ETIKA

Karl Gerok

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28LP33

Krankenwacht

26.1.2013

Die Glock´ schlägt zehn -
wer müde, darf zu Bette gehen,
die Mutter nicht, die Mutter wacht
beim kranken Kind die ganze Nacht;
bekümmert sitzt sie an der Wiege
und lauscht auf seine Atemzüge.

„Wie still ist´s jetzt, es schläft das ganze Haus.
Dort im Getäfel raschelt nur die Maus,
eintönig pickt an dunkler Wand die Uhr,
sonst ringsumher von Leben keine Spur.
Das Nachtlicht gießt umher den Dämmerschein;
im Schatten sitz ich einsam und allein.
Doch nicht allein – mein Gott, Du bist bei mir,
und mein bekümmert Herze ruht in Dir;
mein müdes Haupt, es lehnet sich an Dich,
die Flügel Deiner Gnade decken mich;
wenn sich gelegt des Tages wirrer Lauf,
dann gehen die Sterne für die Deinen auf.
Drum hat dich auch in stiller Nächte Stunden,
o, treuer Hirte, manches Herz gefunden.“

„Die Glock schlägt elf -
daß Gott doch allen Kranken helf´!
Ach, wie mein Kind im Fieber liegt!
Die Wangen glühn, der Atem fliegt!
Herr Gott, Du großer Arzt der Kranken,
laß meinen Glauben jetzt nicht wanken!“

„Allmächtiger, der über Sternen thront,
im ew´gen Licht ob Erdennächten wohnt,
Du schaust aus Deinem königlichen Zelt
herab auf allen Jammer dieser Welt;
Dein ist das Reich, Dein ist Gewalt und Macht,
Du lenkst den Tag und herrschest in der Nacht,
am liebsten tust Du in der Dunkelheit
die sel´gen Wunder Deiner Herrlichkeit.
Nun sendest Du aus Deinem Sternenhaus
Die Engel Deiner Lieb´ und Allmacht aus,
nun gießen sie den süßen, milden Tau
erquickend aus auf die verlechzte Au,
nun stärken sie mit holdem Schlummersaft
erschöpfte Glieder, die sich müd geschafft,
nun trösten sie auf seines Kissens Flaum
manch armes Herz mit einem goldenen Traum,
nun tragen sie auf manches Schlafgebet
Erhörung nieder, eh die Nacht vergeht,
und knüpfen frisch die abgefallne Welt
mit Liebesfäden an das Sternenzelt.
O Gott und Herr, Du bist so gnadenreich,
an Macht und Liebe nur Dir selber gleich,
gib einen Liebesblick und Gnadenschein
auch auf dies Bett, auch in dies Kämmerlein,
gib einen Balsamtropfen leis und lind
auch auf die heiße Schläfe meinem Kind;
Allmächtiger, es liegt in Deinen Armen,
Barmherziger, Du mußt Dich ja erbarmen!“

„Horch Mitternacht!
Mein Kindlein ist im Schreck erwacht;
das Glöcklein wimmert grell vom Turm,
im Holze pickt der Totenwurm,
mir ist, als klopften Nachgespenster
mit leiser Hand ans Kammerfenster.“

„Ach Gott, mir graut in dieser Einsamkeit!
Kein Mensch ist nah, und jede Hilfe weit;
die Mitternacht ist keines Menschen Freund,
durchs Fenster lugt sie wie ein böser Feind,
wie Geistertritt rauscht´s draußen vor der Tür,
wie Geisterhauch weht´s im Gemache hier.
Mein Gott, wenn jetzt Dein Todesengel käm´
und mir mein Kind aus meinen Armen nähm´
und küßt´ es tot mit seinem blassen Mund
und legt´s aufs Bett als Leiche mir zur Stund´? -
Mein Herzenskind, der Herr bewahre dich!
Mein starker Gott, auf Dich verlass´ ich mich!
Was ist der Mensch? Ein zitternd Espenlaub!
Ein leiser Hauch, so sinkt er in den Staub;
stets schwebt ob seinem Haupte die Gefahr
und streift mit schwarzen Fittichen sein Haar.
Allmächtiger, in Deinem Schirm allein
kann ich und kann mein Kind bewahret sein;
sei Du uns Schutz, sei Du uns Schloß und Riegel,
Dein Küchlein birg im Schatten Deiner Flügel!“

„Die Glock schlägt eins –
das Nachtlicht brennt getrübten Scheins,
die Augen fallen schläfrig zu,
das müde Haupt verlangt nach Ruh;
komm, schwaches Herz, dich aufzuraffen,
ergreife des Gebetes Waffen!“

„Herr Jesu Christ, erhalte du mich wach -
der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.
Du guter Hirte hast so manche Nacht
für uns hienieden treulich durchgewacht,
auf Bergeshöhn lagst Du im Gebet,
dieweil der Nachtwind leise Dich umweht,
in dunkler Stunde zu Gethsemane
trugst Du für uns des bittern Todes Weh;
Du Menschenhüter, schläfst und schlummerst nicht,
wachst über uns auch jetzt im Himmelslicht.
O gib von dort mir Deinen Geist der Kraft,
der in mir Wollen und Vollbringen schafft;
o träufle Du ein frisches Glaubensöl
ins trockne Lämpchen meiner matten Seel´;
o schüre Du aufs neu´ der Liebe Glut,
die fröhlich brennt und nimmer klagt noch ruht;
Herr Jesu Christ, sei mächtig in mir Schwachen
und hilf mit Dir mir diese Stunde wachen.

„Die Glock schlägt zwei -
komm, Kindlein, nimm die Arzenei,
duz bist so matt und bist so krank,
stoß ihn nicht weg, den braunen Trank,
ob er auch bitter sei dem Munde,
er hilft ja, daß mein Kind gesunde.“

„O Herr, du reichst auch mir zu dieser Stund´
den bittern Kelch des Leidens an den Mund;
wohl seufzt mein Fleisch: Laß ihn vorübergehn!
Doch spricht mein Geist: Dein Wille soll geschehn!
Ich weiß ja: Was die ew´ge Liebe tut,
sie meint´s allzeit mit ihren Kindern gut;
so will ich nun dein folgsam Kindlein sein,
den Trübsalskelch geduldig nehmen ein,
ein Stückchen Zucker reichst Du drauf gewiß,
Denn Deine Huld macht auch das Herbste süß;
so müssen selbst die bittern Arzeneien
für Leib und Seel´ zum Segen uns gedeihen.“

„Die Glock schlägt drei –
die Dämmerung schleicht sacht herbei,
der frühe Hahn hat schon gekräht,
ein kühler Hauch durchs Fenster weht,
bald ist das Morgenrot vorhanden,
die Nacht der Sorgen überstanden.“

„Schon rührt sich´s da und dort im stillen Haus,
der Nachbar geht ans frühe Tagwerk aus,
das Nachtlicht ist zum Stümpfchen abgebrannt,
und Morgenscheine dämmern an der Wand;
mein Kindlein aber schlummert sanft und leis,
die heiße Stirn betaut ein linder Schweiß,
gebrochen ist des Fiebers böse Macht,
vorüber ist die lange Kammernacht,
und selig blick ich auf ins Morgenrot:
Hab Dank´o Herr, Du Retter in der Not!
Du bist getreu, Du läßt die Deinen nicht,
gibst Freud und Leid, nach Finsternis das Licht,
und währet auch den Abend lang das Weinen,
am Morgen läßt Du Deine Hilf´ erscheinen.“

„Die Glock schlägt vier –
hell ruft der Wächter vor der Tür:
Steht auf im Namen Jesu Christ,
die Morgenstund´ vorhanden ist,
wohlauf, wohlauf, ihr Christen alle,
und lobet Gott mit frohem Schalle!“

K. Gerok

Eines der schönsten Gedichte, das wir kennen.

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