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28B11

Deutsche Schicksalsbriefe

12.2.2015
Auszüge

Deutsche Briefe
Ausgewählt und eingeleitet von E. Kurt Fischer
Kunstwart Verlag G. D. W. Callwey, München, 1926

Inneres und äußeres Schicksal (S. 164-174)

Caroline an Meyer
(leider konnten wir nicht feststellen, um welche Personen es sich dabei handelt)

Marburg, 1. März 1791.

Unsere Familie ist zerrüttet durch Verdorbenheit, Unverstand, Schwäche und Heftigkeit der einzelnen Mitglieder. Der eine betet, der andere klagt das Schicksal an, der Grund des Übels liegt aber nicht jenseits der Wolken. – Ich seh im Gang meines Lebens Ursache und Folge genau miteinander verflochten und will mich nicht gegen die Notwendigkeit auflehnen.

Novalis an Just

Weissenfels, 29. März 1797.

Wenn ich bisher in der Gegenwart und in der Hoffnung irdischen Glücks gelebt habe, so muß ich nunmehr ganz in der echten Zukunft und im Glauben an Gott und Unsterblichkeit leben. Ich leugne nicht, daß ich mich vor einer entsetzlichen Verknöcherung des Herzens, vor dieser Seelenauszehrung fürchte. … Aber vielleicht rettet mich die unsichtbare Welt und ihre Kraft, die bisher in mir schlummerte. Die Idee von Gott wird mir mit jedem Tage lieber …

E.T.A. Hoffmann an Hippel

Königsberg, den 18. März 1796.

Der Tod hat bei uns auf eine so schreckliche Art seine Visite gemacht, daß ich das Grausenvolle seiner despotischen Majestät mit Schaudern gefühlt habe. - Heute morgen fanden wir meine gute Mutter tot aus dem Bette herausgefallen … den Abend vorher war sie munterer als je, und aß mit gutem Appetit. – Das sind wir Menschen! – quälen und härmen uns im spannlangen Leben – sorgen für die Zukunft – machen Pläne auf Pläne, wenn vielleicht nur noch ein armseliger Tag unsere Todesstunde verzögert – Das große Studium des Todes ist uns verhaßt, weil unser verzärtelter Geist sich nur an blühenden Rosen weidet, deren Dorn er fürchtet. – Ach Freund, wer nicht den Tod sich beizeiten zum Freunde macht, und auf vertraulichem Fuß mit ihm umgeht,  dem macht er zuletzt seine Visite immer auf die quälendste Art …

Schelling an Philipp Michaelis

München, 29. November 1809

Wir waren durch die heiligsten Bande vereinigt, im höchsten Schmerz und im tiefsten Unglück einander treu geblieben – alle Wunden bluten neu, seitdem sie (die Schwester Caroline) von meiner Seite gerissen wurde.

Alle Übel der Welt drangen diesen Sommer gewalttätiger auf uns ein: die Frechheit und kaum glaubliche Roheit französischer Envoyés, dergleichen vielleicht nur München kennt, erschien in der häßlichsten Gestalt. Menschen, mit denen wir  zuvor als Leuten von Sitte und scheinbarer Bildung in einem anständigen Verhältnis gestanden hatten, wurden verwandelt, die Zeit der Denunziationen  und politischer Verfolgungswut fing wieder an; es hat nicht an diesen Menschen gelegen,  daß nicht alle Fremde vor ein Revolutionstribunal geschleppt wurden.

Adalbert Stifter an Gustav Heckenast

Linz, am 13. Mi 1854.

… manchmal ist mir, ich könnte Meisterhaftes machen, was für alle Zeiten dauern und neben dem Größten bestehen kann, es ist ein tiefer, heiliger Drang in mir, dazu zu gehen --- aber das ist äußerlich nicht die Ruhe, die kleinen Dinge schreien drein, ihnen muß von Amts wegen und auf Befehl der Menschen, die sie für wichtig halten, abgewartet werden, und das Große ist dahin. … Ich gebe den Schmerz nicht her, weil ich sonst auch das Göttliche hergeben müßte. Hätte ich mein ruhiges Leben (im Winter in Wien, im Sommer in den Bergen unter Bäumen und Wolken), dürfte ich nichts anderes tun, als mit Großem, Reinem, Schönem mich beschäftigen, vormittags schreiben, nachmittags zeichnen, lesen, Wissenschaften nachgehen, und abends mit manchem edlen Freunde oder in der Natur oder in meinem Garten sein --- aber ich darf nicht daran denken, sonst ergrimmt der Gott im Menschen, wie J. Paul sagt.

Ich bin zwar kein Goethe, aber einer aus seiner Verwandtschaft, und der Same des Reinen, Hochgesinnten, Einfachen geht auch aus meinen Schriften in die Herzen, davon habe ich Beweise, und wer weiß, ob sie nicht mithelfen, einmal einen großen, unendlichen Geist, der höher ist als Goethe, Schiller und alle, in seiner Jugend von dem Eklen, Widerwärtigen, Zerrissenen abzuziehen, der Ruhe und Einfalt zuzuwenden und ihm um so früher Raum geben, zu seinen Schöpfungen zu schreiten, die das Ergötzen und Staunen der Welt sein werden.

Theodor Storm an Eduard Mörike

Husum, 3. Juni 1865.

Nch langer Zeit komme ich wieder einmal zu Ihnen; dies Mal aber als Mann, dessen Lebensglück zu Ende ist, und über dessen Zukunft die Worte stehen, die Dante über seine Hölle schrieb.

… die eine ist von uns gegangen: meine Constanze. Nachdem sie am 4. Mai d. J. unser siebentes Kind, eine Tochter geboren, ist sie am 20. d. M. nach schwerem Kampfe, zuletzt doch sanft, an dem überall jetzt epidemisch auftretenden Kindbettfieber gestorben. – Sie wissen ja, daß ich Ihren glücklichen Glauben nicht zu teilen vermag; Einsamkeit und das quälende Rätsel des Todes sind die beiden furchtbaren Dinge, mit denen ich jetzt den stillen unablässigen Kampf aufgenommen habe. Gleichwohl bin ich nicht der Mann, der leicht zu brechen ist …

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