ETIKA D28B

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30.11.1998

28B13

FRANCISCO
UND DER SCHMERZ

 

 

Francisco, begeisterter Nachahmer seines Namensgebers aus Assisi, war nicht nur ein Mann der Tat, sondern auch des Worts, allerdings mehr des geschriebenen als des gesprochenen. Mit vielen Leuten stand der Journalist im Briefwechsel, und an eine Frau, die ihm kürzlich von einer bevorstehenden Krebsoperation berichtet hatte, erinnerte er sich, als er folgende Meldung einer Nachrichtenagentur auf den Tisch bekam:

"Hannover - Deutsche Medizinprofessoren haben sich auf dem Kongreß ,Geist und Natur´ dafür ausgesprochen, asiatische Philosophie und Erfahrung bei der Schmerzbewältigung zu nutzen. Der Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt, Prof. Klaus York, sagte: , Konzentrative Meditation und Visualisation (Anmerkung: bildliche Vorstellung von Ereignissen, die zu einer positiven Erwartungshaltung führt), wie sie seit Jahrhunderten im tibetischen Buddhismus und im Yoga Indiens geübt werden, beeinflussen komplexe Stoffwechselvorgänge im menschlichen Körper.´ Der Tübinger Professor für klinische Psychophysiologie Wolfgang Larbig verwies auf Schmerzkünstler, die bei großer Kälte im asiatischen Hochgebirge auch ohne Bekleidung keinen Schmerz empfinden." (dpa bas 311 vm 251545 mai 88)

Francisco dachte an die vielleicht sechzigjährige, schwerkranke Frau: Brauchen wir Christen mit unserer zweitausendjährigen Tradition wirklich Buddhisten und Hindus, um mit dem Schmerz fertigzuwerden? Verfügen wir nicht - wie der russische Pilger in seinen "Aufrichtigen Erzählungen" schildert - über geistige Kräfte, die wirkungsvoller sind als bloße Yogatechniken?

Warum fragt denn niemand nach dem Sinn des Schmerzes? "Alles, was weh tut, kann Mittel werden zum inneren Wachstum, zur seelischen Reife", dieses Wort des Kapuzinerpaters Hilarius Innerkofler hatte er sich erst aus dem letzten Sonntagsblatt ausgeschnitten.

Nun, dies wollte er der Frau nicht schreiben. Er griff zu seinen Büchern über Franziskus und verfaßte nach eifrigem Studium folgenden Brief:

Liebe Frau H.!
Gestatten Sie, daß ich Ihnen vor Ihrer Operation, zu der ich Ihnen das Allerbeste wünsche, noch einige Zeilen sende, um Ihnen Mut zu machen. Franziskus von Assisi wandte zwei Methoden an, um den Schmerz zu bewältigen. Lassen Sie mich zitieren:

Nicht allein die unvernünftigen Tiere, sondern auch die Elemente waren dem Heiligen gehorsam. Als Franziskus unter anderem von einem Augenleiden geplagt wurde und sich dieses immer mehr verschlimmerte, brachte ihn der Arzt von Rieti ins Kloster zu Fonte Colombo, um ihn dort zu operieren. Als alle Vorbereitungen getroffen waren und der heilige Vater das glühende Eisen sah, erfaßte ihn ein großer natürlicher Schrecken und ein Zittern wegen der Schmerzen, die er aushalten sollte.

Er sagte deshalb zu dem Feuer: ,Du mein edler Bruder Feuer, als nützliche Kreatur hat dich der Allerhöchste erschaffen, ich bitte dich, hab Mitleid mit mir in dieser Stunde und gebrauche deine Schärfe mir gegenüber nicht, zumal ich dich wegen deines und meines Erschaffers so sehr liebe. Ihn rufe ich an und bitte ihn, daß er deine Hitze dermaßen temperiere und mildere, daß meine Schwachheit sie aushalten kann.´ Und damit machte er das Kreuz über das Brandeisen.

Nach dem Eingriff sagte er zu seinen Brüdern: ,Ihr sollt wissen, daß ich keine Schmerzen empfunden habe." Der Arzt wunderte sich sehr, daß der Heilige während der Behandlung völlig unbeweglich und unempfindlich blieb, ohne auch nur den Kopf zu heben. Er konnte nichts anderes sagen denn daß in dieser Welt nichts besser wäre, als ein wahrer Diener des höchsten Gottes zu sein.

Dies war die eine Methode, und die zweite: ,Mit Geduld und Demut ertrug Franziskus alle Schmerzen, und für alle lobte er Gott (nach: Der Cronicken der mindern Brüder, Konstanz 1604, Bonaventura, Fioretti, Celano I)

 

Kurz zusammengefaßt, liebe Frau H.:

1. Bitten Sie zunächst Gott, daß Sie nur soviel Schmerzen haben, wie Sie ertragen können.

2. Wenn es soweit ist, bitten Sie Gott um Kraft: ,Herr, hilf!´oder ,Guter Vater, Jesus Christus, hilf, Herr, rett uns!" Dies können Sie ständig wiederholen. Wenn es Ihnen möglich ist, blicken Sie auf das Kreuz, wenigstens innerlich, und vereinen Sie Ihre Schmerzen mit den Schmerzen Jesu. Sie können sie auch als Bußopfer oder als Sühneopfer für andere darbringen.

3. Vergessen Sie nicht, Ihrem Tröster und Heiland hinterher zu danken.

Ihr Francisco

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