ETIKA 38B34

DEUTSCHE SEELE

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Paul Keller

Die Heimat

27.10.2007

Paul Keller: Die Heimat
Roman aus den schlesischen Bergen
Bergstadtverlag Breslau, 1931
(Der große schlesische Dichter ist am 20. August 1932 gestorben. Wir werden ihn, sein Werk und seine Heimat in Ehren halten.)

S. 88: Jahre gibt es, in denen die Zeit müde und schläfrig an unserem Herde sitzt und ihre grauen Alltagsfäden spinnt, daß wir nicht merken, wie Frühling und Sommer rinnen und wie wir in der Gleichförmigkeit der Tage älter werden. Aber Jahre gibt es auch, wo die Zeit wirtschaftet und schaltet wie ein veränderungswütiges Weib: zerstört und aufbaut, rückt, schiebt, ändert, neue Blumen an unsere Fenster pflanzt, Leute hinausdrängt und andere hereinruft und uns am Ende ein Heim zeigt, das wir nicht wiedererkennen.

91 Er hatte gesessen! Das war ein böses Wort. ... Und er ... zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, worin zu lesen stand, daß ein Redakteur sechs Monate lang eingesperrt worden sei, weil er seine Meinung gesagt habe, Nun habe es sich herausgestellt, daß diese Meinung die richtige und der Gefangene ein Märtyrer gewesen sei. Dieses Blatt war Bergers Trost.

94 Bald ging nun auch sie auf die weite Reise, und der Knabe, den sie liebte, blieb einsam zurück, ohne Eltern und ohne Heimat. In vielen Jahren aber, wenn auch er vollendet, würden sie sich wiedersehen. Das sind die Stunden, in denen Gott mit den Menschen spricht, er, der Trost und Frieden für die Trauernden hat, wenn die Welt und all ihre Weisheit und all ihre Tröstung versagt.

106 Sein Gesicht war fahl. Ein leiser, schwerer Fluch kam über seine Lippen. Dieser Mann erkannte, daß sich ein Wurm in sein Lebensmark eingebohrt hatte, der nie mehr weichen werde.

107 Schrägers Kopf sank auf die Brust. Das war eine der schweren Nachtstunden, da der Mensch Rechnung hält in seinem Herzen und vor Schuld und Urteil erschrickt.

109 Schräger raffte sich auf, und wie alle, die das Elend trifft, versuchte er den Kampf mit der furchtbaren Furie, die das böse Gewissen heißt, den nutzlosen, törichten Kampf, den auf die Dauer kein Sterblicher besteht, wenn nicht die starke, heilige Gnadenhand Gottes die eisernen Krallenfinger mächtig und linde aus den blutenden Schultern löst.

110 Leise kam der Dämon näher und beugte sich an Schrägers Ohr. ... Und es war, als ob die furchtbare Stimme zischelte: ... Und Gott hat gefragt: ,Woher kommst du? Ich habe dich nicht gerufen Mit Donnerstimme hat Gott es gefragt. Dein Freund aber hat mit bleicher Hand hinabgezeigt auf dich und gesagt: , Der hat mich auf den Weg gezwungen zu dir, der...!´"

111 Er war sonst nie furchtsam gewesen. Aber seit er einen unter dem Rasen hatte, dem er den Atem genommen, kam die grauenhafte Angst - die wahnwitzige, abergläubische Furcht. Finster war´s, schauerlich finster, und der Junge röchelte so schwer. Ein Mittel! Ein Mittel, um der Qual zu entgehen!

113 Wieder flog die Todeskunde durchs Dorf, und die Leute wurden still. Ein Schrecken kam über die Menschen. So viel Trauer in einem Hause weckte überall Furcht. Ein leises Grauen mischte sich drein, als sei hier eine Strafe des Himmels sichtbar und offenkundig in (114) Erscheinung getreten für Sünden, die die Menge nicht genau kannte. Aber ein Mitleid regt sich in den weicheren Herzen für die zwei verwaisten Kinder.

131 Drüben über der Straße ging indes eine Kindheit unter. Wer von allen weiß, wie lange Kindheit dauert? Bei manchen Wesen ist sie früh verloren; bei manchen dauert sie das ganze Leben. Wer ein Wissender wurde, ist kein Kind mehr. Nur die sind Kinder, die vor den verschleierten Bildern des Lebens wunschlos stehen und nicht fragen. Wer mit zweifelnder Hand den Schleier hob, oder wem ein Sturm die großen, öden Blätter enthüllte, der ist weit von der Kindheit. Und wer weit von der Kindheit ist, ist nahe dem Tode.

136 "Das is das böse Gewissen! Das will a (er) totsaufen!"

152 Aber er kam nicht um die alte Wahrheit herum, daß der Mensch nicht immer mit denselben Menschen verkehren kann. Die Schiffsleute ... gehen auseinander, wenn sie ans Land kommen. Sie haben einmal das Bedürfnis, die alltäglichen Gesichter auf eine Weile nicht zu sehen. Und es gibt viele Leute, die in Bureaus, Geschäften, Schulen friedlich und freundlich zusammenarbeiten und sich doch in ihren Freistunden nicht sehen und treffen mögen, sondern lieber Fremde aufsuchen oder allein sind.

189 Droben am Walde stand ein uraltes, verwittertes Heiligenbild. ... Manchmal zog ein einsamer Wanderer die Mütze ab vor dem alten Bilde. Das ist kein Götzendienst, wenn ein Mensch das Haupt entblößt an so ehrwürdigem Orte, wo so viel Leid und Lust ausgerungen wurden, so viel Friede und Andacht, aber auch so viel Kampf und Reue zu Hause waren seit langen Jahren. An diesem Heiligenbilde kniete Liese Berger. ... Ein langes, stummes Gebet lag in den Augen des Mädchens, ein Gebet voller Qualen. Aber als sie auf das Bild hinschaute, wurden ihre Augen stiller. "Wenn es eine Sünde war, verzeih´ es mir, heilige Mutter Gottes!" Das Bild gab keine Antwort; aber in die Augen der Betenden kam Friede.

191 Er sagte nichts mehr. Die stillen Frauen tauchten vor seiner Seele auf, die Siegerinnen, die in sich die Welt überwunden haben. Es liegt alles hinter ihnen, was die Menschenkinder erregt: sie wollen kein Geld, keinen Ruhm, kein Vergnügen, keine Bequemlichkeit, keine irdische Liebe. Sie wollen nur das Gute. Vielleicht, daß die eine hie und da mit sich kämpft; die meisten haben Frieden. Und gegen den Frieden ist doch alles andere armer Tand.

"Liese, wir wollen weder ja noch nein sagen; wir wollen abwarten, noch lange abwarten."

201 Der junge Buchenbauer verbrachte eine Nacht voller Kämpfe. Er wollte sich rasch und stark durchdringen zur Gerechtigkeit und zum Frieden. Der junge, weiche Mann! Er wußte nicht, was solche Kämpfe bedeuten, die Kämpfe, die alle Menschen mit klugem Kopf oder mit weichem Herzen zu bestehen haben, und bei denen der Sieg gar nicht kommt oder oft spät, wenn schon viele Wunden geschlagen sind.

215 Mathias Berger kniete in eine Bank und durchlebte die schwersten Minuten seines Lebens. Im Winkel dahinten im Beichtstuhl, bei dem Franziskaner, war ... , und dort wurde entschieden...

227 Aber Stunden kamen, wo sich neben die graue, schweigende Frau Einsamkeit jene andere an seinen Herd setzte, ihre Tochter: die Reue. Das sind die Quälerinnen. ... Wer sich nicht aufrafft mit energischer Kraft, die Alte beiseite schleudert, ihre Bande zerreißt und zu gesunden, frohen Menschen flüchtet, der ist verloren. Im günstigsten Falle ruft die Alte eine neue Tochter: die Schwermut, ein untüchtiges, krankes Weib ..., oder ihr scheußlicher Sohn, der Wahnsinn, kommt und mordet ihn.

253 Auch im Dorfleben ist die öffentliche Meinung allvermögend; wer bei ihr in Ungnade fällt, dem steht keine Berufung zu; er zieht in die Verbannung.

261 Aus dem Dämmerlicht leuchtete matt eine Silberschrift von der Wand: "Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser."

269 "Sieh mal, darauf kannste nu Gift nehmen: die allermeisten Menschen sind riesig dumm."

274 Und an den zwei Menschen erfüllte sich wieder, was so alt ist wie die Welt: In allen Feindseligkeiten der Menschenkinder ist es die edle Tat allein, die den Sieg findet, die hinübergeht ins feindliche Lager, den Gegner anschaut mit milden, magnetischen Augen und, während sie ihn verwirrt und bestürzt macht, ihm die Waffen sacht, aber unwiderstehlich aus der Hand nimmt."

280 Dann, wie er durch die nächtlichen Straßen irrte, wußte er: Es gibt keinen Ort, wo man so sterbensallein sein kann wie in der großen Stadt.

304 Da kam das Grauen, das stärker ist als alles andere, und einigte sie. Gemeinsam faßten sie an und hoben den Kranken in den Lehnstuhl. Dessen Gesicht war blau, und seine Hände tasteten in die Luft. Und H. R., der so dem Tod ins verzerrte Gesicht sah, faßte eine maßlose angst, ein grauenhaft Entsetzen. Es ging ihm wie so manchem Unglücklichen: Wenn ein schwerer Schreck die Rinde auf dem vereisten Herzen sprengt, dann springt wieder stark und klar die heilige Quelle der Barmherzigkeit.

307 Was ist Heimat? - Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe. Was ist Heimat?

311 "Heimat ist Friede!"

ETIKA Index 3