ETIKA

LOHN DES BÖSEN

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30.8.2002

95H7

Höllenvision

Das Leben der heiligen Theresia von Jesu, 32. Hauptstück, Pustet Regensburg, 1903, S.436 - 442

Lange Zeit darnach, als der Herr mir schon viele der erwähnten und noch andere sehr hohe Gnaden verliehen hatte, glaubte ich eines Tages, da ich eben im Gebete war, plötzlich und ohne zu wissen, wie, mit Leib und Seele in die Hölle versetzt zu sein. Ich erkannte, es sei der Wille des Herrn, daß ich den Ort schauen solle, welchen die bösen Geister dort für mich bereitet hatten, und den ich durch meine Sünden verdient hätte. Dies ging in kürzester Zeit vor sich; allein wenn ich noch so viele Jahre leben werde, scheint es mir doch unmöglich, daß ich es vergesse.

Der Eingang kam mir vor wie ein sehr langes, schmales Gäßchen, gleich einem sehr niedrigen, finsteren und engen Backofen. Der Boden schien mir wie eine sehr schmutzige Wasserpfütze, die einen pestilenzialischen Gestank ausdünstete und von häßlichem Ungeziefer wimmelte. Am Ende war eine Vertiefung in der Mauer, einem Wandkasten gleich, in den ich mich hineingepreßt sah. Dieser ganze Anblick, den ich nur sehr unvollkommen geschildert, war noch ein Vergnügen gegen das, was ich an diesem Orte empfand.

Mir scheint, man könne unmöglich auch nur den Anfang dessen, was ich dort litt, der Wirklichkeit nach beschreiben oder begreifen. Ich empfand in der Seele ein Feuer, von dem ich gar nicht zu sagen weiß, was für ein Feuer es war. Dabei litt ich die unerträglichsten Körperschmerzen. Ich habe in meinem Leben schon sehr große Schmerzen erduldet, nach Aussage der Ärzte die größten, die man hienieden erdulden kann, weil sich, als ich gelähmt war, alle Nerven zusammenzogen. Auch mancherlei andere Leiden habe ich ausgestanden, und unter diesen solche, die mir, wie schon gesagt, der böse Feind angethan hat. Aber alles dies war nichts im Vergleiche mit dem, was ich an jenem Orte empfand, besonders als ich sah, daß die Qualen dort ohne Ende, ohne alles Aufhören dauern würden.

Und dies alles war noch nichts gegen den Todeskampf der Seele. Das ist eine Beklemmung, eine Angst, eine so schmerzliche Betrübnis, verbunden mit einem so verzweifelten, peinigenden Mißbehagen, daß ich nicht weiß, wie ich es genug aussprechen soll. Wollte ich sagen, es sei eben, als wenn man unablässig einem die Seele aus dem Leibe reiße, so ist es noch zu wenig; denn in einem solchen Falle ist es ein anderer, der einem das Leben zu nehmen scheint; hier aber ist es die Seele selbst, die sich zerreißt. Kurz, ich weiß nicht, wie ich dieses innerliche Feuer, diese Verzweiflung bei so ungeheueren Qualen und Schmerzen beschreiben soll. Zwar sah ich nicht, wer mich so peinigte, hatte aber ein solches Gefühl, als ob ich verbrannt und zermalmt würde.

Dabei bemerke ich, daß das innerliche Feuer und die Verzweiflung das Ärgste war. An diesem pestilenzialischen Orte, wo gar keine Hoffnung eines Trostes möglich ist, kann man weder sitzen noch liegen. Dazu ist kein Raum vorhanden, wiewohl man mich in jene lochartige Mauer-Vertiefung gesteckt hatte; denn die Mauern selbst, die schrecklich anzusehen sind,drückten mich zusammen, und alles ist dort zum Ersticken.

Da ist kein Licht, sondern alles ist tiefste Finsternis, und ich begreife nicht, wie es möglich ist, daß man trotz des Mangels an Licht doch alles sieht, was den Augen peinlich sein muß.

Damals wollte der Herr nicht, daß ich noch mehr von der ganzen Hölle schauen sollte; später aber hatte ich ein anderes Gesicht von schrecklichen Dingen, nämlich von den Strafen und Peinen für gewisse Laster. Diese kamen mir zwar noch schauderhafter zum Ansehen vor; weil ich sie aber nicht selbst empfand, so schreckten sie mich weniger. In der vorigen Vision dagegen wollte der Herr, daß ich im Geiste die Qualen und Peinen so empfand, als wenn der Leib selbst sie in Wirklichkeit litte. Wie dieses zuging, weiß ich nicht; ich erkannte es aber als eine große Gnade vom Herrn, daß er mich mit eigenen Augen hat sehen lassen, wovon seine Barmherzigkeit mich errettet hatte. Denn alles, was ich sonst von diesem Orte sagen hörte; alles, was ich selbst über die verschiedenen Peinen daselbst schon betrachtet hatte -obwohl ich solche Betrachtungen, da meine Seele auf dem Wege der Furcht nicht wohl zu leiten war, nur selten anstellte; - alles, was ich von den verschiedenen Qualen, mit welchen die bösen Geister die Verdammten peinigen, gelesen hatte, wie sie z. B. dieselben mit glühenden Zangen zwicken, und anderes mehr: dies alles ist nichts im Vergleiche mit jener Pein, die etwas ganz anderes ist. Der Unterschied ist hier der nämliche, wie zwischen einem Gemälde und der Wirklichkeit. Das irdische Feuer bedeutet wenig im Vergleiche mit jenem drüben.

Von diesem Gesichte blieb mir ein solcher Schrecken, daß mich auch jetzt noch, nach Verlauf von fast sechs Jahren, während ich dieses schreibe, die natürliche Wärme zu verlassen scheint. Bei der Erinnerung daran kommen mir meine Leiden und Schmerzen und alles, was wir hienieden erdulden können, wie nichts vor, und unsere Klagen erscheinen mir zum Teil grundlos.

Ich wiederhole es also, daß dieses Gesicht eine der größten Gnaden war, die mir der Herr erwiesen hat. Es brachte mir einen sehr großen Nutzen dadurch, daß es mir die Furcht vor den Trübsalen dieses Lebens und den Widersprüchen in demselben vertrieb und mich zum Leiden derselben stärkte, und daß es mich zum Danke gegen den Herrn entflammte, der mich, wie ich wenigstens jetzt glaube, von so erschrecklichen, ewigen Übeln gerettet hat.

Seit jener Zeit kommt mir, wie gesagt, im Vergleiche mit einem einzigen Augenblicke der Leiden, die ich dort empfand, alles leicht vor. Ich verwundere mich darüber, daß ich zuvor die Höllenpeinen nicht fürchtete, noch sie für das hielt, was sie sind, obwohl ich oft in Büchern, in welchen sie wenigstens in etwas erklärt werden, darüber gelesen hatte. Ach, wo war ich doch damals! Und wie konnte ich Freude an Dingen haben, die mich an einen so qualvollen Ort geführt hätten! O mein Gott, sei gepriesen in Ewigkeit! Wie klar hat es sich gezeigt, daß du mich weit mehr liebtest, als ich mich selbst! Wie oft, o Herr, hast du mich von diesem so finsteren Gefängnisse gerettet, und wie oft habe ich mich gegen deinen Willen aufs neue in dasselbe gestürzt!

Von diesem Gesichte rührt auch der außerordentliche Schmerz her, den ich über so viele Seelen empfinde, welche der ewigen Verdammnis entgegengehen, namentlich über jene Lutheraner, welche durch die Taufe schon Glieder der Kirche waren. (Anmerkung von ETIKA aus ökumenischer Sicht: Auch die hl. Theresia von Avila war ein Kind ihrer Zeit und hatte über die Ursachen der Kirchenspaltung nicht jene Informationen, die wir heute haben, vgl. Handbuch des einfachen Lebens, Kap. 23 - 25, ETIKA 14OE1 Aufruf an die Christen zur Einheit, 95 Thesen, und ETIKA E14OE2 Los Apóstoles de los Últimos Tiempos entre la Iglesia actual y los Tradicionalistas).

Zugleich fühle ich mich mächtig angeregt, den Seelen zu helfen, so zwar, daß es mir in Wahrheit scheint, ich würde mit der größten Freude tausendmal den Tod erleiden, damit auch nur eine einzige Seele so entsetzlichen Peinen entgehe. Ich stelle da folgende Betrachtung an. Wenn wir hienieden eine besonders geliebte Person in irgend einem großen Leiden oder Schmerze sehen, so scheint uns schon unsere Natur zum Mitleid zu bewegen, und ist dasselbe groß, so quält es uns. Wie nun könnten wir gleichgültig den Anblick einer Seele ertragen, welche die allergrößte Trübsal ohne Ende leidet? Wahrhaftig, kein Herz gibt es, welches dabei nicht tiefen Schmerz empfände. Wenn wir schon bei einem zeitlichen Leiden des Nächsten zu so großem Mitleide bewegt werden, obwohl wir wissen, daß es einmal ein Ende nimmt und nicht über dieses Leben hinausdauert, so weiß ich nicht, wie wir ruhig zusehen können, wie der böse Feind täglich so viele Seelen an sich zieht.

Diese Betrachtung erweckt auch den Wunsch in mir, daß wir in der so wichtigen Angelegenheit unseres ewigen Heiles nichts versäumen, sondern alles thun möchten, was in unseren Kräften steht. Der Herr verleihe uns seine Gnade dazu. Wenn ich über mein Leben nachdenke, so finde ich zwar, daß ich bei all meiner Bosheit doch immer besorgt war, Gott zu dienen. Ich hielt mich rein von gewissen Dingen, die ich ungescheut in der Welt begehen sehe, und habe mit großer Geduld, die mir der Herr verlieh, schwere Krankheiten ausgestanden. Ich war nicht geneigt zum Übelreden über andere und zum Verleumden, und hätte, wie ich glaube, niemand übel wollen können. Ich war auch nicht habsüchtig und kann mich nicht erinnern, jemand in der Weise beneidet zu haben, daß ich den Herrn schwer beleidigt hätte u. s. w. Denn obschon ich sehr böse war, so wandelte ich doch fast immer in der Furcht Gottes...

O so meiden wir doch um der Liebe Gottes willen die Gelegenheiten zur Sünde! Der Herr wird uns helfen, wie er auch mir geholfen hat. Seine Majestät lasse mich nimmermehr aus ihrer Hand, damit ich nicht wieder falle; denn ich habe gesehen, wohin ich sonst geraten würde. Möge der Herr in seiner Güte mich davor bewahren. Amen.

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