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ETIKA 38B21D |
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Theodor Weyler |
Was sich schickt |
Was sich schickt. Handbüchlein des guten Tons. Für die heranwachsende Jugend. Herausgegeben von Theodor Weyler. Leipzig. Alfred Oehmigke´s Verlag. 1886. S. 32ff. |
Was sich schickt (alle Kapitel)
IV. Von der Kleidung und
Toilette
Wenn die Rose selbst sich schmückt, Schmückt sie auch den Garten. Rückert.
Die Kleidung, sei sie auch noch so einfach, muß stets sauber und ganz sein. Flecken und Löcher in den Kleidern machen stets einen üblen Eindruck. Besonders bei jungen Mädchen ist nichts widerwärtiger, als wenn sie in vernachlässigtem Anzuge, unsauber, und unordentlich erscheinen.
Darum halte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit auf Ordnung und Reinheit der Kleidung in jeden Einzelheiten und nicht allein in Bezug auf die sichtbaren Kleidungsstücke, sondern ganz besonders auch auf die Unterkleider und Wäsche. Manchen meinen wohl, wenn sie beschmutzte und zerrissene Unterkleider tragen: es sieht´s ja niemand! Das ist aber eine sehr traurige Entschuldigung. Das eigene Ich sei Dir in dieser Beziehung immer ein strenger Richter.
Wie die Kleidung seien auch Kragen, Manschetten, Taschentuch, Schuhwerk sauber, frisch und blank. Sorge auch dafür, daß Du nicht in Stiefeln oder Schuhen mit schiefgetretenen Absätzen dahergehst.
Du sollst Dich aber auch geschmackvoll kleiden, denn das gehört unbedingt zu den wesentlichsten Erfordernissen einer gefälligen Erscheinung. Der Geschmack läßt sich nicht erlernen, wohl aber bilden; er ist in diesem Falle das richtige Erkennen des Gefälligen und Passenden, was mit der eigenen Persönlichkeit harmoniert.
Geschmacklos ist ein mit Putz von vielen Bändern und Schleifen behangenes Kleid; ebenso ein Anzug von verschiedenartigen Stoffen, die in ihrer Farbenzusammenstellung nicht harmonieren, wie z. B. blau und lila, orange und gelb u. s. w.
Für eine Blondine mit zarter Hautfarbe sind zarte Farben, als hellblau, rosa, weiß, für eine Brünette grelle Farben, rot, orange, auch schottisch kleidsam.
Die Kleidung der Knaben und Jünglinge soll niemals auffallend sein, weder in der Farbe noch im Schnitt. Je bescheidener ein junger Mann auch in seinem Äußeren auftritt, um so mehr wird er geachtet. Gecken und Modenarren machen sich nur lächerlich.
Junge Mädchen, die das liebliche Alter der Backfischjahre erreicht haben, bedürfen noch besonderer Ratschläge bezüglich ihrer Toilette.
Die herrschende Mode soll durchaus nicht ganz außer acht gelassen werden, doch hüte Dich, ihren oft lächerlichen und bizarren Ausschreitungen zu huldigen. Eine auffällige, gesuchte Toilette nach der neuesten Mode wird niemals einen guten Eindruck machen, sondern immer bespöttelt werden.
Unbedingt nötig ist es bei der Wahl der Toilette, die Form des Körpers zu berücksichtigen und in Betracht zu ziehen, ob Deiner Figur ein glattes, anliegendes Kleid oder ein bauschiges, mit Falbeln besetztes Kostüm angemessen erscheint. Es lassen sich hierbei keine besonderen, für jeden passende Regeln geben, eine geschmackvolle einfache Toilette wird aber immer Gefallen erregen und ist für junge Mädchen die empfehlenswerteste.
Die Taille in den Schnürleib wespenartig einzupressen, um sie möglichst schlank zu machen, ist durchaus unschön und auch sehr verderblich, es sei davor wiederholt gewarnt.
Ganz abgeschmackt aber ist das Tragen von sogenannten, jetzt modernen Tournüren; auch die Reifröcke, die glücklicherweise noch nicht wieder modern geworden, sind zu verwerfen.
Befleißige Dich bezüglich der Mode immer, die goldene Mittelstraße zu wählen und nie die Extreme zu berühren, denn wer sich zur Norm nimmt, nach keiner Seite hin aufzufallen, wird stets das Recht getroffen haben,.
Ein elegantes Promenadenkostüm bei den Einkäufen auf dem Wochenmarkt zu tragen, oder in Ball- oder Konzerttoilette einer Landpartie beizuwohnen, ist beides ungeschickt und nicht passend.
Die Toilette muß stets den Verhältnissen und Begebenheiten, besonders aber der Jahreszeit angepaßt werden. Es macht nichts einen ärmlicheren Eindruck, als wenn Sommergarderobe im Winter und umgekehrt getragen wird, besonders aber ist das unzeitige Anlegen von Pelzwerk zu vermeiden, da es mindestens von schlechtem Geschmack zeugt.
Deine Morgentoilette sei einfach und schlicht, aber durchaus sauber und ordentlich. Im Winter ist ein bequemer, weicher, dunkelfarbiger Schlafrock, im Sommer ein helles Waschkleid zu empfehlen. Ein kleines, geschmackvolles Häubchen, eine der Gelegenheit angepaßte weiße oder hellfarbige Haus-Schürze, zierliche Hausschuhe vervollständigen eine gefällige Morgentoilette.
Es giebt junge Mädchen, die aus Nachlässigkeit oder falscher Sparsamkeit alte fadenscheinig gewordene Kleider des Morgens tragen, oder wohl gar in der Nachtjacke und herabgetretenen Schlappschuhen mit wirrem, ungekämmtem Haar beim Frühkaffee erscheinen und so bis mittag wie Vogelscheuchen umherwandeln. Dies alles ist unschicklich und teilweise sogar unanständig.
Kleide Dich auch des Morgens so, daß Du allenfalls Herrenbesuch empfangen kannst.
Im Gegensatz zur vernachlässigten Morgentoilette ist es unpassend, sich schon des Morgens mit Uhrkette, Schmuck und Bändern zu behängen und auszuputzen.
Die Haustoilette sei ebenfalls einfach und sauber, dabei ist aber gestattet, einigen Putz und schmuck anzulegen. Eine Busenschleife, eine Schleife im Haar, ein Sammetband mit Medaillon oder Kreuz, auch eine einfache Kette um den Hals, Armspangen und einige Ringe an den Fingern werden nicht auffällig erscheinen, wenn dies alles nicht übertrieben und nicht das ganze Besitztum von Kostbarkeiten zur Schau getragen wird.
Die alte, noch aus der Barbarenzeit stammende Sitte, große Ohrringe zu tragen, ist nicht mehr fein.
(ab hier neu am 11.3.2009)
Seidenkleider, überhaupt teure Garderobe im Hause anzulegen ist verschwenderisch und höchstens den Sehrbemittelten gestattet.
Das Schuhwerk sei einfach, aber nicht defekt. Rote Stiefeletten und mit allerlei Zierrat bedecktes Schuhwerk wird nur von Koketten getragen, ist also nur solchen erlaubt.
Vermeide Schuhwerk mit allzuhohen und schmalen Absätzen zu tragen, es ist dies unschön und den Füßen nachteilig.
Zur Promenadentoilette ist es am zweckmäßigsten sogenannte „fußfreie“ Kleider anzulegen. Schleppkleider gehören in den Salon, sollten aber niemals auf der Straße getragen werden.
Auch bei der Kopfbedeckung ist es geboten, eine richtige Wahl zu treffen und diejenige Façon des Hutes sich zuzulegen, die nicht auffällt, aber heschmackvoll und passend erscheint. Der Hut darf nicht zu tief ins Gesicht gesetzt werden, auch nicht in den Nacken. Beides ist unschön. Noch häßlicher nimmt es sich aus, wenn der halbe Kopf im Hut steckt. Auch Knaben und Jünglinge mögen diese Regel besonders beachten.
Bezüglich der Haartrachten, die ebenfalls mit der Mode wechseln, kann gleichfalls nur betont werden, daß das Einfache, Solide und Natürliche immer gefallen wird. Wem die Natur lockiges Haar gegeben, trage Locken. Künstliche Locken, falsche Zöpfe, gepudertes Haar zu tragen ist ebensowenig zu empfehlen wie der Gebrauch von Haarfärbemitteln, Salben und Ölen. Auch das Tragen von sogenannten Simpelfranzen ist eine unschöne Sitte, die durchaus nicht geeignet ist, dem Gesichte einen lieblichen, offenen Ausdruck zu geben. Die Stirn muß frei sein, damit das schöne Oval des Gesichts zur Geltung kommen kann.
Für Knaben und Jünglinge ist der militärische Schnitt des Haares am zweckmäßigsten und gefälligsten. Lang bis zu den Schultern herabhängendes Haar oder Locken tragen nur an Jahren reife Künstler oder Dichter, bei jungen Leuten wird es aber immer affektiert erscheinen. Gecken und Modenarren lassen sich das Haar bis zum Nacken scheiteln. Wer nicht dafür angesehen werden will, vermeide das.
Junge Mädchen sollen nicht verabsäumen, während der Spaziergänge oder überhaupt bei allen Ausgängen stets saubere Handschuhe zu tragen. Auch für junge Herren ist dies schicklich, doch nur dann unbedingt nötig, wenn sie mit jungen Damen ausgehen.
Alle Schönheitsmittel und Toilettenkünste sind mehr oder weniger verwerflich, jedenfalls aber sehr entbehrlich für junge Leute. Sie mögen diese den alternden Frauen und Männern überlassen.
Von Odeuren gebrauche man am zweckmäßigsten nur Eau de Cologne, jedoch nicht im Übermaß. Moschus und Patschuli sind aber entschieden zu meiden, denn sie erregen bei manchen Leuten Kopfschmerz und Übelkeit.
Vermeide allen Prunk und alles Überladen in der Toilette. Trage keinen falschen Schmuck. Hast du keinen echten, dann begnüge Dich mit dem Schmuck Deiner Einfachheit, sie ist die beste Zierde.
Hast Du nicht nötig, Brille oder Klemmer zu tragen, so unterlaß es schon der Gesundheit Deiner Augen wegen. Stutzer können sich´s nicht versagen, die Nase mit einem Klemmer zu zieren oder sich ein Monocle ins Auge zu zwängen. Sie meinen dadurch interessanter zu erscheinen, machen sich aber damit nur lächerlich.