ETIKA

Geschichten und Gleichnisse von P. Franz Ehmig

www.etika.com

28LC3

Buße (I)

13.11.2010

Neue Gleichnisse, Beispiele und Erzählungen über die katholischen Glaubens- und Sittenlehren für Religionslehrer, Prediger und Katecheten, zugleich ein nützliches Lesebuch für christliche Familien. Gesammelt und alphabetisch geordnet von P. Franz Ehmig, em. Pfarrer zu Mosern, Leitmeritzer Diözese. Regensburg. Druck und Verlag von Georg Joseph Manz. Erster Band 1867, Stichwort Buße, S. 364 – 368

Bußwerke verschaffen der Seele die Oberhand über die Sinnlichkeit.

Gleichwie nur ein längeres Hungern die fetten, wilden und unbändigen Hunde in Kamtschatka zum willigen Ziehen brauchbar macht, ebenso nützen die Bußwerke. Indem sie dem Leibe die überflüssigen Säfte entziehen, dämpfen sie die sinnliche Begierlichkeit, verschaffen der Seele die Oberhand über die Sinnlichkeit und erleichtern den Aufschwung zu Gott in der Andacht, in frommen Entschlüssen und Gesinnungen.

 

Unbußfertigkeit endet mit der Hölle.

Menschen, die sich nicht bekehren, sondern unbußfertig fortleben, enden dieses irdische Leben im Elende und fangen das andere im höllischen Feuer an. Sie gleichen den unbändigen kamtschatkalischen Hunden, die durchgehen, ihren Herrn verlassen, nicht ziehen wollen und, vor Kälte und Hunger aufgerieben, elend zu Grunde gehen.

 

Die Buße ist Erneuerung des inneren Menschen.

Die Schrift stellt die Buße als eine Erneuerung des Menschen dar. Diese Erneuerung geschieht durch eine Umwandlung der Gesinnung, den Denkungsart und sittlichen Grundsätze.

·       Was man von den geoffenbarten Wahrheiten bisher ungläubig verworfen, das muß man nun glauben; die Gebote Gottes, die man bisher übertreten, muß man nun lieben und ausüben; die Sünde, die man bis jetzt geliebt und begangen, muß man nun verabscheuen und unterlassen.

Der Sünder muß in dieser Beziehung jenen Thieren gleichen, welche alljährlich das alte Gewand ablegen und ein neues anziehen; die Vögel erhalten frisches Gefieder, der Krebs zieht eine neue Schale an, die Schlangen streifen die alte Haut ab und erscheinen in einer neuen.

So muß auch der Sünder seinen gottfeindlichen Sinn ablegen und eine solche Denkungsart, solche Gesinnungen, solche Grundsätze annehmen, wie sie der Religion und den Geboten Gottes angemessen sind; statt des Neides die Liebe, statt des Geizes die christliche Freigebigkeit, statt der Hoffart die Demuth, statt der Unreinigkeit die Keuschheit, statt des Zornes Geduld und Sanftmuth.

Die Thiere erneuern ihre Bedeckung alljährlich, der bekehrte Sünder soll zwar in seinem gottgefälligen erneuerten Sinne beharren bis an sein Ende, soll aber eine zeitweilige Auffrischung und Stärkung seines gewonnenen guten Sinnes durch Gebet, Beichte und Kommunion nicht versäumen.

 

Die katholische Bußanstalt besitzt eine erstaunliche Kraft.

Die katholische Kirche besitzt ein Mittel, todte Seelen lebendig zu machen; dieß ist die Beichte und die Liebesreue in Verbindung mit dem Verlangen nach der Beichte. Die Natur besitzt staunenswerthe Wiederergänzungskräfte, aber die Kraft, das Erstorbene neu zu beleben, besitzt sie nicht. … Abgeköpfte Bäume erzeugen eine neue üppige Krone, werden gleichsam verjüngt und tragen noch viele Jahre Obst; die Beichte thut Aehnliches, indem sie dem reumüthigen Sünder neue Gnaden und frischen Eifer zur Erfüllung seiner Pflichten gibt; sie thut aber noch mehr, indem sie der todten Seele das geistliche Leben wiedergibt.

Dem Krebse wachsen die abgerissenen Fühlhörner und Scheeren wieder; die Beichte leistet Aehnliches und noch mehr; sie macht die Seele schön und liebenswürdig, sie macht die erloschenen Verdienste der guten Werke wieder aufleben, sie gibt zum Verstande höhere Erleuchtung, dem Willen gute Vorsätze und neue Kräfte, sie reinigt und wandelt das Herz um, indem es nun liebt, was es gehasset, und hasset, was es früher geliebt; sie gibt den verlornen Himmel zurück, verleihet das ewige Leben, erlöset von der Schuld und ewigen Strafe der Hölle und vom ewigen Tode. In der Natur gibt es allerdings erstaunliche Ergänzungskräfte; aber eine Kraft, das Erstorbene zu beleben, besitzt nur die katholische Kirche in ihrer Bußanstalt.

 

Bußwerke sind zwar der Sinnlichkeit zuwider, aber der Seele sehr heilsam.

Die menschliche Sinnlichkeit scheuet Nichts so sehr, als Bußwerke; diese sind ihr lästig und widerwärtig, aber der Seele sehr heilsam. Die Bußwerke gleichen in ihrer sinnlichen Widerwärtigkeit und in ihrem geistigen Nutzen der Visikatorsalbe. Es werden spanische Fliegen zerrieben und als Salbe auf krankhafte Stellen gelegt. Dieses Pflaster beißt und zieht Blasen; aber seine Wirkung ist sehr heilsam, indem es jene kranke Stelle von ihren verdorbenen schädlichen Feuchtigkeiten befreit, welche entzündliche Geschwüre zur Folge haben würden.

So die Bußwerke; sie sind der Sinnlichkeit widerwärtig; denn wer mag nicht lieber satt sein, als hungern, nicht lieber kräftige Fleischspeisen genießen, als die leichten Fastenspeisen? Aber ihre Wirkung (Anm.:  natürlich die Bußwerke, nicht die Fleischspeisen) auf die Seele ist sehr groß und nützlich; sie tilgen die zeitlichen Strafen, sie verhüten manches Leiden und Unglück in dieser Welt, sie heben die Strafen des Fegfeuers in der andern auf; sie schwächen die böse Neigung, sie machen Abscheu vor der Sünde; sie wecken, nähren und schärfen die Reue und bewahren dadurch vor dem Rückfalle; sie helfen zur standhaften Besserung, indem sie den guten Willen mehr und mehr befestigen und kräftigen. Gleichwie sich nun der Kranke aus Liebe zur Gesundheit willig das beißende Zugpflaster auflegen läßt, eben so gerne soll man Bußwerke verrichten, die kirchlichen Fasttage halten und die vom Beichtvater auferlegten Bußen thun.

 

Buße stärkt die matte Seele.

Glieder, die die Gicht gelähmt hat, erhalten durch die Nessel neues Leben; sie werden damit gepeitscht; freilich brennt es furchtbar auf der Haut, aber dadurch kömmt Wärme und Beweglichkeit in die erlahmten Glieder. Die Nessel ist ein wahres Bild der Buße; sie thut der Sinnlichkeit weh, dafür aber gibt sie der matten Seele Kraft zum Guten und Abscheu gegen das Böse.

 

Wir sollen jeden Tag ein kleines Bußwerk thun, besonders das Fastengebot halten.

Die Spartaner gaben ihren Sklaven alle Tage, auch wenn sie Nichts verbrochen hatten, eine Anzahl Schläge, damit sie nicht vergäßen, daß sie Sklaven sind, aus Gnade Nahrung und Obdach haben.

So soll es der Christ mit sich machen; er soll sich täglich ein kleines Bußwerk auferlegen, namentlich soll er das kirchliche Fasten gewissenhaft beobachten; damit er nicht vergesse, daß er ein Sünder ist, daß er täglich sündigt, daß er die göttliche Gerechtigkeit befriedigen müsse und daß er es nur der Gnade Gottes zu danken habe, wenn er nicht schwer sündigt.

 

Wer gesündigt hat, soll auch gerne büßen.

Ludwig der Heilige, König von Frankreich, übte strenge Gerechtigkeit. Ein mächtiger Baron hatte drei junge Ritter, welche einige Kaninchen in seinem Gehege geschossen hatten, aufhängen lassen. Ludwig ließ den Mörder fangen, stellte ihn vor Gericht und überführte ihn. Dieser aber läugnete Alles und erbot sich, durch ein Gottesurtheil seine Unschuld zu beweisen. Ludwig, der die Gottesurtheile abschaffen wollte, schlug Solches ab, und dem Mörder und seinen Verwandten blieb Nichts übrig, als auf den Knieen des Königs Gnade anzuflehen.

Gerührt schenkte Ludwig dem Verbrecher das Leben, legte ihm aber auf, drei Kapellen zu bauen, ewige Seelenmessen für die drei Ermordeten zu stiften, in seinem Gebiete die Gerichtsbarkeit und Kaninchenjagd abzutreten, das Gehölz, in welchem der Mord begangen, der nächsten Abtei zu schenken, drei Jahre mit seiner Mannschaft den Kreuzzug im heiligen Lande mitzumachen und endlich zwölftausend Livres zu milden Stiftungen zu erlegen. Ein Ritter fand diese Strafe zu gelinde für dieses dreifache Verbrechen.

„Ihr sehet,“ sagte Ludwig, „ich lasse meine Barone nicht gerne hängen; welche aber die Gesetze des Staates und der Menschheit nicht achten, die weiß ich zu strafen.“

Gerade so mild denkt und handelt Gott gegen uns Sünder. Er könnte uns von Rechtswegen für jede Todsünde ewig strafen; aber nein; in seiner Barmherzigkeit läßt er uns mit der Sünde die ewige Strafe nach und verwandelt diese in eine zeitliche, die man noch überdieß durch freiwillige Bußwerke abtragen kann. O wie gerne und willig sollten wir Buße thun! Die Gnade, die uns Gott in der Beichte erweist, bleibt jedenfalls eine unverdiente.

 

Buße vereint mit Gott, Sünde trennt.

Otto von Guerike, Bürgermeister von Magdeburg, machte eine Erfindung. Er brachte auf dem Reichstage zu Regensburg 1654 zwei hohle Halbkugeln mit, von Kupfer und Messing, die luftdicht aufeinander paßten. An der einen war ein Hahn, durch welchen er vor dem Kaiser Ferdinand III. und allen versammelten Reichsständen die Luft auspumpte. Jede Halbkugel hatte einen Ring, durch welchen Seile gesteckt wurden.

Vergebens bemühten sich die stärksten Fürsten, beide Halbkugeln von einander zu ziehen; die äußere Luft preßte sie fest aneinander, da sie innerlich ganz luftleer waren.

Guerike spannte an jede Halbkugel ein Pferd, zwei Pferde, drei, vier, fünf bis fünfzehn Pferde und trieb sie nach entgegengesetzten Richtungen an; aber nicht vermochten sie, die Halbkugeln von einander zu ziehen. Guerike legte noch mehr Pferde vor und diese zogen sie endlich auseinander.

So ist es mit Gott und dem Menschen.

·       Das, was uns von Gott trennt, ist einzig die Sünde; schaffe diese durch Buße hinweg und Gott vereinigt sich mit dir und keine Gewalt kann dich von ihm und Gott von dir scheiden, als allein die Sünde.

Das zeigen uns alle Heiligen, namentlich die heiligen Martyrer. So kann man mit Paulus fragen: Was wird mich von der Liebe Gottes scheiden? Trübsal, Armuth, Verfolgung, Tod, Marter? Alles dieses bringt keine Trennung hervor; dieses thut einzig die Sünde. O kostbare Buße, du vereinigest uns mit Gott!

 

Wer Gott um die Gnade der Buße bittet, empfängt diese und noch andere Gnaden.

Der selige Jakoponi wurde einst von einer unbezwinglichen Lust nach Fleisch angefochten. Er strafte sich damit, daß er den Gegenstand dieser Begierde in seiner Zelle aufhängte, so daß der Gestank seine eigene und die benachbarten Zellen erfüllte.

Der Quardian strafte ihn und sperrte ihn an dem übelriechendsten Orte des Klosters ein. Jakoponi nahm die Strafe mit solcher Freude auf, wie ein Geiziger, der einen Schatz gefunden. Da erschien ihm Jesus, lobte seinen bußfertigen Sinn und hieß ihn, sich eine Gnade auszubitten.

„Herr,“ sprach Jakoponi, „ich begehre als Gnade, daß du mich an einen noch weit gräulicheren und übelriechenderen Ort verstoßest, damit ich in ihm meine Sünden abbüßen möge, da der gegenwärtige dazu nicht beschwerlich genug ist.“

Um dieser Bitte willen übergoß ihn Gott mit solchen Tröstungen, wie er sie nie zuvor empfunden, und er hatte seitdem so viel Licht von oben und so große Zunahme in der Liebe, daß er fortan, wie berauscht und einzig in Betrachtung himmlischer Dinge versenkt, sich um nichts Anderes mehr kümmerte

Zugleich war seine dichterische Anlage fließend geworden und ergoß sich in jene reichen liebeglühenden Dichtungen, die die Sammlung seiner Schriften aufbewahrt. Er bat um die Gnade der Buße; er erhielt diese, und nebstdem das übernatürliche Licht, die göttliche Liebe und die Gabe der Dichtung, so wie auch eine übernatürliche Tröstung.

 

Die Gnade der Buße kann Einer dem Andern erbitten; auch kann Einer für den Andern büßen.

Der selige Karthäuser Petrus Petronius, gestorben 1361, sah einst in einem Gesichte die großen Peinen, welcher einer seiner Freunde, der noch lebte, würde ausstehen müssen. Petrus flehte zum Herrn für seinen Freund um Verzeihung, erhielt aber zur Antwort: es sei unwandelbar beschlossen, der göttlichen Gerechtigkeit müsse Genugthuung geschehen und der Strafbare mit Peinen für seine Vergehen büßen. Überdieß offenbarte ihm der Herr, daß, wenn er die Pein jener Welt für den Freund durch sechzig Stunden übernehmen wolle, dieser in tiefer Herzenszerknirschung sich wieder zu Gott wenden, sich standhaft bekehren und große Erkenntniß erlangen werde; daß aber Petrus ein größeres Werk vollbringe, als wenn er einen Todten erweckt hätte.

Petrus übernahm die Buße für seinen Freund und betete unablässig um seine Bekehrung. Als die Stunde herangekommen, wurde er mit großer Gewalt an die Erde geworfen und war einer Leiche gleich. Alle Kräfte versagten ihm, die Farbe erblich, die Augen sanken tief in ihre Höhlen, die Schläfe fielen ein; er konnte weder Füße noch Hände bewegen. Im Andrange der Peinen und Martern wurde sein Elend so groß, daß Niemand auch nur die Nägel seiner Füße berühren durfte, ohne daß er am ganzen Leibe erzitterte und so stark mit den Zähnen knirschte, daß sie zu brechen schienen.

Nur einzig die Stimme war ihm geblieben und auch diese konnte er nur stoßweise und in ersterbenden Lauten von sich lassen. Es war ein herzergreifender Anblick für Alle, den schuldlosen Mann also zu sehen, todt ehe er gestorben, vor der Bestattung schon wie begraben. Sechzig Stunden unausgesetzt lag der tapfere Streiter in den herben Peinen; dann kam er wieder zu sich und obgleich er sehr schwach war, kehrten doch Kraft und Wohlsein zurück.

Gleich darauf wurde der, für den er gebetet und geduldet, von einem bittern Schmerze übernommen und es wandelte ihn eine solche Zerknirschung über seine Sünden an, daß er, seine vorige Lebensweise verwünschend, drei Tage lang sich selbst zürnend, in Reue, Trauer und Betrübniß beinahe leblos lag.

Darauf aber gekräftigt durch die gewonnene Selbsterkenntniß, fühlte er sich so lieblich zu Gott hingezogen, daß er es mit Worten nicht ausdrücken konnte, ohne Hehl bekennend, er fühle eine nie erfahrene, ungemeine, ihm völlig unerklärliche Bewegung in seinem Innern. Auf dieses Insichgehen folgte nun in ihm eine wunderbarliche Erkenntniß Gottes und himmlischer Dinge, als Folge der ihm nun mitgetheilten Gnade, die ihm Petrus durch sein Gebet und Dulden erworben. Petrus hatte also seinem Freunde die Bekehrung erbeten und zugleich für ihn gebüßt.

Index 28 - Index 2