ETIKA

APOKALYPSE

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24.5.2008

92A7

Wladimir Solowjew: Kurze Erzählung vom Antichrist

Verfasser: Wladimir Solowjew (+ 1900). Übersetzer: Karl Noetzel. Verlag: Vita Nova, Luzern. 1937, 4. Tausend. Kein Copyright-Vermerk

Bitte an den Verlag: Wenn wir das Urheberrecht verletzt haben sollten, bitten wir um kurze Nachricht. Sofort werden wir den Text zurückziehen beziehungsweise um ein Angebot bitten, unter welchen Bedingungen wir ihn weiterhin veröffentlichen dürfen. Uns geht es nicht um die literarische Bedeutung, sondern um die Prophezeiung, von deren Wahrheitsgehalt wir überzeugt sind weshalb wir glauben, der Menschheit diese wichtige Nachricht nicht vorenthalten zu dürfen. In keiner Weise handeln wir in schlechter Absicht.

Anmerkung: Die Theorie Solowjews weicht von derjenigen der Kirchenväter ab.
Der russische Philosoph, zwischen Licht und Finsternis hin- und hergerissen, durfte die Wahrheit von der Endphase verkünden, aber nur um den Preis, daß er den Anfang der Entwicklung des Antichrist falsch zeichnete.

Zusammenfassung: Die Chinesen und Japaner werden Europa unterwerfen und einige Zeit beherrschen. Die Europäer werden sich dagegen erheben, die "Vereinigten Staaten von Europa" gründen und dann wird das größte Genie der Weltgeschichte geboren, der Ausbund aller leiblichen, geistigen und sittlichen Vorzüge: der Antichrist.

Er hat nur einen Fehler, daß er sich mehr liebt wie Gott, und vom Satan verführt, geht er nach und nach darauf aus, sich an Stelle Gottes zu setzen und sich für den Erlöser der Menschheit auszugeben. Er wird Präsident der Vereinigten Staaten Europas und dann Weltkaiser. Er beruft ein Konzil nach Jerusalem ein, läßt sich "Göttliche Majestät" nennen und erhebt sein Banner gegen das Christentum. Er gewinnt auch unter den katholischen Priestern und Bischöfen gewaltigen Anhang. Der letzte Papst Petrus II. schleudert gegen ihn den Bannstrahl. Eine Zeitlang wird er unumschränkt herrschen.

Kapitel 4

Im 21. Jahrhundert stellte Europa einen Bund mehr oder weniger demokratischer Reiche dar- die Vereinigten Staaten von Europa.

Kapitel 5
Der grosse Spiritualist und Philanthrop

In dieser Zeit trat unter den Wenigen, die an den Geist glaubten, ein hervorragender Mensch auf - viele nannten ihn den "Uebermenschen" - der gleich weit entfernt war von der Kindlichkeit des Herzens wie von der des Geistes. Er war noch jung, doch dank seiner hohen Genialität genoss er mit 33 Jahren bereits weit und breit den Ruf eines grossen Denkers, Schriftstellers und geistigen Führers.

Er erkannte seine eigene grosse Begabung, doch blieb er gleichwohl dem Geist ergeben und sein klarer Verstand liess ihn stets die Wahrheit dessen erkennen, woran man glauben müsse: an das Gute, an Gott, an den Messias.

Er glaubte auch an dies alles, aber er liebte doch nur sich selber. Er glaubte an Gott, doch in der Tiefe seines Herzens zog er, unwillkürlich und ohne sich darüber klar zu sein, sich selber Gott vor, an den er dabei glaubte. Er glaubte auch an das Gute, doch das allsehende Auge der Ewigkeit wusste, dass dieser Mensch sich vor der bösen Macht beugen werde, wenn sie ihn nur zu bestechen verstehe - nicht durch Befriedigung von Gefühlen und niederen Leidenschaften und sogar nicht einmal durch die hohe Versuchung der Macht, sondern einzig und allein, indem sie sich seine grenzenlose Selbstliebe zunutze machte. Diese schien dabei durchaus nicht blosser Instinkt oder sinnlose Anmassung zu sein; denn ausser einer seltenen Genialität, Schönheit und Vornehmheit bewies dieser "Uebermensch" in höchstem Masse Enthaltung und Uneigennützigkeit.

Auch übte er eine umfassende Wohltätigkeit aus, und das alles schien die gewaltige Selbstliebe dieses grossen Spiritualisten, Asketen und Philanthropen zu rechtfertigen. Wie hätte man denn auch daraus einen Vorwurf machen können, das ein so überreich mit Gottesgaben begnadeter Mensch in diesen seinen Gaben deutliche Zeichen dafür erblickte, dass ihm ein ganz besonderes Wohlwollen von oben her zuteil geworden sei und er sich für den Zweiten nach Gott hielt, für den einzigen Sohn Gottes in seiner Art? Mit einem Wort, er hielt sich für den, der in Wahrheit Christus allein ist.

Doch dies Bewusstsein seiner höchsten Würde äusserte sich in seiner Betätigung keineswegs als sittliche Verpflichtung vor Gott und der Welt, vielmehr als sein Recht und als sein Vorzug vor allen anderen - vor allem von Christus. Anfangs war er eigentlich gar nicht Christus feindlich gesinnt: er erkannte ihm messianische Berufung und Würde zu. Doch sah er aufrichtig in Ihm nur seinen grössten Vorgänger. Sein von Selbstliebe umnebelter Geist vermochte es nicht mehr, die sittliche Tat Christi zu erfassen.

Er urteilte so: "Christus kam früher als ich; ich komme als Zweiter. Doch das, was in der Anordnung der Zeiten als später erscheint, kann dem Wesen nach überlegen sein. Ich komme als Letzter am Ende der Geschichte, gerade eben deshalb, weil ich der vollkommene, der endgültige Erlöser bin; Christus aber ist nur mein Vorläufer. Seine Berufung war, meinem Erscheinen die Wege zu bahnen und es vorzubereiten.

Und in diesen Vorstellungen befangen bezog der grosse Mann des 21. Jahrhunderts auf sich selber alles das, was im Evangelium gesagt ist über die Widerkunft des Herrn. Er deutete diese Wiederkunft nicht als eine Rückkehr dieses selben Christus; vielmehr deutete er sie so, als werde dieser vorläufige Christus endgültig ersetzt werden durch ihn selber.

Kapitel 6
Keine vergeltende Gerechtigkeit

... Daß dieser Mensch in seiner Selbstliebe so weit ging, sich selber Christus vorzuziehen, rechtfertigte er auch noch durch folgende Ueberlegung:

"... Ich werde allen Menschen das geben, was sie nötig haben. Hat Christus als Moralist die Menschlichkeit gespalten durch das Gute und das Böse, so werde ich sie wiedervereinigen durch Wohltaten, deren der Gute ebenso bedarf wie der Böse. Ich werde der wirkliche Vertreter des Gottes sein, der seine Sonne scheinen lässt über Böse und über Gerechte und der regnen lässt über Gute und über Ungerechte. Christus brachte das Schwert, aber ich werde den Frieden bringen. Er drohte der Erde mit dem furchtbaren Jüngsten Gericht, ich aber werde der letzte Richter sein, und mein Gericht wird nicht nur ein Gericht des Rechtes, sondern auch ein Gericht der Gnade sein. Zwar wird auch Gerechtigkeit sein in meinem Gericht, doch keine vergeltende, sondern eine gebende, eine austeilende Gerechtigkeit. Ich werde jeden einzelnen bedenken und jedem das geben, was er gerade nötig hat!"

Und in dieser erhobenen Stimmung erwartet er, dass Gott ihm ein deutliches Zeichen gebe, einen Anruf, um mit der neuen Rettung der Menschheit zu beginnen, irgend ein klares und erschütterndes Zeugnis dafür, dass er der älteste Sohn sei, der geliebte Erstling Gottes. ...

Er war bald 30 Jahre alt und es vergingen noch drei Jahre.

Da blitzt in seinem Geiste der Gedanke auf und durchdringt in seinem Geiste der Gedanke auf und durchdringt ihn mit Glut und Zittern bis ins Mark der Knochen:

"Aber wenn nun doch nicht ich es sein sollte, sondern jener - der Galiläer...? ...

Wo aber ist Er...? Wird Er nicht plötzlich zu mir kommen... jetzt gleich, hierher...? Was werde ich Ihm dann sagen? Ich muss mich doch dann vor Ihm neigen wie der letzte dumme Christ, wie irgend ein russischer Bauer, der sinnlos vor sich hermurmelt: Herr Jesus Christ, erbarme Dich meiner Sünden!"

So ersteht in seinem Herzen anstelle seiner früheren vernünftigen und kalten Achtung vor Gott und vor Christus so etwas wie ein Entsetzen, das in ihm wächst und aus dem sich ein brennender Neid entwickelt, der ihn erfasst und der mehr und mehr sein ganzes Wesen bedrückt, bis endlich sein Geist von wütendem Hass ergriffen wird:

"Ich, ich, aber nicht Er! Er ist gar nicht mehr unter den Lebenden und Er wird niemals mehr unter ihnen sein. Er ist nicht auferstanden, Er ist niemals auferstanden! Er verweste, Er verfaulte im Grab, Er verfaulte wie der letzte..."

7. Kapitel
Der eiskalte Hauch

Und so läuft er denn, Schaum vor dem Munde, in jagender Hast eines Nachts aus dem Hause, aus dem Garten, einen steilen Felspfad hinauf...

Allmählich legt sich seine Wut, und statt ihrer erfüllt Verzweiflung seine Seele, finster wie die Nacht. Und plötzlich steht er auf einem überhängenden Felsen vor dem Abgrund und in der Ferne, ganz unten, vernimmt er das unbestimmte Rauschen eines Stromes, der sich über Felsgestein ergiesst. Unerträglicher Gram presst sein Herz.

Plötzlich rührt sich etwas in seinem Innern:

"Soll ich Ihn anrufen - Ihn fragen, was ich tun soll?"

Und inmitten der Finsternis erblickt er ein sanftes, trauriges antlitz.

"Er bemitleidet mich...! Nein, niemals! Er ist nicht auferstanden, Er ist niemals auferstanden!"

Und er stürzt sich in den Abgrund.

Doch plötzlich hält ihn irgend etwas Elastisches, so etwas wie eine Wassersäule in der Luft fest. Er fühlt eine Erschütterung, als habe ihn ein elektrischer Schlag getroffen, und eine geheimnisvolle Kraft wirft ihn zurück.

Er verliert das Bewusstsein, und als er wieder zu sich kommt, liegt er wenige Schritte vor dem Abgrund auf den Knien.

Doch vor ihm erstrahlt in phosphorischem Licht durch den Nebel hindurch ein Gesicht, und mit unerträglich durchdringendem Glanz bohren sich zwei Augen in seine Seele.

Er blickt in diese beiden durchdringenden Augen und vernimmt - nicht wissen, ob aus seinem eigenen Innern oder ob von aussen her - eine seltsame Stimme, dumpf, wie gepresst und dabei doch deutlich, metallisch und völlig seelenlos, als komme sie aus einem Phonographen. Und diese Stimme spricht:

"Mein lieber Sohn, auf dir ruht all mein Segen. Weshalb hast du nicht mich gesucht? Weshalb hast du jenen vorgezogen, den Schlimmen, und seinen Vater? Ich bin Gott und dein Vater. Doch jener Bettler und Gekreuzigte - ist mir und dir fremd. Ich habe keinen anderen Sohn als dich. Du bist mein einziger, aus meinem Blut, mir gleich. Ich liebe dich und verlange gar nichts von dir. Du bist so schön, so gross und so mächtig! Tue dein Werk in deinem, nicht in meinem Namen. In mir ist kein Neid gegen dich, ich liebe dich, und ich will nichts von dir. Der, den du für Gott hieltest, verlangte von seinem Sohn Gehorsam, unbegrenzten Gehorsam bis zum Kreuzestod - und dann half er ihm nicht einmal am Kreuz. Ich aber verlange gar nichts von dir, und ich werde dir helfen. Um deiner selbst willen, um deiner eigenen Würde und deiner eigenen Vorzüge willen und aus meiner reinen, selbstlosen Liebe zu dir werde ich dir helfen. Nimm meinen Geist an. Wie damals mein Geist dich erstehen liess in Schönheit, so wird er dich jetzt neu erstehen lassen in der Kraft!"

Bei diesen Worten des Unsichtbaren pressten sich unwillkürlich die Lippen des Uebermenschen zusammen, es näherten sich seinem Gesicht die zwei durchdringenden augen und er fühlte, wie ein eiskalter Hauch von ihnen ausging und sein ganzes Wesen erfüllte.

Aber gleichzeitig fühlte er auch eine vordem nie gekannte Kraft, Kühnheit, Leichtigkeit und Begeisterung.

In diesem Augenblick verschwanden plötzlich das leuchtende Antlitz und die beiden augen, irgend etwas hob den Uebermenschen von der Erde empor und liess ihn dann wieder nier in seinem Garten, an der Tür seines Hauses.

8. Kapitel
"Der Weg zum Frieden und Wohlstand"

Am nächsten Tage waren nicht nur die Besucher des grossen Mannes, sondern auch seine Diener ganz erstaunt über die Begeisterung seines Ausdrucks.

Sie wären aber noch mehr betroffen gewesen, hätten sie sehen können, mit welcher übermenschlichen Schnelligkeit und Leichtigkeit er später, eingeschlossen in seinem Schreibzimmer, sein berühmtes Werk schrieb unter dem Titel "Der offene Weg zum Frieden und Wohlstand auf der ganzen Erde". ...

Durch sein neues Werk .. versöhnte der Uebermensch sogar einige von seinen früheren Kritikern und Gegnern.

Dieses Buch, das er geschrieben hatte gleich nach seinem Abenteuer an jenem abgrund, offenbarte eine vorher nie dagewesene Kraft des Genies in ihm. Das war etwas Allumfassendes, das alle Widersprüche löste. Hier vereinigten sich vornehme Ehrfurcht vor den Ueberlieferungen und Symbolen der Vergangenheit mit weitem und kühnem Radikalismus in den gesellschaftlich-politischen Forderungen und Hinweisen, unbegrenzte Freiheit des Gedankens mit tiefstem Verständnis für alles Mystische, bedingungsloser Individualismus mit warmer Hingabe an das Allgemeinwohl, erhabenster Idealismus der leitenden Grundgedanken mit voller Bestimmtheit und Lebendigkeit der praktischen Entscheidungen.

Und das war alles in einem so genialen Künstlertum zu einem solchen Ganzen zusammengeschlossen, dass jeder einseitige Denker oder Politiker sehr leicht das Ganze nur unter seinem rein persönlichen Gesichtspunkt auffassen konnte, ohne irgend etwas für die Wahrheit selbst zu opfern, ohne sich irgendwie um ihretwillen tatsächlich über sein Ich zu erheben und ohne wirklich im geringsten abzulassen von seiner Einseitigkeit oder irgendwie die Fehlerhaftigkeit seiner Anschauungen und Bestrebungen auszugleichen oder ihre Lücken auszufüllen.

Dieses erstaunliche Buch ward sogleich in alle Sprachen übersetzt, in die Sprache aller gebildeten und selbst einiger ungebildeter Völker.

Tausend Zeitungen in allen Teilen der Welt waren ein ganzes Jahr hindurch völlig angefüllt mit begeisterten Anpreisungen der Verleger und den ebenso begeisterten Auslassungen der Kritiker.

Billige Ausgaben mit dem Bild des Autors wurden in Millionen von Exemplaren verbreitet und die ganze Kulturwelt ... war erfüllt vom Ruhme dieses unvergleichlichen, grossen und einzigartigen Menschen.

Niemand widersprach diesem Buch, es kam jeden einzelnen vor wie eine Offenbarung der ganzen Wahrheit.

Allem Vergangenen widerfuhr in diesem Buche volle Gerechtigkeit, alles Gegenwärtige war so unvoreingenommen und so allseitig gewertet und das beste Zukünftige war greifbar und überzeugend angeknüpft an das Gegenwärtige, dass ein jeder sah:

"Das ist gerade das, was wir nötig haben. Da ist endlich einmal ein Ideal, das keine Utopie, nichts Ausgedachtes, keine Chimäre ist!"

Und der wunderbare Schriftsteller zog nicht nur alle zu sich hin, er war auch einem jeden angenehm.

Und so erfüllte sich das Wort Christi:

"Ich kam im Namen des Vaters und Ihr nehmt mich nicht auf, es wird aber ein anderer kommen in seinem eigenen Namen, und den werdet Ihr aufnehmen!"

Um aufgenommen zu werden, muss man ja angenehm sein!

Freilich, einige fromme Leute, die dieses Buch aufs wärmste lobten, stellten sich gleichwohl die Frage, warum in der Schrift eigentlich kein einziges Mal Christus erwähnt werde. Doch die anderen Christen antworteten:

"Gott sei Dank! Hat man nicht in früheren Jahrhunderten oft genug von seiten unberufener Eiferer alles Heilige entweiht? Schon aus diesem Grund muss ein tiefreligiöser Schriftsteller heute sehr vorsichtig sein. Ist aber einmal der Inhalt des Buches durchdrungen vom aufrichtigen christlichen Geist der tätigen Liebe und des allumfassenden Wohlwollens, was wollen wir dann noch mehr?"

Und damit gab man sich zufrieden.

9. Kapitel
Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa

Sehr bald nach dem Erscheinen des "Offenen Weges", der seinen Verfasser zu den volkstümlichsten aller Menschen machte, die jemals auf Erden gelebt hatten, sollte in Berlin die konstituierende Versammlung des Bundes der europäischen Staaten stattfinden.

Dieser Bund hatte sich nach einer Reihe innerer und äusserer Kriege gebildet, die mit der Befreiung vom mongolischen Joch zusammenhingen und die Karte Europas beträchtlich verändert hatten. Nunmehr war aber dieser Bund gefährdet durch Konflikte - nicht mehr durch solche der einzelnen Nationen, sondern der politischen und nationalen Parteien.

Die Leiter der allgemeinen europäischen Politik - sie gehörten der mächtigen Brüderschaft der Freimaurer an - kamen zu der Überzeugung, dass es vor allem an einer allumfassenden ausführenden Gewalt mangle. Die mit so grosser Mühe zustande gekommene europäische Einheit war jeden Augenblick in Gefahr, wieder auseinanderzufallen. In dem Vorstand des Bundes oder der Oberverwaltung (Comité permanent universel) herrschte keine Eintracht, da es nicht gelungen war, alle Stellen mit wirklich "eingeweihten" Freimaurern zu besetzen.

Die unabhängigen Mitglieder des Komitees trafen also untereinander Sonderabkommen, und damit drohte ein neuer Krieg auszubrechen.

Da beschlossen die "Eingeweihten", die ausführende Gewalt einer einzigen Person zu übertragen mit hinreichenden Vollmachten. Der Hauptkandidat war das geheime Mitglied des Ordens, eben "der kommende Mann".

Er war die einzige Persönlichkeit, die in der ganzen Welt berühmt war. Da er seinem Beruf nach wissenschaftlicher Artillerist, seinem Vermögen nach aber Grosskapitalist war, unterhielt er überall freundschaftliche Beziehungen zu Finanz- und Militärkreisen.

In einer weniger aufgeklärten Zeit hätte der Umstand ihm geschadet, dass seine Herkunft in tiefem Dunkel lag. Seine Mutter, eine Person fragwürdigen Vorlebens, war zwar in beiden Hälften der Erde sehr wohl bekannt, doch hatten viel zu viele Persönlichkeiten den gleichen Anlass, sich für den Vater des Uebermenschen zu halten. Natürlich konnte dieser Umstand keinerlei Bedeutung haben für so ein fortschrittliches Jahrhundert, das sogar das letzte sein sollte.

Der "kommende Mann" wurde fast einhellig zum Präsidenten auf Lebenszeit der Vereinigten Staaten von Europa ernannt, und als er auf der Tribüne erschien, im vollen Glanze seiner übermenschlichen Schönheit und Kraft, und er in begeisterter Rede sein weltumfassendes Programm darlegte, beschloss die hingerissene Versammlung in einem Ausbruch von Enthusiasmus, ihm ohne Abstimmung die höchste Ehrung zu gewähren, indem sie ihn zum "Römischen Kaiser" ernannte.

Unter allgemeinem Jubel ward der Kongress geschlossen.

10. Kapitel
Friedensmanifest begeistert Weltbevölkerung

Der große Auserwählte erliess ein Manifest, und das begann mit den Worten:

"Völker der Erde, meinen Frieden gebe ich Euch!"

Und es schloss mit den Worten:

"Völker der Erde! Es erfüllten sich die Verheissungen! Der ewige Friede ist der ganzen Welt gesichert. Jeder Versuch, ihn zu stören, begegnet sofort einem unüberwindlichen Widerstand. Denn von jetzt an gibt es auf der ganzen Erde nur noch eine vereinheitlichte Macht, die stärker ist als alle übrigen Mächte, einzeln und zusammengenommen. Diese durch nichts zu brechende, alles niederschmetternde Gewalt gehört mir, dem bevollmächtigten Auserwählten Europas, dem Herrscher über alle diese Kräfte. Bis jetzt hatte das Völkerrecht keine Sanktion, die es genügend schützte. Von nun an wird aber keine Macht mehr zu sagen wagen: "Krieg!", wenn ich sage: "Friede!" Völker der Erde, Friede sei mit Euch!"

Dieses Manifest hatte den gewünschten Erfolg. Ueberall ausserhalb Europas, besonders in Amerika, entstanden mächtige imperialistische Parteien, und diese zwangen ihre Staaten, sich unter den verschiedensten Bedingungen mit den Vereinigten Staaten von Europa zu vereinigen unter der Oberhoheit des Römischen Kaisers.

Unabhängig blieben nur noch einige Stämme und kleine Reiche irgendwo in Asien und Amerika. Doch mit einem nicht sehr zahlreichen, aber auserwählten Heere aus Russen, Deutschen, Polen, Ungarn und Türken machte der Kaiser einen militärischen Spaziergang von Ostasien bis Marokko und unterwarf - fast ohne Blutvergiessen - alle noch unbotmässigen Völker.

In allen Ländern beider Erdhälften setzte er seine Statthalter ein, die er aus den europäisch gebildeten und ihm unbedingt ergebenen einheimischen Grossen wählte. In allen heidnischen Ländern aber verkündete die begeisterte Bevölkerung, er sei die oberste Gottheit.

Im Verlaufe von einem Jahre war das politische Problem gelöst, die Weltmonarchie im eigentlichen und wörtlichen Sinne begründet. Die Wurzeln des Krieges waren ausgerissen für immer. Der Weltbund der Pazifisten versammelte sich zum letzten Mal, um den Weltfriedenskaiser begeistert zu preisen, und löste sich dann auf, weil sein Ziel erreicht war.

Am Jahrestag seines Regierungsantritts erliess dann der Weltkaiser ein neues Manifest:

"Völker der Erde! Ich versprach Euch den Frieden, und ich gab ihn Euch. Doch der Friede wird erst schön durch den Wohlstand. Wem in der Welt Not und Armut droht, für den ist auch der Friede kein Gut. So kommt denn jetzt zu mir alle, die Ihr hungert und Kälte leidet, ich will Euch sättigen und ich will euch erwärmen!"

Darauf verkündete er jene einfache und allumfassende soziale Reform, die er bereits in seinem Werke umrissen und die schon damals alle edlen und nüchternen Geister gewonnen hatte.

Da er die Weltfinanzen leitete und zudem über gewaltige Bodenreichtümer verfügte, gelang es ihm leicht, die verheissene Reform durchzuführen nach dem Wunsche der Armen und ohne dass dabei die Reichen empfindlich gekränkt wurden. Jeder erhielt seinen Anteil an den Gütern dieser Welt nach den Fähigkeiten, die sich in seiner Leistung und in seinen Verdiensten erwiesen.

Der neue Herrscher war ein mitleidiger Menschenfreund, ja ein Tierfreund. Er lebte vegetarisch, er verbot die Vivisektion und führte eine strenge Aufsicht über die Schlachthäuser ein; überall standen die Tierschutzvereine unter seinem ganz besonderen Schutz. (Anmerkung etika.com: Merkwürdig, wie da der hl. Basilius, Isaak von Ninive, Gertrud die Große, Franziskus von Assisi, Luis von Granada, Richard Wagner, Peter Rosegger, Rosa Luxemburg, Manfred Kyber, Adolf Hitler, Gilbert K. Chesterton, Theresia von Konnersreuth, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, Ernesto Cardenal und Solowjews Antichrist in einem Bund zusammengeschlossen sind.)

Weit wichtiger als dies aller aber war, dass er als Grundsatz der Gleichheit innerhalb der ganzen Menschheit die Gleichheit in der allgemeinen Sättigung durchführte.

Dies geschah im zweiten Jahr seiner Regierung. So waren denn die soziale und die wirtschaftliche Frage endgültig gelöst.

11. Kapitel
Der Wundertäter Apollonius

Wenn nun aber auch für die Hungernden die Sättigung das Allerwichtigste ist, so wünschen die Satten etwas ganz anderes.

Selbst die satten Tiere wollen gewöhnlich nicht nur schlafen, sondern auch spielen. Umso mehr die Menschheit. Immer noch hat sie nach dem Brote auch nach Spielen verlangt.

Der kaiserliche Uebermensch begriff sehr wohl, was seine Massen nötig hatten. Es war zu dieser Zeit gerade aus dem fernen Osten ein grosser Wundertäter zu ihm nach Rom gekommen, den wie eine dichte Wolke seltsame Fabeln und wilde Legenden umgaben. Nach Gerüchten, die unter Neubuddhisten verbreitet waren, sollte er göttlichen Ursprungs sein und vom Sonnengott Surja und einer Flussnymphe abstammen.

Dieser Wundertäter mit Namen Apollonius, zweifellos ein genialer Mensch, halb Asiate und halb Europäer, katholischer Bischof in partibus infidelium, hatte es in erstaunlicher Weise verstanden, sich die letzten theoretischen Ergebnisse und technischen Anwendungen der westlichen Wissenschaft in gleicher Weise anzueignen wie das Wissen und die Beherrschung alles dessen, was es an tatsächlich Feststehendem und Bedeutendem in der überlieferten Mystik des Ostens gab.

Die Ergebnisse dieses geistigen Zusammenfassung waren erstaunlich.

So vermochte er zum Beispiel, ausser anderen zahllosen Zauberkünsten halb magischer, halb wissenschaftlicher Art, die Elektrizität aus der Luft anzuziehen und beliebig zu leiten - "das Feuer vom Himmel zu nehmen", sagte das Volk.

Und wenn er auch die Einbildungskraft der Massen immer wieder im Bann hielt durch durch mannigfaltige, unerhörte Gaukeleien, so war er doch durchaus nicht gewillt, seine Macht zu missbrauchen zu irgendwelchen kleinlichen Zielen.

Dieser Mann kam nun zu dem grossen Kaiser, verneigte sich vor ihm wie vor dem wirklichen Sohne Gottes und liess ihn wissen, er habe in den Geheimbüchern des Ostens unmittelbare Hinweise gefunden auf ihn, den Kaiser, als auf den letzten Retter und Richter dieser Erde. Und er bot ihm seine Dienste an und stellte ihm alle seine Künste zur Verfügung.

Der Kaiser war entzückt und nahm ihn auf wie ein Geschenk von oben. Er schmückte ihn mit prunkvollen Titeln und konnte sich gar nicht mehr von ihm trennen.

Und so empfingen denn die Völker der Erde durch die Güte ihres Herrschers ausser dem Weltfrieden und ausser allgemeiner Sättigung auch noch die Möglichkeit, sich ohne Unterlass zu ergötzen an den mannigfaltigsten und unerwartetsten Wundern und Zaubereien.

So ging das dritte Jahr der Herrschaft des Uebermenschen zu Ende.

12. Kapitel
Die Kirche der Zukunft formiert sich

Nach der glücklichen Lösung der politischen und der sozialen Frage war das einzige, was noch zu lösen blieb, die religiöse Frage. Der Kaiser griff auch sie auf - und vor allem im Hinblick auf das Christentum.

Die Zahl der Bekenner des Christentums war damals sehr gering geworden; auf dem ganzen Erdball zählte man nicht mehr als 45 Millionen Christen. Dafür aber hatte sich das Christentum sittlich gestärkt (Anm. etika.com: freilich erst, wenn das Problem Montserrat etc. gelöst sein wird) und innerlich gefestigt, an Tiefe und Kraft also gewonnen, was es an Verbreitung verloren hatte.

Menschen, die keinerlei geistiges Band mit dem Christentum verknüpfte, gab es damals nicht mehr unter den Christen.

Die einzelnen Bekenntnisse hatten ziemlich gleichmässig an Bekennern eingebüsst, sodass sie untereinander fast in dem früheren Verhältnis standen. Was aber ihre Empfindungen zu einander anbetraf, so war zwar die alte Feindschaft nicht völlig erloschen, aber gleichwohl beträchtlich gemildert, und die Gegensätze hatten ihre frühere Schärfe verloren.

Das Papsttum war schon längst aus Rom vertrieben worden und hatte nach langen Irrfahrten in Petersburg Asyl gefunden - unter der Bedingung, sich dort und im Innern des Landes jeder Propaganda zu enthalten. In Russland aber war der Katholizismus in seiner äusseren Erscheinung viel einfacher geworden. Ohne im wesentlichen den unerlässlichen Beistand seiner Kollegien und Offizien zu vermindern, war das Papsttum genötigt worden, deren Charakter zu vergeistigen und die äussere Repräsentation auf das geringste Mass zu beschränken.

Viele seltsame und verführerische Gebräuche waren zwar nicht in aller Form abgeschafft worden, wohl aber ausser Gebrauch gekommen.

In allen übrigen Ländern, besonders in Nordamerika, hatte die katholische Hierarchie noch zahlreiche Vertreter mit festem Willen, nie erlahmender Energie und in unabhängiger Lage. (Anm. etika.com: Damit sind wohl kaum die jetzigen Repräsentanten gemeint; von etlichen davon haben wir schlimmste Sachen gehört; gemeint sind jene christustreuen Kräfte, denen die Zukunft gehört und von denen etliche wie wir das Internet-Apostolat betreiben.) Und alle diese neuen Verfechter des Katholizismus bestanden noch machtvoller als die einstigen auf der Einheit der katholischen Kirche und ihrem Anspruch auf eine alle Völker umfassende kosmopolitische Bedeutung.

Der Protestantismus, dessen Hauptvertreter nach wie vor Deutschland war, zumal sich ein beträchtlicher Teil der anglikanischen Kirche mit der katholischen vereinigt hatte (Anm.: der Prozess ist in Gang gekommen), war damals von seinen radikalsten verneinenden Tendenzen befreit. Die Anhänger dieser Strömungen waren offen übergegangen zum religiösen Indifferentismus (Anm.: Gleichgültigkeit) und zum Unglauben (Anm.: großteils bereits eingetreten).

In der evangelischen Kirche (Anm.: der wirklichen, nicht der offiziellen) blieben nur aufrichtige Gläubige zurück und ihre (Anm.: geistige) Führung bestand aus Leuten, die weite Gelehrsamkeit mit tiefer Religiosität verbanden und mit einem immer stärker werdenden Bestreben, in sich selber ein lebendiges Beispiel des alten wahren Christentums erstehen zu lassen.

Die russische Rechtgläubigkeit hatte infolge der politischen Begebenheiten ihren offiziellen Charakter eingebüsst und damit zwar Millionen ihrer scheinbaren Anhänger, die sich dem Namen nach zu ihr bekannten, verloren, dafür aber die grosse Freude erlebt, dass der beste Teil der Altgläubigen sich wieder mit ihr vereinigte und sogar noch eine grosse Zahl Sektierer von positiv religiöser Richtung.

Diese innerlich erneuerte Kirche nahm zwar nicht an Bekennern zu, begann dafür aber zu wachsen in der Kraft des Geistes. Sie bewies das besonders in ihrem inneren Kampf mit radikalen Sekten, deren Zahl im einfachen Volke und in der Gesellschaft immer mehr zunahm (nach Nord, Mittel- und Südamerika jetzt auch in Russland und Europa) und die dabei durchaus nicht des dämonischen und satanischen Elementes entbehrten.

13. Kapitel
Einladung zum ökumenischen Konzil

In den ersten zwei Jahren der neuen Herrschaft hatten alle Christen, erschreckt und ermüdet durch unaufhörliche Revolutionen und Kriege, dem neuen Herrscher und seinen Friedensreformen teils in wohlwollender Erwartung, teils mit entschiedener Zustimmung und sogar mit warmer Begeisterung gegenübergestanden.

Doch im dritten Jahre, als der grosse Magier auftrat, erwachten in vielen Rechtgläubigen, Katholiken und Protestanten plötzlich ernsthafte Befürchtungen und Antipathien.

Die Stellen im Evangelium und bei den Aposteln, die von dem Fürsten dieser Welt handeln und von dem Antichristen, wurden aufmerksam gelesen und eifrig gedeutet.

An gewissen Anzeichen erriet der Kaiser sehr wohl, dass sich ein Gewitter gegen ihn zusammenzog, und er beschloss, dem zuvorzukommen.

Zu Beginn des vierten Jahres seiner Regierung erliess er ein Manifest "An alle seine treuen Christen ohne Unterschied des Bekenntnisses" und lud sie ein, bevollmächtigte Vertreter zu erwählen zu einem ökumenischen Konzil unter seiner Leitung.

Seine Residenz war inzwischen von Rom nach Jerusalem verlegt worden. (Anm.: Dies bestätigen die Kirchenväter und -lehrer. Deshalb ist es besonders wichtig für uns, die Vorgänge in Rom und Jerusalem aufmerksam zu beobachten. ) Palästina war damals ein freies Reich, das hauptsächlich von Juden bewohnt und regiert wurde. Jerusalem war eine unabhängige Stadt (Anm.: der Vatikan fordert mit Recht einen internationalen Status für Jerusalem) und wurde nunmehr zur kaiserlichen Residenz.

Die christlichen Heiligenbilder blieben unberührt, doch auf der ganzen weiten Plattform Charam-esch-Scherif, von Birket-Israin und der jetzigen Kaserne auf der einen Seite bis zur Moschee Aksa und den "Ställen Salomons" auf der anderen Seite, ward ein einziges gewaltiges Gebäude aufgeführt. Es barg in sich, ausser zwei alten kleinen Moscheen, den geräumigen "Kaiserlichen Tempel zur Vereinigung aller Kulte" und dann noch zwei prunkvolle Schlösser mit Bibliotheken, Museen und besonderen Räumlichkeiten für magische Versuche und Uebungen.

In diesem Gebäude, halb Tempel, halb Schloss, sollte am 14. September das ökumenische Konzil eröffnet werden.

Da das evangelische Bekenntnis eine Hierarchie im eigentlichen Sinne gar nicht kennt, beschlossen die katholischen und die rechtgläubigen Hierarchen, einem Wunsche des Kaisers entsprechend und um der Vertretung aller Teile der Christenheit eine gewisse Gleichförmigkeit zu geben, eine ganz bestimmte Anzahl von solchen Laien zum Konzil zuzulassen, die bekannt waren durch ihre Frömmigkeit und durch ihre Treue zur Kirche.

Waren aber einmal Laien zugelassen, so konnte man auch die niedere Geistlichkeit nicht ausschließen, weder die schwarze noch die weisse.

So betrug denn die Gesamtzahl der Mitglieder des Konzils mehr als 3000. Dazu hatte noch eine halbe Million christlicher Pilger aus der ganzen Welt Jerusalem und ganz Palästina überschwemmt.

14. Kapitel
Die Führer der Christenheit

Unter den Mitgliedern des Konzils ragten besonders drei hervor. Erstens Papst Peter II. Er stand mit Recht an der Spitze des katholischen Teils des Konzils. Sein Vorgänger war auf dem Wege zum Konzil gestorben, und es hatte dann in Damaskus ein Konzil stattgefunden, welches einstimmig den Kardinal Simone Barionini zum Papst wählte. Der hatte dann den Namen Peter angenommen. Er stammte aus dem einfachen Volk, aus der Umgegend von Neapel und war bekannt geworden als Prediger des Karmeliterordens. Als solcher hatte er grosse Verdienste im Kampfe mit einer satanischen Sekte, die in Petersburg und seiner Umgebung gewaltig zugenommen hatte und nicht nur (Anm. Solowjew meint orthodoxe) Rechtgläubige, sondern auch Katholiken verführte (Anm.: vermutlich ist es die nämliche, die derzeit im Vatikan ihr Unwesen treibt und über die Malachi Martin in dem Buch "El último Papa" berichtet.) Er ward zum Erzbischof von Mohilew ernannt und dann auch zum Kardinal. Schon früher hatte man ihn für die Tiara in Vorschlag gebracht.

Papst Peter war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, von mittlerem Wuchs und kräftigem Körperbau, mit rotem Gesicht, gebogener Nase und dichten Augenbrauen. Er war ein heftiger Eiferer, er sprach mit Feuer und mit stark ausholenden Bewegungen und er riss seine Zuhörer mehr mit sich fort als dass er sie überzeugte.

Zu dem Weltenkaiser verhielt sich der neue Papst misstrauisch und nicht wohlwollend, und das besonders, nachdem der verstorbene Papst auf seiner Reise zum Konzil dem Drängen des Kaisers nachgegeben und den kaiserlichen Kanzler und grossen Weltmagier zum Kardinal ernannt hatte, jenen exotischen Bischof Apollonius, den Peter für einen zweifelhaften Katholiken, aber für einen unzweifelhaften Schwindler hielt.

Der tatsächliche, wenn auch inoffizielle Führer der Rechtgläubigen war Vater Johann, sehr bekannt im einfachen russischen Volk. Obgleich er offiziell für einen Bischof im Ruhestand galt, lebte er keineswegs im Kloster, sondern wanderte von einem Orte zum andern.

Ueber ihn gingen verschiedene Legenden. Einige behaupteten, es sei in ihm Fedor Kusmitsch auferstanden, d. h. der Kaiser Alexander I., der vor 300 Jahren geboren war. Einige gingen noch weiter und behaupteten, dies sei der wirkliche Vater Johann, d. h. der Apostel Johannes, der Theologe: Er sei in Wahrheit niemals gestorben und trete in letzter Zeit ganz offen auf. Selber sagte Vater Johann nicht das Geringste über seinen Ursprung und seine Jugend.

Jetzt war Vater Johann ein hochbetagter, aber noch rüstiger Greis. Haupthaar und Bart zeigten bereits einen gelblichen, ins Grünliche übergehenden Schimmer. Er war hochgewachsen und von hagerer Gestalt. Dabei waren seine Wangen voll und leicht gerötet. Seine Augen zeigten lebhaften Glanz, und der Ausdruck seines Gesichtes und auch seine Reden waren von rührender Güte. Er trug stets ein weisses Priestergewand mit einem Ueberwurf.

An der Spitze der evangelischen Teilnehmer an dem Konzil stand der sehr gelehrte deutsche Theologe Professor Ernst Pauli. Das war ein vertrocknetes altes Männchen von nicht hohem Wuchs mit einer gewaltigen Stirn, spitziger Nase und glattrasiertem Kinn. Seine Augen hatten einen eigenartigen wild-gutmütigen Ausdruck. Er rieb sich beständig die Hände, schüttelte in einemfort den Kopf, verzog furchtbar die Augenbrauen und liess die Lippen hängen. Dabei pflegte er mit funkelnden Augen mürrisch abgerissene Laute von sich zu geben: So! Nun ja! So also! Er trug ein feierliches Gewand: eine weisse Krawatte und einen langen Pastorenrock, geschmückt mit irgendwelchen Orden.

15. Kapitel
Die Katholiken fallen um

Die Eröffnung des Konzils war sehr eindrucksvoll. Zwei Drittel des gewaltigen Tempels, der gewidmet war "Der Einheit aller Kulte", nahmen Bänke und andere Sitze für die Teilnehmer des Konzils ein, ein Drittel wurde ausgefüllt von einer hohen Tribüne. Dort standen ausser dem kaiserlichen Thron und noch einem anderen Thronsessel, der ein wenig niedriger und für den grossen Magier, nunmehr Kardinal und kaiserlichen Kanzler, bestimmt war, eine Reihe von Sesseln, ein wenig nach der Wand zu, für die Minister und die Hof- und Staatssekretäre. An der Seite sah man aber noch längere Reihen von Sesseln, deren Bestimmung niemand kannte.

Auf den Galerien befanden sich Musikorchester, während auf dem angrenzenden Platz zwei Garderegimenter aufgestellt waren und eine Batterie, um feierliche Salven abzugeben.

Die Teilnehmer des Konzils hatten bereits in ihren verschiedenen Kirchen ihre Gottesdienste abgehalten, und die Eröffnung des Konzils sollte in weltlicher Weise vor sich gehen.

Als der Kaiser eintrat mit dem grossen Magier und seinem Gefolge und das Orchester den "Marsch der vereinigten Menschheit" spielte, der zugleich die kaiserliche internationale Hymne war, erhoben sich alle Teilnehmer des Konzils von ihren Sitzen, schwenkten ihre Hüte und riefen dreimal laut: "Vivat! Hurrah! Hoch!"

Der Kaiser stellte sich neben den Thron, streckte in erhabenem Wohlwollen die Hand aus und sprach mit klangvoller, angenehmer Stimme:

"Christen aller Bekenntnisse! Meine geliebten Untertanen und Brüder! Von Anbeginn meiner Regierung an, die der Höchste durch so wundervolle und grosse Taten segnete, fand ich kein einziges Mal Anlass, mit Euch unzufrieden zu sein. Stets habt Ihr Eure Pflicht erfüllt in eurem Glauben und nach 'eurem Gewissen.

Doch das ist mir nicht genug! Meine aufrichtige Liebe zu euch, teure Brüder, dürstet darnach, erwidert zu werden.

Ich wünsche, dass Ihr nicht aus dem Gefühle der Pflicht, vielmehr aus der Empfindung herzlicher Liebe mich anerkennt als Euren wahrhaftigen Führer in allem und jedem, was zum Heil der Menschheit unternommen wird. Und da möchte ich denn Euch über das hinaus, was ich für alle tue, ganz besondere Gnaden erweisen.

Christen, womit könnte ich Euch beglücken? Was soll ich Euch geben, nicht als meinen Untertanen, vielmehr als meinen Glaubensgenossen, als meinen Brüdern? Christen! So sagt mir doch, was Euch mehr als alles teuer ist im Christentum, damit ich nach dieser Richtung meine Bemühungen lenke?"

Er hielt inne und wartete. Dumpfes Murmeln vernahm man im Tempel. Die Mitglieder des Konzils flüsterten untereinander.

Papst Peter gestikulierte heftig und sagte etwas zu seiner Umgebung.

Professor Pauli schüttelte das Haupt und bewegte die Lippen.

Vater Johann hatte sich einem östlichen Bischof und einem Kapuziner zugeneigt und flüsterte ihnen irgend etwas zu.

Der Kaiser wartete einige Minuten und wandte sich dann von neuem an das Konzil in ganz dem gleichen freundlichen Ton, doch in seine Rede mischte sich auch eine kaum merkliche Note von Ironie:

"Liebe Christen", sprach er, "ich verstehe, wie schwierig es für Euch ist, mir eine bestimmte Antwort zu geben. Ich will Euch auch hierin helfen. Unglücklicherweise seid Ihr ja schon seit undenklichen Zeiten in verschiedene Bekenntnisse und Parteien gespalten. Darum gibt es vielleicht für Euch gar keinen einzigen allgemeinen Wunsch. Wenn Ihr aber nicht unter einander einig werden könnt, so hoffe ich, alle eure Parteien dadurch zufrieden zu stellen, dass ich ihnen allen die gleiche Liebe erweise und die gleiche Bereitschaft, das wahrhafte Verlangen eines jeden zu befriedigen!

Liebe Christen! Ich weiss, dass für viele von Euch und nicht für die letzten unter Euch am allerteuersten die geistige Autorität ist, die das Christentum seinen gesetzlichen Vertretern gewährt - nicht zu deren persönlichem Vorteil natürlich, vielmehr zum Wohle aller, da ja auf dieser Autorität die geregelte geistige Ordnung beruht und die sittliche Disziplin, die niemand entbehren kann.

Meine lieben Brüder Katholiken! Oh, wie verstehe ich Eure Anschauung und wie gern möchte ich meine Macht stützen auf die Autorität Eures geistigen Oberhauptes!

Damit Ihr nun nicht glaubt, dies sei Schmeichelei und ein leeres Wort - so erklären Wir in aller Feierlichkeit: In Uebereinstimmung mit Unserem Willen als Selbstherrscher wird der oberste Bischof aller Katholiken, der römische Papst, von nun an wieder eingesetzt auf seinen Thron in Rom, mit allen früheren Rechten und Privilegien dieser Berufung und dieses Sitzes, die irgendwann von Unseren Vorgängern gegeben wurde, angefangen von Kaiser Konstantin dem Grossen!

Von Euch aber, meine katholischen Brüder, wünsche ich dafür nur die innere herzliche Anerkennung meiner Person als Eurem einzigen Verteidiger und Beschützer.

Wer seinem Gewissen und seinem Gefühle nach mich als solchen anerkennt, der möge hierher zu mir treten!"

Und er wies auf die leeren Plätze auf der Tribüne.

Und mit Freudenrufen: "Gratias agimus, Domine! Salvum fac magnum imperatorem -" schritten fast alle Fürsten der katholischen Kirche, Kardinäle und Bischöfe, der grösste Teil der gläubigen Laien und mehr als die Hälfte der Mönche auf die Estrade, verbeugten sich tief nach dem Kaiser zu und nahmen ihre Sessel ein. (Anmerkung etika.vom: Welche Parallele zu der von den Traditionalisten geschilderten Situation von heute! Als ob schon jetzt ...)

Doch unten in der Mitte der Versammlung sass kerzengerade aufgerichtet und unbeweglich wie ein Marmorbild Papst Peter II.

Alle, die ihn umgeben hatten, sassen jetzt auf der Tribüne. Doch die gelichtete Reihe der Mönche und Laien, die unten geblieben waren, näherte sich ihm und bildete um ihn einen dichten Ring. Und von dort her vernahm man verhaltenes Flüstern: Non praevalebunt, non praevalebunt portae inferni!

Fortsetzung 16.

Erstaunt blickte der Kaiser auf den unbeweglichen Papst. Und von neuem erhob er seine Stimme: ...

Man kaufe das Buch selbst und bestelle es in einer Buchhandlung oder hole es in einer Bücherei.

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