ETIKA

Kneipp-Reile

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Wasseranwendungen
Aufschläger (Auflagen, Unterlagen)

14.3.2009

Das große Kneippbuch. Ein Volksbuch für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian Kneipp. Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und herausgegeben von Bonifaz Reile, langjährigem Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Seite 362-367.

A.  Aufschläger.

Da beim Volke die folgenden Anwendungen bereits unter dem Namen „Aufschläger“ eingebürgert und bekannt sind, so behalte ich die Benennung gerne bei, selbst auf die Gefahr hin, daß sie nicht ganz zutreffen sollte. Unter den Aufschlägern ist verwendet:

1 . Der Oberaufschläger.

Ein größeres, grobes Linnenstück (Strohsackleinwand  eignet sich sehr gut dazu) wird drei- bis vierfach der Länge nach zusammengelegt, so breit und so lang, daß es vom Halse an die Brust und den ganzen Unterleib bedeckt. Rechts und links am Körper soll es nicht abgeschnitten aufhören, sondern zu beiden Seiten durch ein kleines Stück herunterhängen.

Das so zubereitete Tuch wird in kaltes Wasser eingetaucht (zur Winterszeit darf warmes Wasser gebraucht werden), tüchtig, d. i. vollständig, ausgewunden und dann in oben beschriebener Weise dem zu Bette liegenden Patienten aufgelegt. Darüber kommt eine Wolldecke oder ein zwei- bis dreifach zusammengelegtes Linnen, welches den Zweck hat, die nasse Auflage luftdicht abzuschließen, jeden Zutritt der Luft gründlich zu verhindern, darüber erst das Federbett.

Um den Hals lege ich in der Regel noch ein ziemlich großes Tuch- oder Wollstück, um der von oben eindringenden Luft den Zugang zu wehren. Man sei mit dem Zudecken vorsichtig; denn leicht könnten sonst Erkältungen eintreten.

Der Aufschläger bleibt drei Viertelstunden bis eine ganze Stunde liegen; muß nach Vorschrift die Anwendung, welche in diesem Falle durch Kälte wirken soll, fortgesetzt werden, so muß auch der indessen warm gewordene Aufschläger erneuert, d. i. von neuem naßgemacht werden.

Sobald die vorgeschriebene Zeit verstrichen ist, entfernt man die nassen Tücher, kleidet sich an und macht Bewegung, oder man bleibt noch eine kleine Zeit im Bette liegen.

(Im Buch Skizze: Der Oberaufschläger)

Die Anwendung des Oberaufschlägers wirkt speziell auf die Austreibung versessener Gase in Magen und Unterleib.

Diese wie die folgenden Übungen erfordern, daß der Körper warm sei.

(Der Oberaufschläger wird meistens kalt angewendet; wo jedoch ein Erfordernis vorliegt, kann er auch warm genommen werden. Nicht bloß Essigwasser, sondern auch Absude und Aufgüsse von Heublumen, Kamillen, Haberstroh etc. können zum Oberaufschläger verwendet werden.)

2 . Der Unteraufschläger.

Dem Oberaufschläger entspricht der Unteraufschläger, der, wenn beide Anwendungen successive, d. i. nach einander geschehen, zuerst an die Reihe kommt. Dabei ist Folgendes zu bemerken:

Da auch der Unteraufschläger im Bette zu nehmen ist, legt man, um das Naßwerden der Matratze oder des Strohsackes zu verhüten, über das Leintuch ein anderes Linnenstück, darüber der Breite nach eine Wolldecke („Kotze“).

Dasselbe mehrfach (drei- bis vierfach) zusammengelegte, vorher durchnäßte und ausgewundene, rohe Linnenzeug wird der Länge nach so auf die Wolldecke ausgebreitet, daß es vom letzten Halswirbel an die ganze Wirbelsäule, den ganzen Rücken hinunterreicht.

Darauf legt man sich auf den Rücken, schlägt, um sich luftdicht abzuschließen, die ausgebreitete Wolldecke nach beiden Seiten ein und deckt sich mit Wolle und Federbett gut zu. Auch der Unteraufschläger soll drei Viertelstunden gebraucht und im Verlängerungsfalle erneuert, von Neuem eingetaucht werden, da er wie der Oberaufschläger nur durch Kälte wirken soll. Die Verhaltungsmaßregeln nach der Anwendung sind dieselben wie die oben angegebenen.

(im Buch Skizze: Der Unteraufschläger.)

Zur Stärkung des Rückgrates, des Rückenmarkes, bei Rückenschmerzen, bei Hexenschuß ist der Unteraufschläger eine vorzügliche Anwendung. Beim Hexenschuß z. B. kenne ich viele Fälle, in denen zwei solche Aufschläger, in einem Tage gebraucht, das Übel gänzlich gehoben haben.

Auch bei Anstauungen von Blut, in der Fieberhitze wirkt der Unteraufschläger sehr gut.

In welchen einzelnen Fällen er zu gebrauchen, und wie oft er zu erneuern sei, das wird bei den einzelnen Krankheiten gesagt werden. Dieser Unteraufschläger wird fast immer kalt genommen, weil er hauptsächlich zur Stärkung dienen soll. Er nimmt auch die Hitze und wirkt kräftigend auf den ganzen Rücken.

Weil er hauptsächlich stärken oder die Hitze wegräumen soll, so beträgt seine Zeitdauer gewöhnlich nur eine halbe Stunde oder höchstens drei Viertelstunden, je nachdem eben der Kranke stärker oder schwächer ist. Ist besonders viel Hitze vorhanden, so wird der Unteraufschläger nach einer halben Stunde wieder frisch eingetaucht. Er kann auch in manchen Fällen warm genommen werden, wenn große Kälte in die Natur eingedrungen ist und Krämpfe oder Fieberzustände hervorgerufen hat, überhaupt bei Zuständen, bei welchen der Natur rasch Wärme zukommen muß, wie z. B. bei Cholera und ähnlichen Leiden.

Der Unteraufschläger kann in einzelnen Fällen zwei- bis viermal in der Woche genommen werden, je nachdem der Zustand des betreffenden Patienten es erfordert. Gewöhnlich wird er kalt gebraucht und wirkt auflösend und stärkend, z. B. beim Hexenschuß. Ist Hitze vorhanden, so ist der kalte Unteraufschläger ganz vorzüglich. Ist aber Kälte vorhanden, so ist es besser, denselben warm zu nehmen.

3. Ober- und Unteraufschläger zusammen genommen.

Wie nach einander, so können diese beiden Anwendungen auf einmal zur selben Zeit genommen werden.

Man bereitet den Unteraufschläger, wie Nr. 2 besagt, desgleichen den Oberaufschläger, den man neben das Bett legt. Ausgekleidet liegt man sodann auf den Unteraufschläger und appliziert sich den zur Seite parat (fertig) liegenden Oberaufschläger. Das Zudecken mit Wolldecke und Federbett geht leicht. Ist Jemand zur Stelle, so kann er Beides, Federbett und Wolldecke, zu beiden Seiten gut einschlagen, daß nirgends die frische Luft Zutritt hat. Wichtig ist bei dieser Doppelanwendung, daß die der Breite nach unter dem Unteraufschläger aufgeschlagene Wolldecke so groß ist, daß sie gleich einer Binde beide nassen Aufschläger einhüllen kann.

Die Dauer der Anwendung beträgt zum mindesten drei Viertelstunden zum höchsten eine Stunde.

Bei großer Hitze, dann wieder bei Gasen, bei Congestionen, bei Hypochondrie und anderen Leiden tut dieselbe vorzügliche Dienste.

4. Auflage auf den Unterleib.

Der Patient liegt zu Bett.

Ein vier- bis sechsfach zusammengefaltetes Linnentuch wird in Wasser getaucht, ganz ausgewunden (so daß es nicht mehr trieft), auf den Unterleib (Magengegend und abwärts) gelegt und mit Wolldecke und Federbett sorgfältig zugedeckt. Die Anwendung kann drei Viertel- bis zwei Stunden dauern. Bei einer Dauer von zwei Stunden indessen soll die Auflage nach der ersten Stunde erneuert, d. i. von Neuem eingetaucht werden.

Diese Auflage leistet gute Dienste bei Magenbeschwerden, bei Krämpfen, auch wenn es gilt, das Blut von der Brust und vom Herzen wegzuleiten.

Sehr oft wird zum Eintauchen und Netzen des Tuches statt des Wassers Essig, wie bei den einzelnen Krankheiten angegeben ist, ein Absud von Heublumen, Zinnkraut, Haberstroh und Fichtenreisern verwendet, dann jedoch immer warm aufgelegt, weil bei schwächlichen Naturen die Naturwärme unterstützt werden soll, und weil der Absud selbst Stoffe enthält, welche durch die Haut aufgenommen werden können nach dem Grundsatze: Wo eine Ausströmung stattfindet, ist auch eine Aufnahme möglich. Den deutlichsten Beweis hierfür sehen wir, wenn das Tuch wiederholt in den Absud getaucht und frisch aufgelegt wird.

Ein bleichsüchtiges Mädchen z. B., das nie rechten Appetit hat, was sicherlich daher kommt, weil der Körper nie gehörig erwärmt ist, bringt gerade durch diese Auflage und durch das wiederholte Eintauchen und Frischauflegen den Magen am ehesten wieder zur Raison.

Vor allem aber ist diese Auflage geeignet, große Anstauungen, Geschwülste und Drüsen im Innern aufzulösen, wobei der kurze Wickel zu wenig auf leidende Stellen wirken und, wenn er zu oft angewendet würde, dem Körper nachteilig werden könnte. Wie diese Auflage, wiederholt warm aufgelegt, die Wärme erhöht, so wird durch das wiederholte Eintauchen in kaltes Wasser die zu große Hitze im Innern gedämmt.

Soll auf den Unterleib in besonderer Weise eingewirkt werden, wenn Verhärtungen oder starke Anstauungen vorhanden sind oder zu große Untätigkeit herrscht, dann ist der kurze Wickel zu streng. Deshalb gebrauche ich in einem solchen Falle eine Auflage auf den Unterleib. Denn wenn Einer in der Woche mehr als zwei Wickel nimmt, so entzieht er der Natur viel Säfte. Der Kranke wird nicht leicht gedeihen. Deshalb gebrauche ich also für schwache ein zweifaches, für kräftige ein vierfaches und für robuste, sehr kräftige Leute ein sechs- bis achtfaches Tuch. Um den Essig zu sparen, gebe ich Essig-Auflagen in der Art, daß ich zuerst ein zweifach gefaltetes Linnen, in halb Wasser und halb Essig eingetaucht, auf den bloßen Leib lege und darüber dann ein zwei- bis vierfach gefaltetes, nur in Wasser getauchtes Tuch breite.

Die Auflage mit Wasser und Essig bewirkt, wenn länger aufgelegt, ebenfalls eine erhöhte Wärme; wiederholt eingetaucht und frisch aufgelegt dämmt sie die Hitze weit mehr als gewöhnliches kaltes Wasser. Der Essig schützt auch mehr vor Empfindlichkeit, so daß man sich nicht so leicht erkältet.

Die Auflage kann in ungemein vielen Fällen empfohlen werden. Bei schwächlichen Leuten nimmt man warmes Heublumenwasser. Während der Auflage soll man ruhig bleiben. Nichts stört die Wirkung mehr, als wenn man sich im Bett umherdreht und umherwälzt.

Wie oft darf man die Auflage nehmen? Man kann sie acht bis zwölf Tage lang nehmen. Die Auflage soll nicht länger als anderthalb Stunden lang dauern; nach drei Viertelstunden muß sie jedoch wieder frisch eingetaucht werden. Es ist dann nicht mehr notwendig, daß die Auflage beim wiederholten Eintauchen warm sei, sondern man kann auch kaltes Heublumenwasser nehmen. Die Auflage auf den Unterleib schwächt nicht, wenn man sie macht, wie ich gesagt habe.

Man kann nicht nur Heublumen, sondern auch Haberstrohabsud nehmen; besonders für Gichtleidende ist dies vortrefflich. Die Fichtenreiser sind auch in sehr vielen Fällen besonders hervorzuheben. Man nimmt frische Fichtenreiser, zerhackt dieselben und kocht sie eine halbe Stunde und nimmt davon die Abkochung. Das Fichtenreis enthält Pflanzenstoffe und auch Pech; wenn dasselbe gesotten ist, dann gibt es ein wunderbar schönes, rötlich-braunes Wasser, welches köstlich riecht und für einen schwachen Unterleib ein ausgezeichnetes Mittel ist.

Ich habe aber auch mit dem Lehmwasser schon viele Versuche gemacht und habe herausgefunden, daß es ausgezeichnet wirkt. Der Lehm wird mit Wasser verrührt, das Tuch darin eingetaucht und dann auf den Unterleib gelegt. Auch Lehm und Essig mit Wasser verdünnt kann angewendet werden. Man nehme nur nicht zu viel Essig, sonst würde es die Haut angreifen und zu ätzend wirken. Man soll womöglich guten Essig haben. Das Heublumentuch löst viel auf; der Lehm löst nicht so sehr auf, sondern dringt mehr ein, und weil er schnell trocknet, zieht er aus dem Körper heraus und saugt auf.

Deshalb kann man den einen Tag Heublumen, dem andern Tag Lehm auflegen. Kranke mit Geschwüren und auch Lupuskranke können Nachts den Lehm und am Tage Heublumen oder Zinnkraut benützen.

Wie viel Essig soll man zum Lehm nehmen? Man nehme zu drei Teilen Wasser einen Teil Essig. Der Lehm wird also mit Essig-Wasser abgerührt, daß er so dick wird wie eine Rührmilch. In dieses Lehm-Wasser wird das Tuch eingetaucht und hierauf ausgewunden.

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