ETIKA

Leopold Kist

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98B12

Zittre vor Gottes Gericht!

25.3.2009

Arsenius - Der Hofnarr – „Aus meinen Augen, Wüstling!“

S. 60-65

 

Geistlicher Schazgräber
oder die Angelegenheiten deiner Seel, diesseits und jenseits,
unterhaltend besprochen von Leopold Kist, Verfasser der „Hausapothek“.
Zweites Heft: Gericht, Himmel, Fegfeuer und Hölle.
Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1866.

Der heilige Arsenius,

ein Greis von 120 Jahren, der viele Jahre schwere Buße für seine Sünden getan, weinte, als er seine letzte Stunde herannahen fühlte. Voll Verwunderung darüber fragten ihn die Umstehenden, ob denn auch er das Erscheinen vor dem Gerichte Gottes fürchte? Der Heilige antwortete:

„Ja freilich fürchte ich es, und diese meine letzten Tränen geben Zeugnis davon, daß die Furcht vor dem Gericht mich nie verlassen, sondern jetzt noch eben so groß ist, als sie damals war, da ich das Büßerleben begonnen.“

Der fromme Abt Elias,

der siebenzig Jahre lange das heiligste Leben in der Wüste geführt, pflegte zu denen, die ihn zu ihrer Belehrung und Erbauung besuchten, zu sagen:

Drei Dinge fürchte ich, erstens: die Trennung meiner Seele vom Leib, zweitens: den unvermeidlichen Hintritt vor den Richterstuhl Gottes, und drittens: das Urteil, das von da aus über mich ergehen wird.“

Und wir sollten keine Furcht haben, wir, die wir so lang und schwer gesündiget, so viel Strafe verdient, so wenig gebüßt und so spärlich Gutes getan! Glaubst du vielleicht, deinen Richter bestechen oder täuschen zu können?

Gott ist unbestechlich und kann nicht getäuscht und betrogen werden. Das ganze Leben des Menschen besteht oft aus einem einzigen, großen Lügengewebe, aus lauter Arglist und Trug. Er heuchelt vor Gott und der Welt, er betrügt sich und die Menschen.

Er nimmt den Schein der Frömmigkeit, der Tugend und Heiligkeit an, während er innerlich voll Hochmut und Eigenliebe steckt. Er begnügt sich mit äußerem Lippendienst, schönen Worten und Ceremonien, während sein Inneres ganz und gar vergiftet und verdorben ist. Und an diese stete Heuchelei und Scheinheiligkeit gewöhnt er sich endlich so sehr und lebt sich so tief in dieses pharisäische Wesen hinein, daß er selbst den Schein für die Wirklichkeit und den äußeren Anstrich für die Hauptsache hält.

Es ergehet ihnen, wie jenen, die im Nebel laufen: sie glauben, rings um sie her seie kein Nebel, sie seien nicht in Nebel gehüllt, sondern nur Diejenigen, die sie von ferne sehen. So diese Pharisäer: sie glauben, sie allein seien rein, und nur ihre Mitmenschen seien voller Fehler. Wie schrecklich werden sie vor dem Richterstuhle Gottes enttäuscht werden!

Manche haben jederzeit tausend Ausreden, Ausflüchte und Entschuldigungsgründe für ihre Sünden parat, sie wollen nie gefehlt haben. Bald schieben sie Diesem, bald Jenem die Schuld ihrer Sünden in die Schuhe – werden sie Das aber auch tun können vor dem unbestechlichen Gott?

Werden die Könige und Fürsten vor dem Richterstuhle Gottes auch ihre Minister, die Generäle ihre Soldaten, die Herrschaften ihre Dienstboten, die Gatten ihre Mitgatten, die Eltern ihre Kinder vorschieben, und ihnen ihre Schuld aufbürden können?

Manche wissen jedem ihrer Fehltritte einen schönen Namen zu geben und einen verhüllenden Mantel umzuhängen. Manche beschönigen und übertünchen alle ihre Sünden und wissen sie bei den acht Seligkeiten oder bei den vierzehn Werken der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit unterzubringen; wird ihnen das aber auch gelingen vor dem Richterstuhle Gottes?

Manche setzen Alles mit Geld durch, sie bestechen die Richter, sie erkaufen falsche Zeugen, sie verschaffen sich gewandte Advokaten, sie fälschen Urkunden und ziehen sich so aus jeder Schlinge; sind aber diese Mittel auch anwendbar vor Gottes Richterstuhl?

Der heilige Augustinus

sagt: „Christus selbst ist unser Richter! … Diesen Richter besticht kein Gegner, hintergeht kein Rechtsanwalt, verspottet keine Zunge, schüchtert kein Mächtiger ein.“

Manche trotzen jeder Obrigkeit, sie wollen sich vor Niemand beugen, sie lassen sich nie zurechtweisen oder einen Fehler vorwerfen – das wäre Majestätsbeleidigung und Hochverrat! Sie wissen nur zu drohen, einzuschüchtern und zu tyrannisieren, und, leider, gar Viele gibt´s, die sich einschüchtern lassen, die tiefe Bücklinge vor solchen Gewaltigen machen, ihren Speichel lecken und ihre Laster als Tugenden preisen. Aber wie wird es diesen ergehen vor dem Richterstuhle Gottes? Werden sie dann auch trotzen und toben? Werden sie dann auch ihre Häscher und Schergen aufbieten, um ihre Majestät gegen die göttliche zu wahren, werden sie dann auch an ihre Lobhudler und Speichellecker appellieren (Anmerkung ETIKA: Wir denken an gewisse Politiker, Medienleute und dergleichen), ein Austrägalgericht (Anm.: ?) oder einen europäischen Kongreß zusammenrufen, um mit heiler Haut davon zu kommen?

Ach, wie werden dann diese armseligen Erdenwürmer dastehen! Sie, die ihr Haupt so hoch trugen, die nur duftenden Weihrauch kosteten und voll Verachtung herabsahen auf die niedrig Geborenen, sie, die den Erdball erzittern machten, die in ihrem Zorn Volker zermalmten – wie werden sie stehen, zitternd und bebend vor dem Richterstuhle Gottes!

Der lustige Hofnarr.

Ein Fürst, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, hatte einen Hofnarren, der stets aufgeräumt und guter Dinge war. Einst ließ sich nun dieser Hofnarr ein Vergehen zu Schulden kommen, das seinen Herrn dermaßen in Harnisch brachte, daß er das Todesurteil über den armen Schelm fällte.

Da verging demselben Scherz und Witz und Spaß, er fiel nieder und bat um Tränen um Verzeihung. Doch es blieb bei dem gefällten Todesurteil. Mittlerweile legte sich aber der Zorn des Fürsten, er nahm das Todesurteil zurück und befahl, den Hofnarren aufs Schaffot zu führen, ihm, wie bei einer wirklichen Hinrichtung, den zerbrochenen Stab vor die Füße zu werfen, die Augen zu verbinden, den Hals zu entblößen und dann um denselben ein nasses Tuch zu schlagen.

Dabei befahl er aber strengstens, den Hofnarren von seiner Begnadigung und scheinbaren Hinrichtung nicht in Kenntnis zu setzen. Alles ward nach Befehl vollzogen.

Als man nun die Binde wieder von den Augen des Hofnarren löste, war derselbe wirklich tot; die Todesangst hatte ihn getötet.

Denk dich nun vor den Richterstuhl Gottes! Einem allwissenden, heiligen, gerechten, strengen, unbestechlichen Gotte gegenüber! Vor deinen Augen das Buch der Rechenschaft, in welchem alle deine Sünden, Laster und Verbrechen aufgezeichnet sind! Hinter dir eine für dich untergangene Welt! Zu deinen Füßen den Abgrund der Hölle! Großer Gott! Wirst du nicht vor Angst und Furcht, vor Schrecken und Entsetzen vergehen! Wie, wenn Gott dann zu dir sagen wird: „Hinweg von mir – ins ewige Feuer!“ Wird dann nicht Verzweiflung dich erfassen, eine Verzweiflung, die schrecklicher ist als der Tod? Wohl dir, wenn du dann ins Nichts zurückkehren könntest, wenn du vernichtet werden könntest auf immer und ewig! Allein deine Verzweiflung, deine Verbannung wird ewig währen.

Der zermalmende Richterspruch des Königs.

Einst sah Philipp II., König von Spanien, als er die heilige Messe anhörte, zwei Hofherren, welche während der ganzen heiligen Handlung mit einander schwätzten. Beim Herausgehen aus der Kirche sagt er ihnen:

„Höret ihr so die heilige Messe an? Laßt euch an meinem Hofe nicht mehr sehen!“

Wie ein Blitzstrahl wirkte dieses königliche Wort auf die beiden Hofherrn. Der Eine starb zwei Tage nachher, der Andere aber wurde ein Narr.

Wenn nun dieser Urteilsspruch eines weltlichen Königs so zermalmend wirkte, welches wird dann die Wirkung des Urteilsspruchs des Königs des Himmels und der Erde sein: „Hinweg von mir, in das ewige Feuer!“?

„Aus meinen Augen, Wüstling!“

Ein junger Mensch, der eine sehr fromme, christliche Mutter hatte, die ihn mit größter Gewissenhaftigkeit erzogen, geriet in schlechte Hände und wurde ein Opfer der Verführung. Sorgfältig verbarg er seine Verirrung vor der Mutter, zu der er, wie zu einer Heiligen emporsah. Doch das Mutteraug konnte er nicht täuschen. Nach einer durchschwärmten Nacht trat dieselbe, heiliges Zürnen in ihren Zügen, ernst vor ihren Sohn, durchbohrte ihn mit einem strafenden Blick und sprach dann mit vor Entrüstung bebender Stimme: „Aus meinen Augen, Wüstling!“

Und dieses Wort wirkte so vernichtend auf den Sohn, daß er in die Kniee sank und zu Boden fiel. Dort weinte er bittere Tränen der Reue, riß sich los aus den Armen des Lasters und kehrte gebessert an das Mutterherz zurück. Wenn nun ein flammendes Mutteraug, wenn einer Mutter Urteilsspruch so vernichtend wirkt, wie mag dann deines Erlösers flammendes Aug, wie mag sein Donnerwort: „Hinweg von mir!“ dich vernichten!

Schreibweise teilweise an die heutige Zeit angepaßt.

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