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ETIKA |
Kneipp-Reile |
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27KR4B1 |
Wasseranwendungen |
17.3.2009 |
Das große Kneippbuch. Ein Volksbuch
für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian Kneipp.
Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und herausgegeben von
Bonifaz Reile, langjährigem
Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft
München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Seite 367-372.
Achtung: Die
angegebenen Grad Réaumur sind nicht Grad Celsius
B. Die
Bäder.
Wie es eine große Anzahl von
Gießungen gibt, und wie man durch geeignetes
Zusammenstellen einzelner Gießungen eine allgemeine
und besondere Wirkung erzielen kann, gerade so kann durch die verschiedenen
Bäder in der mannigfaltigsten Weise auf den Körper eingewirkt werden, und jede
Anwendung ist wieder ähnlich einem Apothekerhafen, auf dem geschrieben steht,
was er enthält. Wie vom Kopf bis zum Fuß verschiedene Körperteile sind, die
ihren eigenen Namen tragen, so sind auch die Gießungen,
angefangen vom Kopfguß bis zum Fußguß,
den einzelnen Körperteilen angemessen und nach diesen benannt. Ganz so verhält
es sich mit den Bädern, die bei anderer Anwendung auch eine andere Wirkung
hervorbringen, und deren eine große Anzahl, verschieden in der Anwendung und
verschieden in der Wirkung, angeführt werden kann. Was Anwendung und Wirkung
betrifft, so wird das Nötige in den einzelnen Kapiteln gesagt werden.
I.
Fußbäder.
Die Fußbäder können kalt und warm zur
Anwendung kommen.
Ich habe schon als Knabe gesehen, wie
Landleute Fußbäder nahmen, und zwar warme und kalte. Von den Ärzten wurden die
Fußbäder bei verschiedenen Krankheiten sehr häufig empfohlen. Ob es auch Ärzte
gab, welche die kalten Fußbäder verboten haben, weiß ich nicht. Es gab sehr
viele Landleute, die sich im Sommer, wenn sie ihr Tagwerk vollbracht hatten, auf
eine Bank vor dem Hause setzten, dort ausruhten und nebenbei ein kaltes Fußbad
in der Dauer von einigen Minuten nahmen. Diese Landleute sagten gewöhnlich,
so ein Fußbad ziehe alle Müdigkeit aus, und man sei nach einem solchen Bade
beinahe ebenso frisch und munter, als wenn man am Morgen aus dem Bette komme.
Weiter haben sie erzählt, durch ein Fußbad werde alle große Hitze genommen; es
werde Einem ganz wohl und behaglich und so leicht zu Mute, daß
man mit Freuden wiederum ein solches Bad nehme. Die Mannspersonen nahmen ihre
Fußbäder in einfacher Weise, wenn sie Gelegenheit hatten, in irgend
einem Bache oder Graben. Ich diente bei einem Bauern, dessen
Knecht sehr oft am Abend, während er die Pferde fütterte, beide Füße einige
Minuten lang ins Wasser steckte und nebenbei wusch, worauf er gewöhnlich
ausrief: „Si ein Fußbad tat Einem ungemein gut.“
Die Kindernaturen haben einen besonderen
Drang, ins Wasser zu stehen und darin zu gehen, wenn sie nicht Bäder nehmen
können.
1 . Das kalte Fußbad
besteht darin, daß
man eine bis drei Minuten bis an oder über die Waden in kaltem Wasser steht.
Die Zeitdauer eines kalten Bades soll sich nach der Körperkonstitution und dem
Zustande des betreffenden Individuums richten, und es kann also keine bestimmte
Regel aufgestellt werden, sondern für gewöhnlich ist eine Dauer von zwei bis
drei Minuten genug.
Nur wer das Bad selber nimmt, kann hierüber urteilen.
Wenn nämlich die Füße ins kalte Wasser kommen, so dringt die Kälte schneidend
in dieselben ein. Nach wenigen Minuten läßt die
schneidende Kälte etwas nach, und dann werden die Füße so warm, daß das Fußbad Einem nicht mehr kalt, sondern recht behaglich
vorkommt. Es dauert aber nicht lange, so beginnt die Kälte an den Füßen aufs
Neue und steigert sich wieder so stark wie anfangs. Auch diese Kälte läßt wieder nach, und es tritt neuerdings eine angenehme
Wärme ein, aber nicht mehr so stark wie nach der ersten Kälte. So tritt eine
Reaktion nach der andern ein. Nun entsteht die Frage: Wann soll man das kalte
Fußbad beschließen? Die Antwort lautet: Sobald die Kälte an den Füßen nachläßt und die Füße Einem warm vorkommen, als ob das
Wasser nicht besonders kalt wäre, soll man das Fußbad beschließen, also bei der
ersten Reaktion, wenn nach der Kälte die Wärme eingetreten ist.
Bei Krankheiten dienen kalte Fußbäder
vornehmlich dazu, das Blut vom Kopf und Brust abwärts zu leiten; sie kommen
indessen meist nur in Verbindung mit anderen Anwendungen vor, zuweilen in
Fällen, in denen Ganz- oder Halbbäder von den Patienten verschiedener Ursachen
wegen nicht ertragen werden.
Die Wirkungen des kalten Fußbades sind
folgende: Es wirkt Anfangs kalt auf die Füße, die nach und nach, wie bereits
gesagt, wärmer werden. Die Ursache des Warmwerdens liegt in der Leitung des
Blutes von oben in die Füße. Schon dieser einzige Vorteil hat großen Wert. Es
wird also das Blut von Kopf, Brust und Unterleib in die Füße geleitet.
Deshalb ist Kopfleidenden, welchen zu viel Blut in den Kopf gestiegen, dieses
Fußbad besonders anzuempfehlen.
Es wirkt ferner auf die Regelung des
Blutlaufes. Wenn nämlich die Füße zu kalt sind und der Kopf zu warm ist,
so ist das ein Beweis, daß das Blut nicht gleichmäßig
im Körper verteilt ist. Nimmt man also öfters ein kaltes Fußbad, so leitet man
jedesmal das Blut abwärts; die Füße werden nach und nach warm und bleiben dann
auch warm, was dem ganzen Körper zugute kommt, besonders dem Kopfe, der Brust
und dem Unterleibe, in welche Körperteile sich das Blut zu sehr gedrängt hat.
Das kalte Fußbad wirkt, wie auf die Brust, so
auch auf den Unterleib. Bei Nierenleiden, Blasenleiden und anderen
Gebrechen, die gar oftmals im Unterleibe entstehen, ist es nicht bloß dadurch
besonders wirksam, daß es das Blut nach unten leitet,
sondern auch dadurch, daß es stärkend auf den
Unterleib und auf die Füße einwirkt.
Eine weitere Wirkung hat es bei Harnverhaltung.
Wenn kalte Fußbäder in der rechten weise genommen werden, d. h. wenn sie nicht
zu lange dauern, und wenn darauf Bewegung folgt, so daß
die Füße recht warm werden, so wirken sie günstig wie kaum ein anderes Mittel.
Wenn aber die Kranken die gehörige Bewegung zum Warmwerden der Füße nicht
machen können, dann wäre es besser, wenn sie bei Harnverhaltung warme
Fußbäder nehmen würden.
Ganz besonders wirksam ist das Fußbad für die
Sprachorgane. Denjenigen, welche eine schwache Stimme haben, oder
welchen die Stimme von Zeit zu Zeit versagt, kann das kalte Fußbad nicht genug
empfohlen werden. Das Bad wirkt also auf Kopf und Hals, es leitet das Blut mehr
abwärts und wirkt kräftigend und abhärtend auf den ganzen Körper. Es kann auch
sehr gut empfohlen werden bei Stuhlverhärtung und bei Blutstauungen im
Gebiete des Unterleibs.
2. Das warme Fußbad
kann auf verschiedene Weise genommen
werden.
a ) In warmes Wasser von 25 bis 26 0
R. bringt man eine Hand voll Salz und die doppelte Quantität Holzasche.
Nach gehöriger Mischung benützt man das Fußbad ungefähr zwölf bis fünfzehn
Minuten.
Zuweilen gebe ich – es muß
Solches stets besonders verordnet werden – so ein Fußbad mit einer Temperatur
bis zu 30 0, jedoch stets mit darauffolgendem kalten Fußbad
von der Dauer einer halben Minute.
Die Fußbäder dienen vortrefflich überall da,
wo wegen Kränklichkeit, Gebrechlichkeit, mangelnder Körperwärme u. s. w.
strenge und kalte Mittel nicht leicht gebraucht werden können, da zu geringe
oder gar keine Reaktion stattfindet, d. h. das kalte Wasser wegen Blutmangels
zu wenig Wärme entwickelt.
Es sind die Fußbäder eigentlich für
schwächliche, blutarme, nervöse, sehr junge und sehr alte, vorherrschend
für Frauens-Personen und erweisen sich
sehr wirksam bei allen Störungen im Blutumlaufe, bei Congestionen,
Kopf- und Halsleiden, Krämpfen u. s. w.
Sie leiten, ziehen das Blut nach den Füßen
und wirken beruhigend.
Solchen, die an Fußschweiß leiden,
empfehle ich dieselben nicht.
Bei unserm Landvolke sind diese warme
Fußbäder allbekannt und deren Wirkungen, wie der häufige Gebrauch zeigt,
allgemein anerkannt.
Was die Dauer des warmen Fußbades betrifft,
so nahm man sie gewöhnlich eine kleine Viertelstunde lang, länger niemals. Die
Ärzte, die ich kannte, und die solche Fußbäder empfahlen, bestimmten gewöhnlich
vierzehn Minuten. Ich habe das warme Bad auch häufig empfohlen, und ich bleibe
bei vierzehn Minuten, weil ich die Überzeugung gewonnen habe, daß das wohl die beste Zeit sein möchte.
b ) Ein heilkräftiges Fußbad ist das Heublumen-Fußbad.
Man übergießt („schwellt an“) eine kleine
Schürze voll (drei bis fünf Hand voll) Heublumen mit sprudelndem Wasser, deckt
das Gefäß zu und läßt die ganze Mischung bis zu der
angenehmen Fußbadwärme von 25 bis 26 o R. erkalten.
Es ist ganz gleichgültig, ob die
Heublumen selbst im Fußbade verbleiben, oder ob nach Entfernung derselben der Absud
allein zur Verwendung kommt. Gewöhnliche Leute lassen der Einfachheit und
Zeitersparnis wegen in der Regel Alles beisammen.
Diese Fußbäder wirken auflösend, ausleitend
und stärkend und dienen sehr gut bei kranken Füßen, des Weiteren bei
Fußschweißen, bei offenen Schäden, bei Quetschungen aller Art (ob durch Schlag,
Stoß, Auffallen u. s. w. entstanden, ob blutend oder blutunterlaufen), bei
Geschwülsten, bei der Fußgicht, bei Verknorpelungen
an und bei Fäulnis zwischen den Zehen, bei Nagelgeschwüren, bei Verletzungen
durch zu enge Schuhe u s. w. Im Allgemeinen kann gesagt werden: Diese Fußbäder
dienen all jenen Füßen vortrefflich, deren Säfte mehr krankhaft und zur Fäulnis
neigend als frisch und gesund sind.
Ein Herr litt entsetzlich an der Fußgicht. Er schrie vor Schmerzen. Ein solches Fußbad mit
Fußwickel, der in den Absud getaucht war, benahm nach einer Stunde die gräßlichen Schmerzen.
c) An das Heublumenfußbad schließt sich enge
an das Haberstrohfußbad.
In einem Kessel werde Haberstroh eine halbe
Stunde lang gesotten und der Absud zu einem Fußbade von 25-30 0 R.
verwendet, in dem man 20-30 Minuten aushält.
Nach meinen Erfahrungen sind diese Fußbäder
unübertroffen, wenn es sich um Auflösung aller möglichen Verhärtungen an den
Füßen handelt. Sie dienen somit bei Verknorpelungen, Knoten u. s. w. den Folgen
von Gicht, Gliedersucht, Podagra, bei Hühneraugen, bei eingewachsenen faulenden
Nägeln, bei durch Gehen entstandenen Hitzblattern.
Selbst offene, eiternde Füße und durch zu scharfen Fußschweiß verwundete Zehen
können in diesem Fußbade behandelt werden.
Ein Herr schnitt sich das Hühnerauge aus. Die
Zehe entzündete sich; ein bösartiges Geschwür ließ an Blutvergiftung denken.
Täglich drei Haberstrohfußbäder und bis über die Fußknöchel reichende
Fußwickel, in solchen Absud getaucht, heilten den Fuß innerhalb vier Tagen.
Einem Kranken drohten
sämtliche Zehen eines Fußes wegzufaulen. Geschwülste,
dunkelblau gefärbt, legten wiederum ndie Besorgnis
von Blutzersetzung nahe. Die Fußbäder und Fußwickel halfen in kurzer Zeit wieder
auf die Beine.
In manchen Fällen verordne ich bei den
genannten Fußbädern (man lese die einschlägige Stelle bei: „Warmes Vollbad“)
wie bei den warmen Vollbädern den dreimaligen Wechsel. Den Abschluß
bildet auch hier wie dort das Kalte. Eine stete Ausnahme bildet jedoch
das oben unter a erwähnte 25 bis 26 0 (Réaumur) warme Fußbad mit Beigabe von
Asche und Salz. Dasselbe hat den Zweck, das Blut in verstärkter Weise von oben
nach unten zu ziehen und daselbst zu verteilen. Wer auf dieses warme Fußbad
also noch ein kaltes folgen ließe als Abschluß, der
würde das stark nach den Füßen geleitete Blut abermals von unten nach oben
zurückschrecken, und es würde dasselbe keineswegs mehr in so ausgiebiger Menge
in die Füße hinabfließen, in der es durch das warme Wasser mit Asche und Salz hinabgezogen wurde. Die erste, gewollte Wirkung würde auf
diese Art wenigstens teilweise aufgehoben und der Zweck vereitelt. Auf das
warme Fußbad mit Beigabe von Asche und Salz folgt also nie ein kaltes.
d) An eine besondere Art von Fußbädern, die
mehr fester als tropfbar flüssiger Natur sind, möchte ich hier nur erinnern.
Wer in die Möglichkeit ihres Gebrauches versetzt ist, verschmähe dieselben
nicht! Ich habe sie oft, sehr oft mit großem Erfolge angewendet.
Man lege in ein Gefäß (Fußkübel)
die noch warmen Malztreber. Die Füße bohren sich leicht ein und fühlen
sich in der wohltuenden Wärme bald heimisch. Das Bad kann 15 bis 30 Minuten
dauern. - Noch stärker wirken die Treber der Weintrauben. Das sogenannte
„Treberhocken“ ist in den Weingegenden beim Volke
bekannt und das Treberbad von den Landleuten als sehr
günstig wirkend erprobt.
Wer an Rheumatismus, Gicht oder ähnlichen
Übeln leidet, wird die Heilwirkung am besten spüren.
Eine Bemerkung, welche für sämtliche Fußbäder
gilt, ist folgende: Bei Personen, die mit Krampfadern behaftet sind, sollen die
Fußbäder nie weiter als bis zu den beginnenden Waden reichen und die Temperatur
von 25 0 R. nicht übersteigen.
Fußbäder mit einfachem warmem Wasser, ohne
jede Beimischung nehme und verordne ich nie.
Das warme Fußbad hat so ziemlich dieselbe
Wirkung wie das kalte. Es wird hauptsächlich bei älteren und schwächeren Leuten
angewendet, welche sich zum kalten Fußbade nicht entschließen können, und
welche zur allgemeinen Erwärmung zu wenig Blut haben. Besonders alte Leute
fühlen sich auf so ein Fußbad, welches gewöhnlich am Abende
genommen wird, sehr behaglich und schlafen dann auch sehr gut.
Fortsetzung: Das Halbbad.