ETIKA D92

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9.2.2002

92FM9

Wie der Freimaurer Verhaegen starb

M. Th. Baur, in: A. M. Weigl: Der wichtigste Augenblick

Das liberale Brüssel der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts (Anm. 1870 etc.) war außer sich vor Begeisterung. Verhaegen war der Mann des Tages. Verhaegen war der gefeierte Großmeister der Mutterloge der Hauptstadt, der es verstanden hatte, Brüssel gleich Frankreich frei zu machen von allen religiösen Einflüssen.

Sein besonderer Triumph war es, die Sterbestunde der Logenbrüder von einer etwaigen Störung durch Priester und Kirche sichergestellt zu haben. Er war es, der den Gedanken zum Gesetz der Loge erhob, daß am Sterbebett jeden "Bruders" drei von ihm auserwählte und rechtsgültig ernannte Logenbrüder wachen und Sorge tragen mußten, daß kein Priester gerufen werden konnte. Jedem von ihnen wurde die schriftliche, unwiderrufliche Ermächtigung hiezu in die Hand gegeben, der zufolge er auch auf die testamentarisch festgelegte Enterbung des Familienmitgliedes hinweisen konnte, das es zu wagen versuchte, einen Geistlichen zu benachrichtigen.

Verhaegen wurde gefeiert wie ein Held, der große Schlachten geschlagen hat. Nun wollte er reisen und in Frankreich und Italien die Menschen sammeln und begeistern, um auch bei ihnen das ziel zu erreichen: Bewußt und in der Sterbestunde erst recht los von Kirche und Priestern. Seine Reise durch Frankreich war für ihn ein großer Erfolg.

Sein Stern war im Aufgehen,

aber unheimlich und dämonisch. Aus geheimnisvollen Quellen floß ihm das Geld zu, daß er jeden Schritt wagen konnte. Manch einer wurde zu Boden getreten, der nicht mit ihm oder wider ihn war.

Auch in Italien schien er gewonnenes Spiel zu haben, wenn seine Erfolge im Süden auch mehr auf die Kreise der Loge beschränkt blieben. Gewaltig war die Zahl der eingeschriebenen Logenbrüder gestiegen. Mit einem solchen Stoßtrupp von Aufgeklärten und Mächtigen sollte es ein Leichtes sein, der Kirche den Gnadenstoß zu versetzen.

Der letzte Sturm auf Rom und das Papsttum war geplant und bis ins einzelne festgelegt. Nur noch ein Glied fehlte an der Kette: Verhaegen sollte mündlich vom Generalrat die Stunde festsetzen lassen, in der in aller Welt die Logenbrüder den Kampf gleichzeitig beginnen sollten.

Rasch machte sich Verhaegen mit zweien seiner Begleiter von Italien auf den Heimweg über die Alpen. Es war der strenge Winter 1862, in dem in den Tälern die Bäche einfroren und in den Bergen die Bäume vor Kälte barsten.

Allein der Zweiundsechzigjährige machte sich nichts daraus. In Wagen und Schlitten und auf Maultieren ging es über die Pässe, und schon war die Höhe des Mont Cenis erreicht. Der Alte überschaute die Berggipfel und Hochtäler der Alpen und lachte sein heiseres Lachen, indem er zum eisig klaren Himmel hinaufwinkte: "Wir haben gesiegt, du dort oben - du Gott der Schwachen und Dummen. Bald werden wir dich heruntergeholt haben aus deinem Himmel!"

Mit siegessicheren Schritten stapfte er im Schnee der Unterkunft zu, in der es warm war. "Stein und Bein hat man erfroren auf diesem Hundeweg", sagte er. "Schnell einen heißen Trank! Mir ist ganz übel vor Kälte." Ein Mädchen brachte ein Glas Grog. Hastig stürzte es Verhaegen hinunter. Ein Aufheulen, Aufspringen - der Trank war glühend gewesen.

Verbrannt waren Kehle und Magen.

Man wußte zuerst nicht, wie schlimm es war. Aber die Rettungsstationen der Täler mußten gerufen werden, und noch in derselben Nacht begann der Abtransport vom Mont Cenis. Endlos, etappenweise, entsetzlich, bis endlich die Bahn erreicht war, die ihn heimzu führte, nach Brüssel. Welch ein weiter Weg noch bis Brüssel! Welch ein Jammer daheim, als es sich herausstellte, daß kein Arzt helfen konnte und der Tod vor der Türe stand. Der Kranke hatte rasende Schmerzen. "Alles wird gut", trösteten Frau und Kinder. "Gott macht alles gut, Vater! Du mußt dich mit Ihm versöhnen - er wartet auf dich.

Vater, wir hören nicht auf zu beten!"

Allein Verhaegen wollte nichts wissen. Erst in der Stunde, da die drei Logenbrüder erschienen und er die Unerbittlichkeit des Todes vor sich sah und die starren Gesichter erkannte, die über sein Sterben wachen mußten, war er bereit, einen Priester zu empfangen. Aber es war zu spät. Sein Testament war ja unwiderruflich, durch das jedem Geistlichen der Zutritt in sein Haus versagt war. Und die drei "Brüder" bestanden mit aller Dringlichkeit darauf, daß sie das Recht hätten, von nun ab mit dem Scheidenden allein zu sein.

Schrecken und Qual hatten die Bewohner des Hauses gedankenunfähig gemacht. Madame Verhaegen weinte und rang die Hände - die Kinder saßen verstört und stumm im Zimmer. Von drüben kamen die Schmerzensschreie des Kranken, vermischt mit Rufen völliger Verzweiflung.

Durch die Türen riefen die Kinder den Namen des Vaters und baten, wenigstens Abschied von ihm nehmen zu dürfen. So hofften sie, doch vielleicht ein Reuegebet mit ihm zu beten, ihm ein Wort von Gottes Barmherzigkeit zuflüstern zu können.

Allein die Riegel an den Türen öffneten sich nicht. Selbst die Rufe des Sterbenden wurden durch laute Geräusche mit Gegenständen im Zimmer durch die "Brüder" unverständlich gemacht. Das von ihm selbst gemachte Gesetz wollte es so. So starb Verhaegen.

Nur Gott weiß, was in diesen letzten Stunden in ihm vorging. Kein letztes Wort haben die Angehörigen von ihm erfahren.

Erst am Tage der Beerdigung, als das Zimmer in Ordnung gebracht wurde, fand man mit den Fingernägeln in die Tapete die Worte geritzt:

Ich bereue und widerrufe! Verhaegen

Ein Bekehrungswunder in letzter Stunde, sicher erbetet von der Gattin, den Kindern oder einer großen Opferseele!

O Gott, du gewährst jedem Menschen in seinem Leben eine Stunde der Besinnung. Mag er noch so fern stehen, mag er noch so tief gesunken sein, einmal muß er stillehalten. Ein großer Teil der Menschen hält erst Stille in der Stunde des Todes, aber selbst da ist Deine Barmherzigkeit barmherzigste Liebe und wartet auf ein Wort des Menschen, und wenn es nur ein einziges ist:

"Gott, du bist. Ich bereue. Sei mir armem Sünder gnädig."

Durch Gottes Gnade wird der Reue eines Sünders förmlich Macht über die Liebe Gottes gegeben, über Sein erbarmendes Vaterherz. Reue ist große Gnade, ist Macht der Liebe, die den Vater versöhnt.

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Wer andere zur Gottlosigkeit verführt, bedenke sein Ende.

Marianisches Schriftenwerk
Bonaventur Meyer


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