennahme beim
Abstieg von der Pfandler Alm, im neuen Film „Das Heilige Land Tyrol“ gespielt von …), bekommt sie am allerschnellsten
warm und bringt sie in eine große Wärme. Mit kalten Füßen im kalten Wasser gehen ist auch gut und
macht am allerehesten warme Füße; doch darf dieses Wassergehen die Zeit von drei
bis fünf Minuten nicht überschreiten. Je kälter das Wasser ist, um so rascher und um so stärker wird die Wärme einwirken.
Man darf also nur bei voller Naturwärme im Wasser gehen oder eine
Wasseranwendung vornehmen.
Nun frägt es sich: Wie
warm darf man sein, und kann man auch im Schweiße ins Wasser? Die Antwort
lautet: Die höchste Naturwärme ist für den Kampf mit dem kalten Wasser am
allerbesten. Wer im Schweiß die Anwendung vornimmt, der wird auch den besten
Erfolg haben, und sollte Jemand wirklich von Schweiß triefen, so daß er ihm von der Stirne und vom ganzen Körper rinnt, er
wird sicher den allerbesten Erfolg erreichen.
So lange ich lebe,
habe ich warnen gehört, man solle im Schweiß ja kein Bad nehmen; ich selbst
aber habe wohl über fünfhundert Mal im stärksten Schweiß ein kaltes Bad
genommen und auch Anderen geraten, und nicht ein einziger Fall kam mir vor, bei
dem nicht der beste Erfolg eingetreten wäre. Es ist auch ganz klar; ist die
Wärme eine Kraft gegen das Wasser, so muß die höchste
Wärme die höchste Kraft sein.
Man sagt
gewöhnlich: Das Blut ist erhitzt und in Wallung bei großer Hitze.
Das ist allerdings wahr, aber dieser Zustand wird so augenblicklich gemildert
und gedämmt, daß er für den Schwitzenden die höchste
Wohltat wird, wie wenn er im Schweiß seine Hände und sein Gesicht abwischt.
Sollte der Puls in der Hitze und vom Gehen 150 Schläge in einer Minute
machen vor dem Baden, so wird er nach dem Baden nur mehr 80, höchstens 90
Schläge machen.
Man sagt: die Lunge
kann es nicht verarbeiten, und der plötzliche Druck auf die Lunge schadet; es
kann eine Lungenlähmung hervorbringen. Auch das ist unwahr. Es ist doch nicht
denkbar, daß das Wasser in zwei Sekunden in die
inneren Organe eindringen kann, um sie zu zerstören; denn man geht allererst in
das Wasser bis an die Brust, und in einer Sekunde schon hat das kalte Wasser
viel Hitze verschluckt. Man wäscht dann rasch die Brust, und die brennende
Hitze wird gleichsam weggefegt; wenn man dann will, kann man sich ganz gut bis
an den Hals eintauchen, oder man kann den Oberkörper waschen und damit auch das
Bad beschließen.
Auf die Frage: „Wie
lange soll ein Bad dauern?“ lautet die Antwort: „Das kürzeste Bad ist das
beste.“ Die gewöhnliche Dauer ist ein bis zwei Sekunden; nur ausnahmsweise darf es auch fünf bis
sechs Sekunden dauern. (Anm.: Oh Schreck,
wenn der Abschreiber daran denkt, wie er einst im Kleinen Montiggler
See das Eis aufgehackt und dann oft weit in den See hinaus geschwommen ist.)
Gerade hierin hat man bisher die größten Fehler begangen, daß
man die Bäder zu lange gemacht und dadurch eine wahre Tyrannei gegen den Körper
verübt hat, was sicher nicht den Erfolg haben konnte, wie ihn das kurze Bad
aufweist, und zudem auch noch Jeden vor einer solchen Tortur zurückschreckt.
·
Wie viel wird dem Körper Wärme entzogen, wenn man 6
bis 10 Minuten oder noch länger im kalten Wasser bleibt!
Ist aber einmal dem
Körper Wärme entzogen, so kommt er nur sehr schwer wieder zu der erforderlichen
Temperatur. Ein bis zwei Sekunden werden jedoch nicht viel entziehen können,
und deshalb entwickelt sich auch recht rasch die angenehmste Wärme; das ist
auch die Ursache, warum jetzt so Viele für das Wasser schwärmen, die früher den
größten Graus vor einem kalten Bade hatten. Von dieser kurzen Dauer also
kommt es, daß das kalte Wasser jetzt nicht mehr so
gefürchtet wird; es dauert ja nur ein paar Augenblicke, erleichtert sehr
schnell und bewirkt weder Frösteln noch Frost.
Nun entsteht die
Frage: Wie kalt darf das Wasser sein? Die Antwort lautet: Je kälter,
desto besser. Ich habe schon viele Bäder genommen und Andern dazu geraten,
wobei in das Wasser noch Schnee gemischt wurde. Schaudert man das erste Mal
zurück, so geht man das zweite Mal um so herzhafter
daran, weil man die Überzeugung gewonnen, daß das
kälteste Wasser am schnellsten die angenehmste Wärme entwickelt. Also das kälteste Wasser ist das
beste.
Dieses gilt, wie
bei den Kindern, so auch bei den alten Leuten, wenn es mit der größten Vorsicht
angewendet wird. Taucht man ein Kind ins Wasser, zählt dabei bloß eins, zwei
und legt es schnell wieder ins warme Bett, aus dem es herausgenommen wurde, so
wird das kleine Geschöpf, und sollte es erst einige Tage alt sein, sicher recht
bald warm werden, und man wird den besten Grund zur Abhärtung legen. (Anmerkung: Nach einem plötzlichen Kindstod
im Trentino warnte heute im Radio ein Arzt vor zu
warmer Luft und Rauch im Zimmer. Das Kind ist buchstäblich erstickt, weil die
Luft zu wenig kalt und rein war. 11.3.2009)
Es kam im heurigen Jahre eine Persönlichkeit aus den höchsten
Ständen zu mir, ziemlich hoch betagt und so abgemagert und gebrechlich, daß sie nur kurze Strecken gehen konnte. Diese Person hat
gebeten, man möchte mit lauwarmem Wasser anfangen; sie habe schon mit warmen
Fußbädern den Anfang gemacht. Ich gab ihr einen zarten Schenkelguß
mit ganz kaltem Wasser, auf den sie recht schnell warm wurde; seitdem sagte sie
nie mehr etwas vom warmem Wasser, weil es ihr in Folge
der rascheren Entwicklung der Wärme und Steigerung der Kräfte immer behaglicher
wurde.
Also bleibt der
Hauptgrundsatz: Das kälteste Wasser ist das beste. Ob das
Wasser aus einem Bache oder einem Brunnen kommt, ist ganz gleich, wenn es nur naß und frisch ist.
Nun frägt es sich:
Soll man ins Wasser hinein hüpfen oder springen? Die Antwort lautet: Man soll
langsam in das
Wasser hineinsteigen, ebenso auch mit den Gießungen
von unten nach oben beginnen, damit der Körper recht schonend behandelt wird.
Zu rasch ins Wasser gehen rate ich nicht, weil der Wasserschlag auf den Körper
zu stark ist; langsam ins Wasser steigen bringt keinen Nachteil, während zu
große Eile gefährlich werden kann.
Ein Schulknabe wollte ein Bad in
einem Bache nehmen. Er nahm einen starken Anlauf und sprang ins Wasser, wo es
ungefähr einen Meter tief war. Wie er hineinsprang, tauchte er schnell unter
und wurde zur Leiche. Da ist aber nicht die Kälte des Wassers schuldig, - es
war Sommerszeit -, sondern der zu rasche Schlag des Wassers auf den Körper,
auf Herz und Brust verursachte eine Lähmung. Mir sind drei solche Fälle
bekannt. Natürlich mußte jedesmal das Wasser die
Schuld tragen, obwohl es Sommer war. (Anmerkung:
Wir denken an jenen Bürgermeister aus dem Etschtal,
dem das Gericht Haus und Hof wegnehmen wollte, weil er im Schwimmbad eine
Rutsche hatte aufstellen lassen, auf der ein Jugendlicher in den Tod gerutscht
war. Die Tageszeitung „Dolomiten“ hatte daraufhin eine Spendensammlung
gestartet, denn die Empörung über das Urteil war im ganzen Lande groß. Beim
Jüngsten Gericht werden wir sehen, woran jener Jugendliche gestorben ist und ob
der Bürgermeister wirklich Schuld auf sich geladen und der Richter richtig
geurteilt hat. Er ging freilich davon aus, daß die
Rutsche fehlerhaft konstruiert war. Allerdings muß
angemerkt werden, daß die Rutsche nach dem Unfall
noch zehn Jahre lang in Betrieb gewesen sein soll und nie etwas passiert ist,
so sagte jemand im Radio. Wir haben das Obduktionsergebnis nicht parat, können
uns also irren. Unser Gefühl sagt uns aber, daß der
Bürgermeister unschuldig war.)
Also bleibt
Hauptgrundsatz: Wie der Körper ganz warm sein soll, so soll man auch die
Anwendung auf den ganzen Körper auf das schonendste und zarteste vornehmen.
Eine weitere Frage
beschäftigt auch Viele, nämlich wann die Anwendungen vorgenommen werden
können. Hierauf lautet die Antwort: Weil die Einwirkung auf die Natur ganz
gelinde vor sich geht und den Organismus nicht besonders angreift, so darf man
auch nicht besonders ängstlich sein, wann eine Anwendung vorgenommen werden
soll. Hier müssen wir wohl unterscheiden zwischen einem Anfänger, der ans
Wasser noch nicht gewöhnt ist, und Einem, der seine Natur ans Wasser bereits
gewöhnt hat, wie es z. B. beim Händewaschen so ziemlich Jedem ganz gleichgültig
ist, zu welcher Zeit er dies vornimmt.
Ich habe eine
größere Anzahl kalter Bäder genommen, wenn ich zur Nachtzeit aufgewacht bin,
mag es nun 12, 2 oder 3 Uhr gewesen sein. Ich habe mehr als zwei Jahre mein
tägliches Bad genommen, sobald ich aufgestanden bin; ich habe es auch am Abend
genommen, wenn das Tagewerk vollbracht war, ebenso recht oft unmittelbar vor
und nach dem Essen gebadet; mir hat Alles gut getan.
Durch die Länge der
Zeit bekam ich eine solche Naturwärme, daß ich nach
dem Baden gar nicht mehr nötig hatte, Bewegung zu machen; ich war gewöhnlich
nach dem Baden wärmer als vorher. Anfänger sollen nach meiner Überzeugung nicht
unmittelbar vor Tisch und nicht gleich nach Tisch ins Wasser gehen,
weil, wenn man sich nach dem Baden sogleich an den Tisch setzt, nicht so bald
die nötige Wärme eintritt. (Anmerkung
ETIKA: Achtung, auch nicht mit vollem Magen in die Badewanne oder ins
Schwimmbecken, denn es könnte ein Schock eintreten!)
Abends vor dem
Schlafengehen soll ein Anfänger auch nicht baden, weil der Körper zu dieser
Zeit müde und zum Schlafe geneigt ist und durch das Bad allzu sehr angegriffen
wird, worauf gerne ein etwas unruhiger Schlaf eintritt. Vor dem Schlafengehen
rate ich also das Bad nicht; doch kenne ich Mehrere, die gerade vor dem
Schlafengehen ihr Bad nehmen und dann am besten schlafen. Die sollen es
immerhin tun, und es wird ihnen auch nicht schaden. Es kann also Jeder selbst
darauf kommen, welche Zeit die beste ist. Ich muß
nochmal wiederholen: Die Einwirkung des Wassers auf die Natur unseres Körpers
ist in diesen einfachen Anwendungen so gelind und schonend, daß
von einem starken Angegriffensein wohl kaum die Rede
sein kann.
Wie soll man sich nach dem Bade verhalten? Wie man vor dem
Baden ganz warm sein soll, wenn man einen guten Erfolg erzielen will, so soll
man auch Sorge tragen, daß man nach dem Bade so
schnell als möglich wieder warm wird. Das ist wohl einer der wichtigsten Punkte
für den Hydropathen. Wer ans Wasser
gewöhnt ist, der macht sich nichts daraus; er ist bald wieder ganz erwärmt.
Schwächere oder recht verweichlichte Leute müssen
doppelt Sorge tragen, daß sie die natürliche Wärme
sobald wie möglich wieder bekommen; dies geschieht entweder durch einfache Bewegung
oder dadurch, daß man in ein warmes Lokal (Zimmer) geht und dort so lange Bewegung
macht, bis man vollständig erwärmt ist. Man vergesse aber ja nicht, daß, wenn diese Reaktion vor sich gegangen und eine angenehme
Wärme eingetreten ist, vielleicht eine zweite und sogar dritte Reaktion
eintreten kann! Wenn man daher nach einiger Zeit etwas Frösteln verspürt, so muß man eben wieder Bewegung machen, bis die volle Wärme da
ist.
Man kann sich auch
durch verschiedene Turnübungen eine raschere Wärme verschaffen. Doch
warne ich vor zu vielen anstrengenden Bewegungen, die selbst einen geruhten
Körper müde machen; solche würden die kräftigende Wirkung des Wassers
vereiteln. Man muß in jeder Beziehung den Körper schonend behandeln.
Ratsam ist es für
den, der Zeit und Gelegenheit hat, die Anwendungen in der Frühe vorzunehmen; wer
es jedoch Nachmittags tun will, für den ist die beste
Zeit eine Stunde nach dem Mittagessen oder eine Stunde vor dem Abendessen. Aber
auch zur Nachtzeit vom Bette aus, nach dem ersten Schlaf, wo der Körper die
meiste Naturwärme besitzt und auch schon etwas geruht hat, sind
Wasseranwendungen sehr am Platze; nur muß man dann
rasch wieder ins Bett, damit man wieder die notwendige Wärme bekommt.
Verhaltensmaßregeln bei den Bädern und den Güssen.
Achtet immer darauf, daß
die Anwendungen so gemacht werden, wie ich dieselben angeben werde! Es gibt
viele Leute, welche zwei bis drei Anwendungen recht gut machen; dann kommt
ihnen aber in ihrer Dummheit in den Kopf, die eine oder andere Wasseranwendung
hinzuzufügen, und sie verderben Alles wieder. Nicht das Viele, sondern die zarteste
Behandlung sagt unserer Natur am meisten zu.
Bedenken wir nur, wie zart unsere Augen
sind! Betrachten wir einmal dieselben, betrachten wir die hundert und hundert
kleinen Äderchen! Dafür taugt eine gelinde Behandlung, nicht aber eine schroffe
und gewalttätige. Ich glaube kaum, daß das
vielgepriesene Massieren und Kneten den günstigen Erfolg hat, von
welchem man oft zu hören bekommt. Man könnte es oft besser maltraitieren
statt massieren heißen. Da nehmet lieber einen vernünftigen Blitzguß!
Der fängt an zu klopfen und treibt Alles heraus, was herausgetrieben
werden soll, und wenn ihr auch eine Hypotheke von
vierzig Pfund habet, der Blitzguß wird dieselbe
löschen und euch von der Last befreien. Wenn unsere Organe aus Draht wären, so
könnte man sie in schroffer Weise behandeln; da sie aber so fein sind, muß man sie auch recht vorsichtig behandeln.
Der Körper des Menschen ist so wunderbar, daß wir sagen müssen: Nur ein Gott konnte einen solchen
Körper ausdenken und erschaffen. Aber wer kümmert sich um seinen Körper?
Der Mensch ist zufrieden, so lange er gesund ist, etwas zu essen hat und
dem Vergnügen nachgehen kann.
· Wir müssen uns schämen, uns Bilder Gottes
zu nennen, weil wir uns so wenig um das Meisterwerk, welches Gott erschaffen
hat, bekümmern.
· Wir müssen uns schämen, daß wir auf
der Welt sind und uns mit wertlosen und nichtigen Dingen abgeben, das Erhabene
aber am allerwenigsten beachten.
Daher kommt es auch, daß
wir in Folge unserer Ungeschicklichkeit und Unkenntnis so viel Mühsal und
Elend an und um uns herum ertragen müssen.
Und eben daher kommt es, daß
wir von hundert Mühsalen kaum einige beseitigen, weil wir eben zu faul
sind, um zu denken, und so ungeschickt leben. Man schlägt die Hände
zusammen und möchte alle Mühsale und Armseligkeiten abladen und die ganze
Litanei abbeten und um Wegnahme alles Dessen bitten, was schadhaft ist am
Körper vom Scheitel bis zur Fußspitze.
Nun wollen wir erwägen, welche Vorsicht
wir beim Baden anwenden sollen. In meiner Kindheit hat man uns in der
Schule gesagt: „Zum Baden dürft ihr gehen; aber geht dorthin, wo die Leute
nicht hinkommen, damit ihr kein Ärgernis gebet! Wenn ihr zum Baden gehet und seid
in Schweiß geraten, so seid vorsichtig!“ Denn wenn die Buben zum Baden gehen,
so gehen sie nicht, sondern sie laufen. „Ihr müßt
euch ordentlich abkühlen; wenn ihr das nicht tut, könnte euch der Schlag
treffen, und ihr müßtet plötzlich sterben.“ So sagte
man uns in der Schule. Worin bestand nun
das Abkühlen? Die Kleider wurden bis aufs Hemd abgelegt, und so hat man sich an
die Luft gesetzt oder gestellt. Wehte der Wind, so war man schnell fertig; war
das nicht der Fall, so mußte man länger warten. Dann
wurde uns auch noch befohlen, bevor wir ins Wasser gingen, Arme, Schultern,
Brust und Gesicht naß zu machen. Alles Das sollte mit
der größten Vorsicht und Pünktlichkeit geschehen.
Aber gerade Dieses war die reinste Dummheit;
denn wir dürfen nicht vergessen, daß die Naturwärme
auch den Zweikampf mit der Kälte des Wassers aufnimmt. Wenn viel Wärme im
Wasser ist, kommt es dem Körper zugute, und je größer die Kälte des Wassers
ist, um so mehr Wärme muß
der Körper haben. Stehe ich aber außer dem Wasser, bis ich bedeutend abgekühlt
bin, und steige dann hinein, so komme ich schlecht gerüstet zum Kampfe. Im
größten Schweiße hat der Mensch am meisten Wärme, und wenn er fröstelt, am
allerwenigsten. Da ist doch ganz klar. Geht man daher sofort ins Wasser, so
kann die Naturwärme den Kampf mit der Kälte des Wassers besser aufnehmen. Mit einem warmen Körper läßt
sich´s gemütlich hineinsteigen.
Wenn die Buben einen Anlauf nehmen und
in ein Wasser hineinspringen, welches ziemlich tief ist, so daß sie hinunterpurzeln und augenblicklich
wieder in die Höhe kommen wie der Frosch, welcher schnell seinen Kopf wieder
oben hat, so verwerfe ich das vollständig. Es sind mir selbst drei Fälle
bekannt, in welchen plötzlicher Tod eingetreten ist.
Da war aber nicht die Hitze im Körper oder
die Kälte des Wasser schuld, sondern das zu rasche
Eintauchen und der Schlag, welcher dabei auf den Körper ausgeübt wird.
Da kann selbst bei einem Menschen, bei welchem der Puls noch so langsam,
schwach und matt geht, der Fall eintreten, daß das
Lebensrad stehen bleibt. So ein Schlag auf die Brust, auf den ganzen Körper
ruft eine gewaltige Erschütterung hervor, wobei leicht die Möglichkeit
eintritt, daß das kaum noch schlagende Herz ins
Stocken gerät, und dann tritt der Tod ein. Dann muß
aber die Ursache sein, daß der Unglückliche sich
nicht abkühlte, sondern im Schweiße ins Wasser gegangen ist.
Wenn Jemand vernünftig ins Wasser steigt,
kann wohl von einem andern Einfluß als dem
allerbesten kaum die Rede sein. Ist Jemand mit einem Pack beladen, so daß er kaum gehen kann, und sieht, daß
ihm wenigstens einiges Gepäck abgenommen wird, so geht es schon leichter. Wenn
Einer recht in der Hitze ist, dann ist der Kopf und der ganze Körper wie mit
lauter Hitze beladen, und die Last, der Schweiß drückt. Kommt er nun ins
Wasser, so wird die Last abgeladen. Wenn er mit den Füßen bis über die Knöchel
ins Wasser hinein geht, merkt er schon das Wohlbehagen und sagt sich: „Das tut
meinen Füßen wohl.“ Er tappt hinein wie die Gans ins Wasser; es wird ihm
leichter und angenehmer, die Last wird weniger, und dem Körper wird
wohler. Man muß nun aber nicht denken, daß man eine Stunde warten müsse, bis man ins Wasser darf;
es ist einfach zu beachten, daß man nicht hinein springt,
sondern hinein geht. In den ersten zwei bis drei Sekunden ist es gut,
nur bis zur Körpermitte ins Wasser zu gehen; dann darf man ganz hinein. Man
braucht auch nicht, wie Viele meinen, den Krebsgang zu machen und statt
vorwärts rückwärts zu schreiten.
Wie
lange soll man im Wasser bleiben? Vier bis sechs Sekunden. Kaum ist man im Wasser, so wird der
Herzschlag, der durch die Hitze aufgeregt wurde, ruhiger. Der Körper wird, sobald er ins Wasser kommt,
entlastet. Müdigkeit und Bangigkeit verschwinden, und Kopf und Herz werden leichter.
Das schnelle Atmen hört gleich auf. Nun frage ich: Was könnte da schaden? Auch
hohe Herren, welche sonst viel wissen, haben geglaubt, daß
das Wasser einen fürchterlichen Angriff auf das Herz mache. Ich machte vor
ihnen Proben; ich ließ sogar Herzleidende begießen, während die Herren Ärzte
Herz und Puls beobachteten. Da haben wir gesehen, daß
schon in dem Augenblicke, in welchem das Wasser an den Körper kam, der
Pulsschlag beruhigt wird; es gibt nicht einmal einen kleinen Stoß aufs Herz.
Somit darf man die Ansicht, welche bisher herrschte, wohl als Aberglaube
bezeichnen. Je wärmer der Körper ist, desto leichter geht er ins Wasser, desto
willkommener und nützlicher ist das Baden. Wenn man vorher bange war, so geht
es nach dem Baden besser; denn das ängstliche Gefühl wird abgeladen, und es
wird Einem leicht und angenehm.
Wollt ihr recht vorsichtig sein, so geht
zuerst bis an die Brust ins Wasser, weil im Oberkörper sich das Herz, die Lunge
und die Sprachorgane befinden. Nach ein paar Sekunden – und die sind schnell
vorbei – ist der Herzschlag bereits im Abnehmen begriffen. In drei Minuten war
in einem Falle (Ärzte haben sich überzeugt) der Puls von 130 Schlägen
auf 100 gesunken. Freunde, das bedeutet keine kleine Entlastung des Herzens!
Beobachten wir den normalen Herzschlag! In
einer Minute schlägt das Herz siebenzig- bis
achtzigmal. In Folge von Arbeit und Anstrengung des Körpers steigt die Zahl
um dreißig Schläge in der Minute. Durch ein Bad kann man dem Herzen diese große
Arbeit zum guten Teile abnehmen. Seht, welch ein Vorteil ein Bad ist! Nach dem
Bade geht der Puls nimmer so hoch, d. h. es ist dem Herzen schon die Last in
etwas abgenommen. Oder glaubt ihr, daß es keine Lust
sei, in einer Minute 120 Schläge zu machen, d. h. so viel als 120 Schritte in
einer Minute? Da ist es doch eine große Erleichterung, wenn diese Schläge
weniger werden; das werdet ihr einsehen. Wenn viel Last abgenommen wird, trägt
man leichter. Dann kommt aber erst das allgemeine Wohlbehagen. Ob ihr nun beim
Baden bis zur Körpermitte in das Wasser geht oder hinsitzt und dabei den
Oberkörper schnell benetzt oder aber zuerst bis zur Mitte ins Wasser kommt und
nach vier Sekunden schnell den Körper bis an die Achseln eintaucht, ist ganz
gleich.
Das höchste Unheil beim Baden ist, vorher
hinzusitzen und sich der Luft auszusetzen. Wo die Poren offen sind, geht die
Luft hinein. Findet einige Abkühlung statt, so schließen sich die Poren
vielleicht, noch ehe der Schweiß richtig herauskam; er wird teilweise oder ganz
unterdrückt, die Poren werden und bleiben damit gefüllt, und das Ende ist Rheumatismus.
Man bekommt ihn ja am ehesten, wenn man schwitzt und dann in die Zugluft kommt.
Ist der Rheumatismus aber einmal da, so macht er es wie eine Maus im Loch;
beide graben weiter.
Vor den Güssen und Bädern sich lange
hinzustellen und lange Diskurse anzufangen, Krankheiten zu erzählen u. s. w.
hat keinen Wert. Manche vergessen darüber, daß sie
schon für den Guß ausgezogen sind; vielleicht würden
sie ihn zu nehmen vergessen, wenn sie nicht gerufen würden. Andere gucken und
schauen, ob sie sich auch nach der Mode anziehen; ihre Kleider bestehen aus
vielen Stücken. Bis alle diese an den gehörigen Platz gebracht sind, ist auch eine Verkältung da.
Wenn man sich im Bad erkältet hat, ist oft der Grund kein anderer, als daß man sich nicht mit dem Aus- und Anziehen getummelt hat.
Darum soll bei den Güssen das Stillschweigen aufs strengste
eingehalten werden; denn es gibt Leute, welche, wenn sie reden hören, auch
reden oder zuhören müssen. Nichts ist besser, als wenn man sich schnell aus-
und anzieht, und deshalb soll nicht viel geredet werden.
Wenn Jemand ein Kleid auf dem Leibe hat, ist
der Körper versorgt; aber wenn kein Kleid am Körper ist, ist er immer Gefahren
ausgesetzt. Glaubt ihr, ihr könntet entkleidet drei bis vier Minuten in der Luft
euch hinstellen? Nein: jede Sekunde kann nachteilig sein. Bedenkt nur, daß die Wärme aus dem Körper verfliegt wie der Rauch in der
Luft! Viel Wärme strömt vom Körper weg, und deshalb soll man die Kleider auf
dem Leibe behalten, bis der Augenblick zum Gusse kommt. Das Kleid weg und
hinein ins Wasser! Und dazu ist keine halbe Minute notwendig.
Ein Gießer ist dann tüchtig, wenn er
keine Rederei aufkommen läßt und dafür sorgt, daß man bald zum Guß kommt. Ich
darf Jemanden eine Viertelstunde blitzen, und er verkühlt
sich doch nicht; denn so lange das Wasser über den Rücken läuft, vermehrt es
die Wärme. Wenn aber der Guß vorbei ist, heißt
es: „Jetzt, Natur, komm mit deiner Wärme! Du hast die Wärme gesammelt, und
jetzt mußt du den ganzen Körper erwärmen.“ Wenn dann
der Körper ohne Kleidung ist, fängt die Luft an, die ausströmende Wärme
wegzustehlen; die Luft dringt hin, und der Mensch wird der zweiten Wärme,
welche ihm die Gießung gebracht hat, beraubt und
setzt sich der Verkühlungsgefahr aus.
Im erhitzten Zustande wäre ein Bad, mit
Vorsicht genommen, stets zu empfehlen. Aber gerade in solchen Lagen fehlt
gewöhnlich die Zeit oder die Gelegenheit dazu. Was ist dann aber zu tun?
Gesetzt den Fall, ich werde zu einem Kranken in einer Filialgemeinde geholt und
muß mich sehr beeilen. Wenn ich hinkomme, bin ich
heiß; aber da werden zuerst die Geschäfte abgetan, und nach Erledigung
derselben ist man dann gewöhnlich schon abgekühlt. Wenn Das nicht wäre, würde
es am besten sein, gleich wieder Bewegung zu machen. Nun haben aber Viele die
Ungeschicklichkeit und sagen: „Wenn du gegangen bist und geschwitzt hast, mußt du dich ruhig hinsetzen und abwarten, bis der Schweiß
vom Körper ist.“ Das ist nicht richtig. Das ist am allergefährlichsten, und so
soll man nicht verfahren.
Ich war einst bei einem Bauern; dieser hatte sechs
Pferde, auf die er viel hielt. Wenn die Pferde vom Feld heimkamen, wurden
sie in den Stall geführt, und augenblicklich mußte
ihnen eine Decke aufgelegt werden. Hätte das ein Knecht unterlassen, so
würde der Bauer ihn höchstens zweimal gewarnt, das dritte Mal aber entlassen
haben. Wenn man die Menschen pflegte wie die unvernünftigen Tiere, wären viele
Leute gesund. Warum hat der Bauer das Zudecken streng verlangt? Ich glaube, er
hat den rechten Grund selbst nicht gewußt; er sagte
sich aber, daß die Pferde sonst verdorben würden, da
sie leicht Frostfieber bekommen. Und da hatte der Mann Recht; wenn die Pferde
erhitzt sind, kann es vorkommen, daß die Türe offen
gelassen wird und der Wind bei der einen Tür hinein, bei der andern der
Zug hinaus geht. Das halten die Pferde nicht aus, sie werden krank. Da seht
ihr, was gute Pflege ist. Die Decke erfaßt die
Ausdünstung. Das Pferd ist geschützt, und in kurzer Zeit ist es getrocknet. Wie
kann man es noch besser machen? Noch besser wäre, das Pferd einige Minuten in
Bewegung zu halten. Denn dadurch würde die Hitze langsam bis zur gewöhnlichen
Temperatur herabsinken. (Anmerkung: Eben
aus diesem Grunde duldete Leichtathletiktrainer …
nicht, daß sich jemand nach einem Lauf erschöpft zu
Boden fallen ließ. Er hieß diesen immer langsam auslaufen, zumindest mußte der Läufer noch mindestens die halbe Kurve im Stadion
abgehen und sich dann etwas Warmes überziehen.)
Wenn die Menschen beim Spaziergang
mehr laufen als gehen und durch das Laufen im Schweiße nach Hause kommen,
werden sie ihrer Gesundheit, statt zu nützen, vielleicht nur schaden. Wenn ihr
einen Spaziergang macht, so geht, wenn ihr vernünftig handeln wollt, die
letzte Strecke langsamer und macht den Rock oder etwa die Weste auf! So
kann man sich schnell abkühlen, ohne den geringsten Schaden zu erleiden. Am
besten ist es, den Körper ins kalte Wasser zu bringen; dann wird der
ganze Körper gut abgekühlt, aber auch die Müdigkeit, die Strapazen sind bald verschwunden.
Wer durch Gehen, Arbeiten, Tragen oder durch was immer für eine Anstrengung in
Schweiß geraten ist, dem ist viel Kraft genommen. Das Wasser nimmt als eine
stärkende Kraft die zu große Hitze weg und stärkt den ganzen Körper innerhalb
weniger Sekunden.
(Anmerkung:
Pfarrer Kneipp wußte noch nichts von jenen, die mit
dem Rad aufs Stilfser Joch (2600 m) oder Timmelsjoch (2500 m) fahren und dort schweißüberströmt
ankommen. Solchen Sportlern raten wir natürlich unbedingt, vor der windigen
Rückfahrt das Unterleibchen und evtl. das Trikot zu wechseln. Sonst ist die
Erkältungsgefahr groß.)
Die einzelnen Anwendungen des Wassers.
Die von mir gebrauchten und in diesem Teile
beschriebenen Wasseranwendungen theilen sich in
Aufschläger,
Bäder,
Dämpfe,
Gießungen,
Waschungen,
Wickelungen.
Die Unterabteilungen einer jeden Anwendung
sind dabei nicht berücksichtigt. Fremdklingende Übungen sind namentlich und
sachlich an Ort und Stelle erklärt.
Zum
besseren Verständnis für Ausländer wird nur noch zum Teil (statt Theil) die Rechtschreibung vor 1900 verwendet. Ein
ETIKA-Service für die ganze Welt.
Sollte
irgend jemand Freude daran haben, uns zu helfen und Texte aus dem in alter
Schrift gedruckten, mehr als 1400 Seiten umfassenden Buch abzuschreiben und uns
später per E-Mail zuzusenden, dem würden wir Kopien einiger Seiten schicken
(eventuell Wünsche angeben). Adresse: Rainer Lechner, Ulfas
6, I-39013 Moos i. P. (BZ). Antwort vielleicht erst innerhalb einiger Wochen
oder Monate möglich.