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4.11.2001

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Statt Krieg Unrecht ausräumen

Otto von Habsburg

Otto von Habsburg:

Statt Krieg Unrecht ausräumen

 

Das 20. Jahrhundert war eine Periode der Kriege (Erkenntnis des Schweizer Wirtschaftssachverständigen Felix Somary). Von 1914 bis 2000 hat es kein einziges ruhiges Jahr gegeben.

Es ist leider die Tragödie unserer Tage, daß Verbrechen durch weitere Missetaten geahndet wurden und sich daher die Situation immer verschlechtert hat. Im Ersten Weltkrieg versprach man das Selbstbestimmungsrecht der Völker und hat dieses dann systematisch mit Füßen getreten. Im Zweiten Weltkrieg hat man mit Recht die furchtbaren Vergehen des Hitler-Regimes verurteilt, nur um dann durch die Vertreibung von Millionen Menschen genau das gleiche - wenn auch unter anderen Vorzeichen - zu wiederholen.

Am Ende des Ersten Weltkrieges begann das Wüten des Stalinismus mit der Ausrottung der Kulaken. 1945 folgte die Vertreibung der Deutschen, der Ungarn und vieler kleinerer Völker. Im Grunde aber waren alle diese Vergehen auf den Begriff der Kollektivschuld zurückzuführen - ein Rückfall in die vorchristliche Zeit. (Anmerkung: Wenn Bush Afghanistan bombardieren läßt, um arabische Attentäter zu bestrafen, ist das in diesem Sinne vor- und un- und antichristlich.)

Man sollte verstehen, daß das Wichtigste die Rechtsgleichheit für alle ist. Man hat Menschen, die die Wiederherstellung des Rechtes forderten, als Revanchisten bezeichnet. Geschichtslose Regierungschefs verstehen nicht, daß man das Unrecht, zumindest im Prinzip, ausräumen muß, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Ist dies nicht der Fall, muß man die Rache der Geschichte befürchten. (Anmerkung: Gilt natürlich auch für Bush und Blair und Schröder und Michel und Konsorten.)

(Kommentar in den "Dolomiten", Bozen, 8.1.2001)

 

Otto von Habsburgs Kommentar "Jahrhundert der Kriege" wurde eine Woche später fortgesetzt mit dem Beitrag "Wissenschaft des Friedens - Aussöhnung der Gegner". Wir zitieren:

 

Man hat (im 19. Jahrhundert) erkannt, daß ein Krieg nur dann zu einem echten Frieden führen kann, wenn er in einer dauerhaften Ordnung endet.

20. Jahrhundert:  Die sogenannten Verträge am Ende des Ersten Weltkrieges waren Diktate. Es ist interessant, daß in dem Memorandum, das damals Lloyd George in Fontainebleau verfasste, dieser klar erkannt hatte, was der sogenannte Frieden bringen würde. Er hat förmlich Hitler vorgesehen (Anmerkung: natürlich auch die Südtiroler Freiheitskämpfer). Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde immer wieder versichert, man habe die früheren Fehler erkannt und würde sie nicht wiederholen. Das fand z. B. Ausdruck in der Atlantik-Charta. Sobald aber der Krieg zu Ende ging, wurde dieser vergessen. So hat man ein noch wesentlich brutaleres Diktat als nach dem ersten Weltkrieg geschaffen...

Eine Lösung kann nur gefunden werden, wenn unsere Verantwortlichen anstatt sich an die Unabänderlichkeit der durch Zufall oder Ignoranz geschaffenen Situationen zu klammern, endlich verstehen würden, daß man aufgrund allgemein angenommener Prinzipien, wie etwas des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, einen echten Neuanfang in Europa finden kann, bei dem tatsächlich alle, Sieger wie Besiegte, eingeschlossen wären.

(Dolomiten, Bozen, 15.1.2001)

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