ETIKA

Clemens Brentano

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38LP35

Das Lied vom Kinde

5.5.2014

Clemens Brentano: Das Lied vom Kinde

Welch Geheimnis ist ein Kind!
Gott ist auch ein Kind gewesen.
Weil wir Gottes Kinder sind,
kam ein Kind, uns zu erlösen;
welch Geheimnis ist ein Kind!
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Welch ein Bote ist ein Kind!
Jedes Wort, das es erquicket,
bis zum Himmelsgarten rinnt,
wo das Wort ward ausgeschicket.
Welch ein Bote ist ein Kind!
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Die im Himmel waren Kind,
die auch, die der Fluch getroffen;
ach, so such ein Kind geschwind,
lehr es glauben, lieben, hoffen!
Die im Himmel waren Kind!
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Wie gelehrig ist ein Kind!
So wie du es lehrest lesen
in dem Buch, in dem wir sind,
so wird einst sein ganzes Wesen.
Wie gelehrig ist ein Kind!
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Ach, wer führt dies schwache Kind?
Höll´ und Himmel stehen offen,
daß das Lamm dem Wolf entrinnt,
hat es mich wohl angetroffen.
Ach, wer führt dies schwache Kind?
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Zu mir sendet Gott das Kind,
das nicht weiß, was tun, was lassen;
wie ich gebend bin gesinnt,
wird sein Herz die Gabe fassen.
Zu mir sendet Gott das Kind!
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Wie so heilig ist ein Kind!
Nach dem Wort von Gottes Sohne
aller Kinder Engel sind
Zeugen vor des Vaters Throne.
Wie so heilig ist ein Kind!
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Welche Würde hat ein Kind!
Sprach das Wort doch selbst die Worte:
Die nicht wie die Kinder sind,
geh´n nicht ein zur Himmelspforte.
Welche Würde hat ein Kind!
Wer dies einmal je empfunden,
ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden.

Wer dies sang, war auch ein Kind.,
und ist jetzt ein armer Sünder,
und er schreibt auf Sturm und Wind:
Wachet über Gottes Kinder!
Wer dies sang, war auch sein Kind.
Herr, laß ihn dies heiß empfinden,
sich den Kindern durch das Jesuskind verbinden!

Wehe der Welt um der Ärgernisse willen!

Aus dem äußerst empfehlenswerten, zutiefst ergreifenden Buch des Priesters Gerhard Hermes: Du kommst nach Hause. Kurzgeschichten. Christiana Verlag, Stein am Rhein, 1988, S. 137f.:

„Nachher muß ich in die Stadt, und ich weiß: wenn ich an bestimmten Stellen nicht bewußt wegschaue, springen mich schamlose Bilder, Minen der Schamlosigkeit, an. Arme Kinder, armes Volk! Und wenn ich daran denke, daß außerdem in den Schulen auf die Wehrlosen ein gezieltes Trommelfeuer der Verführung niedergeht, dann packt mich der Zorn: Warum läßt der Staat, warum läßt die Kirche verzweifelnde Eltern und eine kleine Gruppe idealgesinnter Menschen allein in ihrem Kampf um die Reinheit der Jugend, gegen die moralische Zersetzung des Volkes? Schlimmer, warum leisten manche ihrer Vertreter praktisch Zuhälterdienste? Wehe der Welt um der Ärgernisse willen …!

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