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WALDWINTER |
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Paul Keller: Waldwinter
Roman aus den schlesischen Bergen
Bergstadtverlag Breslau, 1930
(Der große schlesische Dichter ist vor 70 Jahren, am 20. August 1932,
gestorben. Wir werden ihn, sein Werk und seine Heimat in Ehren halten.)
S. 125: Die Einsamkeit
ist für den Starken eine Wohltat, aber für den Schwachen eine Qual.
127: Da gingen die zwei
jungen Menschenkinder im Herbstnebel dahin, ein jedes mit dem tiefen Gram um
seine verschmähte Liebe. Die Geschlechterliebe ist die Liebe, die am
wenigsten Glück auf die Welt bringt. Eine Mutter hat jeder, einen Freund so
mancher, eine Liebste, die ihn wahrhaft glücklich macht, selten einer.
202: Etwas Wertvolles hat
der "Provinzler" vor dem übersättigten Großstadtmenschen voraus: die
viel größere Befähigung zur Freude. Der Genuß ist der Feind der Freude.
219: Ich stürmte nach
meinem Zimmer, sank auf einen Stuhl und begrub das Gesicht in die Hände.
Heiliger Gott, nun war´s doch geschehen!
Nun gab es kein
Ausweichen, kein Flüchten mehr, nun hatte ich die Linie übertreten, die das
gefährliche Reich der Liebe umgrenzt, und von da es keine Rückkehr gibt.
Das Reich der Liebe, in
dem die Wunderhaine stehen und die Inseln der Seligen schwimmen auf blauen
Meeren, das Reich der Liebe, in dem die trostlosesten Wüsten der
Verzweiflung sind und die Klippen des Todes ragen.
Geblendet von einer neuen
Sonne, berauscht von einer neuen Lust, durchschüttert von neuer Qual, so trieb
mich wonnig-unselige Unrast, indes draußen der Weihnachtsfriede schwebte über
der Menschenerde.
233 Ich sehe, wie ihr
Gesicht leuchtet vor Begeisterung. Das ist keine gewöhnliche Freude, das sind
die Schauer der Bewunderung, die durch eine tiefe Seele fluten, wenn sie
die Wunder der Schöpfung so nahe berühren.
244 Das wunderschöne Schlesierland lag vor uns im
jungfräulich-weißen Brautgewande. Wie verstreute Myrtenzweiglein blitzten hie
und da grüne Tannenäste aus dem faltigen Kleide. Menschenhäuser lagen drunten
wie schimmernde Perlen, und feiner Nebel flatterte über allem wie ein duftiger
Schleier. Dazu sang im hohen Orgelton der Wind sein ewiges Lied, jetzt
aufjauchzend und himmelstürmend in brausenden Tönen und dann wider
feierlich-ernst in tiefen Akkorden, ganz so, wie das keusche Mädchen sein
Brautlied hört, das ihm Lust und Weh verkündigt.
264 Sie hat viel geliebt,
das gebe ich zu. Aber unter allen hat sie sich selbst am meisten geliebt. Und
als diese Liebe verraten war, hat sie eine unedle Rache genommen. Sie hat den
heiligen, reinen Brunnen Ihrer Seele vergiftet, Marianne! Sie (265) wußte
wohl, das Liebesgefühl, das zu dem innersten Heiligtum Ihrer Seele vordringen
wollte, mußte unterwegs an den giftigen Brunnenrändern sterben. Und da wird
alles sterben - nicht bloß der Feind, auch der Freund, auch das Glück!
292 Die echte Liebe opfert
und wagt. Sie will sich nicht ewig flüchten und schützen, sie verbindet sich
mit dem Geliebten und geht mit ihm durch den Lärm und Staub des Lebens. Die
echte Liebe denkt eben nicht zu viel an sich selbst, denkt nicht bloß an das
eigene Heil, sondern auch an das Wohl und Glück des anderen. Das Weib, das
liebt, will nicht als Göttin, nicht als Idealgestalt über dem Wege des Mannes
schweben, sondern unten mit ihm marschieren, kameradschaftlich in Not und
Gefahr, in Hochgefühl und Mißstimmung. Das, Marianne, ist meine Meinung , und
das ist auch natürliche und göttliche Ordnung.
ETIKA-Kommentar: Diese 360 Seiten bester deutscher Literatur nützen
Deiner Seele mehr als 360 Tage Fernsehfilme. Sie erheben das Gemüt zu den
Werten der Ewigkeit und sind eine Schule des Liebens und Überlebens.