ETIKA

Hl. Johannes Chrysostomus

www.etika.com
12.7.2002

28B19

Ermahnung an den gefallenen Theodor

Übersetzung: ETIKA, etika.com, Nachdruck gestattet, no Copyright

Das Neueste (2.) unten

1.

„Ach dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupte und meine Augen Tränenquellen wären, um Tag und Nacht zu weinen...“ (Jeremias 8,23).

 

Ich habe jetzt mehr Grund zu weinen als seinerzeit der Prophet. Wenn ich nicht betrübt bin wegen des Untergangs vieler Städte und ganzer Bevölkerungsgruppen, so bin ich es aber wegen einer Seele, die gleichviel und mehr als viele Völker wert ist.

 

Wenn tatsächlich ein einziger, der den Willen Gottes tut, von größerer Bedeutung ist als Tausende von Sündern, hast du sicher mehr gegolten als jene alten Juden. Niemand tadle mich deshalb, wenn meine schriftlich niedergelegten Klagen und Seufzer die des Propheten noch übertreffen sollten.

Ich beweine nicht die Zerstörung einer Stadt, sondern die Verwüstung einer heiligen Seele, den Ruin und die Zerstörung des Tempels, der Christus in sich trug.

 

Wenn jemand die Schönheit gekannt hätte, in der deine Seele eine Zeitlang strahlte und die der Teufel jetzt in Asche gelegt hat, würde er nicht seufzen und sich die Klagen des Propheten zu eigen machen, wenn er hört, dass barbarische Hände den Heiligen der Heiligen entweiht und Feuer gelegt und alles zerstört haben: die Cherubim (vgl.: der Herrlichkeit, die den Gnadenthron in der Stiftshütte überschatteten, Hebräer 9,5),  die Bundeslade, das Versöhnungs... (?), die Gesetzestafeln, die Urne aus Gold?

 

Dieses Unglück ist bitterer als jenes, denn viel köstlichere Gaben befanden sich in deiner Seele. Sie war ein viel heiligerer Tempel als jener, denn er glänzte nicht mit seinem Gold und Silber, sondern durch die Gnade des Heiligen Geistes, und statt der Bundeslade und der Cherubim (wohl schmückende Statuen) enthielt er Christus und seinen Vater und den Heiligen Geist.

 

Zustand der in die Sünde gefallenen Seele

Aber jetzt ist die Seele nicht mehr so, vielmehr ist sie wüst und ihrer Schönheit und ihres Schmuckes entkleidet, und sie entbehrt jeder Sicherheit und jeden Schutzes. Es gibt kein Tor mehr und kein Schloß, sondern sie steht allen verderblichen und schändlichen Gedanken offen; wenn Gedanken der Selbstüberhebung, der Lüsternheit, des Geizes oder noch schlimmere eintreten wollen, gibt es keinen, der sich dagegen stellt.

 

Wie der Himmel unzugänglich ist für solche Gedanken, so war diesen früher auch deine Seele verschlossen. Dies mag in den Ohren jener unglaublich klingen, die sehen, wie niedergeschmettert und zerrüttet deine Seele nun ist; und deshalb bin ich betrübt und weine und werde nicht damit aufhören, bis ich dich nicht wieder in deinem Glanz von ehedem erblicke. Wenn dies den Menschen unmöglich vorkommen mag, so ist doch Gott alles möglich.

Er richtet in der Tat den Geringen auf aus dem Staube und erhöht den Armen aus dem Schmutz, dass er ihn setze neben die Fürsten seines Volkes. Er lässt die Kinderlosen in der Familie glücklich wohnen als frohe Mutter vieler Kinder. (Psalm 113,7-9)

 

Der Sünder darf nicht verzweifeln

Deshalb nicht verzweifeln, sondern bestmöglich aus der Sache herauskommen. Wenn der Teufel soviel Macht besessen hat, um dich von jenem hohen Gipfel der Tugend ins tiefste Übel zu reißen, so hat Gott doch viel mehr Kraft, um dich wieder in den Zustand des Vertrauens zurückzuversetzen, in dem du gewesen bist, und nicht nur dies, er kann dich sogar glücklicher machen als vorher.

 

Du darfst nicht unten bleiben, darfst nicht die Hoffnung wegwerfen, darfst dich nicht Gefühlen der Trostlosigkeit überlassen. Nicht die Menge der Sünden führt zur Verzweiflung, sondern eine gottlose Seele. Deshalb sagt Salomon nicht, dass Gott jeden, der in den Abgrund der Sünden gefallen ist, geringschätzt; nein, so behandelt er nur den Ruchlosen. Nur diese haben solche Gefühle, die sie nicht nach oben blicken und wieder dort hinaufsteigen lassen, woher sie gefallen sind.

 

Dieses Unglücksgefühl ist in der Tat wie ein Joch, das auf dem Hals der Seele lastet und sie zwingt, nach unten zu schauen, und verhindert, dass sie die Augen zu ihrem Herrn erhebt. Aber ein großmütiger und edler Mann muß dieses Joch zerbrechen und den Henker zurückstoßen, der es ihm auferlegt hat, und mit dem Propheten sprechen:

Wie die Augen der Magd auf die Hand ihrer Herrin schauen, so schauen unsre Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er sich unser erbarmt. Erbarme Dich unser, Herr, erbarme Dich unser! Denn wir sind voller Verworfenheit. (Psalm 123,2-3)

 

Wahrhaftig sind dies göttliche Belehrungen und die Wahrheit der himmlischen Weisheit. Wir sind angefüllt mit Verworfenheit und unterstehen unzähligen Übeln, aber nichtsdestotrotz lassen wir nicht davon ab, auf Gott zu schauen, noch hören wir auf, zu ihm zu beten, bis er unsere Bitte angenommen hat.

 

Es ist das Zeichen eines großen Herzens, nicht zu Tode betrübt zu sein, nicht zu verzweifeln, auch wenn sich noch so viele Hindernisse auftun, nicht zu weichen, auch wenn nach vielen Gebeten nichts erreicht worden ist, sondern auszuharren, bis Gott Mitleid mit uns bekommt.

 

2.

Deshalb will uns der Teufel zu Gedanken der Verzweiflung verleiten, um die Hoffnung auf Gott abzuwürgen und damit

den stabilen Anker, an dem unser Leben festgemacht ist,
den Führer, der uns an der Hand nimmt und auf den Weg des Himmels führt,
das Heil der verlorenen Seelen.

 

„In der Tat“, sagt der Apostel, „wir werden selig mit der Hoffnung“ (Römer 8,24). Diese ist genau wie eine robuste Kette, die vom Himmel herabgelassen wird; sie trägt unsere Seelen und zieht allmählich jene, die sich an ihr ganz fest halten, empor und erhebt sie damit über die Stürme des Bösen in diesem Leben.

 

Wenn aber einer schwach wird und diesen seligen Anker fahren lässt, kommt er sofort zu Sturz und ertrinkt im Abgrund der Bosheit. Wenn der boshafte Teufel gewahr wird, dass uns die Erkenntnis unserer schlechten Handlungen bedrückt, kommt er, um den Gedanken der Verzweiflung aufzudrängen, der schwerer ist als das Blei; und wenn wir diesen annehmen, werden wir notwendigerweise mit ähnlichem Gewicht hinabgezogen und, losgelöst von der Kette, werden wir in den Abgrund der Übel fallen.

 

In diesem Abgrund befindest auch du dich jetzt, weil du dich geweigert hast, die Vorschriften deines sanftmütigen und demütigen Herrn zu befolgen, und weil du stattdessen all jenen des wilden Tyrannen gefolgt bist, des unversöhnlichen Feindes unseres Heils; weil du das sanfte Joch zerbrochen hast, die leichte Last weit fortgeworfen hast und weil du dir einen äußerst schweren Mühlstein um den Hals gelegt hast.

 

Wie wirst du jetzt verhindern können, dass deine unglückliche Seele immer mehr absinkt, seit dem Moment, an dem du dich dem Zwang ausgeliefert hast, immer tiefer abzugleiten?

 

Die Frau, welche die verlorene Drachme wiedergefunden hatte, rief die Nachbarn herbei, damit sie an ihrer Freude teilhätten, und sprach: „Freut euch mit mir“ (Lukas 15,9).

 

Ich indessen rufe jetzt alle meine und deine Freunde auf, sich nicht zu freuen, sondern mit mir zu seufzen, und ich sage: Weinen wir gemeinsam und lassen wir unsere Klagerufe erschallen. Ein äußerst schweres Unglück ist über uns gekommen, nicht weil wir eine große Menge Goldes oder viele wertvolle Steine verloren hätten, sondern weil der beste von denen, mit denen wir in diesem weiten Meer gesegelt sind, ins Wasser gefallen ist, ich weiß nicht wie, und in der Tiefe des Abgrunds versunken ist.

 

3.  (Fortsetzung gelegentlich)

 

 

)

Anmerkung etika.com: Falls es auf Erden jemanden gibt, der uns helfen will und die Möglichkeit dazu hat, dann schenke er uns Kopien (oder das Original) einer deutschen Übersetzung dieses (oder eines anderen) Buches des hl. Johannes Chrysostomus oder tippe es ganz oder Teile davon ab und sende uns den Text per E-Mail bzw. Post. Wir haben vor, Tausende von Büchern der Heiligen abzuschreiben – zumindest das Wichtigste daraus – und im Internet allen kostenlos zugänglich zu machen. Die Heiligen werden ihre Freude daran haben und die Sünder werden es uns danken.

Index 2