ETIKA

Kneipp-Reile

www.etika.com

27KR5ENLU

Entzündung der Lunge und des Brustfelles

7.3.2009

Das große Kneippbuch. Ein Volksbuch für Gesunde und Kranke von Msgr. Sebastian Kneipp. Nach dem Tode des Verfassers in dessen Auftrag bearbeitet und herausgegeben von Bonifaz Reile, langjährigem Sekretär des Prälaten Kneipp. 57. – 59. Tausend. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet. Kommandit-Gesellschaft München. Verlagsabteilung Kempten. 1923. Seite 639-642.

Siehe auch: AusschlägeEntzündung (allgemein) - Lungenentzündung

Entzündung der Lunge und des Brustfelles.

Margaretha liegt zu Bett. Sie hat heftigen, trockenen Husten, verbunden mit viel Brechreiz, und von Stunde zu Stunde nimmt die Hitze zu. Gewaltiges Stechen und Brennen peinigt die Brust und die eine Seite. Der Arzt erklärt, es sei eine Lungen-Entzündung im Anzug. Wie kann der Kranken geholfen werden?

Jedes Kind weiß, daß ein Schwamm ungemein viel Wasser einsaugen und behalten kann. Sollte es nicht auch Mittel geben, welche, wie der Schwamm das Wasser, die Hitze an sich ziehen, gleichsam einsaugen und behalten? Ja, es gibt solche Mittel, und sie liegen nicht ferne.

Jede Bauersfrau bei uns auf dem Lande kennt den Topfenkäs. Anderwärts nennt man ihn Zieger; er wird gewonnen aus der geronnenen (gestockten) Milch. (Geronnene (gestockte) Milch wird auf den warmen Herd gestellt. Die Masse scheidet sich in Festes und Flüssiges. Das Flüssige bildet das Topfenwasser, das Feste den Topfen, auch Topfenkäs (Zieger) genannt.)

·       Solchen Topfenkäs rührt man mit Topfenwasser zu einer feinen Salbe an, streicht ihn etwas mehr als messerdick auf Leinwand und legt das Pflaster auf die stechende oder brennende Stelle, an der das Feuer der Lungenentzündung um sich greifen will.

Ich kenne kein Mittel, welches mehr Hitze an- und einzuziehen im Stande ist. Die stärksten Hitzen habe ich so dämmen und ganz auslöschen sehen, wenn man täglich zwei- bis viermal, je nach dem Grade der Hitze, so ein Pflaster auflegte. Viele kenne ich, die hauptsächlich bei Lungen-Entzündung ihr Leben allein dieser so einfachen Auflage verdanken.

·       Innerlich soll der Kranke jeden halben Tag zur Kühlung einen Löffel voll Salatöl einnehmen.

Reichen diese zwei Mittel nicht aus, d. h. sollte die Hitze noch groß bleiben, so können Wasseranwendungen folgen.

·       Man wickle den ganzen Körper des Kranken von unter den Armen an in ein naßkaltes Tuch ein (Unterwickel) und wiederhole dieses täglich zweimal.

Von der jedesmal nothwendigen Umhüllung spreche ich nicht mehr. Man sehe vorn nach bei der Beschreibung der Anwendungen. Oder man umwinde beide Füße bis über die Knöchel mit in Wasser (eine kleine Beimischung mit Essig kann nur gut sein) getauchten Tüchern und erneuere das Eintauchen so oft, als die Tücher recht heiß werden. Statt der Tücher kann man auch nasse Socken anziehen, darüber als Umhüllung trockene.

Wendet die kranke Margaretha drei bis fünf Tage das Pflaster an gleich beim Beginn der Krankheit, so kann sie in sechs bis sieben Tagen, längstens in neun bis zehn Tagen wieder gesund sein.

Wie die Lungen sich entzünden, ebenso können auch andere edle Theile des Körpers entzündet werden. Wir sprechen von Brustfell-, Bauchfell-, Unterleibs- und anderen Entzündungen. Bei allen gelten dieselben eben berührten, allgemeinen Grundsätze und dasselbe Heilverfahren:

·       Vertheilung, d. i. Ableitung des Blutes,

·       Kühlung der entzündeten Stelle, d. h. Entziehung der Hitze durch Einwirken von Kälte.

Mitternachts wurde ich einst zu einem Kranken gerufen. Er wußte nicht mehr zu athmen. Husten und Brechreiz waren groß. In der brust, besonders auf der einen Seite – so klagte er – gehe es zu, wie wenn man sie mit Messern durchsteche; der ganze Körper glühe schrecklich. Ich providirte den Kranken nicht, wie die Angehörigen baten, und bereitete ihn nicht zum Tode vor. Aber ich ließ ihn von unter den Armen an in nasse Tücher einwickeln (Unterwickel) und auf die schmerzende Stelle ein Topfenpflaster auflegen. Zum Einnehmen erhielt er einen Löffel Salatöl. Das that wohl, sechs Tage wurde so fortgefahren, und der Todkranke war außer Gefahr.

Stirbt Jemand an der Lungen- oder an einer anderen inneren Entzündung, was ist da im Innern vor sich gegangen, wie haben wir uns dieses vorzustellen? Im Aeßeren spiegelt sich das Innere. Du hast sicherlich schon hie und da bei Anderen kleine Geschwüre gesehen – man nennt sie Furunkel – oder solche an einem Arm, Fuß, einer Hand oder auf deinem Rücken, Magen, deiner Brust u. s. w. vielleicht schon selbst empfunden. Wie entwickeln sich diese?

Wenn sich so ein Geschwür irgendwo bildet, entsteht an der Stelle erst eine Röthe, und man fühlt im Innern ein Brennen. Die Geschwulst nimmt zu, und nach einiger Zeit bemerkt man an jedem dieser spitzen Kegel, seien sie groß oder klein, einen erhöhten weißen Punkt. Man sagt: Das Geschwür ist reif, zeitig, und schneidet es auf oder drückt es aus. Es kommt Eiter heraus und mit und nach dem Eiter in Fäulniß gerathenes Blut.

So ein kleines „Blutschwär“ (Blutgeschwür), wie es die Landleute nennen, verursacht meistens große Schmerzen, nicht allein an der Hand, am Fuß u. s. w., wo es sich ansetzt. „Man spürt´s in allen Gliedern“, der „ganze Körper thut weh“. Das ist der deutlichste Beweis, daß der ganze Körper selbst in Mitleidenschaft gezogen wird, so daß folgerichtig es dem ganzen Körper zu gut kommt, wenn derlei Dinge gut ausheilen, und daß er leidet, und daß es sich rächt, wenn sie vernachlässiget werden.

Kommt ein derartiges größeres Geschwür nicht zur Entwicklung, zum Aufbrechen, „will´s“ nach dem Volksmund „nicht heraus“, so färbt sich nach und nach die kranke Stelle blau und rothbraun. Das Blut steht ab, und das abgestandene Blut wird und wirkt giftartig.

Ein Biß der unheimlichen Klapperschlange, ein Tropfen Schlangengift in´s Blut, und nach einigen Minuten tritt der Tod ein. Solches Blut ist Gift. Mischt es sich mit gesundem Blute, so vergiftet es auch dieses, es beginnt eine Blutvergiftung. Kann sie nicht aufgehalten werden, endet sie stets mit dem Tod.

Nicht anders haben wir uns den Prozeß im Innern zu denken. Die Vergiftung vollzieht an edlen Organen ihr Werk nur schneller und wüthet unheilvoller und schrecklicher. „Er unterlag einer Blutvergiftung,“ wie die heutige Sprache sich ausdrückt, oder: „Er ist am Brand gestorben,“ wie die alten und gemeinen Leute sagen, das sind beides nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache.

(Fall 1)

Martin, ein schöner, starker Mann, bekommt heftiges Fieber. Zuerst schüttelt ihn entsetzlicher Frost. Dann quält ihn brennende Hitze. Der Kopf ist so heiß, daß der Arzt auf eine Gehirnentzündung schließt. Das ganze Innere steht in Flammen; diese schlagen durch den glühenden Athem gleichsam zum Munde heraus, oder besser: Wie die innere Gluth den Holzhaufen verbrennt, so arbeitet die Glühhitze schrecklich, die inneren Organe in raschem Tempo zu verkohlen. Die Vorboten des Uebels waren Kopfweh, Abgeschlagenheit, Mattigkeit und Frost. Außer dem Fieber aber fühlt der Kranke jetzt an keiner einzelnen Stelle besonderen Schmerz. Nach zehn Tagen war der Mann eine Leiche, und beim Seciren stellte es sich heraus, daß das Gehirn intakt, unverletzt, daß der Arme vielmehr an einer Lungen-Entzündung gestorben war.

„Wie hätten Sie diesen Fall behandelt?“ fragte man mich. Zuerst eine Vorbemerkung. Dieser Fall zeigt sonnenklar, wie leicht die Diagnose (die Kunst, nach den Erscheinungen die Krankheit zu unterscheiden und zu finden) täuschen kann. Bei Lungenentzündung ist fast regelmäßig Stechen, Brennen in der Lungengegend, Husten und Brechreiz vorhanden. Unser Kranker fühlte davon nichts. Wohlgemerkt, es ist oft die höchste Zeit, die Feuersbrunst hat schon große Ausdehnungen angenommen. Die Feuerspritze darf das Feuer nicht verfehlen, sonst ist´s geschehen. Auch tropfen- und löffelweise kann ich da nicht mehr zu Werke gehen, die Tropfen zehrt das Feuer augenblicklich auf.

Mein einfacher Grundsatz in solchen verzweifelten Fällen – und es wird ihn wohl Niemand anfechten – heißt: Wenn´s brennt, so lösche! Lösche zuerst, wo es am meisten brennt! Ist der ganze Körper ein Brand, so lösche auch am ganzen Körper! Vielleicht wirst du Herr des ganzen Feuers; jedenfalls schwächst du es und hast zu weiterer Ueberlegung Ruhe und ein freies Aufathmen.

Dem Kranken hätte ich während drei bis vier Stunden jede halbe Stunde Rücken, Brust und Unterleib waschen lassen. Die Wuth des Feuers wäre so um Vieles gedämpft worden. Dann hätte ich weiter gelöscht mit Ober- und Unteraufschlägern – die Unteraufschläger zum Daraufliegen recht dick (mehrfach zusammengelegt) – und mit nassen Socken oder Tüchern bis über die Knöchel, nach jeder Stunde neu eintauchend.

Hatte der Kranke sonst gesunde Lungen, - und mir scheint Solches der Fall zu sein, wenn er im höchsten Stadium der Lungenentzündung keine Schmerzen fühlt, - so sollte er menschlich gesprochen, d. h. wenn Gott in seinen ewigen Rathschlüssen nicht anders bestimmt hat, gerettet werden.

(Fall 2)

Die Angabe eines Kranken lautet: „Vor sieben Monaten trat Nierenaffektion und Lungenentzündung auf der rechten Seite ein. Nach längerer Zeit ging es mit den bezeichneten Uebeln besser. Wo die Lungen-Entzündung begonnen hatte, blieb indeß ein großer Schmerz, der manchmal auch geringer wurde, aber nie lange ausblieb. Zu diesem Schmerz kamen noch eine große Ermüdung und neue Schmerzen im Kreuz, öfters auch ein vorübergehendes Frösteln. Es entstanden auch auf dem Rücken und im Kreuz einige kleine Geschwüre, durch die es mir aber nicht leichter wurde, und so bin ich für meinen Beruf unfähig.“

Anwendungen: Jede Nacht den ganzen Körper waschen und, ohne abzutrocknen, wieder in´s Bett. Jeden Morgen einen Schenkelguß, jeden Nachmittag einen Rückenguß. Täglich einmal Wassergehen. So vierzehn Tage lang. Darauf täglich ein Halbbad und einen Oberguß, jeden zweiten Tag noch außerdem einen Rückenguß. Diese verschiedenen Anwendungen wurden vier Wochen hindurch gebraucht, und der Kranke hatte guten Appetit, guten Schlaf, war heiter und die Kräfte waren wieder hergestellt. Alle Schmerzen waren beseitigt.

Wo hat es hier gefehlt? Wo es schmerzte, waren die kranken Stoffe nicht ausgeschieden, und in diesem Schwäche-Zustande bildeten sich auch Blutanstauungen. Die Anwendungen wirkten auf folgende Weise. Die Nachtwaschungen vermehrten die Naturwärme und beförderten die Transpiration. Die Aufgießungen leiteten die krankhaften Stoffe aus dem oberen Körper und den Nieren aus. Die Halbbäder stärkten die ganze Natur.

Dazu – sehr wichtig – aus dem Kapitel Influenza ein Absatz (S. 832f):

Zu wenig Blut: Herz- oder Lungenlähmung

Auf die Influenza folgt häufig die Lungenentzündung. Wenn die erstere nicht gefährlich ist, dann wird die letztere sehr gefährlich. Wenn Einer bei der Lungenentzündung nicht viel Blut hat, wird die Blutmasse so abnehmen, daß er wohl von der Lungenentzündung geheilt wird, aber an Blutmangel stirbt. Ein Arzt hat mir gesagt:

·       Wenn ich ein Dutzend secire, welche die Lungenentzündung hatten, so haben zehn bis elf davon eine vollständig geheilte Lunge und sind nur gestorben, weil sie zu wenig Blut hatten und entweder Herz- oder Lungenlähmung eingetreten ist.

Wir müssen bedenken, daß, sobald der Appetit aufhört, auch die Blutbildung aufhört; dann zehrt die Natur von ihrem Blute. Ist nicht viel Blut vorhanden, dann geht auch die Herzthätigkeit zu Ende. Es geht wie bei der Mühle; wenn zu wenig Wasser kommt, wird sie endlich stehen bleiben. Solche Krankheiten werden meistens geheilt, und man stirbt nur an den Schwächen, welche die Krankheit zurückgelassen hat.

Die Influenza ist ansteckend, zumal wenn in einem Hause nicht gut gelüftet wird. Die Luft (Anmerkung ETIKA: nicht nur eines Krankenzimmers, sondern auch eines Büros oder eines überfüllten Omnibusses) kann schon auch in einem Andern Katarrh bewirken, wenn die Fenster geschlossen sind und nicht gelüftet wird. Daß man doch bei dieser Krankheit die Fenster nie geschlossen habe! Es muß durch irgend eine Fensterritze (Anm.: bei der heutigen Wärmedämmung fast unmöglich, und wehe, falls die Geschäftemacher und Politiker auf den Gedanken kommen sollten, Besitzer auch alter Häuser zu einer kostspieligen und ungesunden Wärmedämmung zu zwingen!) frische Luft eindringen können.

 

Index 2