ETIKA

Jochen Hemmleb

www.etika.com

28B30

Nanga Parbat

27.4.2010
Rezension, 1. Entwurf

Der Alpinhistoriker Jochen Hemmleb erregt erneut Aufsehen nach seiner Everest-Sensation vom Fund der Leiche Mallorys, diesmal mit einem Buch über die Messner-Brüder. Der Autor wurde 1971 geboren, ist Diplom-Geologe, Vortragsredner und Fachberater im Bereich Alpingeschichte und lebt in Bozen. Näheres unter www.jochenhemmleb.com. Vergleiche auch: Hans Saler: Gratwanderungen meines Lebens sowie unsere Rezension „Film „Nanga Parbat“ wird zum Bumerang für Reinhold Messner“, ebenso den Rest unseres zurückgezogenen, unvollendeten Romans „Das Phantom vom Nanga Parbat.

Reinhold Messner findet seinen Meister: Jochen HemmlebAufsehen erregende Neuerscheinung enthüllt Unwahrheiten
Mit Gerhard Baur am Nanga Parbat - „Der Südgipfel ist der Schlüssel“ im Fall Günther Messner – Rätsel vor Auflösung
Knochenfund beweist wenig – Hemmleb entdeckte ganz in der Nähe Leiche eines aus dem Gipfelbereich Abgestürzten

Tausendsassa Reinhold Messner hat seinen Meister gefunden. Der Achttausender-Superman hat sich einst beklagt, dass er weltweit niemanden findet, mit dem er auf gleichem Niveau über das Bergsteigen diskutieren könne. (Aus der Erinnerung, wir haben gerade keine Zeit, in den Hunderten von Messner-Zeitungsausschnitten nach dieser Stelle zu suchen; sie könnte in Arno Luiks legendärem „Stern“-Interview stehen.)

Nun beweist ihm ein Bergsteiger und Naturwissenschaftler, dass seine Erzählungen vom Tod seines Bruders Günther an Nanga Parbat 1970 zu viele Widersprüche aufweisen, dass also seine Darstellungen in zahlreichen Punkten unglaubwürdig und unwahr sind. Jochen Hemmleb stellt Reinhold Messner jede Menge unangenehmer Fragen. Denn es „kann fast jede seiner Angaben in Frage gestellt werden“ (S. 207).

Messerscharf seziert Jochen Hemmleb die Bücher und den Film Messners. Zwingt er ihn, endlich die volle Wahrheit einzugestehen? Das werden die Rezensionen in der Presse entscheiden. Hemmleb fragt Reinhold Messner so viele Löcher in den Bauch, dass das Denkmal des größten Bergsteigers aller Zeiten („gröBaZ“) bedenklich wackelt.

Wir könnten hier Dutzende brisante Fragen anführen wie jene von Seite 138: „Wenn Günther erst an der Merkl-Scharte Probleme bekommen hatte, warum wurde dann überhaupt vom Gipfelgrat der Abstieg durch einen unbekannten Wandbereich bis hinab zur Merkl-Scharte angetreten?“ Oder die auf Seite 120 wiedergegebene Frage des Expeditionsleiters Herrligkoffers, wie sich ein Höhenkranker ohne Getränk, ohne Nahrung und ohne Sauerstoffzufuhr in 8000 Meter soweit erholen konnte, „daß er schließlich ganz fit wurde, so fit, daß er den kräftezehrenden Abstieg über eine unversicherte 3000 m hohe Eiswand schaffte?“

Oder wie erklärt Reinhold Messner die unterschiedlichen Zeitangaben über das Zusammentreffen mit dem nacheilenden Günther: früher Vormittag, etwa 8 Uhr – oder später Nachmittag? (S. 165)

Der Fund des Knochens anno 2000 beweist sehr wenig. Zu denken gibt der Satz Reinhold Messners im Magazin „News“ vom 29. Jänner 2004: „… es gibt auch noch andere Teile in der Gegend, wo er gefunden wurde“. In der Tat fand er im Jahr darauf die sterblichen Überreste Günthers.

Das Sensationelle: Jochen Hemmleb hat im Jahr 2004 bei einer Rastersuche am Wandfuß die Leiche eines Bergsteigers entdeckt, höchstwahrscheinlich des Koreaners Ahn Chun-Moon. „Dieser war 1993 am Gipfeltrapez des Nanga Parbat aus etwa 8000 Meter Höhe abgestürzt.“ (S. 194) Hemmleb hat eine Nase für verunglückte Bergsteiger. Eine von ihm initiierte Expedition hatte bereits um die Jahrtausendwende am Mount Everest die Leiche des 1924 verschollenen Himalaya-Pioniers George Mallory gefunden. Als Geowissenschaftler hatte er aufgrund der alten Dokumente den ungefähren Absturzort ausgerechnet mittels Rückwärtseinschneiden etc. Zurück zum Nanga Parbat:

Ein Jahr später wurden im selben Gebiet, wo Hemmleb alles abgesucht hatte, von Einheimischen die Überreste von Günther Messner entdeckt, in eine Kiste verpackt und mit wenigen Ausnahmen Wochen später von Reinhold Messner im islamischen Pakistan nach nepalesisch-buddhistischem Brauch verbrannt ohne Einschaltung der zuständigen Behörden. Mit dieser Vernichtung von Beweisen hat sich Reinhold Messner selbst um seine Glaubwürdigkeit gebracht, die er auch nach dem „Stern“-Interview mit Arno Luik und den kritischen Büchern von Hans Saler und Baron Max von Kienlin bei vielen noch hatte.

Hemmleb kommentiert nüchtern, aber vielsagend: „Wenn es tatsächlich der Originalfundort der Überreste Günther Messners war, dann musste ich 2004 höchstens 50 Meter daran vorbeigelaufen sein.“ (S. 196) Jedenfalls ist klar: Der Knochen- und Leichenfund beweisen keineswegs, dass Günther Messner am Wandfuß unter einer Eislawine ums Leben gekommen ist, denn „am Fuß der Diamirflanke sammelt sich alles“ (S. 196), was von oben kommt. Die Hypothesen von Saler und von Kienlin sind also für einen gerecht denkenden Menschen durchaus zulässig, ihre Bücher nochmals zu studieren.

Hemmleb enthüllt auch den Charakter und das Denken des berühmten Extrembergsteigers, wobei er wenig Schmeichelhaftes zutage fördert, insbesondere was die niederträchtige Behandlung früherer Kameraden wie Kuen betrifft, zum Beispiel im Film, der ja erst Anfang 2010 in die Kinos gekommen ist. Das Buch Hemmlebs ist top-aktuell und vergleicht die Filmdarstellung mit früheren Büchern. Entlarvend auch das „Mitgefühl“ Reinhold Messners für Cesare Maestri wegen der Tragödie am Cerro Torre in Patagonien. „Parallelen?“ titelt Hemmleb.

Welcher Leser wundert sich nicht über gewisse Leute? Etwa über den Kulturjournalisten André Müller, zu dem Reinhold Messner gesagt hat: „Mein jüngerer Bruder ist 1970 durch meine Schuld umgekommen. Wir hatten gemeinsam den Nanga Parbat bestiegen. Er wurde höhenkrank und ist abgestürzt.“ Hemmleb besuchte Müller, und dieser teilte ihm später „nach Durchsicht seiner Tonbandmitschnitte“ 2003 per E-Mail mit: „Ich habe nichts verfälscht.“ (S. 181) Da wünscht sich der wissbegierige Leser doch, diese Tonbandmitschnitte einmal selbst hören zu dürfen, oder nicht?

Was ist da vorgegangen? Das fragt man sich auch im Falle Naeem Khan. Dieser sagte der dpa, die Leiche Günther Messners habe 33 Jahre in etwa 7000 Meter Höhe gelegen. Danach scheint er von dieser Aussage etwas abgerückt zu sein und war nicht mehr erreichbar. Eine äußerst suspekte Geschichte.

Für alle, die die bisher sieben Bücher von Messner, Saler und von Kienlin gelesen haben, hält Hemmleb neue Details bereit, die sie bisher nicht kannten. Aber man muss sie alle kennen, wenn man selbst Detektiv spielen will. So wollen die Nachkommenden mehrere Stimmen von der Merkl-Scharte her gehört haben. War das erste Biwak nun auf 7800 oder 8000 m? Warum erfolgte der Abstieg über die Diamir-Flanke erst um 11 Uhr, also viel zu spät? Hemmleb analysiert glasklar und scheut sich nicht, weitere Fakten mitzuteilen, auch wenn sie die Verwirrung noch steigern, etwa die konfusen Aussagen über das Seil und das „Alles in Ordnung!“. Auch im Film ruft Reinhold wieder nach einem Seil, aber was der Film verschweigt, das ist die Frage beim Zusammentreffen mit den Kameraden: „Wo ist Günther?“ Hemmlebs Devise hingegen lautet Objektivität.

Er schöpft nach Möglichkeit aus Originalquellen. Er hat keine Mühe gescheut, an die Dokumente von damals heranzukommen. Gründlich recherchierte er vor allem im Archiv des Deutschen Instituts für Auslandsforschung (DIAF), das die Dokumente von 1970 verwaltet – und aus dem manches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, etwa ein Rundbrief Herrligkoffers an die Expeditionsteilnehmer. Eine große Hilfe waren lange Gespräche mit Gerhard Baur, der damals mit Günther Messner die Merkl-Rinne versichern sollte und außer Reinhold der Letzte war, der Günther sah. Und endlich erfahren wir, dass sich das Landgericht München I verwundert zeigte, „dass Reinhold Messner nicht mit aller ihm zu Gebote stehenden Stimmkraft auf die bereits bestehende Gefahr insbesondere für seinen Bruder Günther aufmerksam machte“. (S. 145)

Außerst hilfreich sind die Einzeichnung der Wegstrecken in etliche Großaufnahmen sowie eine Chronologie von Zitaten in Tabellenform. Der Leser kann das Geschehen so besser mitverfolgen und selbst rätseln: Ging Reinhold Messner nun auf der Schell-Route oder über den Blockgrat? Und Hemmleb weist nach, dass es einen dritten Abstiegsweg für die Messner-Brüder gegeben hätte (S. 167); sie hätten also nicht über die Diamir-Seite absteigen müssen, die voll unbekannter Risiken steckte. So etwas kann man nur schreiben, wenn man sich den „Tatort“ aus der Nähe angesehen hat.

Der Lokalaugenschein auf der Diamirseite ermöglichte Hemmleb eine gründliche, gewissenhafte Prüfung des Geschehens. Die Alpingeschichte ist da neu zu schreiben; oder besser gesagt, Jochen Hemmleb hat sie schon großteils neu geschrieben. Denn auch der bisher Messner-freundliche Leser dürfte den Aussagen des Schloss- und Museumsbesitzers künftig weit mehr Skepsis entgegenbringen als diesem lieb sein kann. Was wir vermissen, ist die Erwähnung des 1985 am Rosengarten abgestürzten Bruders Siegfried. Und worauf immer mehr Leute warten: das Geständnis Reinhold Messners, wie es wirklich war. Nur das Herausrücken mit der vollen Wahrheit kann den immer zahlreicheren Zweifeln ein Ende setzen. „So war´s nicht wie in Buch 1 und im Film, sondern es war so wie in Buch 3.“ Und dergleichen. Für viele Bergfreunde ist der Fall inzwischen ein Krimi geworden, dessen Auflösung sie mit großer Spannung entgegensehen – in Südtirol und im ganzen deutschen Sprachraum.

Rainer Lechner, Journalist und Autor, im Informationsdienst etika.com, www.etika.com

Jochen Hemmleb: Nanga Parbat. Das Drama 1970 und die Kontroverse. Wie die Messner-Tragödie zum größten Streitfall in der Alpingeschichte wurde. Tyrolia-Verlag, Innsbruck, 2010. 232 Seiten, mit vielen Bildern und Grafiken. ISBN 978-3-7022-3064-7. www.tyrolia-verlag.at

Nachbemerkungen:

Spannend geschrieben ist auch das Buch von Jochen Hemmleb: Tatort Mount Everest: Der Fall Mallory. Neue Fakten und Hintergründe. Mit 101 Abbildungen. terra magica. F. A. Herbig Verlag, München, 2009., 272 Seiten. Auf dem hinteren Schutzumschlag ist über den Autor zu lesen: „1999 und 2001 war er Initiator und Teilnehmer zweier Suchexpeditionen zum Mount Everest, denen die Entdeckung der Leiche Mallorys (Anmerkung: im Buch ist ein Horrorbild des unversehrten nackten Oberkörpers) und weiterer Spuren der Verschollenen gelang. Seine Leidenschaft für Berge, Abenteuerreisen und historische Spurensuchen führte ihn bislang nach Island, Ostafrika, Neuseeland, Südamerika und zu weiteren Bergregionen des Himalaya (Nanga Parbat, Broad Peak und K2).“

Auf der Rückseite des Titelblatts von „Nanga Parbat“ wird der Bergfilmer Gerhard Baur mit dem Satz zitiert: „Der Südgipfel ist der Schlüssel“. Damit dürfte er recht haben. Von eben diesem Teilnehmer der 1970er-Expedition stammt übrigens die Original-Geräuschkulisse vom Nanga Parbat in dem Hörspiel „Der Berg, über den kein Vogel fliegt“ von Kai Grehn oder so ähnlich, das der RAI Sender Bozen am 23.4.2010 von 20 bis 21 Uhr ausstrahlte. Darin sinniert ein verletzter Bergsteiger über seine Lage, nachdem er einen Kameraden unterhalb des Gipfels schwer verletzt allein gelassen hatte. Die Nähe des Todes ruft in ihm Erinnerungen an Versäumnisse und Hoffnungen hervor. Er steht in Funkverbindung mit dem Basislager. Zwischendurch hat er Halluzinationen, und eine Journalistin, die ihn interviewt, entpuppt sich als Himmelswandererin. Das Hörspiel besteht aus willkürlich zusammengesetzten, teils unverständlichen Wortfetzen ohne besondere Aussagekraft. Spannung vermittelt nur die ständige Todesgefahr. Das Schönste ist die Bezeichnung schöner Schneekristalle, die die Hauptperson auf dem Gipfel gesehen hat, als „Gottes gefrorener Atem“. Anscheinend liegen dem Hörspiel Tagebucheintragungen eines verunglückten sächsischen Bergsteigers (Gerhard Jung? Siehe S. 191 in Hemmlebs Buch) zugrunde. Gerhard Baur nahm den Ton 2004 bei der Nanga-Parbat-Expedition auf, an der auch Jochen Hemmleb beteiligt war. Eine Produktion des Südwestrundfunks mit dem Theater Basel 2009.

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