ETIKA

HÖLLE

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9.11.1999

95H42

Eine von innen brennende Qual

Fjodor M. Dostojewskij: Die Brüder Karamasoff, Aus den Gesprächen und Belehrungen des Staretz Sossima i) Von der Hölle, Deutsche Buch-Gemeinschaft 1958, S. 432 - 434, Übersetzung E. K. Rahsin, Copyright Piper Verlag München 1925

Von der Hölle und dem höllischen Feuer -
eine mystische Betrachtung

Väter und Lehrer, ich frage mich: "Was ist Hölle?" Und ich so für mich: "Hölle ist Reuequal, daß man schon nicht mehr lieben kann."

Einmal ward im endlosen Sein, das weder mit Zeit noch Raum zu ermessen ist, einem gewissen geistigen Wesen mit seinem Erscheinen auf der Erde die Fähigkeit gegeben, sich zu sagen: "Ich bin und ich liebe."

Einmal, nur einmal ward ihm ein Augenblick tätiger, l e b e n d i g e r Liebe gegönnt und zu dem Zweck das irdische Leben, eine Zeit von abgemessener Frist, und was geschah? Dieses begnadete Wesen verschmähte diese unschätzbare Gabe, wußte sie gar nicht zu würdigen, es versäumte zu lieben, schaute spöttisch drein und blieb gefühllos.

Und eben dieses Wesen schaut nun, wenn es die Erde bereits verlassen hat, auch Abrahams Schoß und redet mit Abraham, wie es uns im Gleichnis vom reichen Man und dem Lazarus berichtet wird; und es erblickt auch das Paradies und kann zum Herrn ermporsteigen, aber gerade das empfindet es jetzt als quälend, daß es zum Herrn eingehen soll, ohne selber geliebt zu haben, daß es mit Liebenden in Berührung kommen wird, deren Liebe es verschmäht hat. Denn es sieht jetzt klar und sagt sich jetzt schon selber:

"Nun habe ich die Einsicht, aber wie sehr es mich jetzt auch danach dürstete zu lieben, meine Liebe würde jetzt doch keine Heldentat mehr sein und auch kein Opfer, denn mein Erdenleben ist ja bereits beendet, und Abraham wird nicht kommen, um auch nur mit einem Tropfen lebendigen Wassers
(das heißt, mit abermaligem Geschenk des Erdenlebens, des früheren und tätigen) den Brand des geistigen Liebesdurstes zu kühlen, der jetzt in mir flammt, nachdem ich auf Erden zu lieben verschmäht habe: das Leben ist hin, und die Zeit kehrt nicht wieder! Auch wenn ich jetzt froh wäre, mein Leben für andere hingeben zu können - nun kann ich es nicht mehr, denn es ist ja vergangen, jenes Leben, das man der Liebe zum Opfer bringen konnte, und nun klafft bereits ein Abgrund zwischen jenem Leben und diesem Sein."

Man spricht von einem Höllenfeuer im Sinn eines materiellen Brennens; ich will dieses Geheimnis nicht erforschen und verbleibe in frommer Scheu davor; aber ich denke, daß, wenn es wirklich eine materielle Flamme geben sollte, die Verdammten darüber wahrhaftig froh sein müßten, denn, so meine ich, in der körperlichen Qual würden sie die viel schrecklichere geistige Qual wenigstens auf Augenblicke vergessen.

Und sie von diesem seelischen Schmerz zu erlösen, das ist nicht möglich, da es ja keine von außen verursachte Qual ist, sondern eine von innen brennende. Allein, selbst wenn es möglich wäre, sie von dieser Qual zu befreien, so würden sie, denke ich, davon immer noch bitterer unglücklich sein.

Denn wenn auch die Gerechten im Paradiese beim Anblick ihrer Qualen ihnen Erlaß der Strafe erwirken und sie in unendlicher Liebe zu sich rufen würden, so müßten sie doch dadurch den Schmerz in ihnen noch vergrößern, da sie in ihnen die Flamme des Durstes nach tätiger und in Dankbarkeit hingabeseliger Liebe, die ihnen nun nicht mehr möglich ist, nur noch stärker anfachen würden.

In der Schüchternheit meines Herzens denke ich indes, daß wiederum die Erkenntnis dieser Unmöglichkeit ihnen schließlich doch zur Erleichterung dienen müßte, denn indem sie die Liebe der Gerechten erfahren im Bewußtsein, sie nicht verdient zu haben und sie nun nicht mehr erwidern zu können, werden sie in diesem Sichfügen, in dieser Übung der Demut zu guter Letzt gewissermaßen doch noch eine Art Vorstellung jener tätigen Liebe finden, die sie auf Erden verschmäht haben, und gleichsam einen Zustand nachempfinden, der jener tätigen Liebe auf Erden von fern ähneln könnte...

*

Es tut mir leid, meine Brüder und Freunde, daß ich dies nicht klarer auszudrücken vermag, nur wehe denen, die ihr Leben auf Erden selbst vernichteten, wehe den Selbstmördern; ich denke, noch Unglücklichere als diese kann es schon überhaupt nicht mehr geben.

Uns wird gesagt, Sünde sei es, für sie zu Gott zu beten, und die Kirche verstößt sie gleichsam, wenigstens offiziell. Ich aber denke im geheimen meiner Seele, daß man auch für sie beten darf. Für Liebe wird Christus doch wohl nicht zürnen. Gerade für diese habe ich insgeheim mein Leben lang gebetet, das beichte ich euch jetzt, Väter und Lehrer, und auch jetzt bete ich für sie jeden Tag.

*

Oh, auch in der Hölle gibt es solche, die stolz und grausam verbleiben, auch ungeachtet ihres zweifellosen Gewissens und der unwiderlegbaren Wahrheit vor ihren Augen; es sind dies Unheimliche, die sich dem Satan und seinem stolzen Geiste mit Leib und Seele auf ewig verschworen haben...

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