ETIKA 38B21F

ERZIEHUNG

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(= 31ER7)

Theodor Weyler

Was sich schickt

11.11.2009

Vom guten Ton bei Besuchen und in Gesellschaft.

S. 45-49

Theodor Weyler: Was sich schickt. Handbüchlein des guten Tons. Für die heranwachsende Jugend. Leipzig. Alfred Oehmigke´s Verlag. 1886

VI. Vom guten Ton bei Besuchen und in Gesellschaft.

Die Gesellschaft ist ein unentbehrliches Mittel zur Bildung. Schlegel.

Die Abschnitte I. und III. unseres Buches geben bereits eine Anzahl Anstandsregeln, welche im Verkehr mit anderen und ganz besonders in Gesellschaften berücksichtigt werden müssen. Hier folgen noch einige Regeln, die sich speziell auf den guten Ton in der Gesellschaft beziehen.

Hast Du einen Besuch zu machen, oder bist Du zu einer Gesellschaft geladen, so sei Deine erste Sorge, durchaus untadelhafte, bis aufs kleinste saubere Kleidung anzulegen und sorgfältig Toilette zu machen.

Bei einem kurzen Besuche in befreundetem Hause ist der Promenadenanzug gestattet, eine Visite in einem fremden, vornehmen Hause kannst Du nur in Gesellschaftstoilette vornehmen, dasselbe gilt natürlich beim Besuch einer Gesellschaft. Achte besonders darauf, stets mit sauberem Schuhwerk zu erscheinen.

Die schickliche Visitenzeit ist vormittags 11 bis 12 Uhr oder nachmittags 5 Uhr. (Anmerkung: heutzutage wohl zu spät.) Beamte, Ärzte, auch eine Anzahl Kaufleute haben bestimmte Sprechstunden, wo sie Besuche annehmen.

Hast du eine Einladung für eine bestimmte Stunde zum Besuche einer Gesellschaft, einer Familie erhalten, so richte es stets ein, daß Du pünktlich oder kurz nach der bestimmten Zeit erscheinst. Vor der festgesetzten Zeit zu kommen ist unfein, und mit dem Glockenschlag das Empfangszimmer zu betreten erscheint pedantisch. Sich um vielleicht eine Stunde zu verspäten aber ist rücksichtslos.

Beim Eintritt in das Empfangszimmer, welchem eine Anmeldung vorhergehen muß, ist es schicklich, mit dem Hut in der Hand, in gut geschlossenen Handschuhen zu erscheinen. Überzieher, Stock, Regenschirm, Überschuhe legt man stets im Vorsaal ab.

Zuerst begrüße die Dame und dann den Herrn des Hauses durch eine tiefe Verbeugung, darauf die übrigen Anwesenden mit einer höflichen Verneigung.

Die Vorstellung geschieht gewöhnlich durch den Herrn oder die Frau des Hauses; ist dies übersehen, so stelle Dich denjenigen Personen selbst vor, mit denen Du eine Unterhaltung anknüpfst, oder die Dir zunächst stehen.

Wird Dir ein Stuhl, ein Sessel angeboten, so bediene Dich dessen ohne alle Ziererei. Bei längeren Besuchen wird dies stets geschehen, während man kurze Visiten auch oft stehend abmacht.

Beim Eintritt von anderen Gästen erheben sich die jungen Herrn von ihren Sitzen zur Begrüßung der Eintretenden, junge Mädchen nur beim Eintritt älterer Damen.

Spricht Dich ein Herr oder eine Dame im Stehen an, so erhebe Dich sofort und verfolge das Gespräch stehend. Junge Mädchen bleiben in diesem Falle sitzen, es sei denn, daß sie von älteren Damen angesprochen werden.

Sei dienstfertig und aufmerksam gegen Damen und ältere Herren in der Gesellschaft. Sei ihnen behülflich, wo sie nur immer einer Hülfe benötigen könnten. Durch dergleichen Aufmerksamkeiten wirst Du Dir die Zuneigung und Achtung vieler gewinnen.

Zeige Dich liebenswürdig, zuvorkommend und freundlich gegen jeden in der Gesellschaft, mache Dich nicht durch überlautes Reden und absonderliches Wesen bemerkbar, sei besonders in Gesellschaft bescheiden.

Die Unterhaltung wird immer halblaut geführt. Trotzdem bemühe Dich, deutlich und verständlich zu sprechen. Richtest Du Dein Gespräch an die ganze Versammlung, dann sprich laut und vernehmlich. Dasselbe Gilt für den Vortrag eines Gedichtes oder einer Erzählung.

Sei während der Unterhaltung stets bei der Sache und laß immer, auch wenn Dich das Gespräch nicht interessiert, merken, daß Du wenigstens anscheinend Interesse daran nimmst.

Verbanne die üble Angewohnheit, während eines Gesprächs mit den Fingern, mit Uhrkette, Bändern etc. zu spielen, Dich mit der Kleidung irgendwie zu beschäftigen, Dir in den Haaren zu krauen oder den Nachbar zu begreifen.

Manche junge Mädchen haben die Unart, beim Lachen das Gesicht mit den Händen zu bedecken, oder mit dem Fächer zu kokettieren. Beides mag für junge Leute einen gewissen Reiz bieten, ist aber entschieden unpassend.

Lerne zuhören. Dies ist eine fast ebenso große Kunst als selbst das Wort zu führen.

Wird in Gesellschaft ein Lied, ein Klavierstück, ein Gedicht vorgetragen, so höre aufmerksam zu. Während eines Vortrags sich halblaut mit anderen zu unterhalten, verstößt gegen den guten Ton.

Mit Beifallsbezeigung sei nicht sparsam, auch wenn der Vortrag Dir nicht gefallen hat; doch übertreibe im andern Falle auch nicht durch überlaute und anhaltende Beifallspendung.

Wenn über eine abwesende Person gesprochen wird, so hüte Dich, bei einer etwa abfälligen Bemerkung die Achseln zu zucken oder durch zweideutuiges Lächeln Deine Mißachtung auszudrücken.

Fühlst Du den Reiz, niesen zu müssen, so halte das Taschentuch vor Mund und Nase, damit das Geräusch möglichst unhörbar wird. „Gesundheit“ oder „Prosit“ einem Niesenden zuzurufen ist jetzt nicht mehr gebräuchlich. Das Taschentuch gebrauche nur im äußersten Notfalle und dann mit aller Rücksicht auf Deine Umgebung; überhaupt mache Dir in Gesellschaft so wenig als nur irgend möglich mit Deiner eigenen Person zu schaffen.

 

Anmerkung: Rechtschreibung von damals bitte nicht nachahmen! Wir belassen sie, um zur allgemeinen Verwirrung aufgrund der sogenannten Rechtschreibreform beizutragen. Am Ende kennt sich niemand mehr aus, und wir werden vielleicht zur alten Rechtschreibung zurückkehren – mit vernünftigen Änderungen.

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