ETIKA

ANTICHRIST

14.12.1998
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D92/
92A10

De anticristo, Elia et Enoch

Linzer Antichrist, aus: Die Deutsche Literatur vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, dtv, Band I/I, 1988, S. 117ff.; alemannisches Gedicht, ca. 1170

 

Der name anticristus wirt betutit sus: christe widirwerdic wirt alliz sin dinc. (S. 108, 73)

Der Name Antichristus wird so gedeutet: Christo entgegengesetzt wird all sein Tun und Wesen.

Ze betlehem wart crist geborn.
Die wenige stat hat er ircorn
durch sine michil demvt.
Da widir zeigit der tivel den hochmvt:
babyloniam hat er ircorn,
da der entecrist werde geborn.
Daz ist ein stat so creftic,
die heidin hant cheini ir gelieh.
Von dannin
chumit er ze chorozaim
vnt zv betsayda,
daz er gezugin uverde da.
In den stetin crist manigin beruhte,
idoch er sie beide virfluchte.
Er sprach: "we dir bethsayda vñ choraizim."
Da wirt derselbe vvtgrim
ein ivnger zvare
der vbiln govcgelere.
(S. 109, 93)

In Bethlehem wurde Christus geboren.
Die geringe Stadt hat er wegen seiner großen Demut erkoren.
Dagegen zeigt der Teufel den Hochmut:
Babylon hat er erkoren, daß dort der Antichrist geboren werden soll.
Das ist eine so mächtige Stadt, die Heiden haben keine andere ihresgleichen.
Von dort
kommt er nach Chorozaim
und nach Bethsaida,
um dort aufgezogen zu werden.
In diesen Städten hat christus sich um viele bemüht, jedoch hat er sie beide verflucht:
Er sprach: "Weh dir Bethsaida und
Chorazaim."
Dort wird der Wutgrimmige gewiß ein Jünger
der schlimmen Zauberer.

 

Elias und Henoch, zwei alte Propheten, ... die sendet er (Gott) den Seinen als Obhut vor dem Antichrist ... zwei Ölbaumen gleich, weil sie so reich an Liebe sind. Sie leuchten wie zwei Leuchter und haben auch die Wahl, daß sie den Regen ganz zurückhalten ... und ihn wieder fließen lassen. Gott tut um ihretwillen starke Wunder. Manch ein Kranker geht gesund von ihnen fort. Das Wasser machen sie zu Blut; diese Kraft verleiht ihnen Gott. Wer sich ihnen widersetzt, den bringen sie alsbald in Not.

Gerade zu dieser Zeit wird dem Höllenhund das Seil gelöst... Der Antichrist kommt ... nach Jerusalem. Den Juden wird er eine Weile lieb. Den Tempel Salomons richtet er wieder auf. Drei Dinge tut er: Er hat die Macht der Wunderzeichen... Die er mit diesen Werken nicht gewinnen kann, denen gibt er kostbare Stoffe und Pelzwerk, goldene Pfunde, Silber und Edelstein und alle Ehre der Welt. Wen er damit nicht überwinden kann, denen zeigt er die dritte Weise: seine grimmige Wut.

Arm oder reich - sie müssen ihm alle gehorchen oder vor ihm flüchten. ... Etwas von ihrer Lehre: "Unser Herr (der Antichrist) ist so gut... sie (die Menschen) sind ihm alle gleich lieb. Wer ihn zum Herrn haben will, der tue, was er wolle, und ist dennoch sein Geselle." Sie machen Bilder aus Wachs dem Antichrist gleich in jeglichem Land als Erkennungszeichen. ... die Bilder beginnen zu sprechen. Wer an seiner rechten Hand den Buchstaben (das magische Zeichen) des Antichrist nicht haben will, den soll niemand leben lassen oder ihm etwas zu kaufen geben. Der Buchstabe ist so beschaffen, daß er den Namen des Antichrist enthalten soll.

Gar mancher sinnt darauf, wie er sich in Höhlen oder in der Erde verbergen könne vor der Not, die dann ist. Sver denne an keim ackir ist, der cheret allin sinin list, wie er zv dem gebirge intrinne, daz er da rvuue gewinne.

Wenn dreieinhalb Jahre vergangen sind nach solchem Wüten am Blute der Heiligen, dann hat der Wutgrimmige sein Leben ausgelebt: ... er inphahit den ewigin dôt...

Von so getanem Falle erschrickt die Welt. Was lebet, fünf Tage verzaget und drei schweigt es, so hat uns der weise Beda verkündet... Johannes sagt in der Apokalypse: Über der Welt vier Enden wird ein Schweigen sein von fast einer halben Stunde (die Zeit zwischen dem Tode der Ungerechten und der Gnade der Christen: zviskin der vnrehtin dode vnt der cristan gnade).

Wi lange denne div werlt svl stein,
daz ist allin gelieche vnchvnt.
Wie lange dann die Welt soll noch bestehen,
das ist einem jeglichen unbekannt.

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