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ETIKA |
Kneipp-Reile |
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27KR4B2 |
Wasseranwendungen |
22.3.2009 |
Das große Kneippbuch. Ein Volksbuch
für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian Kneipp.
Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und herausgegeben von
Bonifaz Reile, langjährigem
Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft
München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Seite 372-375. Mit Zeichnung: Mann
sitzt in halb gefüllter Badewanne.
II.
Das Halbbad.
Was ist allgemeiner unter den Menschen als
die Furcht vor dem Wasser? Der größere Teil der Menschheit glaubt, das Wasser
sei kein Hielmittel, sondern es richte vielmehr die
Natur zu Grunde. Es werden auch die Kranken nur allzu oft gewarnt vor
Wasseranwendungen, und wenn man von einem Vollbad redet, so schaudert der
Kranke sofort zurück. Besser nun geht es, wenn man dem Kranken statt eines
Vollbades ein Halbbad verordnet, besonders wenn die Dauer des Halbbades recht
kurz ist.
Das ewige Jammern und Klagen solcher
Furchtsamen, sowie auch meine Wißbegierde haben
mich dazu gebracht, Halbbäder zu gebrauchen, bei welchen der Oberteil des
Körpers entweder ganz frei blieb vom Wasser oder während des Bades bloß naß gemacht wurde.
Und ich kam in der Tat nicht bloß mit den
Kranken besser zurecht, sondern erzielte auch die besten Erfolge. Ich mußte ein Mittelding haben zwischen den Vollbädern, die mir
zu viel, und zwischen den Fußbädern, die mir zu wenig bieten. Für dieses
Mittelding wählte ich den Namen Halbbäder.
Die Anwendung kommt in dreifacher Art vor:
1. ins Wasser stehen, so daß dieses reicht bis über die Waden oder über die Kniee;
2. ins Wasser knien, so daß die ganzen Schenkel mit ins Wasser kommen;
3. ins Wasser sitzen. Die dritte Art
nur verdient mit Recht den Namen des eigentlichen Halbbades; es reicht bis zur
Mitte des Unterleibes, bis in die Nabelgegend.
Alle drei Anwendungen, die stets nur in
kaltem Wasser vorgenommen werden, zählen in erster Linie mit zu den
Abhärtungsmitteln. Sie betreffen demnach Gesunde, die noch stärker,
Schwächlinge, die stark, Rekonvalescenten, die
vollends gesund und stark werden wollen. In Krankheitsfällen muß ihr Gebrauch speziell und ausdrücklich vorgeschrieben
sein, sonst soll man damit keine Versuche anstellen; sie könnten unter
Umständen nicht gut ausfallen.
Bei jeder Art des Verwendens, sie betreffe
Gesunde oder Kranke, ist die Anwendung stets eine Teilanwendung, d. h. sie
kommt nur in Verbindung mit anderen Anwendungen vor und darf die Gebrauchszeit
von fünf bis zehn Sekunden nie übersteigen.
Die Nummern eins und zwei, ins
Wasser stehen und ins Wasser knieen, habe ich bei
solchen Personen, die an Kraft durch die verschiedensten Ursachen gänzlich
heruntergekommen waren, beim Beginne der Wasserkur stets mit großem Erfolge
angewendet. Ich will diese Ursachen nicht nennen, sondern nur andeuten, daß es Viele gibt, welche den Druck des Wassers bei
Vollbädern Anfangs ohne die unangenehmsten Folgen nicht ertragen können. Man
gehe über diesen Punkt nicht mit vornehmem Naserümpfen oder mit Lachen hinweg.
Ich wäre gern bereit, nicht einige, nein, hunderte von schlagenden, lebendigen
Beispielen aus den verschiedensten Klassen und Ständen anzuführen. Gerade
solche (wegen zu großer Schwäche und Armseligkeit) Kranke haben mich auf diese
zwei Anwendungen gebracht; ihr Zustand erfordert diese diskrete, maß- und
rücksichtsvolle Wasserbehandlung – manchmal durch lange Wochen hindurch,
solange bis sie mehr gekräftigt waren und mehr aushalten konnten.
Als zweite abhärtende Übung wird mit beiden
Nummern gewöhnlich verbunden das Eintauchen der Arme bis zu den Achseln.
Außer zur Stählung der Natur verordne ich diese eine
ganze (aus zwei Teilanwendungen bestehende) Anwendung speziell gegen kalte
Füße.
Die Nummer drei, das eigentliche Halbbad,
ist wohl zu beachten; ich empfehle dieses allen Gesunden auf das
Eindringlichste. Die Unterleibsschwächen und Unterleibskrankheiten, und
deren Zahl ist Legion, deren Ursache im Grunde nur eine: Mangel an Abhärtung,
Verweichlichung, werden durch sie im Keime erstickt, die schon seßhaften beseitigt. Diese Halbbäder kräftigen den
Unterleib, erhalten und mehren die Kraft. Tausende und Tausende von Menschen
tragen eine, zwei oder mehr Leibbinden und Anderes. Machen die es besser? Oft
schlimmer; sie binden die Verweichlichung, das Gebrechen erst recht so zu sagen
in den armen Leib hinein.
Man probiere einmal, langsam, aber
entschieden, unser Halbbad! Die Klagen über Hämorrhoiden, Windkolik,
Hypochondrie, Hysterie u. s. w. werden sich in Bälde bedeutend mindern,
Übel, die im kranken und geschwächten Unterleib ihr geistverrückendes Spiel
treiben.
Die Wirkung des kalten Halbbades ist eine
ganz vorzügliche. Es wirkt allgemein stärkend auf den Leib, entwickelt
überall Wärme, hat auf die Blutzirkulation einen großen Einfluß, beruhigt die Natur wie kaum eine andere Anwendung
und trägt wohl am meisten zu einer raschen und allgemeinen Erholung bei,
nachdem eine Krankheit vom Körper Abschied genommen. Der Kranke äußert sich
gewöhnlich, daß ihm das Halbbad am wohlsten tue. Es
wird zur Ausheilung auch mit dem Oberguß verbunden,
bis der Kranke sich vollständig gesund fühlt.
Während nach manchen Wasserbüchern die Bäder
Minuten lang, oft auch eine halbe Stunde und selbst
noch länger genommen wurden, kam ich durch lange Versuche zu der Überzeugung, daß das kürzeste Bad das allerbeste ist. Es ist auch
viel besser, zwei kurze Bäder zu nehmen, als eines von langer Dauer. Die Naturwärme
bleibt beim kurzen Bad geschont, die Einwirkung ist groß und energisch; der
Kranke geht viel lieber in dieses Bad, und die Wärme entwickelt sich nach dem
kurzen Bade viel rascher, während nach einem Bade von längerer Dauer der
Patient erst nach ein bis zwei Stunden die volle Wärme wieder bekommt. Das
Halbbad unterscheidet sich wesentlich vom Vollbade, welches den ganzen Körper
in Mitleidenschaft zieht, und bei welchem erst nach längerer Zeit die volle
Naturwärme wieder eintritt. Die Dauer des Halbbades soll also, wie bereits
erwähnt, fünf bis höchstens zehn Sekunden sein.
Kranke, welche überhaupt nicht oder nicht
gehörig Bewegung machen können, um warm zu werden, müssen ins Bett gehen und
zwar womöglich ins warme Bett. Überhaupt wäre es am besten, wenn man
dieses Bad vom Bette aus nehmen und dann sofort wieder ins warme Bett gehen
würde.
Über den Gebrauch der einen oder anderen
unserer drei Anwendungen in Krankheitsfällen mögen Beispiele ein Wort sagen:
Ein junger Mann wurde durch Typhus
derart geschwächt, daß er zu jeder Arbeit unfähig
war. Längere Zeit hindurch kniete er jeden zweiten oder dritten Tag eine,
später zwei bis drei Minuten ins Wasser. Er erholte sich von Woche zu Woche
mehr und wurde kräftig wie früher.
Jemand leidet an heftigen Congestionen,
die vom Unterleibe (es kommt dies häufig vor) ausgehen. Er wäscht den einen Tag
den Oberkörper kräftig ab, den andern Tag kniet er ins Wasser. So setzt er es
eine geraume Zeit fort und wird frei.
Magenleiden, die von Blähungen,
verhaltenen oder versessenen Winden herrühren, werden ebenso geheilt.
Das Austreiben solcher Gase, die nach
Krankheiten zu den belästigendsten Übeln gehören
können, ist ein Spezifikum, d. i. eine ganz besondere Wirkung unseres
Halbbades. Wie Viele leiden nicht an Blasenkatarrh! Gerade diese Krankheit
aber muß wirklich als ein großes Übel bezeichnet
werden, weil man Jahre lang leiden kann, ohne Hilfe zu finden. Wie ein
gewöhnlicher Katarrh, wenn er vernachlässigt wird, andere Krankheiten, z. B.
Schwindsucht u. dgl. Hervorbringen kann, gerade so kann auch durch den
Blasenkatarrh eine Schädigung anderer Körperteile eintreten. Ich bin der festen
Überzeugung, daß solche Krankheiten nicht so oft
vorkommen würden, wenn man sich gehörig abhärten würde. Wie mit dem
Blasenkatarrh, so ist es auch mit vielen andern Krankheiten.
Man soll aber ja nicht glauben, daß das Halbbad, weil es so vortrefflich ist, recht oft
genommen werden müsse. Hier gilt eben auch der Grundsatz: Was zu viel ist,
schadet.
Ein Herr, dem das Halbbad gut getan, nahm dasselbe
längere Zeit hindurch jeden Tag. Und weil er glaubte, er könne dieses Bad nicht
oft genug nehmen, nahm er es sogar manchen Tag zweimal. Allein statt an Kraft
und Ausdauer zuzunehmen, merkte er bald, daß seine
Körperwärme von Woche zu Woche langsam abnehme, daß
er auch nicht mehr seine voll Kraft und vor Allem seinen guten Humor besaß, den
er früher fast im Überfluß besessen. Seine
Körperkonstitution war den unaufhörlichen Angriffen des kalten Wassers nicht
mehr recht gewachsen. Ich gab ihm nun den Rat, drei Wochen hindurch gar keine
Anwendungen mehr zu nehmen und erst dann wieder in der Woche zwei Halbbäder von
kürzester Dauer. Nun trat bald die volle Wärme wieder ein, und der gute Humor
und die frühere Kraft kehrten ebenfalls wieder zurück.
Nach meiner Überzeugung wird der Gesunde
vollständig ausreichen, wenn er in der Woche zwei bis drei Halbbäder
nimmt und wöchentlich zwei- bis dreimal den Oberkörper wäscht. Er kann aber
auch die Waschung des Oberkörpers gleichzeitig mit dem Halbbade vornehmen, dann
braucht er weiter gar nichts mehr zu tun. Für Schwächlinge jedoch rate ich
nicht mehr als zwei bis drei Halbbäder in der Woche.
Nächstes Kapitel: Das Sitzbad