ETIKA

Leo Tolstoi

www.etika.com
20.9.2003

28B6P

Grausame Vergnügungen

Übersetzung R. L. (nicht aus dem Russischen)

28B6P1

Christentum ohne Moral (I)

 

Wen die apokalyptischen Prophezeiungen von etika.com und die Aufzählung aller Scheußlichkeiten dieser Erde noch nicht umgehauen haben - den haut einer um: Leo Tolstoi!

Und wen Tolstoi nicht umhaut, dem ist dann überhaupt nicht zu helfen.

 

Leo Tolstoi: Grausame Vergnügungen
Die Fleischesser

I

In allen moralischen Lehren existiert eine Treppe, die von der Erde zum Himmel führt; ein Aufstieg ist nicht anders möglich als dass man bei der ersten Stufe beginnt...

 

Alle Moralisten ... erkennen die Notwendigkeit an, dass man sich die Tugenden nur fortschreitend ... und methodisch aneignen kann.

 

Aber - wie merkwürdig - seit das Christentum sich gewandelt hat, so dass es nur noch als Kirche verstanden wird, erlöscht das Bewusstsein dieser Notwendigkeit allmählich und nur die Asketen und Mönche bewahren es sich.

 

II

Nach Plato war die Enthaltsamkeit die erste Eigenschaft, die es zu erringen galt. Danach kamen die Tapferkeit, die Weisheit und die Gerechtigkeit. Die Doktrin Jesu Christi lehrte ein weiteres Fortschreiten: das Opfer, die Treue zum göttlichen Willen und über allem die Liebe.

 

... nicht alle Menschen betrachten die Lehre Christi als ein fortwährendes Streben nach Vollkommenheit; die Mehrheit hat sie aufgefasst als eine erlösende Lehre; die Vergebung der Sünden durch die göttliche Gnade, vermittelt durch die Kirche, unter den Katholiken und Orthodoxen, und den Glauben an die Erlösung unter den Protestanten und Calvinisten.

 

Diese Lehre hat die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit der Tätigkeit der Menschen bezüglich der christlichen Moral zum Verschwinden gebracht. Die Vertreter dieser Körperschaften werden bis zum Überdruss predigen können, dass solche Mittel der Rettung den Menschen nicht daran hindern, sich um ein moralisches Leben zu bemühen, sondern dass sie ihn im Gegenteil dazu hinführen; aber gewisse Situationen erzeugen durch sich gewisse Schlussfolgerungen...

 

Das ist der Grund, warum der Mensch, der durchdrungen ist von diesem Glauben an die Erlösung, nicht genug Energie haben wird, um seine Rettung durch seine eigenen Kräfte zu erwirken: Er wird es viel einfacher finden, das Dogma, das man ihn gelehrt hat, anzunehmen und zu hoffen, dass die göttliche Gnade ihm die Fehler, die er hat begehen können, vergibt.

 

Das ist das, was der Mehrheit der Jünger des Christentums geschehen ist.

 

III

Das ist die Hauptursache der Erschlaffung der Sitten und der Sittenlosigkeit.

 

V

 

Die Lüge ist das Gesetz der ganzen Gesellschaft.

 

VIII

 

Ohne Enthaltsamkeit ist ein moralisches Leben nicht möglich. Um ein moralisches Leben führen zu können, muss man diese Tugend besitzen.

 

Ja, in der christlichen Lehre wird die Enthaltsamkeit als Begriff der Selbstverleugnung, der Entsagung verstanden, ... , und keine christliche Tugend ist möglich ohne die Enthaltsamkeit.

 

Aber diese Tugend erreicht man nicht auf einmal, es bedarf eines Fortschreitens, der Übung darin.

 

Die Enthaltsamkeit bedeutet die Befreiung des Menschen von der Unzüchtigkeit und seine Unterwerfung unter die Klugheit; der Mensch hat zahlreiche Leidenschaften, und um mit Erfolg zu kämpfen, muss er bei den grundlegenden beginnen, bei jenen, die andere, kompliziertere erzeugen, und nicht bei diesen letzteren beginnen, die nur die Folge der ersten sind.

 

Es gibt komplizierte Leidenschaften wie diejenigen der Prachtliebe (Luxus) der Frauen, das Spiel, die Vergnügungen, die Scharlatanerie, die Neugier, und es gibt andere, grundlegende: die Gefräßigkeit, den Müßiggang, die Unzucht. ...

 

Der gefräßige Mensch ist unfähig, gegen die Faulheit anzukämpfen, und der Müßiggänger und Vielfraß wird gleichzeitig nie gegen die Leidenschaften gegenüber dem weiblichen Geschlecht kämpfen können. Das ist der Grund, warum, nach allen Lehren, die Bestrebungen in Richtung auf Enthaltsamkeit mit dem Kampf gegen die Freßsucht beginnen, also mit dem Fasten.

 

In unserer Gesellschaft ist die erste Tugend, die Enthaltsamkeit, absolut vergessen, und unbekannt ist, dass es der Übung darin bedarf, um diese Tugend zu erlangen; niemand denkt ans Fasten; man betrachtet es als dummen Aberglauben und absolut unnütz.

 

Indessen ist gerade das Fasten die erste Bedingung für die Enthaltsamkeit, wie die Enthaltsamkeit die erste Bedingung für ein moralisches Leben ist.

 

Man kann wünschen, gut zu sein, und träumen, dass man das Gute tut ohne zu fasten; aber in Wirklichkeit ist dies so unmöglich wie zu gehen, ohne mit den Beinen auf dem Boden zu stehen.

 

Die Freßsucht ist hingegen das erste Anzeichen für ein liederliches Leben, und unglücklicherweise markiert dieses Anzeichen die Mehrheit der Menschen unserer Zeit.

 

Schaut die Gesichter und Leiber der Menschen unserer Gesellschaft an; alle diese Gesichter mit den Bärten und herabfallenden Wangen, die ziemlich dicken Glieder und der hervorstehende Bauch sprechen von einem liederlichen Leben. Wie könnte es anders sein? Fragt ihr, was die Hauptantriebskraft ihres Lebens ist? So seltsam  euch dies vorkommen mag als Hauptantriebskraft der Mehrheit der Menschen unserer Gesellschaft: Es ist die Befriedigung des Gaumens, die Befriedigung beim  Essen, die Gefräßigkeit.

 

Von den Ärmsten bis zu den Reichsten stellt das Fressen das Hauptziel ihrer Existenz dar.

 

Die Arbeiterschaft bildet nur deshalb eine Ausnahme - im Durchschnitt -, weil die Not sie daran hindert, sich einer so niedrigen Passion hinzugeben. So bald sie die Mittel und Zeit hat, ahmt sie das nach, was die oberen Klassen machen, besorgt sich die köstlichsten Speisen und isst und trinkt soviel sie kann.

 

Je mehr sie essen kann, umso glücklicher kommt sie sich vor, umso stärker und gesünder. Die oberen Klassen bestärken sie in dieser Überzeugung...

 

Seht das Leben der Reichen; hört ihre Gespräche. Welche erhabenen Angelegenheiten interessieren sie! Die Philosophie, die Wissenschaft, die Kunst und die Dichtkunst, die Verteilung des Reichtums, das Wohlergehen des Volkes, die Erziehung der Jugend; aber in Wirklichkeit ist alles leeres Geschwätz. Sie reden davon nebenbei, zwischen ihren wahren Beschäftigungen und den Mahlzeiten, wenn sie den Magen voll haben und nicht noch mehr essen können.

 

Das einzige, wahre Interesse der Männer und der Frauen, vor allem, seit ihre Jugend vergangen ist, ist das Essen. Wie essen? Was essen? Wann? Wo? Es gibt keine Festlichkeit, kein freudiges Ereignis, keine Einweihung , die nicht mit einem Bankett gefeiert werden.

 

Seht die Reisenden. An ihnen sieht man am besten, was ich sage. "Museen, Bibliotheken, Parlamente, wie interessant ist dies! Und wo werden wir essen? Wo isst man am besten?" Blickt auf die Menschen, wenn sie sich versammeln zum Essen, und ihr werdet sie gut gekleidet sehen, parfümiert, um einen Tisch, der mit Blumen geschmückt ist. Mit welcher Freude reiben sie sich die Hände und lächeln!

 

Wenn man ins Innere der Seele blicken würde, um zu wissen, was die Mehrheit der Menschen ersehnt, so würde man sehen, dass es das Stillen ihres Appetits ist. Worin besteht die grausamste Strafe seit der Kindheit? Dass man zu Brot und Wasser verurteilt ist! Welches ist der am besten bezahlte Angestellte? Der Koch!

 

... Wovon spricht die Mehrheit der Frauen der Mittelklasse, wenn sie zusammenkommen? ... Sie reden nur von der Ernährung, vom Preis der Schnepfen, von der besten Art, Kaffee, Krapfen und Gebäck zu machen.

 

Welcher Anlass auch gegeben ist, zu dem sich Menschen treffen, Hochzeit, Taufe, Beerdigung, Weihe eines Tempels, Empfang eines Reisenden, geselliges Beisammensein, Präsentieren der Fahne, Hochschulfest, Tod oder Gedenkfeier eines großen Weisen, eines Denkers, eines Moralisten - man müsste annehmen, dass dabei von den erhabensten Dingen gesprochen wird, aber nein, sie sind nur ein Vorwand, denn alle wissen, dass man gut essen wird, dass man trinken wird, und dass man deshalb zusammengekommen ist.

 

Viele Tage vor diesem Fest werden Vögel und andere Tiere geopfert, Körbe von Lebensmitteln werden herbeigeschafft, und die Köche, die Gehilfen und Küchenjungen mit ihren weißen Schürzen "arbeiten" angestrengt und übereifrig. Die Köche, die 500 Rubel im Monat einsacken, geben die Befehle;  und ihre Gehilfen tranchieren, rühren, kneten, waschen, richten an und verzieren. Die Hausmeister berechnen und prüfen alles mit feierlicher Miene, wahren Künstlern gleich. Der Gärtner besorgt die Blumen, die Hausmädchen das Tafelgeschirr...; ein ganzes Heer von Bediensteten ist bei der Arbeit; was in Tausenden von Arbeitstagen geschaffen wurde, wird ausgegeben, um das Andenken eines großen Mannes oder eines verstorbenen Freundes zu ehren, oder um die Vermählung zweier junger Menschen zu feiern.

In den mittleren oder unteren Klassen geschieht dasselbe. ...

 

Die Befriedigung eines Bedürfnisses hat Grenzen, die Lust nicht.

 

·        Um dem Magen das Seine zu geben, genügt es, Brot, Suppen oder Reis zu essen; während es, um die Eßsucht zu befriedigen, keine Grenze für Soßen und andere Zutaten gibt.
(Anmerkung ETIKA: Wir würden Tolstoi ja so gerne recht geben - freilich braucht der Mensch heutzutage zum Brot und zu Reis, zu Wasser und zu Suppen zumindest noch Gemüse - teilweise roh - und Obst; und warum sollte man andere Nahrungsmittel aus Getreide verbieten?)

 

Das Brot ist ein notwendiges und ausreichendes Nahrungsmittel; und der Beweis liegt darin, dass Millionen starke, leichtgewichtige, gesunde Menschen nur von Brot leben und noch viel arbeiten.

 

Aber es ist besser, das Brot mit anderen Lebensmitteln zu vermischen. Es ist besser, es einzutunken in eine Fleischbrühe; es empfiehlt sich auch, dieser Brühe verschiedene Gemüse beizumengen; und noch besser, Fleisch zu essen, und nicht gekocht, sondern gebraten, mit Butter und Senf, und alles besprengen mit Rotwein.

 

Man hat keinen Hunger mehr; aber noch kann man Fisch mit Soße essen, und als Begleitung Weißwein trinken.

 

Wenn es scheint, als ob man nichts mehr essen könne, weder Schmalz noch Fleisch, dann geht man über zum Nachtisch. Im Sommer Eis; im Winter Kompott, Konfitüren usw., usw.  Das Gefallen, das dieses Essen bereitet, kann man noch vermehren, und das geschieht. Man nimmt Aperitive und Zwischenmahlzeiten, und es werden einem jede Art Leckerbissen vorgesetzt - etwas fürs Auge und für die Ohren, Blumen, Schmuck, Musik.

 

Und wie einzigartig! Die Menschen, die täglich so speisen, und gegenüber deren Mahlzeiten der Festschmaus von Baltasar, der den göttlichen Zorn hervorrief, sich nur aus Speiseresten zusammensetzte, sind arglos und einfältig der Überzeugung, dass man trotzdem ein moralisches Dasein führen kann.

 

Die furchtbare Fortsetzung -  ETIKA 28BIndex 2 - spanisch