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Der Moralist

16.10.2007

Ein Mann und eine Frau aus der Alten Welt kommen auf ihrer Hochzeitsreise in ein abgelegenes Dorf in den Anden.

An einem Abend treffen sich die jungen Frauen und Mädchen, allesamt reinrassige Indianerinnen, in der Kirche. Der Pfarrer, ein Schwarzer aus einer anderen Gegend, singt mit ihnen schwungvolle religiöse Lieder und hält eine feurige Ansprache.

Die Augen in den frischen, natürlichen Gesichtern der Indianerinnen strahlen, sie sind mit Herz und Seele dabei.

Der junge, gut aussehende Bruder des Pfarrers, weniger dunkel, verteilt die Liedtexte an die Teilnehmerinnen der Andacht. Männer sind nicht gekommen.

Tage später vertraut eine Ordensschwester dem Ehepaar an, dass der Bruder des Pfarrers Priester werden wolle, aber hinter den Mädchen des Dorfes her sei.

Diese Mitteilung erweckt in dem ausländischen Besucher einen Widerwillen gegen den Brudes des Pfarrers, denn er sieht noch die jungfräulichen Gesichter voll Anmut und Würde vor sich mit ihrem Glauben, ihrer Hoffnung und ihrer Sehnsucht nach dem Glück, der wahren Liebe.

Zugleich schwebt ihm das Unglück vor Augen, in das der Bruder des Pfarrers einige der Mädchen stürzen würde. Dortzulande sind die Sitten streng. Ehebrecherinnen werden oder wurden jedenfalls bis vor kurzem mit dem Tode bestraft (Justiz des Kondors, Gang über die Todesbrücke).

Wenige Jahre später vernimmt das Ehepaar die Nachricht, dass der Bruder des Pfarrers während seines Theologiestudiums in Rom plötzlich gestorben ist und dort begraben liegt. Der kirchenfrommen Frau fließen Tränen; sie hat für den Toten wie für alle Männer, die Priester werden wollen oder sind, stets eine überaus große Sympathie empfunden.

Der Mann hingegen, ein Moralist, ist froh. Froh, dass der Tote keinen Schaden mehr anrichten kann.

Welten trennen das Ehepaar.

Der Indiomädchen erbarme sich Gott.

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