ETIKA

Gottfried Keller

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Junge Mädchen, aufgepasst!

8.2.2013

Nachstehend ein Auszug aus der Novelle „Hadlaub“ des Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 1957, S. 19f. Von dem bürgerlichen Züricher Minnesänger Johannes Hadlaub stammt die Manessesche Handschrift, auch Große Heidelberger Liederhandschrift genannt. Sie enthält 7000 Strophen von 140 Minnesängern.

Sogleich kam aber die ganze Mädchenschar herbeigelaufen und umringte den alten Herrn samt seinem jungen Schützling, welcher jetzt in noch größere Bedrängnis geriet, als er heute je erlebt.

Wo er hinsah, erblickte er in dichter Nähe nichts als blühende und lachende Gesichter, die an der Grenze der Kindheit noch alle frisch und lieblich waren und das ihrer wartende Reich der Unschönheit noch nicht gesehen hatten.

Hier das schönäugige Gesichtchen mit den etwas starken, familienmäßigen Vorderzähnchen ahnte nicht, daß es in weniger als zehn Jahren ein sogenannter Totenkopf sein würde;

dort das regelmäßige ruhige Engelsantlitz schien unmöglich Raum zu bieten für die Züge anererbter Habsucht und Heuchelei, welche in kurzer Zeit es durchfurchen und verwüsten sollten;

wer glaubte von jenem rosigen Stumpfnäschen, daß es zu einem Thron und Sitz unerträglicher Neugierde und Spähsucht bestimmt war und die beiden Sternäugelein links und rechts in falsche Irrlichter verwandeln würde?

Wer hätte von dem küßlichen Breitmäulchen da denken können, daß seine jetzt so anmutigen Lippen dereinst, von ewiger Bewegung kleiner Leidenschaften und Müßigkeiten ausgedehnt und formlos geworden, sich bald gegen das rechte, bald gegen das linke Ohr hin verziehen, bald die untere die obere, bald die obere die untere bedecken, dann plötzlich wieder beide vereint sich verlängern und als Entenschnabel schnattern würden?

Ei, und dort das angehende Spitznäschen, das die erhabene Beatrix für einen kommenden Dante zu verkünden scheint und sich zu einem Geierschnabel auswachsen wird, der einem ehelichen Dulder täglich die Leber aufhacket, unversehrt von seinem schweigenden Hasse

Und wiederum diese in gleichmütiger Unschuld und zarter Heiterkeit lachende junge Rose, die von der Zeit entblättert sein wird von tausend Sorgen und ungeahnten Erfahrungen, gebleicht von Kummer und zu schwach auch nur für den Widerstand der Verachtung?

 

Anmerkung ETIKA: Jeder Mensch hat sein Schicksal selbst in der Hand. Tugendstreben ist der sicherste Weg zum Glück.

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