ETIKA 38LC24

GESCHICHTEN

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23.8.2001

Gertrudis Gomez de Avellaneda

Dolores

 

Gertrudis Gomez de Avellaneda (* 1810 in Puerto Principe als Tochter des Flottenkommandanten von Cuba, ab 1840 in Madrid): Dolores

I. Die Taufe eines Erbprinzen

II. Don Juan II. und sein Hof

III. Dolores und Rodrigo

Bis zu dem Augenblick, wo der junge Luna das fromme Edelfräulein sah, hatte er ohne innere Anteilnahme manchen Schönheiten den Hof gemacht, die damals die Kavaliere und Edelleute bezauberten, und auch in weniger erhabene Regionen war er ... hinuntergestiegen, wodurch er sich den etwas frühzeitigen Ruhm eines Lebemannes erworben hatte. Aber Dolores kennen zu lernen und sie mit jener Liebe zu lieben, die nur einmal im Leben vorkommt, und die mit einem Schlage alle Unbeständigkeiten und Wirrnisse des Herzens tilgt, war für Rodrigo das Werk nur einer Minute gewesen.

Sie für ihre Person, die keine anderen Empfindungen kannte als die, die die Religion und die Frömmigkeit in ihr auslöste und ihre Familie ihr einflößte, empfand ganz neue und ungewöhnliche Neigungen, wenn ihr scheuer Blick den feurigen Blicken des verliebten Jünglings begegnete, und aller instinktive Widerstand jungfräulicher Ehrbarkeit vermochte sie nicht davor zu bewahren, ihn schwärmerisch zu lieben, wie gewöhnlich die Seelen lieben, die noch nicht verbraucht sind und die in der bitteren Schule der Erfahrung noch nicht jenes entzaubernde Mißtrauen erworben haben, das seine Herrschaft bis auf das eigene Herz erstreckt und uns nicht nur an den Gefühlen, die wir einflößen, sondern auch an denen, die wir selbst empfinden, zweifeln läßt.

Dolores nährte in ihrem Innern all die süßen Illusionen einer ersten Leidenschaft, die nichts fürchtet, weil sie sich stark fühlt, die an alles glaubt, weil sie zu sich selbst Glauben hat, und die nie an die Möglichkeit ihres Endes denkt...

Aber trotz alledem begriff Dolores wohl, daß ihre Verbindung mit dem, den sie liebte, in dem Hochmut ihrer Familie ein Hindernis finden würde, besonders in dem ihrer Mutter, deren stolze Seele ...

IV. Vaterliebe

"Es handelt sich um das Leben meiner Tochter", erwiderte Don Diego Gomez de Sandoval immer wieder auf alle Einwendungen und Vorwürfe, mit denen die Gräfin ihn überschüttete. "Ich bin entschlossen, meine Tochter glücklich zu machen, koste es, was es wolle!"

Es kam nur selten vor, daß der Statthalter von Kastilien sich dem Willen seiner Frau widersetzte, auf deren herrischen Charakter er gewöhnlich die größte Rücksicht nahm; aber fügte es sich einmal, daß er offen eine Meinung vertrat, die der ihren entgegengesetzt war, so wußte er mit so kühler Beharrlichkeit an ihr festzuhalten, daß alles Ungestüm der Gräfin zu guter Letzt doch an seiner ruhigen Festigkeit zerschellte. Das wußte die Dame und begriff im vorliegenden Fall das Nutzlose ihrer Bemühungen. Der Graf hatte seinen Entschluß gefaßt, und nun konnte ihn nichts davon abbringen.

V. Mutter und Arzt

VI. Der Heiratsvertrag

Faßt einmal jemand, der sich nur selten imstande fühlt, seinen Willen auszuführen, einen Entschluß, so hält er fast immer mit besonderer Zähigkeit an ihm fest. Es gibt starke, aber träge Charaktere, die aus Liebe, aus Klugheit, aus Gleichgültigkeit die Gewohnheit angenommen haben, tatkräftigen und leidenschaftlichen Naturen nachzugeben, mit denen sie in Berührung stehen, und die geduldig die Tyrannei ertragen, der sie sich unterworfen haben. Plötzlich aber, wenn es besonders feierliche Umstände verlangen, befreien sie sich von ihrer Willenlosigkeit und werden in demselben Maße tätig und energisch, wie sie bisher untätig und träge gewesen sind.

VII. Sechs Jahre später

VIII. Enthüllungen

IX.

X.

...auf dem weißen Marmor eines Grabes, auf dem ... einer unserer Ahnen folgende lange Inschrift in großen gotischen Buchstaben las:

Hier liegt Maria de los Dolores Gomez de Sandoval y Avellaneda, erstgeborene Tochter von don Diego Gomez de Sandoval, Grafen von Castro-Xeriz, Statthalter von Kastilien, Oberkanzler des Siegels der Reinheit, Herr von Lerma, Denia, Osorno, Cea, Ayora, Villafrecho y Gomiel usw.,. usw. und seiner rechtmäßigen Gattin, der sehr edlen Dame Doña Beatriz de Avellaneda. Sie ging am 14. Tage des Februars 1425 in ein besseres Leben ein im alter von sechzehn Jahren, drei Monaten und elf Tagen.

Das seltsame Zusammentreffen ... wollte es aber, daß zu ebenderselben Stunde, die der gewählte Erzbischof von Santiago im Gebete auf dem leeren Grabe verbrachte, das jenes pomphafte Epitaph schmückte, in einem Kloster Navarras die schlichte Leichenfeier für eine arme Nonne stattfand, deren Grab nur ein Holzkreuz ohne jede Inschrift zierte.

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