ETIKA D E

Gustavo Adolfo Becquer

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Der Rajah mit den roten Händen
(nach dem Indischen)

19.8.2001
Übersetzung Mario Spiro. Aus: Meisternovellen spanischer Autoren. Globus Verlag Berlin W. O. J., ohne Copyright-Vermerk

Gustavo Adolfo Becquer, geboren am 17.2.1836 in Sevilla, hat - wie schon sein Name bezeugt - deutsches Blut in seinen Adern. Allerdings waren seine Vorfahren schon im sechzehnten Jahrhundert in Spanien eingewandert. (S. 11)

Erster Gesang

V.

Welcher andere Krieger darf sein Haupthaar mit dem roten Federnschmuck der indischen Götter zieren..., wenn nicht Pulo-Dheli, der Rajah von Dakka, der leuchtende Strahl in den Schlachten und Bruder des Tippot-Dheli, des herrlichen Königs von Osira, des Herrn der Herren, des Schattens Gottes und des Sohnes der leuchtenden Sterne?

VII.

Hörst du, wie unter der leichten Sohle einer Jungfrau die Blätter seufzen? ... Fühlst du den Wohlgeruch, der ihr vorangeht wie der Bote eines Genius? Harret, und ihr werdet beim ersten Strahl die einsame Pilgerin der Nacht erblicken; harret, und ihr werdet Siannah erkennen, die Verlobte des mächtigen Tippot-Dheli, die Geliebte seines Bruders...

VIII.

Pulo vernimmt den Hall ihrer Schritte; sein Antlitz schimmert wie der Gipfel, den der erste Strahl der Sonne küßt und der sich ihr hingibt. Sein Herz, das weder im Feuer des Kampfes gezuckt hat, noch angesichts des Tigers, pocht stürmisch unter der Hand, die es dagegenpreßt, aus Furcht, das Glück könnte die Brust sprengen. "Pulo! Siannah!" rufen sie, wie sie sich erblicken, und stürzen einander in die Arme.

IX.

Die beiden Liebenden weilen noch unter dem grünen Fächer einer Palme, dem stummen Zeugen ihrer Liebe und ihrer Schwüre, als sich hinter ihnen ein dumpfes Geräusch erhebt. Pulo wendet sich um und stößt einen grellen und kurzen Schrei aus wie ein Schakal, springt mit einem einzigen Satze zehn Fuß zurück und läßt zu gleicher Zeit die Klinge seines Dolches funkeln.

X.

Was hat die Seele des kühnen Rajah so in Schrecken gesetzt? ... jene Augen dort, die Flammen sprühen, gehören einem Manne, und jener Mann ist sein Bruder.

XI.

Die beiden Nebenbuhler mustern sich einen Augenblick vom Scheitel bis zur Sohle, messen sich mit ihren Blicken, und einen heiseren und wilden Schrei ausstoßend, stürzen sie sich aufeinander wie zwei Leoparden, die sich die Beute streitig machen...

XIII.

"Siannah, Siannah, der Fluch des Himmels ruht auf unseren Häuptern!" Kennt Ihr den Unglücklichen, zu dessen Füßen ein Leichnam liegt und dessen Knie ein Weib umschlingt? Es ist Pulo-Dheli, der König von Osira, der herrliche Herr der Herren, der Schatten Gottes und der Sohn der leuchtenden Gestirne durch den Tod seines Bruders und Vorgängers.

Zweiter Gesang

I.

Wozu frommen mir Macht und Reichtum, wenn eine Natter zu tiefst in meinem Herzen liegt und an diesem frißt, ohne daß mir vergönnt ist, sie aus ihrem Versteck zu vertreiben? König sein, Herr der Herren, vor den Augen wie ein Gebilde eines Traumes Perlen, Gold, Lust und Freude zu sehen, sie zum Greifen nahe vor sich zu haben, daß man nur die Hand auszustrecken braucht, um das alles zu besitzen, - und doch überall der Blutfleck! ... Oh, das ist grauenhaft!

II.

So rief Pulo, sich auf seinem purpurnen Lager hin und her wälzend und seine Hände in tiefster Verzweiflung ringend. ... umsonst haben die Brahmanen zu sieben Malen den Geist der Ruhe und den Genius der perlmutterfarbenen Träume angerufen... die Gewissensbisse, die zu Häupten seines Lagers hockten, verscheuchten sie mit langgezogenem, gräßlichem Schrei, einem Schrei, der unaufhörlich in Pulos Ohr widerhallt, der bei seinem Ton gequält an sein Haupt schlägt.

III.

Die Genien, die in zahllosen Karawanen auf zephirhaften Dromedaren und zwischen opalenen Wolken einherziehen, die Schiwas mit meergrünen Augen ..., die Lieder der unsichtbaren Geister, die mit ihren Schwingen die müden Lider der Gerechten erquicken, gleiten in dem Traume des Verbrechers nicht wie eine Flut von Licht und Farbe vorüber.

Ungeheure Katarakte schwarzen und schäumenden Blutes, die brüllend an den dunklen Felsen eines schrecklichen Abgrundes zerschellen, furchtbare und wirre Bilder der Verzweiflung und des Grauens, diese sind die Gesichte, die sein Geist unablässig in den Stunden der Ruhe erzeugt.

IV.

Deshalb darf der herrliche Herr von Osira nicht den Becher mit Binsenkrautsaft leeren, den die Götter den Erwählten kredenzen; deshalb hat die Morgenröte kaum die Pforten des Tages aufgetan, als er vom Lager springt...

VII.

Kommt er, die Einsamkeit zu suchen? Unmöglich. Die Einsamkeit ist das Reich des guten Gewissens.

X.

In der Erkenntnis, daß die leichten Bußen, die ihm die gefälligen Brahmanen von Kattak auferlegten, nicht genügen, um seine Gewissensbisse zu ertöten, macht er sich auf den Weg, um den Einsiedler von Jabwi zu befragen, allein und allen unbekannt...

XII.

"Ich habe ein Verbrechen, ein grauenhaftes Verbrechen begangen, dessen Erinnerung auf meiner Seele lastet wie ein ewiger Alpdruck. ... Das Gespenst des Opfers verfolgt mich überall hin; es ist zum Schatten meines Leibes geworden, zum Widerhall meiner Schritte. Du, den die Götter aufzusuchen geruhen ..., sage mir, wann werde ich meine Seele von diesem Verbrechen reinwaschen?"

"Wenn das Blut, das deine Hände befleckt, die du vergebens vor mir verbirgst, verschwunden sein wird", ruft der schreckliche Brahmane aus, einen entrüsteten Blick dem Fürsten zuschleudernd, der niedergedonnert von jenem Beweis für die Allwissenheit des Einsiedlers dasteht.

XIV.

"Nun denn, da du mein Vergehen kennst, sage mir, wie kann ich es sühnen, auf daß von meinen Händen diese schrecklichen Flecken verschwinden."

... "Dein Leben ist zu kurz, um dieses Vergehen zu büßen, und Schiwa ist erzürnt, weil du deine Fähigkeiten ausgenutzt hast, um ein Werk der Zerstörung zu tun, was nur ihm vergönnt ist."

"Gut denn, wenn du es nicht weißt, wollen wir Wischnu befragen; er wird mich gegen meinen Bruder schützen. Treten wir in die heilige Grotte ein."

"Hast du die drei Monde gefastet?"

"Ja!"...

... im Grunde der geheimnisvollen Grotte.

XV.

Was sich an jener Stätte zutrug, weiß man nicht. ... der Fürst, durch den man dies alles erfuhr, spricht nur von ungeheuren, geflügelten Schlangen, die sich in die Wogen des Wildbachs stürzen, um aufs neue in der Gestalt von unbekannten und phantastischen Tieren zum Vorschein zu kommen; von Zauberformeln, die so fürchterlich waren, daß die Sonne sich trübte und die Berge wie Schilfrohr zitterten; von Heulen und Wehklagen, das so grauenhaft klang, daß darob das Blut in den Adern erstarrte.

XVI.

Die Worte des Gottes werden aufbewahrt und lauten also:

"Mörder, der du von Schiwa mit dem Stempel ewiger Schmach gezeichnet bist, nur eine Sühne gibt es für dich, mit der du dein Vergehen abbüßen kannst. Steig empor an den Ufern des Ganges, durch wilde Völker, die seine Gestade bis zu seinen quellen bewohnen. Dies ferne Land Tibet, das die Gebirgskette des Himalaya wie eine ungeheure Mauer verteidigt, ist das Ziel deiner Wanderung. Wenn du dort angelangt bist, wasche deine Hände in der verborgensten der Quellen, und zwar in der Stunde, da der tapfere Tippot zu deinen Füßen tot niederstürzte, Wenn du im Verlaufe deiner Wanderung deine Gattin siannah, die dich begleiten muß, nicht erkennst, wird das Blut von deinen Händen schwinden."

Dritter Gesang

I.

Die Pilger nähern sich dem Ziel ihrer Wallfahrt...

XI.

"Pulo", ruft sie ..., "ist es gewiß, daß es einen Baum gibt, dessen Schatten todbringend ist?"

"Es ist gewiß", erwidert der Fürst, "der Gott Schiwa hat ihn geschaffen, um die Sterblichen zu vernichten, und sein Bruder Wischnu hat ihn aus Mitleid mit uns Unglücklichen Brahma, seinem Auserwählten, gezeigt."

XII.

"Pulo", ruft nach einer kurzen Pause die Schöne aus, "ist es wahr, daß es einen Baum gibt, dessen Schatten das Blut in den Adern erregt und die Liebe entzündet?"

"Ja." ...

"Warten wir", murmelt Siannah, "aber inzwischen wende deine Augen von den meinen ab, richte sie zum Himmel oder schlummere, aber bohre sie mir nicht in die Seele."

XIII.

"Vortrefflich sprichst du; meine Augen trinken aus den deinen Liebe, und unsere Liebe, sonst keusch und rein, ist jetzt ein Verbrechen. Ja, es ist notwendig, daß ich dich nicht anblicke. ... Siannah, ich will schlafen; singe mir eine Weise unserer Heimat; lulle mich in Schlaf wie eine Mutter, wenn schon nicht wie eine Gattin. Die Schöne mit den ebenholzfarbenen Flechten singt:

"Ihr Krieger, die Schwerter des Stammes dürsten, und den Durst der Schwerter stillt man nur mit Blut. Ein feuriger Strom rollt vom Jabwi herab; die Funken, die zwischen den Wolken des aufgewirbelten Staubes sprühen, sind die Eisen unserer Feinde." ...

"Warum", ruft der Fürst, "lausche ich jetzt den Liedern meiner Heimat nicht mit demselben Vergnügen wie sonst? ... sind vielleicht die Kriegslieder nicht dazu angetan, von einem schönen Weibe gesungen zu werden?"

XIV.

"Stimme ein Liebeslied an, eine jener Hymnen, die zum Zimbelklang die Jungfrauen singen, wenn sie eine jung Vermählte zum Fuß des Altars geleiten."

"Pulo..."

"Singe, fürchte dich nicht; ich werde ruhig schlafen, eingelullt von dem Hall deiner Stimme, vom Seufzen des Windes und der Musik des Wassers."

Siannah singt; ihre Stimme zittert und ihr Busen wogt wie eine Welle, die schaumgekrönt anschwillt.

Die Rückkehr vom Kampfe.

1.

Der Kampf ist mit dem Tage zu Ende gegangen, und der Rajah erfreut sich der Gegenwart der Angebeteten. ...

Der Rajah: "Jungfrau, lege deine Lippen auf die meinen, denn ich will von ihnen den Tod trinken wie aus einer Schale von Rubin." ...

3.

Die Jungfrau: "Deine Kraft entzündet sich und glüht wie der Odem eines Vulkans. Deine Hand, die die meine sucht, zittert wie das Blatt am Baume; das Blut strömt zu meinem Herzen und macht meine Wangen glühend; ein Schleier von Schatten fällt auf meine Lider; alles verwischt sich und verschwindet vor meinen Augen, daß sie nichts mehr sehen als das Feuer, das in den deinen brennt. O Rajah, welcher unsichtbare Geist erfüllt die Luft mit wohlklingenden Akkorden und läßt mich erzittern bei seiner Berührung?"

Der Rajah: "Jungfrau, es ist die Liebe, die uns streift."

XV.

Siannahs Gesang verhallt, und mit ihm sanft und klingend das Geräusch eines Kusses...

Was sind die Luftschlösser, die der Wille der Menschen errichtet, um die verderblichen Waffen zu bekämpfen, die das Verhängnis benutzt? Berge von Sand...

Vierter Gesang

I.

"Mein Sohn,", spricht Schiwa zum Schlaf, "steige zur Erde hernieder und sei der Bote meines Zornes!" ...

II.

Schiwa fährt zu seinem Bilde gewandt also fort:

"Vor einiger Zeit dachte ich daran, die Vernichtung des Fürsten zu vollziehen ... Aber vergeblich suchte ich nach einer Gelegenheit, ihn zu treffen, vergeblich, weil Wischnu, mein stolzer Widersacher, ihn mit dem gewaltigen Schilde deckt ...

IV.

Jetzt ist endlich der Augenblick für meine Rache gekommen. Der Fürst hat seinen Schwur gebrochen und ist nun verlassen von meinem Todfeinde. ... warte die günstige Gelegenheit ab, um auf seine Lider einen Traum als Vorboten des Grabes zu senden, einen Traum voll Todesqual und Ängsten, einen von jenen, die einem die Kehle mit stählernen Händen zusammenschnüren und auf dem Herzen lasten wie ein Gebirge von Blei."

VII.

Wenn der Stoff schläft, fliegt der Geist durch das All. ... Hört, das war nach der Überlieferung das Gesicht des Rajah.

XII.

Die Gatten wandern weiter, und der Sturm schwillt immer schrecklicher an. ... "Jemand atmet in unserer Nähe."

"Wirf dich zu Boden", schreit Pulo plötzlich; "der Tiger springt auf uns los."

XIII.

Zwei Phosphorflammen funkeln durch das Dunkel. Der Pfeil des Fürsten fliegt ab. ...

XIV.

Der Kampf beginnt. Pulo stößt zahllose Male seinen Dolch dem Tiger in Brust und Bauch, der sich noch in seinen Todeszuckungen auf seinen Feind werfen will... Aber schon hat die furchtbare Bestie ausgeröchelt und wälzt sich im Staub und in dem Blute, das aus seinen Wunden strömt, als der Fürst seine Augen zum Himmel hebt, von einer seltsamen Erscheinung betroffen.

XV.

... ein schwankendes Licht ... Die Vögel, die sich vor dem Sturm unter die grünen Zelte des Waldes geflüchtet hatten, wollen vor Freude über ihren Anblick ihre Schwingen zum Fluge heben und ihr Lied anstimmen; aber ihre Stimme bleibt ihnen in der Kehle stecken, und sie fallen zur Erde, von unsichtbarer Hand zu Tode getroffen. Die riesigen Bäume schwanken, und wie von furchtbaren Krämpfen befallen, beginnen sie den Boden mit den bleichen Blättern zu besäen, die sich von ihren Zweigen lösen wie von dem Haupte eines Greises die Haare. Die grünen Lianen ... verlieren die Farbe, und ihre zarten Blüten schrumpfen vor Kälte zusammen wie ein Pergament, das man ans Feuer hält. Angesichts dieses niederschmetternden Schauspiels dürfte man wohl sagen, daß ein tödliches Gift, das die Lüfte erfüllt oder in unbegreiflichen Ausflüssen aus dem Innern der Erde quillt, die Atmosphäre verpestet hatte und mit ihr die Welt.

XVI.

Voll Entsetzen wirft der Rajah um sich den Blick: überall verfolgen ihn diese trostlosen Bilder. Aber was ihm am meisten Entsetzen einflößt, ist der Anblick des blutigen Leichnams des verröchelnden Tigers, denn nach und nach verliert er seine ursprüngliche Gestalt und nimmt wie durch Zauber die einer Schlange an.

"Kein Zweifel ist mehr möglich", ruft er, "Schiwa will meinen Tod. Ich erkenne in dieser Natter den Diener seines Zorns."

XVII.

... zückt zum zweiten Male seinen Dolch.

XVIII.

... Schon umschlingt ihn die Natter ... und beginnt ihn zu erdrosseln; schon ist seinen ohnmächtigen Händen der Dolch entfallen, und der Schleier des Todes breitet sich über seine Augen, als ein Pfeil aus den Wolken niederzischt und die Augen der Schlange durchbohrt.

XIX.

Entsetzlicher Zorn befällt diese, und den fast leblosen Leib Pulos loslassend, sucht sie blindlings ihren himmlischen Feind. ...

Aus seiner Betäubung erwachend, darf der Rajah sie jetzt betrachten, nicht ohne von dem tiefen Gefühl der Dankbarkeit und Verehrung gegen den beseelt zu sein, dem er sein Leben verdankt (Wischnu).

XX.

"O Rajah", ruft der Widersacher Schiwas mit erzürnter Stimme, "... warum bist du zur heiligen Grotte des Jabwi hinaufgestiegen? Warum befragtest du die reinen Wasser ihres Quells, ... wenn du schließlich doch deinen Eid brichst...?"

Pulo bleibt stumm; die Scham über sein Vergehen färbt seine bronzenen Wangen und erstickt seine Stimme; Wischnu fährt also fort:

"Unermeßlich wie der Menschen Kleinheit ist die Güte des Himmels, und so habe ich mich deiner Schuld erbarmt. Nun ist es bereits unnütz, daß du die Quellen des Ganges aufsuchst; jedes Sandkorn, das in das Maß der Schuld fällt, muß die Strafe erhöhen; was dir der Einsiedler des Jabwi auferlegt hat, genügt bereits nicht mehr zur Entsühnung deiner Seele."

XXI.

"... verlaß das Ufer des Ganges und kehre wieder um, bis du nach Cutac kommst. Dort schläft im Küstensande einsam ein Tempel, den mir zu Ehren eines Tages dein ruhmreicher Vorgänger errichtet hat ..."

XXII.

Wischnu verschwindet...

... Siannah ist verschwunden.

XXIII.

In diesem Augenblick breitet der Traum seine Schwingen aus und verläßt den Fürsten; bebend und noch bleich erwacht dieser aus seinen schweren Gespinsten, sucht seine Gattin ... und findet sie nicht.

XXVI.

"Sinnloser", ruft eine Stimme aus dem Winde, ... "was willst du tun?"

Der Rajah, der den Dolch gezückt hatte, um ihn sich in die Brust zu stoßen, hält erschrocken inne und hört folgende Worte:

"Wenn du stirbst, wirst du sie niemals wiedersehen; wenn du leben bleibst und tust, wie ich dich geheißen, wird der Blutfleck von deinen Händen für immer verschwinden, und du wirst deine Gattin wiederfinden." Die Stimme ... ist die Wischnus...

Fünfter Gesang

I.

Nachdem der Fürst ein Jahr lang gewandert war, erreichte er endlich den Ort, den ihm sein Schutzgeist angegeben hatte.

XX.

In frommem Schauder lauscht Pulo der Geschichte vom blutigen Kampfe, der seinem Vater das Leben kostete.

XXI.

Und der Rabe fährt also fort:

XXII.

"... dein Vater wird jetzt den Schoß des Grabes verlassen, um uns zu nächtlicher Stunde über die Sümpfe und die Gräber der Tapferen dorthin zu führen, wo ... die sterblichen Überreste zu finden sind, die einzige Reliquie des Altars von Wischnu!"

Sechster Gesang

I.

"Kehre zurück in dein Reich... und versammle um dich die berühmtesten Künstler, die du findest. ...

II.

Binnen sechs Jahren mußt du die Pagode wieder aufgebaut haben, die die Welt mit Bewunderung erfüllen soll und um deren höchste Türme die Wolken sich ballen... Seide gibt es in Kaschmir, Gold in Siam, Zedern in Katuy, Elefanten in Lahore und Perlen im Golf von Ormuz. Suche jene Länder auf, und mit ihren Gaben und deinen Erwerbungen wird die Pagode unseres Gottes leuchten wie die Gestirne, die schweifenden Wohnsitze der Genien."

Da entspinnt sich in Pulos Seele ein Kampf zwischen der Neugier und der Furcht, ein Kampf, der mit dem Triumph der Neugier endigt. (etika.com warnt: Aufgepaßt: Internet-Nutzer!!!)

Ein Genius des Bösen leitet seine Schritte durch die Nacht, und so begibt er sich, von einer unwiderstehlichen Macht angezogen, nach der Stätte hin, wo der Pilger weilt.

III.

Von neuem lauscht er; nichts ist zu hören. Was tut er? Sollte es möglich sein, ein Geheimnis zu entdecken?

Mit diesen Worten hebt der Rajah mit den roten Händen die Teppiche aus Seide und Gold, die die Tür zu der Behausung des geheimnisvollen Wanderers verkleiden; ein Blitzstrahl, der zu seinen Füßen niedergefallen wäre, würde ihn nicht so erschreckt haben wie das Schauspiel vor seinen Augen.

IV.

Der Pilger ist verschwunden.

In der Mitte des Raumes erblickt man beim schwachen Schein einer Alabasterlampe das mißgestaltete Brustbild eines grauenhaften Götzen.

Der Wahnsinn in seinen schaurigen Schöpfungen, die Schlaflosigkeit mit ihren zermalmenden Gesichten, der Traum mit seinem qualvollen Alpdrücken erzeugen niemals ein so abstoßendes und schreckliches Bild.

V.

Nicht das Antlitz des gütigen Genius, der den Rajah beschützt, ist es, nicht das Antlitz, dessen harmonische und kühne Züge von dem edlen Stolz und der männlichen Schönheit des Gottes der Wälder zeugen. Nein, die Züge dieses plumpen Bildwerkes, die da die Augen des niedergeschmetterten Pulo erblicken, haben einen höllischen und grauenhaften Ausdruck; aus seinen kreisförmigen Augensternen scheinen tödliche Blitze zu schießen. Sein breiter Mund verzerrt sich zu wildem Grinsen. Es ist offenbar, das ist der Genius des Bösen.

Es ist das Bild des Schiwa und nicht das des Wischnu.

Die Ungeduld hat für immer den unglücklichen Rajah ins Verderben gestürzt.

VI.

Taumelnd und sich endlich aus seiner Erstarrung befreiend, ruft er mit lauter Stimme: "... Schiwa siegte im Kampf; so erhebt denn den Götzen, der ihn darstellt ... Sein soll der Tempel seines Bruders sein und mit ihm mein Leben."

VII.

Die Brahmanen und die Diener des Fürsten ... beeilen sich seinem Gebote nachzukommen ..., und das traurige ... Gefolge, das den Gott des Todes und der Vernichtung geleitet, wendet sich zu der riesenhaften Pagode, aus deren Inneren schreckliches Geschrei und furchtbares Gelächer ertönt. Es sind die Genien der Zerstörung, die ihren Sieg feiern.

IX.

"Priester, Rajahs, Sklaven", ruft schließlich der Gebieter von Osira, "der Zorn der Götter schwebt über meinem Haupte, wie ein Schwert, das an einem Haar hängt. Meine Hände, die seit der schrecklichen Stunde meiner Thronbesteigung kein Sterblicher unverhüllt gesehen hat, sind mit Blut befleckt. Seht sie! Dieses Blut ist das meines Vorgängers, das meines Bruders, dem ich Leben und Krone geraubt. Schiwa, der Gott der Gewissensbisse und der Buße, fordert von mir Auge um Auge, Krone um Krone, Leben um Leben. Möge sein Wille geschehen, Priester, Rajah, Sklaven, betet für den letzten der Dheli, deren Geschlecht von der Erde verschwinden soll."

Die erschrockene und niedergedonnerte Menge verharrt in Schweigen. Pulo, der sich wieder zum Altar wendet, auf dem der Gott thront, spricht zu dem mißgestalteten Bildnis, das seine Lippen zu einem stummen und höllischen Grinsen zu verzerren scheint:

X.

"Schiwa, Feind und Vernichter meines Geschlechts, wenn Blut meine Schuld zu sühnen vermag und deinen Zorn von Siannahs Haupt wegwendet, empfange ich als letztes Opfer. Aber gewähre mir wenigstens, daß ich, bevor ich von hinnen scheide, sie einen Augenblick zum letzten Mal betrachte, daß ihr Mund den kalten und erloschenen Atem des meinen empfange und daß ihre Küsse meine Lider zur ewigen Nacht des Grabes schließen."

XI.

Die Menge ... stößt einen Schrei des Entsetzens aus.

Pulo hat sich mit seinem Schwerte durchbohrt...

In diesem Augenblick eilt ein Weib durch das Atrium der Pagode ...

"Siannah", murmelt der Fürst, der sie erkannt hat, "Siannah, endlich sehe ich dich, bevor ich sterbe."

XII.

Siannah, die Perle von Ormuz, das Veilchen von Ostra, das Sinnbild der Schönheit und der Liebe, die Bermach in einem Rausche der Lust schuf, indem er den Zauber der Palme von Nepus mit der Biegsamkeit des Schilfrohrs vom Ganges, dem Smaragd der Augen einer Schiwa, dem Feuer eines Diamanten von Golconda, der Harmonie einer Sommernacht und dem Duft einer wilden Lilie vom Himalaja verband, Siannah, die Schönste unter den Schönen, folgte Pulo auf seiner Pilgerfahrt nach jenen unbekannten Bezirken, von denen kein Wanderer wiederkehrt.

Siannah war die erste indische Witwe, die sich mit dem Leichnam ihres Gatten in das Feuer stürzte.

Aus:

Meisternovellen spanischer Autoren, übersetzt von Mario Spiro, Globus Verlag Berlin W, um 1900?

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