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ETIKA |
Karl Domanig (1851-1913) |
www.etika.com |
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28B51E |
Erhörung |
Ein
ewiges Vergelt´s Gott an Armin
Benedikter für das Buchgeschenk! |
Als
Vorbereitung auf das Erwachen aus der Scheinwelt des Fernsehens etc. schenkt
ETIKA seinen Lesern diese Erzählung.
Erhörung.
Am Vorabende von Maria Himmelfahrt
war im Wallfahrtsorte Trens (Anmerkung ETIKA: Maria Trens in Südtirol, wenn
man vom Brenner und von Sterzing kommt, links neben der Autobahn auf der Höhe
von Freienfeld) viel Volk zusammengeströmt; kein Platz zum Nächtigen mehr
weder in Gasthäusern noch in den Scheunen.
Als spät am Abende ein junger
Bauersmann mit seinem Weibe daherkam, räumte ihnen um Gottes willen der Meßner
sein eigenes Bett und Stübchen ein und
lagerte auswärts. Die Leute erbarmten ihm zu sehr; sie waren übers Joch
gekommen, von Pens oder Sarnthal, und führten einen Korb mit sich, in demselben
ein Kindlein, das krank war. Der weite Weg hatte sie völlig erschöpft.
Man gab ihnen Suppe und Wein; sie
nahmen wenig und suchten frühe das Bett. Aber die ganze Nacht stöhnte und
wimmerte das Kleine; immer wieder war eines der Eltern aufgestanden und trug es
abwechselnd in der Kammer auf und nieder.
Am frühsten Morgen, noch ehe die
Kirche geöffnet war, standen sie davor und harrten auf Einlaß.
„Moidele,
willst aber a stat sein, Moidele?“ (Moidele: Diminuitiv = Verkleinerungsform
von Maria, willst du aber auch ruhig sein?), fragte besorgt der Vater.
„Will
... Himmelsmutter“, lallte das Kind.
Sie traten in die Gnadenkapelle,
stellten den Korb zwischen sich und warteten, bis der Geistliche kam, ihre
Beichte zu hören. Der Vater achtete des Kindes, das sich gar still hielt; die Mutter
hatte all ihr Trachten auf die Beichte gerichtet.
Sie wollte nicht umsonst diese
Reise unternommen haben; sie wollte Trost, sie mußte Rettung suchen und finden.
Alles wollte sie dem Geistlichen entdecken; daß sie es oft an Geduld fehlen
ließ und an Vertrauen zu Gott; daß es in ihrem Herzen manchmal kochte und
gärte, als ob es zerspringen müßte; daß sie dem Fleische und dem Dämon nicht
kräftiger entgegentrat. Was Sünde an ihr war, sie wollte es abtun; sie wollte
sich Gott anheimstellen, daß er strafe an ihr, was sie gefehlt, und
endlich dem Untergange wehre, der sie alle bedrohte...
Wenn sie zurückdachte – wie schwer
hat Gott sie geprüft! In blühender Jugend war sie ihrem Jakl auf das kleine
Berggütlein gefolgt; wer war glücklicher, auch wenn sie arm waren, als sie
beide! Besonders als die Kinder kamen.
Da starb das Büblein an einer
Halskrankheit; der Tod hat es recht eigentlich erwürgt. Die alte Mutter starb,
die ihnen im Hause noch so nützlich war, und das Moidele erkrankte an
Gehirnentzündung; dann infolge davon an beiden Augen, dann bald an allen
Gliedern. Und die Krankheit dauert jetzt ins dritte Jahr.
Keine Hilfe bei allen Ärzten, bei
allen, die sie um Hilfe angingen. Welche Wege unternahmen sie nicht für das
Kind! Welche Opfer brachten sie für dasselbe! Der ganze Sparpfennig ging ihnen
darauf, vor wenig Wochen haben sie eine Kuh verkaufen müssen. Immer rückwärts
geht es mit Haus und Feld; ihre Kräfte, durch Nachtwachen geschwächt, gehören
dem Kinde, weiter reichen sie kaum mehr. Wohin soll es kommen mit ihnen! ...
Der Geistliche hatte sich in den
Beichtstuhl begeben, die Bäuerin folgte ihm. Sie war die erste von den vielen,
die seiner harrten. Lange sprach sie zu ihm, lang währte der Zuspruch des
greisen Priesters. Als sie den Beichtstuhl verlassen, kniete sie nieder in die
Bank und hielt ihr Gesicht bedeckt.
Jakl ging jetzt zur Beichte und
empfahl ihr, inzwischen des Kindes zu achten. Sie sah nicht auf. Regungslos
kniete sie da, indes immer mehr Leute die Kapelle füllten. Im Kirchenstuhle
drängten sie sich, da erwachte die Bäuerin und sah sich nach ihrem Manne um; er
kniete wieder neben ihr. Sie flüsterte ihm ins Ohr:
„Mier
müaße nit grod lei ums Kindl betten, hot er gsagg, alls grod wia Gott will.“ (Wir müssen nicht gerade nur um das Kind
beten, hat er (der Geistliche) gesagt, (sondern) Alles gerade wie Gott will.)
Er sah sie bekümmert an und nickte
zustimmend; da flossen Tränen unter ihren Händen, und unterdrücktes Schluchzen
schüttelte sie krampfhaft. Die Leute wandten, von Mitleid gerührt, die Blicke
auf sie, Jakl, wie um den neugierigen Augen zu entgehen, beugte sich über das
Kind und reichte ihm das Fläschchen mit Milch. Es wollte nicht; aber ruhig sah
es ihn an und schloß dann die Augen.
Die Messe begann. In der Kapelle
brannten viel Lichter, der Altar trug seinen schönsten Schmuck, die Statue der
Gottesmutter ihr bestes Kleid. Ein alter Wallfahrer begann den Rosenkranz zu
beten. Alles betete nach, auch Marianna. Aber alle Bitten des Vaterunser
zerflossen ihr immer in die eine, die sie laut mitsprach: „Dein Wille
geschehe“, und dem Gruße des Engels ließ sie öfter die Worte folgen:
„Siehe,
ich bin eine Magd des Herrn.“
Jakl wurde unruhig über das
ungewohnte Benehmen seines Weibes, er dachte, daß es gut wäre, bald zu einem
Frühstück zu kommen, und beschloß, nach der Messe die Kirche zu verlassen.
Die heilige Handlung war vorüber,
die Kommunion erteilt. Draußen im Hauptschiff der Kirche rüstete man zum
Hochamte, welchem heute die Zeremonie der Blumenweihe vorherging. Jede
Hausmutter hatte Blumen und Kräuter mitgebracht, die der Priester betend mit
geweihtem Wasser besprengte; Blumen hatten nach der Jungfrau Himmelfahrt ihr
leeres Grab geziert. Wenige Beter waren noch in der Gnadenkapelle, Jakl gab
seinem Weibe das Zeichen zum Aufbruch.
Da beugte sich Marianna langsam
über das Kind hin und sah es ganz nahe betrachtend an: einen Blick auf sein
leidendes Auge, auf die gefaltete Stirne des Märterleins, noch einen auf sein
liebes Mündchen! Und sie nahm es auf und stellte den Korb vor sich auf die
Stufe des Altars, wo sie hinkniete nach Sitte der Wallfahrer, die, ehe sie die
heilige Stätte verlassen, noch eine Weile in nächster Nähe des Gnadenbildes zu
knien pflegen.
Da kniete die arme Bäuerin, den
Blick zur Madonna gerichtet; ihre Lippen bewegten sich, die Hände schlangen und
preßten sich ineinander. Jakl hörte sie flüstern, ihre Worte wurden lauter und
auffällig; er trat hinzu, im sie der Neugier der Leute zu entrücken, die wieder
die Kapelle zu füllen begannen und einzeln dem Altare sich näherten, ihn mit den
geweihten Blumen zu schmücken.
Marianna sah ihn nicht; sie fühlte
nicht, daß er die Hand auf ihre Schulter gelegt, sondern plötzlich rief sie
laut, stoßweise aus:
„Helfa, Muetter, helfa muaßt! Mier dermachens laigger niemer!“
(Helfen mußt Du, wir
vermögen es beinahe gar nicht mehr.)
Ein Zucken des Erbarmens ging
durch die Anwesenden, sie blickten die Beterin an, sahen fragend einander an –
dem Bauersmann ward heiß zu Mute aus Scham vor den Leuten, aus Mitgefühl mit
seinem Weibe. Er gedachte dem Auftritte rasch ein Ende zu bereiten und faßte
den Korb, um mit Kind und Mutter die Kirche zu verlassen.
Da kam ihm das Kind wie verändert
vor, er erschrak; er griff ihm an die Stirne, sie schien kalt; er legte den
Finger an den Mund, kein Hauch entströmt´ ihm – das Kind war tot.
„Heilige
Mutter Gottes!“
rief der Bauer und sank
durchschauert ins Knie. Die Umstehenden drängten herbei, man überzeugte sich
von dem Tode des Kindes.
Marianna vernahm, was geschehen,
sie bewegte sich nicht. Aufrecht wie vorhin kniete sie da, den Blick zur
Madonna gerichtet; nur eine tiefe Röte hatte ihr Gesicht übergossen. Nach einer
Weile, ohne sich umzusehen, sagte sie langsam:
„Halfet
ins danka!“
(Helft uns danken!)
Und selber begann sie:
„Gegrüßet
seist du, Maria, du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit dir.“ –
Alle beteten mit, und wie das
Rauschen eines frisch erbohrten Quells tönte es hervor und mischte sich draußen
mit den Klängen der Orgel.
Marianna erhob sich zuerst und
langte nach dem Kinde. Umstehende Frauen reichten Blumen dar und zierten die
kleine Leiche; das Körblein ward zum Blumenkorbe und schmückte die Mensa des
Altars.
* * *
Und so ward das Ereignis auch im
Bilde dargestellt, das die Eltern ex voto stifteten: auf der Mensa das tote
Kind im blumengeschmückten Körblein, anzusehen wie Moses im Binsenkorbe;
darüber freundlich niederblickend die Madonna mit dem Jesusknaben. Und folgende
Schrift unter dem Bilde:
Jakob und Marianna .... Bauersleute in ...
Gott und der Muttergottes
Zur schuldigen Danksagung. Anno 18..
Schöne Blumen können wir nicht pringen
aber ein Vergismeinnicht,
Ach, das letzte, was wir haben,
Und Maria, du verschmähst es nicht.
Nimmst es hin das liebe Kindlein
Nach dem harten Lebenslauf.
Und an deinem Mutterherzen
Blüht es Neu zur schönsten Blume auf.
Wir bitten um ein seliges Absterben
und fröhliches Wiedersehen im himmlischen Reiche.
EX
VOTO.
Entnommen dem Buch:
Kleine
Erzählungen
von
Karl Domanig
Zweite, vermehrte Auflage.
Kempten und München.
Jos. Kösel´sche Buchhandlung
1905.