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49NS86

Umerziehung

7.8.2000 – 5.9.2012 

Die Deutschen werden umerzogen - Verschiedene US-Interessen

... Bei der Politik der Reorientierung, oder, wenn man will, "Umerziehung" handelte es sich zweifellos um die Manifestation eines amerikanischen Interesses. Doch wurde dieses Interesse "teils von Imperialisten und teils von Idealisten" getragen. Der Mehrzahl der bisher vorgelegten Interpretationen der deutsch-amerikanischen Beziehungen in dem genannten Zeitraum mangelt es - das macht erst Gimbels Buch deutlich - an der nötigen differenzierenden Betrachtungsweise.

Denn die Absichten der Amerikaner bestanden nicht allein darin, Deutschland zu entmilitarisieren, die deutsche Wirtschaft zu entflechten und die Deutschen zu entnazifizieren und zu demokratisieren. Wenn es um den Kurs der Deutschlandpolitik auch ständige Meinungsverschiedenheiten zwischen Kongreß und Regierung, zwischen den Ministerien in Washington sowie mit den Alliierten gab, so konnten sich doch auch jene Kräfte durchsetzen, die der Meinung waren, es liege im eigenen Interesse, wenn man die deutsche Wirtschaft wieder aufbaue, das freie Unternehmertum fördere oder französische Pläne zur Zerstückelung Deutschlands vereitle.

Die Frage des "harten" oder "weichen" Friedens wurde auch in der amerikanischen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Henry Morgenthau und seine Anhänger warfen der Militärregierung unter General Lucius d. Clay vor, sie wäre zu "weich" und sabotiere die Direktive 1067 der "Joint Chiefs of Staffs" (JCS), die, später modifiziert durch das Potsdamer Abkommen, die Grundlage der Besatzungspolitik von 1945 bis Mitte 1947 bildete. Bezeichnend für jene ersten Jahre, in denen niemand als "Deutschenfreund" in Verruf kommen wollte, ist folgende kleine Begebenheit: Als der stellvertretende Kriegsminister Howard C. Peterson im Februar 1947 dem Bewilligungsausschuß des Repräsentantenhauses eine Liste von Gründen vorlegte, weshalb es notwendig sei, den Japanern und Deutschen Lebensmittel zu liefern, sah er sich augenscheinlich genötigt, dem Ausschuß zu versichern, er habe keine humanitären Gründe für diese Maßnahme.

Eine spürbare Wendung setzte erst im Juli 1947 ein, nachdem die Moskauer Außenministerkonferenz eine Vier-Mächte-Regelung der deutschen Frage nicht erreicht hatte. Mit der Direktive JCS 1779 leitete Außenminister George C. Marshall die zweite Etappe der amerikanischen Besatzungspolitik ein, die darauf abzielte, "eine demokratische Regierungsform entwickeln zu helfen und die Wiederherstellung einer stabilen und friedlichen Wirtschaft zu fördern". Den Grundstein zu dieser neuen Deutschlandpolitik hatte freilich schon sein Vorgänger, der soeben verstorbene James F. Byrnes, in seiner Stuttgarter Rede vom 6. September 1946 gelegt. Besonders klar arbeitet Gimbel die entscheidende Rolle heraus, die der Pragmatiker Clay spielte, sei es bei den Bemühungen um den Zusammenschluß der Zonen und die Schaffung zentraler Verwaltungsorgane, wobei es starke Widerstände von französischer, sowjetischer und bayrischer Seite zu überwinden galt, sei es bei Fragen der Demontage und der Festlegung eines neuen Industrieniveaus. ...

John Gimbel: Amerikanische Besatzungspolitik in Deutschland 1945 - 1949. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 400 Seiten. Leinen, 28 DM. (Rezension in der Stuttgarter Zeitung vom 22.4.1972, Seite 53, Rainer Lechner)