ETIKA

Leopold Kist

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98B12W

Zittre vor Gottes Gericht!

10.1.2014

Das Weltgericht

S. 84-

 

Geistlicher Schazgräber
oder die Angelegenheiten deiner Seel, diesseits und jenseits,
unterhaltend besprochen von Leopold Kist, Verfasser der „Hausapothek“.
Zweites Heft: Gericht, Himmel, Fegfeuer und Hölle.
Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1866.

Die heilige Elisabeth,

Landgräfin von Thüringen, besuchte oft die Spitäler und verpflegte mit eigener Hand die Kranken. Ihre Hofdamen hielten sich darüber auf und meinten: ein so gemeines Geschäft passe nicht für einen so hohen Stand und Rang. Die Heilige erwiederte ihnen aber:

„Ich bereite mich vor auf den Tag des Gerichtes, damit ich dem Richter, wenn er mich zur Rechenschaft auffordert, sagen kann: Siehe o Herr! so oft hab ich dich als Hungrigen gespeist, als Durstigen getränkt, als Nackten bekleidet, als Kranken besucht und gepflegt. Sei mir also ein gnädiger Richter!“

Hat sie nicht wohl und klug daran gethan? Gehe hin und thue desgleichen! –

Aber wie verhält´s sich wirklich mit dem

Jüngsten Gericht oder Weltgericht?

Wozu denn ein zweites Gericht? Warum soll denn die Seele, nachdem sie Jahrhunderte und Jahrtausende, entweder im Himmel oder in der Hölle gewesen, nochmals vor dem Richterstuhle Christi erscheinen und nochmals gerichtet werden?

Im ersten Gericht wird ja ein unabänderliches, unwiderrufliches Urtheil gefällt! Eine Seele, die nach dem Tode des Leibs durch den Richterspruch Gottes in´s Himmelreich einging, wird am jüngsten Tage nicht verdammt, und eine Seele, die im besonderen Gericht verdammt wurde, wird beim Weltgericht nicht selig gesprochen werden. Wozu also ein allgemeines oder Weltgericht? Ich antworte:

Am Ende der Welt werden noch Millionen Menschen leben, die, ohne den Tod zu kosten, gerichtet werden müssen. Schon das ist ja ein allgemeines Gericht, ein Weltgericht; allein diejenigen, die vor ihnen gelebt, gehören auch zu ihnen, als Glieder eines großen Ganzen. Die Menschheit als solche ist ein großes Ganze, gleichsam eine ungeheuere Familie von Ur-Urgroßeltern, Ahnen, Eltern, Kindern, Enkeln, Urenkeln u. s. w. Alle haben auf einander eingewirkt und leben in gegenseitiger Wechselwirkung auf einander und in inniger Beziehung zu einander. Alle gehörten und gehören noch zum Staate, zum Reich Gottes, und müssen deßwegen auch miteinander gerichtet werden.

·       Nach dem Tode wird der Mensch blos als Einzelwesen, bei dem Weltgericht aber als Glied des Ganzen, als Glied der Menschheit gerichtet werden.

Der Mensch sündiget oder thut Gutes, entweder verborgen oder öffentlich, er beleidiget Gott oder er verherrlichet ihn, entweder insgeheim oder vor seinen Mitmenschen, vor Wenigen oder vor Millionen, in einem jeden dieser beiden Fälle verdient er aber öffentlich gerichtet, öffentlich belohnt oder bestraft zu werden.

Wer gesündigt im Verborgenen, wer Gott im Geheimen beleidiget, der verdient zu seiner größten Schmach entlarvt und vor der Welt an den Pranger gestellt zu werden. Wer aber frech vor der Welt gesündigt und Gott beleidiget, der verdient auch vor der Welt zur Verantwortung gezogen und gestraft zu werden.

Wer dagegen aus Demuth im Verborgenen Gutes gethan, wer im Geheimen Werke der Barmherzigkeit verrichtet, der verdient zu seiner Verherrlichung aus dem Dunkel hervorgezogen zu werden und vor der Welt den Lohn seiner Verdienste zu empfangen. Und wer Gott vor den Menschen verherrlicht, wer ohne Menschenfurcht und Feigheit der gekränkten Ehre Gottes und seiner heiligen Kirche sich angenommen, wer vor der Welt seine Christenpflicht erfüllt, wer vor den Völkern das Evangelium gepredigt und sich im heiligen Kampf gegen die Macht Satans auf die rechte Seite gestellt, der verdient auch, vor der Welt die Siegespalme und die Krone der Gerechtigkeit zu empfangen.

Verdienen die heiligen Apostel, die Missionäre, die Märtyrer, die heiligen Könige und Kaiser, die heiligen Kirchenväter, die heiligen Päpste und Bischöfe, die Millionen vorleuchteten, nicht vor aller Welt verherrlicht zu werden?

Dagegen: verdienen nicht die vielen Nero´, Domitian´, Trajan´, Julian´, die vor der Welt so viele Gräul verübt, verdienen nicht die Irrlehrer, die ganze Völker zum Abfall vom wahren Glauben gebracht, verdienen nicht jene Großen der Erde, die durch ihr schlechtes Beispiel so grenzenlos viel Aergerniß gegeben, verdienen nicht jene schlechten Subjekte von s. g. Gelehrten, die in ihren Schriften die Gottheit Christi, die Unsterblichkeit der Seel, Himmel und Hölle geläugnet, die aus den Herzen von Millionen Glauben und Tugend gerissen, verdienen sie nicht öffentlich gerichtet zu werden und die gerechte Strafe zu empfangen?

Verdienen nicht so viele unschuldige, heilige Seelen, die, in Klöstern verborgen, Gott gedient, verdienen nicht so viele barmherzige Seelen, die im Verborgenen, die unter fremden Namen, die ungekannt fremde Noth gelindert, ihr Vermögen zu wohlthätigen Zwecken hingegeben, öffentlich den Lohn ihrer guten Werke zu empfangen?

Dagegen: verdienen nicht jene Verführer, die im Verborgenen Seelen gemordet (Anmerkung ETIKA: wir denken heute natürlich besonders an die Kinderschänder), die heimlich ein fluchwürdiges Leben geführt, vor der Welt aber mit einem Heiligenschein sich zu umgeben gewußt, die Frömmigkeit und Tugend geheuchelt, die von der Welt angestaunt und verehrt und mit Titeln und Orden reich beschenkt wurden, öffentlich entlarvt, gerichtet und verworfen zu werden?

Verdienen so Viele, die wegen ihres Glaubens, wegen ihres biederen Charakters, wegen ihrer treuen Anhänglichkeit an die Kirche, wegen ihrer Unbestechlichkeit gelästert und verfolgt wurden, die aber aus Liebe zu Gott geschwiegen, das Unrecht geduldig ertrugen, ihren Feinden von Herzen verziehen und sie geliebt, verdienen sie nicht vor der Welt gerechtfertiget und entschädiget zu werden?

Dagegen: verdienen ihre Dränger und Verfolger, verdienen jene Heuchler, die stets das Wort: Liebe und Toleranz auf der Zunge, aber Gift und Galle im Herzen hatten, verdient der gesinnungslose, charakterlose, feige, miserable Troß, der zwar in die Kirche läuft, mit Weihwasser sich besprengt und ein Kreuz um das andere schlägt, aber da, wo es sich darum handelt, Farb zu bekennen und für Gottes und seiner heiligen Kirche Recht einzustehen, seine Religion und Kirche verkauft und verräth, verdient er nicht von Jesu Christo öffentlich gerichtet und gestraft zu werden?

Verdient denn jenes schweifwedelnde Volk, das wegen eines ungnädigen Blickes ungläubiger Beamten und herrschsüchtiger Pascha, seinen Bischof und seine Priester im Stiche läßt, und die schlechtesten Subjekte und die ingrimmigsten Feinde der Religion auf die Schultern hebt, zu seinen Vertrauensmännern erwählt, zu den wichtigsten Aemtern beruft und ihnen das Heft in die Hand drückt, gegen Gott und Religion (Anmerkung ETIKA: und die christliche Sittenlehre) zu wüthen, verdient es nicht, frage ich, vor aller Welt gerichtet und mit Schmach und Schande bedeckt zu werden. (Anmerkung ETIKA: Heute befinden wir uns weltweit in der gleichen Situation wie Kist anno 1866.)

Ein allgemeines Gericht muß stattfinden, weil es Menschen gibt, die Gott der Parteilichkeit anklagen, die behaupten, Gott habe sie stiefmütterlich behandelt, er habe ihnen weniger Gnaden als Andern verliehen, er habe ihnen zu viel zugemuthet und ihnen zu viel Kreuz und Widerwärtigkeiten aufgeladen, und er trage die Schuld daran, wenn sie nicht selig werden.

Murren nicht Viele über die Anordnungen, Fügungen, Schickungen und Zulassungen Gottes; klagen sie nicht seine Vorsehung und seine Weltregierung an?

Durch das allgemeine Gericht wird Gott aber vor aller Welt gerechtfertiget werden, dort wird es sich klar herausstellen, daß Gott in Liebe und Weisheit die Welt regiert, daß er einen Jeden den Weg geführt, der für ihn der tauglichste war, in´s Himmelreich kommen zu können; daß Gott einem Jeden hinlängliche Gnade verliehen, sein Heil zu wirken, und daß er keinem zu viel zugemuthet und aufgebürdet.

Dort wird die Welt erkennen, daß nicht Gott der Urheber der Uebel, der Leiden, der Ungleichheit und des Mißverhältnisses unter den Menschen war, sondern daß ihre eigene Verkehrtheit, ihre Laster und Leidenschaften sie gegeißelt und um den Himmel betrogen.

Dort wird die Welt anerkennen müssen, daß eigentlich nicht Gott die Menschen verdamme, sondern daß sie sich selbst muthwillig in die Verdammung stürzen, daß sie verloren gehen, weil sie verloren gehen wollen, und daß Gott blos das Urtheil vollzieht, das sie über sich selbst im Leben gefällt.

Endlich, sage ich, muß ein allgemeines Gericht stattfinden, weil beim besondern nicht der ganze Mensch gerichtet wird. Der Mensch besteht aus Leib und Seel; der Leib allein ist kein Mensch, die Seel allein ist kein Mensch, sondern Leib und Seel in ihrer Vereinigung sind der Mensch. Wenn nun der Mensch sündiget, so sündiget auch der Leib; also verdient der Mensch auch mit dem Leib, d. h. am Leib gestraft zu werden.

Thut der Mensch aber Gutes, so hilft ihm auch der Leib dabei; also verdient der Mensch auch mit dem Leib belohnt zu werden. Der Leib ist gleichsam der Diener der Seel, und die Seel des Leibes Herr; sündiget der Herr und sein Diener, so wird der Herr und sein Bedient bestraft; thut der Herr und sein Diener Gutes, so müssen beide Belohnung empfangen.

„Mitgegangen – mitgehangen, mitgefrohntmitbelohnt, mitgezechtmitgeblecht, mitgerungenmitbesungen.“

Was haben nicht die heiligen Märtyrer an ihrem Leibe gelitten! Wie haben nicht die heiligen Büßer ihren Leib gezüchtigt! Wie haben die Heiligen alle nicht ihren Leib abgetödtet!

·       Welche schweren Versuchungen und Kämpfe bereitet nicht der Leib denen, die in Christo Jesu gottselig leben wollen!

Allein endlich wird der Sieg errungen und auch der Leib beugt sich unter Christi Joch.

Und befriedigen nicht die Lasterhaften, die Genußsüchtigen, die Unmäßigen, die Unkeuschen, die Trägen – die Lüste, die unedlen, verkehrten Neigungen und Triebe des Leibes? Sind sie nicht Sklaven der Sinnlichkeit, des Gaumens, des Bauches, des Fleisches – und sie sollten nicht auch an ihrem Leibe gestraft werden? Damit nun der ganze Mensch gerichtet, und Leib und Seel belohnt und bestraft werden kann, müssen beide wieder mit einander vereiniget werden, und das geschieht bei der Auferstehung der Todten, am jüngsten Tag.

Da bin ich nun auf eine sehr heikle Frage gestoßen: auf die Auferstehung der Todten und auf das Ende der Welt. Da wird vielleicht gar Mancher den Kopf schütteln und meinen: Das ist ja unmöglich! Wie kann der verweste Leib, den der Wind verweht, wieder auferstehen? Wie kann die Seel sich wieder mit dem Leib vereinigen? Was soll der Leib im Himmel oder in der Höll? – Wie kann Etwas zu nichts werden? – Gott steh mir bei! Wie werde ich zu Streich kommen und bei so vielen Einwänden fertig werden mit so vielen Kopfschüttlern? Wie komm ich über dieses tiefe Wasser, mit so dünner Eiskruste? Doch ich will´s versuchen! Ich will den Einen nach dem Andern am Schopfe nehmen.

 

wird fortgesetzt

Originaltext, zuletzt aber wegen der Logik Ausrufezeichen in Fragezeichen abgeändert

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