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ETIKA |
Kneipp-Reile |
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27KR4B3 |
Wasseranwendungen |
22.3.2009 |
Das große Kneippbuch. Ein Volksbuch
für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian Kneipp.
Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und herausgegeben von
Bonifaz Reile, langjährigem
Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft
München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Seite 375-379. Mit Zeichnung.
II.
Das Sitzbad.
Schon seit vielen Jahren habe ich von
verschiedenen Sitzbädern gehört, von warmen und kalten, und habe mich auch
erkundigt, wie lange so ein Sitzbad dauert. Es wurde mir mitgeteilt, daß ein kaltes Sitzbad eine Viertel- bis eine halbe Stunde,
mitunter auch eine ganze Stunde dauere. Die warmen Bäder hatten, wie ich
erfuhr, 26 0 bis 33 0 R. und wurden selbst noch wärmer
angewendet. Auch die warmen Bäder sollten eine halbe Stunde bis eine ganze
Stunde lang dauern. Weil ich aber gegen alles zu Schroffe bin, so kamen mir
auch diese Anwendungen für die menschliche Natur viel zu hart vor, und ich
dachte oft: Wie wird die menschliche Natur mit ihrer Wärme so lange in der
Kälte sitzen können, ohne sich der Gefahr auszusetzen, daß
ihr zu viel Wärme entzogen wird? Und dann ist statt gewonnen nur verspielt.
Gerade so ist es mit der Wärme. Jedem ist eine große Hitze lästig, sei es
Sommerhitze oder zu große Wärme des Wassers. Wenn nun der Mensch sich in ein
solches Bad von 30 0 (Anmerkung:
nicht Celsius, sondern Réaumur!) oder noch mehr
setzt, so ist doch auch diese Wärme sicher nicht ohne nachteilige Einwirkung
auf die Naturwärme, die zu sehr gesteigert wird. Es sind mir auch recht viele
üble Folgen mitgeteilt worden.
(Zeichnung: Das Sitzbad. Ein Bub sitzt in einer Wanne mit Rückenlehne, fast
einem Liegestuhl ähnlich; die Füße hängen im Freien)
Die
zu warmen Bäder machen den Körper schlaff, und die zu kalten brachten gewöhnlich Frost hervor, so daß die Natur lange zu tun hatte, bis sie die normale Wärme
wieder bekam, wie auch der erhitzte Körper schwer wieder seine übermäßige Wärme
entfernen kann. Wie bei dem Einen das Blut gekühlt wird, so wird es bei dem
Andern durch zu große Hitze zu viel erhitzt, und deshalb kann eher Schaden
gestiftet als Nutzen geschaffen werden. Darum versuchte ich auch hierin die
goldene Mittelstraße zu finden, und ich habe im Kleinen angefangen zu prüfen;
ich probierte kalte und warme Sitzbäder und bin nach und nach zur klarsten
Überzeugung gekommen, daß man nicht viele Sitzbäder
nehmen dürfe, weder kalte noch warme. Nimmt man zu viele warme Sitzbäder, so
wird zu viel Blut in den Unterleib geleitet, und dadurch entstehen nicht bloß
Beschwerden, sondern auch viele Übelstände, die später schwer zu beseitigen
sind.
(Anmerkung
ETIKA: Wer fühlt sich nicht schlapp, wenn er sich 20 oder 30 Minuten im warmem
Becken eines Thermalbades aufgehalten hat, womöglich noch in einer Halle ohne
Frischluftzufuhr?)
Bei den kalten Sitzbädern verliert die Natur
zu viel Wärme, und dann geht es dem ganzen Körper nicht am besten; oder die
Natur wird Meister, und dann entwickelt das kalte Sitzbad immer mehr Wärme, und
die Folge davon ist wiederum, daß zu viel Blut in den
Unterleib geleitet wird. Häufig geschieht es dann, daß
Hämorrhoiden sich bilden oder die bereits vorhandenden noch vermehrt werden.
Aber nicht bloß Hämorrhoiden können sich bilden, sondern es können auch
Stauungen entstehen und zwar sowohl im Blute als auch in den Säften. Kurz, es
können alle möglichen Störungen im Unterleibe zu Tage treten. Alle Versuche
haben mich belehrt, daß es besser sei, wenig Sitzbäder zu nehmen und diese immer mit andern
Anwendungen zu verbinden, um dadurch eine Gesamtwirkung auf den ganzen Körper
zu erreichen. Richtig angewendet haben die Sitzbäder, sowohl warme als auch
kalte, recht gute Erfolge.
1 . Das kalte Sitzbad
wird in folgender Weise genommen.
Die eigens für die Sitzbäder gefertigte Sitzbadewanne
(Figur siehe nächste Seite; Anm.: nicht
im Internet) oder in deren Ermangelung das weite, nicht tiefwandige
Gefäß aus Holz, Blech oder Zink (siehe Figur) (Anmerkung: etwa wie ein breiter Waschbottich) wird zum vierten
oder fünften Teile etwa mit Kaltwasser angefüllt. In diese Wanne setzt man sich
ausgekleidet wie auf einen Stuhl derart, daß der halbe
Unterleib bis in die Nierengegend und die obere Hälfte der Schenkel in das
Wasser kommen. Die andere Schenkelhälfte gegen das
Knie zu und die Füße kommen außer Wasser zu stehen. Wer schon einige Praxis
hat, braucht sich nicht ganz auszukleiden. Die Dauer eines Bades beträgt zehn
bis zwanzig Sekunden.
Diese kalten Sitzbäder gehören nebst den
Halbbädern zu den bedeutsamsten und wirksamsten Anwendungen speziell für den
Unterleib. Sie sind Luft (Gas) ausleitend, die schwache Verdauung und den
Stuhlgang befördernd, den Blutumlauf regelnd, stärkend und deshalb bei Bleichsucht,
Blutfluß und ähnlichen Zuständen, bei Unterleibsgebrechen
der delikatesten Art nicht genug zu empfehlen. Niemand braucht die naßkalte, nur zehn bis zwanzig Sekunden dauernde Anwendung
zu fürchten. Gut und nach Vorschrift ausgeführt kann dieselbe niemals schaden.
Um Erkältungen vorzubeugen, um gefeit,
gekräftigt, unempfindlich zu werden gegen den häufig so arg mitspielenden
Temperaturwechsel, nehme man solche Sitzbäder, am besten Nachts vom Bette
aus. Man erwacht zu irgend einer Stunde, steigt schnell ins Sitzbad (das Auskleiden
bleibt erspart) und sofort, ohne abzutrocknen, wieder ins Bett. Vor oftmaligem
Gebrauche hintereinander möchte ich jedoch warnen, weil dadurch das Blut zu
sehr in die Sitzteile geleitet wird und so Hämorrhoiden großgezogen
werden; zwei- bis dreimal in der Woche geht an.
Wem der gesunde, ruhige Schlaf fehlt, schon
beim Beginn der Nachtruhe, wer Nachts aufwacht und nicht wieder einschlafen
kann, wer überhaupt an Schlaflosigkeit leidet, benütze das kalte
Sitzbad. Die Sitzungen während 10 bis 20 Sekunden benehmen die Aufregung und
verschaffen angenehme Ruhe.
Ein Patient vermochte geraume Zeit hindurch
selten länger als eine bis zwei Stunden zu schlafen und wälzte sich, alle
möglichen Gedanken aufgreifend, in immer tiefere Aufregung hinein. Diese Bäder
brachten ihm den heißersehnten Schlaf.
Wer in der Frühe mit eingenommenem Kopfe, wer
matter aufsteht, als er zur Ruhe ging: Beiden rate ich diese Anwendung.
Auch allen Gesunden sei dieselbe aufs wärmste
empfohlen.
Augustin hatte an Hämorrhoiden viel zu
leiden. Wenn er sich durch Arbeit und zu rasches Gehen zu sehr erhitzt hatte,
so waren die Hämorrhoiden eine ihm beinahe unerträgliche Last; besonders
stiegen sie ihm in den Kopf, und er kam dadurch oft in die peinlichste Lage. Er
nahm kalte Sitzbäder, wodurch sein Unterleib tüchtig abgekühlt wurde, was ihm
große Erleichterung brachte.
Nun entsteht die Frage? Wie oft können solche
Sitzbäder genommen werden?
Ein Herr erzählte mir, er habe oft
Beschwerden im Unterleibe gehabt, besonders wegen Stuhlverhärtung, und da
hätten ihm die Sitzbäder sehr gute Hilfe geleistet; er habe sie deshalb recht
fleißig genommen. Jetzt habe er aber große Beschwerden bekommen, und es sei
täglich Blut von ihm abgegangen. Dieser hat also durch zu viele Sitzbäder das
Blut zu sehr nach unten geleitet; es staute sich dort, wodurch dann die
Blutgefäße des Mastdarms sich erweiterten und Hämorrhoiden eintraten.
Die Sitzbäder werden im Allgemeinen kalt
genommen; in Fällen jedoch, wo Wärme fehlt, und große Erkältung vorhanden ist,
werden sie auch warm angewendet. Ist die Hitze im Unterleibe vorherrschend, so
gebe ich ein kaltes Sitzbad, und zwar in der Woche ein- bis zweimal, in
seltenen Fällen dreimal, aber öfters nie. Sollten mehr notwendig werden, dann
nimmt man besser statt des Sitzbades ein Habbad.
2. Das warme Sitzbad
bereite ich niemals mit warmem Wasser allein,
sondern stets mit Beimischungen von Zinnkraut-, Haferstroh-,
Fichtenreiser- oder Heublumen-Absud oder auch Salz, weil ich der
Überzeugung bin, daß solche Stoffe besonders günstig
wirken.
Die Zubereitung dieser Bäder geschieht auf
eine und dieselbe Weise. Man gießt strudelndes Wasser über das Kraut und läßt die Mischung auf dem Feuer eine Zeit aufkochen. Sodann
rückt man das Kochgefäß aus der Hitze weg, läßt den
Absud samt dem Kraut abkühlen, bis er die Badetemperatur von 24 bis 26 0,
selten 30 0 R. erreicht hat, und schüttet Beides, Absud und Kraut,
in die bereitstehende Sitzbadewanne. So ein Sitzbad darf eine Viertelstunde
währen, und da es schade wäre, den Absud alsdann wegzugießen, lasse ich
denselben noch zu zwei weiteren Anwendungen benützen. Zu einem Salzwassersitzbad
nimmt man eine Handvoll Salz.
Solche Kräutersitzbäder erlaube ich
wöchentlich höchstens zwei- bis dreimal, öfters nur im Wechsel mit kalten oder
in Fällen, wo es sich um die Heilung eines tief eingewurzelten Übels handelt,
wie bei hervorragenden Hämorrhoidalleiden, bei Mastdarmfisteln,
Blinddarmbeschwerden und Ähnlichem.
Bruchleidende brauchen sich durch ihr Gebrechen
von der Benützung dieser Bäder nicht abhalten zu lassen.
Das Zinnkraut-Sitzbad dient speziell
und hauptsächlich bei krampfhaften, rheumatischen Zuständen der Nieren und
der Blase, bei Gries- und Steinleiden, bei Beschwerden im Urinieren.
Das Haberstroh- und Fichtenreiser-Sitzbad
ist ein vorzügliches Bad bei allen gichtischen Leiden.
Das Heublumen-Sitzbad hat mehr allgemeine
Wirkung und wird in Ermangelung von Zinnkraut und Haberstroh bei allen oben
angeführten Unterleibsleiden angewandt, wenn auch weniger wirksam. Gute Dienste
hat es mir stets geleistet bei der Auflösung von Anstauungen im Unterleibe, bei
der Behandlung von äußeren Geschwülsten, Geschwüren (Gürtelausschlag), bei
hartem Stuhlgang, bei Hämorrhoiden, bei krampfhaften und kolikartigen
Erscheinungen (Windkolik). Das Salzwasersitzbad
gilt bei scrophulösen Leiden als sehr wirksam.
Wie das warme Sitzbad wirkt, hievon ein Beispiel:
Ein Bauer hatte sich durchnäßt
und eine Verkältung zugezogen. Er konnte nicht
mehr Wasser machen, und ein krankhafter Zustand peinigte ihn aufs
erbärmlichste. Ich riet ihm, ein warmes Sitzbad von 28 0 R. in der
Dauer von vier bis fünf Minuten zu nehmen. Dieses erwärmte den Unterleib, so daß die Kälte verschwand, der krampfhafte Zustand sich
auflöste und das Wasser schon im Sitzbade abging. Dieses Sitzbad hätte er zwei-
bis dreimal weiderholen können, wen es notwendig gewesen wäre.
Wenn also eine Erkältung im Unterleibe
eintritt, ist das Sitzbad am Platze. Weil aber eine Erkältung nicht bloß auf
den Unterleib, sondern auf den ganzen Körper nachteilig wirkt, so muß auch auf den ganzen Körper eingewirkt werden, um Kälte
oder Hitze zu verdrängen, was am leichtesten durch eine Ganzwaschung vom
Bette aus geschieht.
Wie nun die Kälte durch ein warmes Sitzbad
verdrängt werden kann, so kann auch eine im Unterleibe vorherrschende Hitze
durch ein kaltes Sitzbad gedämpft und behoben werden.
Nächstes, sehr langes Kapitel: Vollbäder oder
Ganzbäder