ETIKA

Kneipp-Reile

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27KR4E1A

Wasseranwendungen
Waschungen, I. Die Ganzwaschung a) für Gesunde

8.6.2009

Das große Kneippbuch. Ein Volksbuch für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian Kneipp. Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und herausgegeben von Bonifaz Reile, langjährigem Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Seite 457-459.

I.           Die Ganzwaschung
a) Die Ganzwaschung für Gesunde.

Die Ganzwaschung erstreckt sich, wie der Name besagt, auf den ganzen Körper (den Kopf ausgenommen), welcher von oben bis unten in einem Zuge gewaschen wird.

Am leichtesten geschieht dies in folgender Weise:

·       Man nimmt ein rauhes, grobes Handtuch (mit dem kleinen Badeschwamm geht es zu langsam), taucht es ins kalte Wasser und beginnt die Waschung an Brust und Unterleib (Anmerkung ETIKA: Are Waerland empfiehlt eine andere Reihenfolge, siehe ETIKA 27GL3, aber bitte selber ausprobieren). Dann kommt die Reihe an den schwerer zugänglichen Rücken. Eine Regel über das „Wie“ der Rückenwaschung läßt sich nicht geben. Ein Jeder wird bald selbst den Vorteil finden, wie er dem ganzen Rücken schnell und leicht beikommt. Den Abschluß bildet die Waschung der Arme und Beine (Füße). Alles muß in einer, längstens in zwei Minuten fertig sein.

Jede Waschung, welche darüber währt, kann von Übel sein. Zudem hüte man sich, die Waschung in einem sehr kalten Zimmer oder an einem Orte vorzunehmen, in dem der Körper der freien Luft ausgesetzt ist. Das hieße sich absichtlich verderben wollen. (Anmerkung ETIKA: Früher nahmen wir sommers wie winters ein Bad in einem See, ohne einen Schaden davongetragen zu haben.)

Ohne abzutrocknen zieht man möglichst rasch die Kleider an und sucht Arbeit oder Bewegung bis zur völligen Erwärmung und Trocknung der Haut. Das Nichtabtrocknen hat viel Anstoß erregt, und recht Viele wagten schon deshalb keine Waschung vorzunehmen, weil sie glaubten, sie würden einen halben oder vielleicht den ganzen Tag nicht mehr trocken werden.

Mir hat selbst ein Arzt erklärt, er habe früher dieses Verfahren für einen Unsinn gehalten und auf diese Weise keine Waschung vorgenommen, bis er einmal in Wörishofen eine solche vornehmen mußte; da habe er dann die Überzeugung gewonnen, es sei ein recht großer Unterschied zwischen dem Waschen ohne Abtrocknen und zwischen seinem Waschen, bei welchem die Haut stark abgerieben und abgetrocknet wird.

Das Wasser, in die Poren aufgenommen, wird recht bald erwärmt, und weil die Hautwärme dann um so rascher eintritt, verdunstet auch das Wasser auf dem Leib sehr schnell; die warme Ausdünstung des Körpers wird von den Kleidern aufgenommen, und es entwickelt sich eine recht angenehme Wärme.

Daß das Wasser und das Waschen ohne Abtrocknen nicht schadet, beweisen uns die Tiere des Waldes und unsere Haustiere; über diese geht der Regen, keines wird abgetrocknet. Derjenige, welcher sie naß gemacht hat, trocknet sie wieder, und das ist der Schöpfer aller Dinge. Die Tiere aber bleiben ganz gesund dabei.

Also die Abwaschung ohne Abtrocknen bewirkt eine raschere und stärkere Wärme und ruft auch keine Störung in den Poren hervor, welche Wirkungen beim Frottieren und Reiben gewiß nicht eintreten. Wenn auch das Abtrocknen manchmal gar nicht oder doch nicht viel schadet, nützen wird es gewiß in keinem Falle. (Selbstverständlich muß die Leibwäsche darnach eingerichtet werden. Seidene, baumwollene oder Batisthemden taugen hiezu nicht, sondern nur grobe Leinwand, um eine Verdunstung zu ermöglichen.) (Anmerkung ETIKA: Auch dies beweist, daß wir in der Endzeit leben, denn wo sollen wir alle die Sachen herbekommen, die Kneipp für wichtig hält? Die Handtücher heutzutage sind doch meistens kuschelweich, und Unterwäsche aus grober Leinwand, wo bekommt man die?)

Wann und wie oft können Gesunde die Ganzwaschung vornehmen?

Einmal, in der Frühe nämlich, wäscht sich Jedermann Gesicht und Hände. Auch die Ganzwaschung wäre in der Morgenfrühe, gleich beim Aufstehen, vortrefflich angebracht. Da ist die Naturwärme, weil durch die Bettwärme gesteigert, am stärksten; die Waschung wäre eine angenehme Abkühlung (Anmerkung: welche Helden sind jene, die auch bei Frost im Freien schlafen und sich danach trotzdem stufenweise kalt abduschen wie beim Waerland- und ETIKA-Gesundheitssystem!), Auffrischung, die sofort die Schlaffheit vertreiben und schon beim Beginne des Tagewerks tüchtig, lebendig und frisch machen würde. Von Zeitverlust kann da nicht die Rede sein; denn in einer Minute ist die Ganzwaschung geschehen, und es kann sofort zur Arbeit geschritten werden (Anmerkung ETIKA: besser zu einem zweistündigen Morgenmeditations- und -gebetsspaziergang im Wald, wenn möglich am Berg).

Wie Mancher in der Stadt macht im Frühjahr und im Sommer seinen Morgenspaziergang! Er probiere vor demselben die Ganzwaschung. Ich bin überzeugt, ich brauche ihn zum zweiten Male nicht aufzumuntern.

Solche, welche nach dem Ganzbade weder Bewegung machen noch an eine Arbeit gehen können und darin eine Entschuldigung suchen, tun unklug. Sie sollen die Ganzwaschung ruhig vornehmen und sich nach derselben noch ein Viertel- oder ein halbes Stündchen zu Bette legen. Auch dieses geht an.

Wer es über sich bringt, - es ist eine so kleine Überwindung! – eine Zeit lang täglich oder wenigstens alle zwei bis drei Tage seinem Körper diesen Dienst zu erweisen, der dient demselben in Wahrheit gut und erwirbt sich selbst den besten Lohn.

Hat Jemand in der Morgenfrühe keine Zeit, so ist jede Tagesstunde eine gute Zeit zur Waschung. Man zieht sich zwei, drei Minuten in seine Schlafkammer, in die Waschküche u. s. w. zurück, und die wohltuende Arbeit ist vorüber. Daß wir doch nicht so überaus bequem oder wasserscheu wären!

Wenn der Schmied oder Schlosser seine Werkstatt schließt,  so wäscht er sich den Ruß und Kohlenstaub vom Gesichte; wenn der Landmann, der auf Reinlichkeit etwas hält, vom Felde heimkehrt, so wäscht er sich die Hände und nimmt zur heißen Sommerszeit vor jeder andern Erfrischung einen Schluck Wasser, sich Mund und Gaumen auszuspülen. Wie gut wäre es erst, wenn beide nach dem ermüdenden Tagewerke den letzten Schweiß sich durch eine Ganzwaschung abwischen würden! Ich wünschte, diese erquickende und stärkende Übung wäre viel mehr bekannt.

Nachts vor dem Schlafengehen kann nicht Jeder eine Wasseranwendung vornehmen, da diese manche Personen aufregt. Wer sie ertragen mag, verliert gerade da die wenigste Zeit und wird fester und ruhiger schlafen, als er sonst gewohnt ist.

Gar Vielen, welche Nachts nicht einschlafen konnten, habe ich statt der Ganzbäder die leichtere Ganzwaschung und meistens mit gutem Erfolge empfohlen.

Zur Winterszeit rate ich stets an, zuerst ungefähr zehn Minuten im Bette zu liegen und erst, nachdem der ganze Körper warm geworden, die Waschung vorzunehmen.

Nächstes Kapitel: Die Ganzwaschung für Kranke

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