ETIKA 92PR3

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22.1.2001

M- K. Gandhi

Unsere gefallenen Schwestern

"Young India", 15.9.1921

Mahatma Gandhi
Jung Indien
Aufsätze aus den Jahren 1919 bis 1922
Auswahl von Romain Rolland und Madeleine Rolland
Einleitung von John Haynes Holmes
Copyright 1924 Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, München und Leipzig
Für die Übersetzung verantwortlich: Emil Roniger
S. 339 - 345

Die erste Gelegenheit, mit den Frauen zusammenzutreffen, die ihren Unterhalt durch Preisgabe ihrer Ehre verdienen, bot sich mir in Cocanada in der Provinz Andhra. Ich sprach einen Augenblick mit einigen von ihnen. Eine zweite Gelegenheit bot sich mir in Barisal. Mehr als hundert hatten sich nach Vereinbarung zusammengefunden. Sie hatten mir einen Brief entgegengeschickt, in dem sie um eine Zusammenkunft ersuchten und mir mitteilten, daß sie der Kongreßliga als Mitglieder beigetreten und für den Tilak-Swaraj-Fonds Beiträge gezeichnet, daß sie aber meinen Rat, sich nicht bei den verschiedenen Kongreß-Ausschüssen um ein Amt zu bewerben, nicht verstehen könnten. Sie schlossen mit der Erklärung, daß sie gerne meinen Rat entgegennähmen in bezug auf ihr künftiges Verhalten. Der Mann, den sie beauftragt, händigte mir den Brief nur zögernd aus, da er nicht wußte, ob mich der Empfang dieses Briefes verletzen oder freuen würde. Ich beruhigte ihn mit meiner Versicherung, daß es meine Pflicht sei, diesen Schwestern zu dienen wo und wie ich könne.

Heute sind mir die zwei Stunden, die ich mit diesen Schwestern verbracht, eine teure Erinnerung. Sie erzählten mir, daß sie ihrer 350 seien unter einer Bevölkerung von ungefähr 20 000 Menschen, die Frauen und Kinder eingerechnet. Ihr Dasein bedeutet die Schande der Männer von Barisal, und je eher sich Barisal ihrer entledigt, um so besser wird es sein für seinen guten Namen. Und was für Barisal gilt, gilt, fürchte ich, für jede andere Stadt. Ich erwähne Barisal nur als Beispiel. Es ist das Verdienst einiger junger Männer von Barisal, zuerst auf den Gedanken gekommen zu sein, diesen Schwestern zu helfen. Und gerne möchte ich hoffen, daß Barisal nun auch bald das Verdienst für sich in Anspruch nehmen könne, das Übel gänzlich ausgerottet zu haben.

Von allen Übeln, für die der Mann verantwortlich, ist keins so entwürdigend, so abstoßend und so gemein wie dieser Mißbrauch der einen, für mich der besseren Hälfte der Menschheit, des weiblichen Geschlechts, nicht des schwächeren Geschlechts. Es ist das edlere von beiden, denn es ist auch heute die Verkörperung der Aufopferung, des stillschweigenden Leidens, der Demut, des Glaubens und des Wissens. Die Intuition der Frau hat sich schon oft genug als wahrer erwiesen als des Mannes hochmütiger Anspruch auf überlegenes Wissen. Nicht umsonst wird Sita dem Rama und Radha dem Krishna (Anm.: Sita, die Gemahlin Ramas. Radha nach den einen die Geliebte, nach den andern eine der 16 000 Frauen Krishnas. Rama und Krishna sind Inkarnationen Vishnus.) vorangestellt. Wir wollen uns nicht selber belügen mit der Annahme, daß dieses Spiel mit dem Laster seinen Platz habe in der menschlichen Entwicklung, weil es in dem zivilisierten Europa immer mehr überhand nimmt und in einzelnen Staaten sogar gesetzlich geregelt ist.

Wir wollen das Laster auch nicht deshalb zu einer dauernden Einrichtung machen, weil es in Indien immer dagewesen sei. Wir werden aufhören, uns weiter zu entwickeln, in dem Augenblick, wo wir aufhören zu unterscheiden zwischen Tugend und Laster und sklavisch eine Vergangenheit nachahmen, die wir doch nur unvollständig kennen. Wir sind die stolzen Erben alles dessen, was zum Besten und Edelsten der Vergangenheit gehört. Wir wollen unser Erbe nicht entehren dadurch, daß wir die Fehler der Vergangenheit vervielfältigen. Muß nicht in einem Indien, das sich selber achtet, jeder Mann die Tugend jedes Weibes hochhalten, als wäre es die Tugend seiner Schwester? Swaraj (Anm.: Selbstverwaltung, Autonomie) bedeutet die Fähigkeit, in jedem Einwohner Indiens einen Bruder oder eine Schwester zu erkennen.

Und drum neigte ich mein Haupt in tiefer Scham vor diesen hundert Schwestern. Einige waren schon ältlich, die meisten waren zwischen zwanzig und dreißig, und zwei oder drei waren Mädchen unter zwölf Jahren. Sie alle miteinander hatten, wie sie mir sagten, zehn Kinder, sechs Mädchen und vier Knaben, von denen der älteste an ein Mädchen ihrer eigenen Klasse verheiratet war. Die Mädchen wurden zu dem gleichen Leben erzogen, das die Mütter führten, bis etwas anderes möglich würde.

Wie ein Stich ins lebendige Fleisch traf mich die Überzeugung dieser Frauen, daß ihr Los unverbesserlich sei. Und doch waren sie klug und bescheiden. Ihre Rede war würdig, ihre Antworten anständig und offen. Und auch ihr Entschluß war in jedem Augenblick so fest wie der irgendeines Satyagrahi (Anm.: Satya = richtig, gerecht, agraha = Versuch, Bestrebung, also: gerechte Bestrebung). Elf von ihnen versprachen, ihr gegenwärtiges Leben aufzugeben und gleich vom folgenden Tag an zu spinnen und zu weben, sofern ihnen jemand beistehe. Die übrigen sagten, daß sie noch darüber nachdenken möchten, denn sie wünschten nicht, mich zu enttäuschen.

Hier ist Arbeit für die Einwohner von Barisal. Hier ist Arbeit für alle ergebenen Diener Indiens, sowohl Männer als Frauen. Wenn sich unter einer Bevölkerung von 20 000 Menschen 350 dieser unglücklichen Schwestern befinden, mögen es in ganz Indien etwa 5 250 000 sein. Indessen schmeichle ich mir mit der Annahme, daß die vier Fünftel der Bevölkerung Indiens, die in den Dörfern leben und sich der Landwirtschaft widmen, von diesem Laster nicht berührt sind. Es wären also mindestens 1 050 000 Frauen für ganz Indien, die vom Feilbieten ihrer Ehre leben.

Bevor diese unglücklichen Schwestern aus ihrer Entehrung erhoben werden können, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein.

Die Non-Kooperationsbewegung ist wertlos, wenn sie uns nicht läutert und unsere übeln Leidenschaften zähmt.

Keine andere Beschäftigung aber als das Spinnen und das Weben können von allen aufgenommen werden, ohne daß sich eine Überproduktion ergäbe. Die überwiegende Mehrheit dieser Schwestern darf nicht ans Heiraten denken. Sie gaben mir zu, daß sie es nicht können. Sie müssen deshalb zu den wahren Sannyasinis (Anm.: ein Mensch, der auf Stellung, Besitz und Namen verzichtet und durch die Welt wandert in einem Leben der Selbstaufopferung, der sich durch Liebe und Mitleiden auszuzeichnen sucht, nach Wissen um die geistigen Dinge und dauernde Selbsterkenntnis trachtet (Swami Vivekananda)) Indiens werden. Da sie keine andere Sorge haben als die, zu dienen, können sie nach Herzenslust spinnen und weben. Wenn aber 1 050 000 Frauen jeden Tag acht Stunden fleißig weben, bedeutet das eine Unzahl von Rupien täglich für ein verarmtes Indien. Diese Schwestern sagten mir, daß sie jeden Tag ungefähr zwei Rupien verdienen. Doch gaben sie zu, daß sie manches brauchen, um die Gier des Mannes zu reizen, was sie entbehren können, wenn sie zu einem natürlichen Leben zurückkehren und Spinnen und Weben wieder aufnehmen.

Nachdem wir unsere Unterredung beendet, wußten sie auch, ohne daß ich es ihnen gesagt hätte, warum ihnen die Kongreßausschüsse keine Ämter einräumen können, wenn sie ihr sündhaftes Leben nicht aufgeben wollen. Niemand kann am Altar des Swaraj dienen, der ihm nicht mit reinen Händen und reinem Herzen naht.

15. September 1921

Anhang: Die Lasterstätten von Lucknow

Ein englischer Freund schreibt mir nach Lucknow: "Ich möchte Sie bitten, bevor Sie die Stadt verlassen, an irgendeinen Ihrer Bekannten, der dort angesehen ist, einige Worte zu richten in bezug auf die Bordelle von Lucknow. Ich sprach heute morgen mit der Militärpolizei in Aminabad und wie man mir sagte, sollen dort etwa fünfzig solcher Häuser sein, die von den Soldaten (von denen einige bestraft worden sind, weil es nicht gestattet ist), sowohl von Europäern als Angloindern besucht werden. Von Indern wurde nicht gesprochen, aber ich habe neulich gehört, daß auch sie zu diesen Frauen gehen. Ein Wort von Ihnen in bezug auf diese Entwürdigung des Mannes und diesen Mangel an Selbstbeherrschung würde mehr als alles andere dazu beitragen, dem Übel entgegenzuwirken. Ich bin bereit, meinerseits zu tun, was ich kann, um in dieser Sache zu helfen."

Ich wollte, ich könnte mit meinem englischen Freunde glauben, daß mein Wort die Macht hat, die er ihm zuschreibt. Während ich dies schreibe, sucht mich das Bild der teuern Schwestern heim, die mich in Cocanada besuchten, nachdem sie während der Nacht ihrem traurigen Berufe genügt. Sie waren mir noch lieber, nachdem ich Einblick gewonnen habe in ihr Leben der Schande. Nur in Andeutungen konnten sie mir zu verstehen geben, was dieses Leben bedeute. Und während die Sprechende unter ihnen erzählte, las ich Scham und Kummer in ihren Augen. Ich konnte es nicht über mich bringen, sie für schuldig anzusehen.

In der ersten Rede, die ich nach dieser Begegnung hielt, trat ich für persönliche Reinheit ein. Darum geht nun mein Herz aus zu den gefallenen Schwestern von Lucknow. Sie werden zu einem Leben der Schande gezwungen. Es ist mir eine Beruhigung, daß sie es nicht aus freier Wahl tun. Und die Bestie im Menschen hat aus dem verabscheuungswürdigen Verbrechen einen ergiebigen Beruf gemacht. Lucknow ist bekannt für seine Neigung zur Ungezwungenheit. Aber Lucknow ist auch der Sitz eines mohammedanischen Heiligtums. Es hat sein voll Teil an allem, was edel ist im Islam. Für die Hindu ist Lucknow die Hauptstadt des Landes, in dem Sita und Rama, die Makellosen, liebten und herrschten. Es läßt an die besten Zeiten des Hinduismus denken, an die Zeiten der Reinheit, des Edelsinnes, der Tapferkeit und des standhaften Eintretens für die Wahrheit. Non-Kooperation ist Selbstläuterung, und ich bitte dringend alle Non-Kooperationisten, der sittlichen Pest in Lucknow entgegenzutreten. Ich hoffe, es werde kein Wächter von Lucknows gutem Namen mich daran erinnern wollen, daß Lucknow nicht schlechter sei als andere indische Städte. Lucknow ist zufälligerweise als Beispiel herangezogen worden. Wir sind verantwortlich für die Reinheit und Sicherheit der Frau in ganz Indien. Warum sollte nicht Lucknow vorangehen?

18. August 1921

Gefallene Schwestern

Der Leser wird es gerne hören, daß das Werk, die gefallenen Schwestern von Barisal einem neuen Leben zuzuführen, in richtigem Ernst aufgenommen worden ist. Dr. Rai schreibt, daß verschiedene unter ihnen aufgesucht worden sind, wobei es sich gezeigt, daß sie sich dem Spinnen zugewandt. Jagadish Babu, der an Babu Ashvinikumar Dutt´s Schule während Jahren tätig war, hat versprochen, die jungen Mitarbeiter zu leiten, die sich dieser verantwortungsvollen Aufgabe unterzogen. Ich hoffe, daß sie, die diesen so dringend nötigen Dienst unternommen, nicht auf halbem Wege stehenbleiben werden. Sie müssen sich auf Enttäuschungen gefaßt machen. Sie dürfen nur einen langsamen Fortschritt erwarten. Nur in solchem Werke, das Schwärmerei ausschließt und keine sofortigen Erfolge verspricht, kann einer seine Liebe für die Sache beweisen. Ich empfehle das Beispiel von Barisal allen anderen Städten.

Dieses reinigende Werk muß auch nach Erlangung von Swaraj fortgesetzt werden. Nicht jeder eignet sich dafür. Diejenigen also, die den Ruf vernehmen und sich die erforderliche Reinheit zutrauen, sollten ihr Streben auf die Ausrottung dieses immer mehr um sich greifenden Lasters richten.

Die Bewegung hat natürlich ihre zwei Arbeitsgebiete:

Beide Gebiete der Arbeit erfordern die nämlichen Eigenschaften, und die Arbeit sollte, um Frucht zu tragen, gleichzeitig auf beiden Gebieten unternommen werden.

17. November 1921

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