ETIKA

Hl. Franziska Romana

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Das Fegefeuer

1.8.2014

Lebensgeschichte der heiligen Franziska Romana, Stifterin der Oblaten von Tor di Specchi,
mit einer Einleitung über christliche Mystik von Baron Maria Theodor von Bussière.
Aus dem Französischen übersetzt von P. Gf. P. Mainz. Verlag von Florian Kupferberg. 1854. S. 206ff

Das Fegefeuer.

Der Engel führte nun unsere Heilige von der Hölle zu dem Orte der Reinigung. Auch er ist nach drei Klassen von Büßern in drei Regionen getheilt. Lebendige und brennende Flammen erfüllen auch das Purgatorium; aber weit entfernt, brennend und zugleich verfinsternd zu sein, verbreiten sie hier eine glänzende Klarheit. Die Seelen, welche sich im Fegfeuer befinden, wissen, daß sie, um herrlich wiedergeboren zu werden, von allen ihren Makeln geläutert sein müssen; ihre Leiden gleichen denen der Hölle; aber sie sind versüßt durch die heilige Liebe Gottes, durch den Willen, seiner Gerechtigkeit sich zu unterwerfen – und sind begleitet von Hoffnung und Sehnsucht.

Die Hoffnung unterstützt und tröstet die Seelen während der Zeit ihres sühnenden Schmerzes; die unaussprechliche Sehnsucht, die sie nach dem höchsten Gute hintreibt, dessen sie noch beraubt sind, ist die härteste ihrer Strafen; aber das Gefühl der Reinigung, welches sich in ihnen nach und nach bemerkbar macht, und der Durst, den sie fühlen, um der ewigen Gerechtigkeit Genugthuung zu leisten, sind zu gleicher Zeit so mächtig, daß sie nicht aus dem Bereich der leidenden Kirche herausgehen möchten, bevor sie nicht dem Richter der Lebendigen und der Todten mit dem neuen Gewande der Unschuld sich vorstellen könnten; denn nichts Unreines kann in den Himmel eingehen.

Es wird Franziska geoffenbaret, daß der Sünder, welcher gebeichtet und losgesprochen, selten die nöthige Reue gehabt, um die zeitlichen Strafen zu tilgen, daß die auferlegten Bußen unzureichend sind, und daß ferner in Ermangelung von Ablässen, welche in dem erforderlichen Zustande, nämlich durch Acte der Abtödtung und Liebe, gewonnen werden, es nöthig ist, der Gerechtigkeit Gottes genug zu thun durch die Schmerzen des Fegefeuers, welche Alles übersteigen, was wir uns nur vorstellen können.

Sie erfährt auch, daß, sobald eine Seele ihren Körper verlassen hat, ihr Schutzengel dem Ewigen die Zahl der guten Werke aufweist, während die Teufel sie ihrer Fehler anklagen. Der höchste Richter spricht zu Gunsten der Seelen, wenn sie nicht ihr irdisches Leben im Stande der Todsünde beschlossen haben.

Darauf führen sie die Engel in´s Fegfeuer, sie werden dort nach der Anzahl und Eigenschaft ihrer Fehler bestraft und ihre himmlischen Führer bleiben auf der rechten Seite ihres Gefängnisses, um sie in den Himmel zu führen, nachdem die Genugthuung vorüber ist.

Die bösen Geister, welche die Seelen versucht haben, sind links vom Fegefeuer angeschmiedet, sie können nicht mehr schaden, aber durch göttliche Zulassung werfen sie ihnen die Fehler vor, welche sie abbüßen, und heulen vor Jammer, sie verloren zu haben; denn Luzifer wird sie dafür durch neue Strafen züchtigen.

Die schon zum Theil gereinigten Seelen verlassen den untersten Ort des Fegefeuers und steigen immer höher und höher, ihre Schmerzen mindern sich in demselben Maaße, und sie werden nach und nach weißer und leuchtender. Diese leidenden Seelen kennen ihre gegenseitigen Verbrechen; sie wissen, daß sie gerecht bestraft sind und daß sie noch größere Peinen verdienen; das Gefühl der Barmherzigkeit Gottes und die Gewißheit, ihn eines Tages zu schauen, tröstet und erhebt sie.

Franziska sieht, daß die heiligen Messen, die Gebete, alle frommen und liebethätigen Werke, mit einem Wort, dies (?) Alles in der Meinung für die armen Seelen im Fegefeuer gethan, von den Schutzengeln dem großen Vater Aller vorgestellt werden. Er nimmt sie an und übergibt sie den treuen Ausspendern seiner Gnaden, damit sie dieselben den einzelnen Seelen in´s Besondere und im Allgemeinen zuwenden.

Denn die Bewohner des Fegefeuers bilden einen einzigen Körper, und Alle empfinden mehr oder weniger Erleichterung durch Das, was wir für sie thun. Eine einzige heilige Messe, durch ihren unendlichen Werth, würde hinreichen, alle die leidenden Seelen zu befreien; aber Gott hat es anders bestimmt: er theilt ihnen die Verdienste im bestimmten Maaße mit, und diese Verdienste kommen über sie, wie ein wohlthuender Thau, der sie reinigt und erfrischt.

Unsere Heilige wundert sich, in dem allerschmerzvollsten Theile des Fegefeuers Seelen der Priester, der Mönche und der kirchlichen Lehrer zu finden und ihre Größe von Peinen zu sehen in Rücksicht ihrer Würden, die sie dem Priesterstande einverleibt hatten. Sie ersah daraus, daß die Priester eine strengere Rechenschaft wie die Laien abzulegen haben, wegen der Erhabenheit ihrer Funktionen, an die besondere Gnaden geknüpft sind, wegen der Größe ihrer Pflichten, wegen des Aergernisses, das aus jedem ihrer Fehler für den Nächsten hervorgeht, und wegen den umfassenderen Kenntnissen, die sie von den göttlichen Wahrheiten haben.

Die guten Werke, welche in der Meinung geübt werden für Seelen, welche wir im Fegefeuer glauben, und die im Himmel oder in der Hölle sind, werden durch die göttliche Gerechtigkeit andern Seelen, die sie bedürfen, zugetheilt. Nichts gehr verloren; die Zinsen einer jeden liebevollen Handlung werden genau bezahlt. Franziska begriff nun den ganzen Umfang unserer Pflichten gegen die leidende Kirche, und wir (wie) Diejenigen, welche in dem Reinigungsorte sind, nach Gnaden und Hülfe hungern; sie war in der Betrachtung der Hölle und des Fegefeuers nur von der Stunde der Vesper bis zur Complet geblieben, und doch glaubte sie, Jahrhunderte dort gewesen zu sein.

Einige Tage darauf fand Franziska ganz plötzlich ihre Gesundheit wieder.

Die Vision der Hölle hatte auf ihren Geist einen solchen Eindruck gemacht, daß sie nie davon sprechen konnte, ohne von einem krampfartigen Zittern, Weinen und Schluchzen ergriffen zu werden. Dieser Schrecken diente, sie in der Furcht Gottes und der tiefsten Demuth zu erhalten (Anmerkung ETIKA: dasselbe wünschen wir für unsere Leser), trotz den außerordentlichen Gnaden, mit denen sie nach und nach beschenkt wurde, – und trieb sie an oft heilsame Ermahnungen Denen zu geben, die zu viel von der göttlichen Barmherzigkeit voraussetzen und zu wenig Sorge für die ewige Gerechtigkeit trugen. (Anmerkung ETIKA: Sollen wir aufzählen, wen wir in der kirchlichen Hierarchie zu diesen „Gott-ist-barmherzig“ –siehe QuevedosSueños“sowie unseren Roman „Jeden nach seinen Taten – zählen? Lieber nicht.)

Später, nachdem sie die Congregation von Tor di Specchi gegründet hatte, ließ unsere Heilige die Vision der Hölle auf die Mauern der Kapelle malen, auf daß diese furchtbare Belehrung für ihre geistlichen Töchter und für die Nachwelt nicht verloren ginge.

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