ETIKA

Gedichte

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38LP34

Allein gelassen

13.4.2014

Schrecklich dringt durch Mark und Bein
einer alten Dame Schrei´n.
„Ich bleib heut nacht hier nicht allein,
will bei meinen Töchtern sein!“

Sie ist längst noch nicht verschroben,
doch man hat sie abgeschoben
ins Altenheim. ´s ist ihr zu enge.
Ihr Jammern schallt irr durch die Gänge.

Sie fürchtet sehr die Dämmernacht,
aus der sie niemals mehr erwacht,
hat Angst vor dem Zugrundegehn.
Sie glaubt nicht an ein Auferstehn.

Herzzerreißend ist ihr Flehen,
sie kann die Welt nicht mehr verstehen.
Wie verlassen diese Seele!
Bewahr mich, Herr, vor solcher Hölle!

Allein gelassen? Ohne Licht?
Nein, Gott, Du verlässt mich nicht,
denn auch ich bleib Dir ja treu.
Du erlöst, machst alles neu.

R. L., etika.com

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