ETIKA

Mechthild von Magdeburg

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95F27

Vom Fegefeuer

15.1.2005

Deutsche Mystiker
Band II: Mechtild von Magdeburg, „Das fließende Licht der Gottheit“
In Auswahl übersetzt von Dr. Wilhelm Oehl
Verlag der Jos. Kösel´schen Buchhandlung Kempten und München 1911

Vom Fegefeuer.
Daraus löste ein Mensch tausend Seelen allzumal mit seinen Minnetränen.

Ein Mensch betete mit großer Begierde viel einfältiglich für die armen Seelen vor Gott im Himmelreich. Da wies ihm Gott das gräuliche (sic) Fegefeuer zumal und darinnen so mannigerlei Qual, als die Sünden an ihnen waren.

Da ward also kühn des Menschen Geist,  daß er das Fegefeuer zumal in seine Arme faßte. Nun trug er mühevoll und begehrte minnevoll. Da sprach Gott im Himmelreich: Laß du nun, tu dir nicht weh! Es ist dir allzu schwer. Da sprach der Geist (des Menschen) jammernd: Eja, viel Lieber, nun löse doch etliche! Da sprach unser Herr: Wie viel von ihnen willst du? Der Geist sprach: Herr, soviel als ich mit deiner Güte erkaufen kann. Da sprach der Herr:

Nun nimm tausend und bringe sie, wohin du willst. -

Da huben sie sich aus der Pein, schwarz feurig, pfuhlig, brennend, blutig, stinkend.

Da sprach abermals des Menschen Geist:

Eja, lieber Herre mein, was wird mit diesen Armen nun geschehen? Denn also scheußlich kommen sie nimmer in dein Reich.

Da neigte Gott seine Edelkeit unmaßen sehr nieder und sprach ein Wort, das uns Sündigen sehr zu Trost steht:

Bade sie in den Minnetränen, die da nun fließen aus den Augen deines Leibes!

Dann ward da gesehen eine große, runde Vertiefung. Darein huben sie sich mit einem Schwunge zumal und badeten in der Minne klar wie die Sonne. Dann empfing des Menschen Geist unzählige Wonne und sprach:

Gelobt seist du, Viellieber, von allen Kreaturen ewiglich! Nun geziemen sie dir wohl in deinem Reiche.

Dann neigte sich unser Herr zu ihnen von der Höhe und setzte ihnen auf die Krone der Minne, die sie gelöst hatte von hinnen, und sprach:

Diese Krone tragt ewiglich, allen in meinem Reiche zu erkennen, daß ihr mit Minnetränen erlöst seid neun Jahre ehe denn eure rechte Zeit.

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