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ETIKA |
Kneipp-Reile |
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27KR4B4A |
Wasseranwendungen |
18.4.2009 |
Das große Kneippbuch. Ein
Volksbuch für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian
Kneipp. Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und
herausgegeben von Bonifaz Reile,
langjährigem Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft
München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Seite 379-395. Mit 2 Zeichnungen.
IV. Vollbäder
oder Ganzbäder.
Auch diese Bäder werden unterschieden in
kalte und warme Vollbäder. Jede Art dient sowohl den Gesunden als den Kranken.
1 . Das kalte Vollbad
hat unter allen Bädern die meiste Wirkung und
kann auf zweifache Weise genommen werden: entweder steht oder liegt man mit dem
ganzen Körper im kalten Wasser, in der Badewanne; oder man geht, um den
fühlbaren Druck des Wassers auf die Lunge zu vermeiden (obgleich nie eine
Gefahr ist), nur bis unter die Arme ins Wasser, so daß die Lungenspitzen frei
bleiben, und wäscht den Oberkörper mit der Hand oder einem rauhen Linnen
(Handtuch) rasch ab.
Die kürzeste Dauer eines solchen kalten
Vollbades ist zehn Sekunden, die längste, welche nicht überschritten
werden soll, 20 bis 30 Sekunden.
Auf diese meine Sonderanschauung werde ich im
Folgenden noch einige Male zurückkommen müssen. Hier stehe nur die Bemerkung,
daß ich vor ungefähr zwanzig Jahren selbst noch anderer Meinung war, Bäder von
längerer Dauer anriet und im Glauben lebte, die Wasserheilanstalten könnten von
der besten Methode nicht weit abirren.
Die langjährige Erfahrung und die tägliche
Praxis an mir und an Anderen haben mich seit langer Zeit, wie ich glaube, eines
Besseren belehrt. Diese Lehrmeisterinnen brachten mich zu der festen
Überzeugung, daß bei Kaltwasserbädern der Grundsatz der richtige und wahre ist:
Je kürzer das Bad, desto besser die Wirkung. Wer eine Minute im kalten
Vollbade bleibt, handelt klüger und sicherer als Derjenige, welcher fünf
Minuten darin bleibt.
Mögen Gesunde oder Kranke dieses Bad
gebrauchen, ich verwerfe ein jedes, das über 30 Sekunden
dauert.
Diese Überzeugung, die unzählige Tatsachen
gebracht und seitdem bestätigt haben, macht es erklärlich, daß ich über die
schroffen Anwendungen in Wasserheilanstalten, auch über das vielfach
unüberlegte Baden zur Sommerszeit meine eigenen Anschauungen habe.
Was den letzten Punkt angeht, so gibt es
Leute, welche einmal, ja zweimal am Tage je eine halbe Stunde und darüber im
Wasser bleiben. Bei tüchtigen Schwimmern, die starke Bewegung machen und
nach dem Baden gute, kräftige Nahrung zu sich nehmen können, schadet jenes
weniger. Die kräftige Natur wird schnell ersetzen, was das Bad ihr genommen. Den
Landratten aber, die ohne rechte Bewegung wie mühsam gehende Schildkröten eine
halbe Stunde im Wasser herumkriechen, nützt so ein Badmartyrium nicht nur
nichts (die Reinigung der Hautwäsche hätten sie billiger haben können), es
schadet, und wenn es öfters, gar zu oft wiederkehrt, schadet es viel: derlei
Bäder machen schlaff, müde. Statt daß sie der Natur, dem Organismus nützen,
ziehen sie ihn aus; statt daß sie kräftigen und nähren, zehren sie.
a ) Das kalte Vollbad für Gesunde.
Öfters kamen mir von bekannter und
unbekannter Seite Warnungen zu des Inhalts, ich möchte doch bedenken, daß die
Anwendung des kalten Wassers gleichbedeutend sei mit Wärme-Entziehung, daß
Wärme-Entziehung blutarmen Personen sehr schade und die Nervenreizbarkeit in hohem Grade steigere.
Ich unterschreibe jedes Wort, wenn es sich um
allzu schroffe Anwendungen der oben beschriebenen Art handelt; meine
Anwendungen aber, an dieser Stelle die kalten Vollbäder, empfehle ich vorerst
allen Gesunden zu jeder Jahreszeit, im Sommer und Winter, und behaupte,
daß gerade diese Bäder zur Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit wesentlich
beitragen; sie reinigen die Haut, befördern die Hauttätigkeit, erfrischen,
beleben und stärken den ganzen Organismus. Im Winter sollen die Bäder in
der Woche die Zahl zwei nicht übersteigen; eines genügt alle acht, unter
Umständen alle vierzehn Tage.
Einen allgemeinen Anstoß hat es erregt, daß
ich verlange, man solle den Körper weder abreiben noch abtrocknen, sondern
ganz naß so schnell wie möglich ein Hemd anziehen. Der Hauptgrund dieser
Anordnung ist der, weil man so am schnellsten warm wird und eine größere Wärme
bekommt, als wenn man sich abtrocknet. Was übrigens das Trockenwerden betrifft,
so ist Jeder, bis er angezogen ist, vollständig trocken. Man fühlt sich gar
nicht naß, weil die Wassertropfen und die Nässe auf dem Körper schnell in
einen warmen Dunst übergehen, wodurch in Bälde eine behagliche Wärme
eintritt.
Wie man vor dem Bad warm sein muß, so muß der
Körper auch nach dem Bade entweder durch Gehen oder durch Arbeiten
sobald als möglich wieder die gehörige Naturwärme bekommen, und wenn nach
einiger Zeit sich etwa Kälte bemerkbar machen sollte, so ist dies ein Beweis,
daß noch nicht die volle Naturwärme vorhanden ist und somit noch weiter
Bewegung gemacht werden muß.
Zum Vollbad nimmt man frisches Wasser,
sei es nun Bach- oder Brunnenwasser, das ist ganz gleich. Je frischer das
Wasser ist, um so mehr kann es empfohlen werden.
Ein Grund der Angst und Besorgnis vor den
Kaltwasser-Anwendungen ist Vielen sehr schwer zu benehmen; ich möchte denselben
bezeichnen als die fixe Idee von der Wärme-Entziehung. Die Kälte
schwächt und muß schwächen, sagen sie, wenn nicht auf deren Anwendung alsbald
das Gefühl von Wärme folgt. Ganz gewiß, ich stimme bei. Aber ich behaupte
entgegen, daß, abgesehen von der vielen Bewegung, die nach unsern Grundsätzen
mit jeder Anwendung von kaltem Wasser strenge und vorschriftsmäßig verbunden
ist, unsere Kaltwasserbäder der Natur die Wärme nicht rauben, vielmehr dieselbe
erhalten und pflegen. Statt Allem die Frage: Wenn ein geschwächter, durch
fortwährendes Stubensitzen verweichlichter Mensch, welcher zur Winterszeit nur
im äußersten Notfalle noch einen Ausgang wagen darf, durch die Bäder oder durch
die Waschungen auf einmal so abgehärtet ist, daß er ohne Furcht bei jeder
Witterung ausgeht, die empfindsame Kälte selbst kaum mehr empfindlich spürt,
muß bei einem solchen die Naturwärme nicht gewonnen haben? Sollte dieses alles
Schein und Trug sein?
Ein Beispiel von vielen möge doch hier Platz
finden:
Ein hoher Herr, über 60 Jahre alt, war
wasserscheu aufs äußerste. Seine größte Sorge bei Ausgängen bestand
darin, ja nicht eines der unentbehrlichen Wollstücke zu vergessen; alle
möglichen und unmöglichen Erkältungen u. s. w. könnten ja die Folge solch
unverzeihlicher Vergeßlichkeit sein. Der Hals des Herrn war vor allen andern
Kopf-, Rumpf- und Gliederteilen so empfindlich, daß er ihn kaum mehr
entsprechend zu pflegen, zu umhüllen wußte. Da kam der „Barbar“ dahinter. Mit
einer gewissen Schadenfreude verordnete er unsere kalten Vollbäder. Der Herr
gehorchte. Und die Folgen? Dieselben waren außerordentlich günstige. Nach
wenigen Tagen schon vollzog sich die erste Häutung; dem ersten Woll- und
Flanellhemd folgte bald das zweite, und die Wollseile des Halses gingen bald
denselben Weg. Jeden Tag, an dem er kein Vollbad nehmen konnte, hielt er für
keinen geordneten Tag; so sehr stählte es fühlbar gegen Klima und Witterung.
Und er nahm die Bäder nicht bloß im erwärmten Zimmer, er nahm dieselben im
Oktober noch beim täglichen Spaziergang in einem Flusse, dessen kaltes Wasser
ihm willkommener war als das Wasser der zu Hause stehenden Badewanne.
Die Hauptfragen, die wir zu
beantworten haben, sind folgende:
In welchem Zustande, in welcher Disposition (Beschaffenheit)
muß der gesunde Körper sein, daß er solche kalten Vollbäder mit gutem Erfolge
gebraucht? Ferner:
Wie lange darf ein Gesunder im Bade bleiben?
Endlich:
Zu welcher Jahreszeit beginnt man am
leichtesten diese Abhärtungskur?
Die gute Disposition für die kalten Vollbäder
erfordert wesentlich, daß der ganze Körper vollkommen warm sei.
Wer somit durch den Aufenthalt im warmen
Zimmer, wer durch Arbeiten oder durch Gehen vollständig durchwärmt ist,
befindet sich in der richtigen Verfassung.
Wem kalt ist, wer an kalten Füßen leidet, wen
fröstelt, der soll bei solchem Kältezustande nie ein kaltes Vollbad
nehmen, er habe sich denn zuvor durch Gehen u s. w. gehörig erwärmt.
Umgekehrt: wer schwitzt, wer erhitzt
(ich rede von gesunden Menschen), im größten Schweiße wie gebadet ist, nehme
ruhig unser Vollbad. (Wer durch Regen oder sonst etwas durchnäßt wurde,
soll mit dem Wasser nichts zu tun haben; es bekäme ihm nicht gut. An dieser
Stelle warne ich auch davor, nach solchem Bade irgend nasse Kleider anzuziehen.
Diese müssen vollständig trocken sein.)
Bei Unzähligen, die früher geglaubt hatten,
es müsse sie bei solcher „Roßkur“ sofort der Schlag treffen, war nach einem
einzigen Versuche, nach der ersten Probe alle Furcht, alle Angst, alles
Vorurteil geschwunden. (Man vergleiche, was ich später über den „Schweiß“
sage.)
Wer hat denn je, wenn er schwitzend nach
Hause kommt, wenn ihm der salzige Saft übers Gesicht rinnt und die
Finger wie mit Klebstoff zusammengeleimt erscheinen, Bedenken und Furcht, Hände
und Gesicht zu waschen, wohl auch noch Brust und Füße? Das tut ein Jeder; denn
es macht behaglich und wohl. Muß die Wirkung für den ganzen Körper – das ist die notwendige Folgerung –
nicht dieselbe sein? Sollte eine Sache, die einzelnen Teil vortrefflich zu
statten kommt, für dieselben eine Wohltat ist, für das Ganze ein Nachteil, ein
Verderben sein?
Ich glaube, die Angst vor der schädlichen
Wirkung der kalten Bäder für Schwitzende rührt meistens her von der
Wahrnehmung, daß Personen, die, vor Schweiß triefend, plötzlich an die
Kälte kommen oder der frischen Luft, besonders der Zugluft sich
aussetzen, sich manchmal schon für ihr ganzes Leben gründlich verdorben
haben. Das ist ganz wahr.
Ich gebe noch mehr zu, daß sich nämlich auch
schon manche Schwitzende im kalten Wasser die Keime zu schweren Leiden holten.
Was trägt die Schuld: der Schweiß oder das Kaltbad? Keines von beiden. Wie bei
Allem im Leben, so kommt es auch hier in erster Linie nicht auf das Was,
sondern auf das Wie an, in unserm Falle, wie die Menschen im Schweiße das kalte
Wasser gebrauchen. Mit dem einfachen Taschen- und Brotmesser kann ein rasender
namenloses Unheil anrichten. Unvernünftige Anwendung kann das höchste
Gut in das größte Übel verkehren. Merkwürdig bleibt nur, daß man dann stets das
Gut und nicht die zu verurteilenden Mißbräuche desselben verdammt.
Auf das Wie des Gebrauches also kommt es an.
Wer in diesem Stücke seinem Kopf nachgeht, der mag auch die Folgen, an denen er
leichtsinniger Weise selbst die Schuld hat, allein tragen.
Damit stehen wir bei der Beantwortung der
zweiten Frage: Wie lange darf ein Gesunder im kalten Vollbade bleiben?
Ein Herr, dem ich wöchentlich zwei
solcher Bäder verordnet hatte, kam nach vierzehn Tagen zu mir und jammerte, daß
sein Zustand sich bedeutend verschlimmert habe, er sei wie ein Eisklumpen.
Das Aussehen war sehr leidend, und ich begriff nicht, daß das Wasser mich auf
einmal so im Stich gelassen. Auf meine Frage, ob er die Anwendung genau nach
Weisung gemacht, antwortete der Herr: „Aufs genaueste; ich habe noch mehr
getan, als Sie befohlen haben; statt einer Minute bin ich fünf Minuten im
Wasser geblieben, dann aber kaum mehr oder nicht mehr warm geworden.“ Er machte
es die folgenden Wochen richtig und hatte in Bälde die frühere Naturwärme und
Frische.
Dieser eine Fall illustriert alle Fälle, in
denen das Wasser geschadet haben soll. Nicht das Wasser, nicht die Anwendung
fällt aus der Rolle; die unvorsichtigen und ungenauen Menschen sind die
Missetäter. Wie nun aber einmal die Gewohnheit besteht, muß ihre Schuld das
unschuldige Wasser tragen.
· Wer das kalte Vollbad nimmt, kleide sich
rasch aus und lege sich eine Minute in die bereitstehende Badewanne.
· Wer es im Schweiße nimmt, setze sich
in die Wanne, d. h. er gehe nur bis an die Magengegend ins Wasser und
wasche sich schnell und kräftig den Oberkörper ab. Dann tauche er einen
Augenblick bis zum Halse unter, gehe ungesäumt aus dem Wasser und kleide
sich, ohne abzutrocknen, in tunlichster Eile an.
Der Hand- oder Feldarbeiter kann sofort
wieder seine Arbeit aufnehmen; Andere müssen (mindestens eine Viertelstunde) so
lange Bewegung machen, bis der Körper vollständig trocken und normal erwärmt
ist. Ob dieses im Zimmer oder im Freien geschieht, bleibt sich ganz gleich; ich
für meine Person gebe selbst im Herbst und Winter stets der frischen Luft den
Vorzug.
Was du tust, mein lieber Leser, das tue
vernünftig und überschreite nie das rechte Maß! Auch die Anwendung des
Vollbades soll in der Woche die Zahl von drei in der Regel nicht
übersteigen.
Wann soll ich am besten diese Bäder beginnen?
Die wichtigste Arbeit, den Körper abzuhärten oder, was gleichbedeutend ist, ihn
gegen Krankheit zu schützen, widerstandsfähig zu machen, kann nie früh genug begonnen werden. Fange
gleich heute noch an, aber fange an mit leichteren (s. Abhärtungsmittel), nicht
gleich mit den schwereren Übungen! Du könntest sonst leicht den Mut verlieren.
– Unsere kalten Vollbäder wirst du beginnen können, wenn du kräftig bist,
vielleicht nach kurzer Vorbereitung, wenn du schwach bist, unter Umständen erst
nach längerer Vorübung.
Es ist dieses ein sehr wichtiges Kapitel. Nur
nicht unvermittelt, plötzlich, mit den strengsten Mitteln etwas forcieren,
erzwingen wollen! Das ist zum mindestens Unverstand.
Ein Arzt riet einem an Nervenfieber Erkrankten,
er solle eine Viertelstunde ins kalte Wasser gehen. Der Kranke tat es, bekam
aber darnach solchen Frost, daß er in Zukunft von
einem solchen Heilbade natürlich nichts mehr wissen wollte, es verwünschte und
verfluchte. Die Erklärung des Sachverständigen ging einfach dahin, nach solchen
Erfahrungen sei klar, man könne bei dem Kranken das Wasser nicht ferner in
Anwendung bringen, der Kranke sei im Übrigen verloren. Mit diesem Todesurteil
kam man zu mir. Ich gab den Rat, der Aufgegebene solle doch nochmals das Wasser
probieren, aber statt einer Viertelstunde nur zehn Sekunden (hinein und heraus)
im Wasser bleiben, der Erfolg müsse ein anderer sein. Gesagt, getan; in wenigen
Tagen erholte sich der Kranke.
Bei derartigen Vorkommnissen drängte sich mir
stets die Meinung auf, man wende das Wasser absichtlich in solch schroffer,
unbegreiflich gewalttätiger Weise an, um das Volk, anstatt mit Vertrauen, mit Schrecken
vor diesem nassen Wauwau zu erfüllen. Ich bin ein sonderbarer Mensch, ich
weiß es; drum wird man mir solche Einfälle nicht hoch anrechnen. (Anmerkung ETIKA: Freut uns, daß wir in
Pfarrer Kneipp einen Geistesgenossen finden, der ebenfalls an
Verschwörungstheorien glaubt.)
· Solche, denen es Ernst ist, mögen nach
Anwendung der Abhärtungsmittel zuerst noch die Ganzwaschungen (s.
Waschungen) beginnen und dieselben, abends vor dem Bettgehen, sonst in der
Frühe beim Aufstehen vornehmen. Abends verliert man keine Zeit, auch früh
ist in einer Minute alles fertig.
· Wer nicht gleich zu tüchtiger Hand-Arbeit oder
in kräftige Bewegung kommt, soll sich nochmals (bis zur Trocknung und
Erwärmung) ein Viertelstündchen niederlegen.
Diese Übung, wöchentlich zwei- bis viermal
vorgenommen, was genügt, oder täglich praktiziert, bildet die beste
Vorbereitung zu unserm kalten Vollbade. Man versuche es nur einmal! Dem ersten
Unbehagen wird bald ein bis ins Innerste hinein wohltuendes Behagen folgen, und
was früher gescheut und gefürchtet war, wird bald fast Bedürfnis werden.
Ein mir bekannter Herr ging 18 Jahre hindurch
allnächtlich in ein Vollbad. Ich hatte es ihm nicht vorgeschrieben; aber er
wollte die Übung durchaus nicht lassen. In den 18 Jahren war er keine Stunde
lang krank.
Andere, die in einer Nacht zwei- bis dreimal
in die Badewanne stiegen, mußte ich zurückhalten, es ihnen verbieten. Wäre die
Übung sie hart oder unausstehlich angekommen, wie man so oft ausschreit und
ausheult, sie hätten es sicherlich bleiben lassen.
Wer es mit der Abhärtung, mit der Erhaltung
seiner Gesundheit, mit seiner Kräftigung ernst meint, fasse das kalte Vollbad
recht ins Auge, lasse es aber bei dem guten Vorsatze allein nicht bewenden.
Kräftige
Völker, Geschlechter, Familien sind
stets treue Freunde des kalten Wassers, gerade unseres Vollbades gewesen. Je
mehr unser Zeitalter den Charakter und Namen des verweichlichten bekommt, um so höhere Zeit ist´s, zurückzukehren, zu den gesunden,
natürlichen (nicht verkünstelten und unnatürlichen)
Anschauungen und Grundsätzen der Alten.
Noch gibt es manche, besonders hochadelige
Familien, angesehene Männer, welche gerade unsere Wasseranwendungen gleichsam
als Haustradition und als ein zur Gesundheitspflege überaus wichtiges
Erziehungsmittel ansehen und ihrem Stamme, ihren Nachfolgern gesichert wissen
wollen.
Wir brauchen uns also unserer Sache nicht zu
schämen.
b ) Das kalte Vollbad für Kranke
Bei Beschreibung der einzelnen Krankheiten
wird genau angegeben werden, wann und wie oft es zur Verwendung kommen soll.
Nur einige Bemerkungen von mehr allgemeiner Natur mögen hier ihre Stelle
finden.
Eine kräftige Natur, ein gesunder Organismus
ist im Stande, die Krankheitsstoffe, welche sich
ansetzen wollen, selbst auszuscheiden. Dem kranken und durch Krankheit
geschwächten Körper muß man beispringen, ihn unterstützen, daß er anfange,
diese Arbeit selbst wieder zu tun. Vielfach geschieht diese Unterstützung durch
das kalte Vollbad, das in solchem Falle als vortreffliche Krücke oder Stab, als
Kräftigungsmittel dient.
Die Hauptanwendung findet es indessen bei den
sogenannten „hitzigen Krankheiten“, d. h. bei all jenen Krankheiten, welche als
Vorboten und Begleiter heftige Fieber haben. Die Fieber von 39-40o
R. und darüber sind am meisten zu fürchten; sie rauben alle Kraft,
brennen die Hütte des menschlichen Körpers gleichsam elendiglich nieder.
Mancher, den die Krankheit verschont, wird ein Opfer der Schwäche. Zusehen und
Zuwarten, was sich aus einem so schrecklichen Feuerbrande wohl entwickeln möge,
scheint mir bedenklich und folgenschwer zu sein. Was soll da „alle Stunden
einen Eßlöffel voll“, was das teure Chinin, was das wohlfeile Antipyrin,
was die giftige Digitalismixtur, deren Folgen für den
Magen wir alle kennen?
Medikamente sind und bleiben bei solchen Bränden doch
recht schwache Hilfs- und Fieberstillungsmittel. Was sollen endlich jene
künstlichen Berauschungsmittel, die man dem Kranken eingibt oder einspritzt,
die ihn in der Tat berauschen, daß er nichts mehr weiß, nichts mehr fühlt,
nichts mehr empfindet? Ganz abgesehen vom moralischen und religiösen
Standpunkte ist es wahrlich erbärmlich, so einen halb eingeschlummerten,
vielmehr berauschten Kranken zu sehen, wie er daliegt mit entstellten
Zügen, mit verdrehten Augen. Wird das helfen?
Bei solchem Fieberfeuer hilft gar nichts als
das Löschen. Feuer und Brände löscht man mit Wasser, den allgemeinen Körperbrand,
wo gleichsam Alles in hellen Flammen steht, am gründlichsten durch das Vollbad.
Bei jedem neuen Aufflackern, d. h. so oft die Hitze, die Bangigkeit groß wird,
vielleicht im Anfange des Fiebers jede halbe Stunde erneuert, wird es,
früh genug angewendet, bald Herr des Feuers sein (s. Entzündungen, Scharlach,
Typhus u. A.).
Früher schon hörte ich, daß man in großen
allgemeinen Krankenhäusern für arme Kranke, welche das teure Chinin nicht
auftreiben konnten, häufig die Badewanne gebrauchte; in den letzten Zeiten
durchlief manche Zeitungen die mir freudige Kunde, daß man besonders in großen Militärspitälern
Österreichs wieder angefangen habe, gewisse Krankheiten wie den Typhus mit Wasser
zu behandeln. Warum, so möchte ich fragen, nur den Typhus? Warum nicht mit
logischer Notwendigkeit all jene Krankheiten, die als giftige Früchte aus den
Fieberpilzen heranwachsen? Wer A sagt, muß B sagen. Mit Spannung warten Viele
auf das B, darunter auch manche Leute vom Fach.
Eine Bemerkung, die vielleicht besser bei den
Waschungen stünde, möge gleichwohl hier sich anreihen. Nicht alle Kranken sind
im Stande, die Vollbäder zu benützen; manche sind vielleicht schon derart
geschwächt, daß sie weder selbst sich heben und wenden, noch auch aus dem Bette
gehoben werden können. Müssen solche Krankheiten der Kaltwasseranwendung
verlustig gehen? Durchaus nicht. Unsere Wasser-Anwendungen sind so
mannigfaltig, und jede einzelne Anwendung hat wieder so viele Grade oder
Stufen, daß der Gesündeste wie der Schwerkranke das für ihn und seinen Zustand
Passende finden kann. Nur darum handelt es sich, die Anwendung gut auszuwählen.
Für einen Schwerkranken, der wegen zu großer
Schwäche unfähig ist, die kalten Vollbäder zu gebrauchen, dienen als Ersatz die
Voll- und Ganzwaschungen, die bei jedem, auch dem schwächsten Kranken, leicht
im Bette vorgenommen werden können. Wie sie zu geschehen haben, sehe man bei
den Waschungen. Sie werden wie die Vollbäder so oft wiederholt, als der Hitze-
oder Bangigkeitszeiger einen hohen Grad, eine hohe Ziffer aufweist.
Gerade bei solchen ans Bett gefesselten
Schwerkranken hüte man sich doppelt vor dem großen Fehler einer zu schroffen
Anwendung; man würde stets das Übel ärger machen.
Ich könnte Jemanden nennen, der elf Jahre
bettlägerig und ebensolange Zeit in ärztlicher Behandlung war. Auch
Wasser-Anwendungen waren versucht worden; Alles scheiterte. Nach der Heilung
dieser Person, die in sechs Wochen erfolgte, erklärte der Arzt selbst, die Sache
komme ihm wie ein Wunder vor. Er besuchte mich persönlich und wollte wissen,
was denn geschehen sei. Der ganze Hergang sei ihm um so
unbegreiflicher, als nach seinem Dafürhalten nicht mehr die geringste Tätigkeit
in dem Körper vorhanden war und seine sämtlichen Anwendungen mit Wasser ohne Erfolg
blieben. Ich nannte dem Herrn den einfachen Hergang und die noch einfacheren
Wasserübungen. Wir beide sahen ein, einen glimmenden Kienspan löscht man nicht
mit der Feuerspritze aus; sein Wasser war zu schroff, das meinige
sachte, langsam, den Fassungskräften des elenden Körpers entsprechend zur
Anwendung gekommen.
Mich hat es oft erbarmt, daß man hören und
lesen muß, wie in manchen Anstalten und Häusern Leute zehn, zwanzig und mehr
Jahre das Bett nie mehr verlassen können. Das sind bedauernswürdige Geschöpfe.
So etwas begreife ich übrigens nicht und habe es nie begriffen, ganz wenige
Ausnahmefälle abgerechnet; es hat ja auch die heilige Schrift ihren 38jährigen
Kranken. Ich bin der festen Überzeugung, daß gar vielen dieser Betthüter und
Betthüterinnen durch die einfachsten, mit Ausdauer und Pünktlichkeit
fortgesetzten Wasseranwendungen wieder auf die Beine zu helfen wäre.
Nächstes Kapitel: Das warme Vollbad