Rückschau auf das angeblich ewige Deutschland

ETIKA Bibliothek
38B39

DEUTSCHE SEELE

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18.10.2002

Marie von Ebner-Eschenbach

Nach dem Tode

 

Beobachtungen einer weisen Frau - Szenen

Nachstehende Zitate sollen einen winzigen Eindruck von der Erzählung vermitteln, zum Nachdenken und zum Lesen anreizen

 

Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit an ihr vorüber gegangen und hatte ihr kaum einen Vorzug der Jugend geraubt. Ihr ganzes Wesen atmete die Frische, die nur denjenigen Frauen bewahrt bleibt, die niemals große Leidenschaften empfinden, niemals schwere Seelenkämpfe durchgemacht haben, und die, einem mehr oder minder unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da nachzudenken aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu tun.

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Herr von Rothenburg: "Die boshaften Mächte, die über dem Menschendasein walten, geben entweder den Durst oder die Labe, das Schwert oder die Faust, die es führen könnte; sie geben jenem den Wunsch, diesem die Erfüllung, und wo ich äußere Übereinstimmung sehe, weiß ich auch: hier ist innerer Zwiespalt."

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Gräßlich durchblitzte ihn, glückvernichtend ein Zweifel an Theklas Liebe ... er, so gewöhnt an freudiges Entgegenkommen, der Mann des raschen Erfolges, der nie gelernt hatte zu warten und zu werben, dem man niemals Nein gesagt, er, Paul Sonnberg!

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Er (Paul) fühlte seinen Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe steigen, wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen und läutern, er fühlte in ihren göttlichen Gluten alles schmelzen, was in ihm an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte ... Er trat auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit innigster Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog.

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Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, er gab sich ganz dem Zauber hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes Wesen, den der Wohllaut ihrer Stimme auf ihn ausübten.

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Thekla: "Mama hat Besuch, die alte Baronin Limberg. Sie wissen, die Wohltäterin. Sie hat ihr eigenes Hab und gut bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht ihnen Beschreibungen dem Elende dort - man kann´s  nicht anhören. Gewiß, sie übertreibt. ... Was nützt es denn? Man kann nicht alle armen Leute reich machen. Wir geben, so viel in unseren Kräften steht und beruhigen uns damit. Sich grämen über das Elend, heißt ja nur es vermehren."

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Seltsam berührt wandte er sich ab... Dasselbe hatte er einst gesagt zu seiner jungen Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer Schilderung hungernder und frierender Not, der sie durchaus abhelfen wollte. Die junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die Hand auf die Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen gesehen und war endlich, rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und still ... Arme Marie! ...

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Eine zarte Gestalt glitt zwischen ihm und ihr dahin, leise wie ein Traum, und verdunkelte ihr schönes Bild. Aber es war ja nur die Gestalt einer Toten, die er niemals geliebt, war in der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der Lebendigen, die er liebte!

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Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und übte sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des strengsten Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb um so berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen Widerspruch, erhob aber dabei stets einen Blick voll so liebenswürdiger Demut zu ihrem Bewerber, daß dieser wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen, damit ihm ein solcher Blick öfter zuteil würde.

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In der hellen Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, daß er einst ein Herz neben sich darben ließ... Dieses Mal ist er der dürstende und verlangende! Thekla liebt ihn nicht wie er sie liebt, wenn auch so sehr als sie zu lieben fähig ist. ... Was wollte er mehr als den Besitz ihres ganzen schönen Selbst? Sie leidenschaftlicher wünschen, hieße sie anders wünschen und so, ganz so wie sie war, bezauberte und entzückte sie ihn.

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(Vorwürfe von) Baron Kamnitzky (aus der Heimat): "Freilich, freilich, die vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit, Bildung, Intelligenz! Wie fände man da Zeit, ein paar alte Leute (Anm. Pauls Eltern) zu beschwichtigen, die so töricht sind, in Sorge um einen zu vergehen..."

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Kamnitzky: "Die Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! Geht an der Schönheit vorbei ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am Wunder ohne Andacht..."

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Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung. Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie nicht teilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte er in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeilt.

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Der Freiherr: Ich spreche von dem Tode deiner Frau. Unmittelbar nachdem man den Streich empfing, den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie tief er getroffen, wie viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat... das zeigt sich erst später."

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Kamnitzky: "Ein Mann wie du kümmert sich nicht um das einzelne Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem Universum..."

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Thekla nahm Platz am Klavier: die ersten Takte einer Bertinischen Etüde erklangen unter ihren Fingern. Sie spielte rein, nett, mit bewunderungswürdiger Geläufigkeit. Goldene Lichter schimmerten auf den reichen Flechten ihres blonden, natürlich gewellten Haares; ihr Gesicht nahm einen gehaltenen, aufmerksamen Ausdruck an, jenen Ausdruck, den Paul nicht sehen konnte in ihren Zügen, ohne mit innigstem Entzücken zu denken: Du bist mehr, als du selber weißt, mehr als du scheinst, mehr als die Flachheit des Lebens, das du führst, ahnen läßt.

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Paul: "Ich nehme heute für einige Tage Abschied von Ihnen, Gräfin Thekla." ... "Auf das Land, zu meinen Eltern." ... Thekla: "Ihre Eltern können wohl nicht leben ohne Sie?" ... was sich in ihr regte ... die halb unbewußt erwachende, echt weibliche Lust an einem Kampfe, in dem alle Mittel gelten, an dem Kampfe mit dem Stärkeren - dem Manne. Ei, dachte sie - du willst mich strafen, willst mir zeigen, daß du unabhängig bist und mich verlassen kannst, wann es dir gefällt? ..."Bleiben Sie bei uns", sprach sie ... und fügte endlich leise wie ein Hauch, aber mit holder Entschlossenheit hinzu: "Bei mir!" ... Sein Herz pochte wie ein Hammer ...

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Marianne (Theklas Mutter) sah ihren künftigen Schwiegersohn freundlich an und sagte: "Sie haben recht! Gehen Sie. Ich kann mir denken, wie die alten Leute von der Hoffnung auf ein solches Wiedersehen leben, und von der Erinnerung daran zehren monatelang."

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Paul: "Wir heiraten uns, weil sie Gräfin Sonnberg werden will, und weil ich verliebt in sie bin ... ja verliebt. - obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla."

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Paul: "Die Torheit hat einmal behauptet, daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es nachgeplappert. Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den kleinsten Fehler des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde sie nicht beirren. Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, sich zu bewähren, der Hölle zum Trotz!"

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Paul (in der Heimat) hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gut. Das war die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben. Hier hatte er sie gefunden, als er - einmal schwach geworden in seinem Leben! - den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: "Willst du´s mit mir wagen, Marie?" Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Tränen, Angst und Bitten erhoben und geantwortet: "Nein! nein!" Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht... Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen zitterten, doch sprach sie in festem Tone: "Weil du mich nicht liebst, und - weil ich dich liebe. Es wäre ein Unglück." Was half ihr Sträuben? Er wollte es. ... Sie behielt Recht.

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Die Eltern: Was ist das? Was ist geschehen? Ist er´s denn noch? "Du bist immer willkommen, lieber Sohn." Den alten Leuten war seltsam zu Mute - ungefähr wie frommen, verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knieen, sich plötzlich niederbeugen würde, um Worte des Segens über ihre Häupter zu sprechen.

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Das Kind. Wie eine kleine Bildsäule stand Mariechen regungslos an ihrem Platze und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust. "Arme, verkümmerte Pflanze!" dachte Paul. Er sah die Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner Bewegungen beobachtete, und wagte nicht sich ihr zu nähern. Sie voll Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst - so standen Vater und Tochter einander gegenüber. Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: "Mariechen, komm zu mir!" Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in unaufhaltsames Weinen aus... "Schweige!" Es gehorchte augenblicklich; hielt inne mitten im Schluchzen und sah aus großen, in Tränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz. So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen damals, als sie zum ersten und letzten Male Nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich über ihr Leben entschied...

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Schon hat der Blitz gezuckt - wann trifft sein Strahl? O du allmächtige Hilflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens!

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Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal - und nicht wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt - jetzt heißt es, um sie werben, um sie dienen...

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Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin. Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie verkehrt, die bescheidene Frau ... Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst angewiesen, hatte sich mit mutigen, wahrheitsuchendem Verstand an ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den erratenden Blick besessen, der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge richtete. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses...
Zu spät - zu spät erkannt!
"Ich war allein in deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an deiner Brust" - tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Atem ihrer Liebe ihn umwehte.

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Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr stört, nicht einmal der Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt hätte, nicht einmal ein Schrei flammender Reue - nicht einmal das Schmerzenswort, das Erlösungswort:
"Verzeih!"

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Mariens wohlbekannte Schriftzüge. ... "Du hast fort müssen ohne Abschied. ... Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht. O wüßtest du, wie gut ich weiß: du wirst mich lieben! Um des Kindes willen, mein Paul, das ich bei deiner Rückkehr in die Arme legen werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg, erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein Alles, mein Herr, mein Freund, ich erlebe die Stunde, in der dein erwachtes Herz mir entgegen schlägt, deine ganze Seele mir zuruft: Komm!"

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"So komm denn!" rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf, er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend, Unmögliches erflehend, erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn, schrecklich, hoffnungslos - eine Erkenntnis, nie wieder auszurotten, eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: du hast unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schweratmende Brust...

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Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, zwei Stunden waren vergangen. ... Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer. Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück. "Was ist geschehen?" fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung entgegen kam. "O Karl! Er liegt auf den Knieen vor ihrem Bette und weint."

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Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen Brief... Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die Heimkehr ins Vaterhaus auf ihn hervorgebracht und gestand, daß er Thekla nicht zumuten könne, das Leben zu teilen, das er von nun an zu führen entschlossen sei.

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Acht Tage später stellte Fürst Klement sich in Sonnberg ein. "Sie versteht dich, sie, die alles versteht, nur nicht - mich zu lieben," sprach er zu Paul. "Und Thekla, nun wir wissen ja - Statue!"

 

ETIKA Index 3