ETIKA

E.T.A. Hoffmann

www.etika.com
12.8.2004

98B18

Die Elixiere des Teufels

 

E. T. A. Hoffmann
Die Elixiere des Teufels
Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners
Ein ETIKA-Streifzug durch das Drama

Erster Band, Erster Abschnitt
Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben

 

Eben aus diesen Erzählungen ... weiß ich, daß meine Eltern von einem bequemen Leben, welches sie im Besitz vieles Reichtums führten, herabsanken in die drückendste bitterste Armut  und daß mein Vater, einst durch den Satan verlockt zum verruchten Frevel, eine Todsünde beging, die er, als ihn in späten Jahren die Gnade Gottes erleuchtete, abbüßen wollte auf einer Pilgerreise nach der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preußen.

 

Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter:

"Euer Sohn ist mit vielen Gaben herrlich ausgestattet, aber die Sünde des Vaters kocht und gärt in seinem Blute, er kann jedoch sich zum wackern Kämpfen für den Glauben aufschwingen, lasset ihn geistlich werden!"

 

Meine Erinnerungen ... heben von dem Zeitpunkt an, als meine Mutter ... in das Zisterzienserinnen-Nonnenkloster gekommen war, dessen gefürstete Äbtissin, die meinen Vater gekannt hatte, sie freundlich aufnahm... Die Fürstin: „Ich sehe Euern Sohn als meinen Zögling an, liebe Frau, und will von nun an für ihn sorgen.“

 

"Franziskus! Bleibe fromm und gut!"

 

Der herrliche Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien mir jedesmal, wenn ich in den langen Alleen wandelte und bald bei dieser, bald bei jener üppigen Baumgruppe stehenblieb, in neuer Schönheit zu erglänzen.

 

Unerachtet der strengen Ordensregel waren die Andachtsübungen dem Prior Leonardus mehr Bedürfnis des dem Himmlischen zugewandten Geistes als asketische Buße für die der menschlichen Natur anklebende Sünde, und er wußte diesen Sinn der Andacht so in den Brüdern zu entzünden, daß sich über alles, was sie tun mußten, um der Regel zu genügen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoß, die in der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte.

 

.. indem die im weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und eingingen in die alten Mauern, wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte Leben der Geistlichen verkündet, mußten sie, von manchem Funken, der in ihre Seele fiel, angeregt, eingestehen, daß auch wohl auf andere Wege als auf dem, den sie eingeschlagen, Ruhe und Glück zu finden sei, ja daß vielleicht der Geist, je mehr er sich über das Irdische erhebe, dem Menschen schon hienieden ein höheres Sein bereiten könne.

 

Die Schwester des Konzertmeisters

 

Eines Morgens, als ich zum Konzertmeister gehen wollte meines Unterrichts halber, überraschte ich die Schwester im leichten Morgenanzuge, mit beinahe ..., schnell warf sie das Tuch über ..., aber doch schon zu viel hatten meine gierigen Blicke erhascht, ich konnte kein Wort sprechen, nie gekannte Gefühle regten sich stürmisch in mir und trieben das glühende Blut durch die Adern, daß hörbar meine Pulse schlugen. ... Dadurch, daß das Mädchen ganz unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand faßte und frug, was mir denn wäre, wurde das Übel wieder ärger...

 

Fromm genug war ich, um später das Ganze für eine böse Anfechtung des Teufels zu halten, und ich pries mich nach kurzer Zeit recht glücklich, den bösen Feind durch die asketischen Übungen, die ich unternahm, aus dem Felde geschlagen zu haben.

 

Der Prior:

"Ich sehe, daß ... es noch gut mit Ihnen steht. Der Herr bewahre Sie vor der Verführung der Welt; die Genüsse sind von kurzer Dauer, und man kann wohl behaupten, daß ein Fluch darauf ruhe, da in dem unbeschreiblichen Ekel, in der vollkommenen Erschlaffung, in der Stumpfheit für alles Höhere, die sie hervorbringen, das bessere geistige Prinzip des Menschen untergeht."

 

Der Konzertmeister hatte mich ... zu einer musikalischen Unterhaltung... geladen. Außer seiner Schwester waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen, und dieses steigerte die Befangenheit, die mir schon bei der Schwester allein den Atem versetzte. Sie war sehr reizend gekleidet, sie kam mir schöner als je zuvor, es war, als zöge mich eine unsichtbare, unwiderstehliche Gewalt zu ihr, und so kam es denn, daß ich, ohne selbst zu wissen wie, mich immer ihr nahe befand, jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte begierig aufhaschte., ja mich so an sie drängte, daß wenigstens ihr Kleid im Vorbeistreifen mich berühren mußte, welches mich mit innerer, nie gefühlter Lust erfüllte. Sie schien es zu bemerken und Wohlgefallen daran zu finden,; zuweilen war es mir als müßte ich sie wie in toller Liebeswut an mich reißen und inbrünstig an mich drücken! – Sie hatte lange neben dem Flügel gesessen, endlich stand sie auf und ließ auf dem Stuhl einen ihrer Handschuhe liegen; den ergriff ich und drückte ihn im Wahnsinn heftig an den Mund! Das sah eines von den Frauenzimmern, die ging zu des Konzertmeisters Schwester und flüsterte ihr etwas ins Ohr, nun schauten sie beide auf mich und kicherten und lachten höhnisch! Ich war wie vernichtet, ein Eisstrom ergoß sich durch mein Inneres – besinnungslos stürzte ich fort ins Kollegium – in meine Zelle. Ich warf mich in toller Verzweiflung auf den Fußboden, glühende Tränen quollen mir aus den Augen, ich verwünschte – ich verfluchte das Mädchen – mich selbst, dann betete ich wieder und lachte dazwischen wie ein Wahnsinniger! Überall erklangen um mich Stimmen, die mich verspotteten, verhöhnten; ich war im Begriff, mich durchs Fenster zu stürzen, zum Glück verhinderten mich die Eisenstäbe daran, mein Zustand war in der Tat entsetzlich. Erst als der Morgen anbrach, wurde ich ruhiger, aber fest war ich entschlossen, sie niemals mehr zu sehen und überhaupt der Welt zu entsagen. ... Leonardus schien über meinen plötzlichen Eifer verwundert... Eine innere Scham, die ich nicht zu überwinden vermochte, hielt mich zurück, ihm die Wahrheit zu sagen...

 

Die unterirdischen Mächte lauern

 

Leonardus:

"Mein Sohn, der Unglaube ist der ärgste Aberglaube."

 

Erst später durfte ich eingehen in seine herrlichen Gedanken über den mystischen Teil unserer Religion, der die geheimnisvolle Verbindung unseres geistigen Prinzips mit höheren Wesen in sich schließt..."

 

Wer mag der Stärke seiner Waffen, wer mag seiner Wachsamkeit vertrauen, wenn die unterirdischen Mächte lauern?

 

Bruder Cyrillus über Reliquien:

"... der Mensch vermag Stärke und Kraft im Glauben von dem höheren Geiste zu empfangen, den er im Innersten des Gemüts um Trost und Beistand anrief. Ja, diese in ihm erweckte höhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Körpers zu überwinden vermögen, und daher kommt es, daß diese Reliquien jene Mirakel bewirken, die, da sie so oft vor den Augen des versammelten Volkes geschehen, wohl nicht geleugnet werden können."

Bruder Cyrillus weiter:

 

"Dir ist das Leben des heiligen Antonius zur Genüge bekannt, du weißt, daß er, um sich von allem Irdischen zu entfernen, um seine Seele ganz dem Göttlichen zuzuwenden, in die Wüste zog und da sein Leben den strengsten Buß- und Andachtsübungen weihte. Der Widersacher verfolgte ihn und trat ihm oft sichtlich in den Weg, um ihn in seinen frommen Betrachtungen zu stören. So kam es denn, daß der heilige Antonius einmal in der Abenddämmerung eine finstere Gestalt wahrnahm, die auf ihn zuschritt. In der Nähe erblickte er zu seinem Erstaunen, daß aus den Löchern des zerrissenen Mantels, den die Gestalt trug, Flaschenhälse hervorguckten.

 

Es war der Widersacher, der in diesem seltsamen Aufzug ihn höhnisch anlächelte und frug, ob  nicht von den Elixieren, die er in den Flaschen bei sich trüge, zu kosten begehre. Der heilige Antonius, den diese Zumutung nicht einmal verdrießen konnte, weil der Widersacher, ohnmächtig und kraftlos geworden, nicht mehr imstande war, sich auf irgendeinen Kampf einzulassen und sich daher auf höhnende Reden beschränken mußte, frug ihn, warum er denn so viele Flaschen und auf solche besondere Weise bei sich trüge. Da antwortete der Widersacher:

„Siehe, wenn mir ein Mensch begegnet, so schaut er mich verwundert an und kann es nicht lassen, nach meinen Getränken zu fragen und zu kosten aus Lüsternheit. Unter so vielen Elixieren findet er ja wohl eins, das ihm recht mundet, und er säuft die ganze Flasche aus und wird trunken und ergibt sich mir und meinem Reiche.“

 

Soweit steht das in allen Legenden; nach dem besonderen Dokument, das wir über diese Vision des heiligen Antonius besitzen, heißt es aber weiter, daß der Widersacher, als er sich von dannen hub, einige seiner Flaschen auf einem Rasen stehenließ, die der heilige Antonius schnell in seine Höhle mitnahm und verbarg, aus Furcht, selbst in der Einöde könnte ein Verirrter, ja wohl gar einer seiner Schüler von dem entsetzlichen Getränke kosten und ins ewige Verderben geraten. - Zufällig, erzählt das Dokument weiter, habe der heilige Antonius einmal eine dieser Flaschen geöffnet, da sei ein seltsamer betäubender Dampf herausgefahren und allerlei scheußliche, sinneverwirrende Bilder der Hölle hätten den Heiligen umschwebt, ja ihn mit verführerischen Gaukeleien zu verlocken gesucht, bis er sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder vertrieben. –

 

In diesem Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlaß des heiligen Antonius eben eine solche Flasche mit einem Teufelselixier, und die Dokumente sind so authentisch und genau, daß wenigstens daran, daß die Flasche wirklich nach dem Tode des heiligen Antonius unter seinen nachgebliebenen Sachen gefunden wurde, kaum zu zweifeln ist. Übrigens kann ich versichern, lieber Bruder Medardus, daß, sooft ich die Flasche, ja nur dieses Kistchen, worin sie verschlossen, berühre, mich ein unerklärliches inneres Grauen anwandelt, ja daß ich wähne, etwas von einem ganz seltsamen Duft zu spüren, der mich betäubt und zugleich eine innere Unruhe des Geistes hervorbringt, die mich selbst bei den Andachtsübungen zerstreut. Indessen überwinde ich diese böse Stimmung, welche offenbar von dem Einfluß irgendeiner feindlichen Macht herrührt, sollte ich auch an die unmittelbare Einwirkung des Widersachers nicht glauben, durch standhaftes Gebet.

 

Dir, lieber Bruder Medardus, der du noch so jung bist, der du noch alles, was dir deine von fremder Kraft aufgeregte Phantasie vorbringen mag, in glänzenderen, lebhafteren Farben erblickst, der du noch wie ein tapferer, aber unerfahrener Krieger zwar rüstig im Kampfe, aber vielleicht zu kühn, das Unmögliche wagend, deiner Stärke zu sehr vertraust, rate ich, das Kistchen niemals oder wenigstens erst nach Jahren zu öffnen, und damit dich deine Neugierde nicht in Versuchung führe, es dir weit weg aus den Augen zu stellen.“

 

Der Bruder Cyrillus verschloß die geheimnisvolle Kiste wieder in den Schrank, wo sie gestanden, und übergab mir den Schlüsselbund, an dem auch der Schlüssel jenes Schranks hing; die ganze Erzählung hatte auf mich einen eignen Eindruck gemacht, aber je mehr ich eine innere Lüsternheit emporkeimen fühlte, die wunderbare Reliquie zu sehen, desto mehr war ich, der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend, bemüht, auf jede Art mir es zu erschweren. Als Cyrillus mich verlassen, übersah ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtümer, dann löste ich aber das Schlüsselchen, welches den gefährlichen Schrank schloß, vom Bunde ab und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte.

 

Der Bruder, welcher im Kloster zu predigen pflegte,  wurde zusehends schwächer, seine Reden schlichen wie ein halbversiegter Bach mühsam und tonlos dahin, und die ungewöhnlich gedehnte Sprache, welche der Mangel an Ideen und Worten erzeugte, da er ohne Konzept sprach, machten seine Reden so unausstehlich lang, daß vor dem Amen schon der größte Teil der Gemeinde, wie bei dem bedeutungslosen eintönigen Geplapper einer Mühle, sanft eingeschlummert war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte.

 

Leonardus ... daß er in mich drang, schon am nächsten heiligen Tag den Versuch einer Predigt zu machen, der um so weniger mißlingen werde, als mich die Natur mit allem ausgestattet habe, was zum guten Kanzelredner gehöre, nämlich mit einer einnehmenden Gestalt, einem ausdrucksvollen Gesicht und einer kräftigen, tonreichen Stimme.

 

Bald .. war es, als strahle der glühende Funke himmlischer Begeisterung durch mein Inneres... Die Brüder zollten mir ihre höchste Bewunderung.

 

Da keimte in mir der Gedanke auf, ich sei ein besonders Erkorener des Himmels... alle gemütlichen Äußerungen der Brüder, die Freundlichkeit des Priors erweckten in mir einen feindseligen Zorn. Den Heiligen, den hoch über sie erhabenen, sollten sie in mir erkennen, sich niederwerfen in den Staub ...

 

Leonardus wurde sichtlich kälter gegen mich...

 

"Der Beifall, ja die abgöttische Bewunderung, die dir die leichtsinnige, nach jeder Anreizung lüsterne Welt gezollt, hat dich geblendet, und du siehst dich selbst in einer Gestalt, die nicht dein eigen, sondern ein Trugbild ist, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt. Gehe in dich, Medardus! Entsage dem Wahn, der dich betört...!"

 

Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrängt voll... Nie hatte ich kräftiger, feuriger, eindringender gesprochen. ... Von den Verführungen des Teufels , dem der Sündenfall die Macht gegeben, die Menschen zu verlocken, sprach ich, und unwillkürlich führte mich der Strom der Rede hinein in die Legende von den Elixieren...

 

Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen langen, hageren Mann, der ... sich an einen Eckpfeiler lehnte. Er hatte auf seltsame fremde Weise einen dunkelvioletten Mantel umgeworfen... Sein Gesicht war leichenblaß. aber der Blick der großen schwarzen, stieren Augen fuhr wie ein glühender Dolchstoß durch meine Brust. Mich durchbebte ein unheimliches, grauenhaftes Gefühl ... starr und bewegungslos stand der Mann da, den gespenstischen Blick auf mich gerichtet. So wie bittrer Hohn - verachtender Haß lag es auf der hohen gefurchten Stirn, in dem herabgezogenen munde. Die ganze Gestalt hatte etwas Furchtbares, Entsetzliches! Ja, es war der unbekannte Maler aus der heiligen Linde. Ich fühlte mich wie von eiskalten, grausigen Fäusten gepackt. - Tropfen des Angstschweißes standen auf meiner Stirn ..., immer verwirrter wurden meine Reden - es entstand ein Flüstern, ein Gemurmel in der Kirche, aber starr und unbeweglich lehnte der fürchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren Blick auf mich gerichtet. Da schrie ich auf in der Höllenangst wahnsinniger Verzweiflung:

"Ha, Verruchter! Hebe dich weg! Hebe dich weg - denn ich bin es selbst! Ich bin der heilige Antonius!"

 

Als ich aus dem bewußtlosen Zustand, in den ich mit jenen Worten versunken, wieder erwachte, befand ich mich auf meinem Lager, und der Bruder Cyrillus saß neben mir, mich pflegend und tröstend.

 

Nach einiger Zeit begab es sich, daß ein junger Graf ... unser Kloster besuchte und die vielen Merkwürdigkeiten desselben zu sehen begehrte. Ich mußte die Reliquienkammer aufschließen...  Unerachtet ich nun nicht gleich mit der Sprache herauswollte, was in dem Schrank verschlossen, so drangen beide, der Graf und der Hofmeister, doch so lange in mich, bis ich die Legende vom heiligen Antonius dem arglistigen Teufel erzählte... Sie ergossen sich beide in allerlei witzigen Anmerkungen und Einfällen über den komischen Teufel...

 

... hatte der Hofmeister die Schieber des Kistchens schnell aufgeschoben und die schwarze, sonderbar geformte Flasche herausgenommen. ... Der Graf:

 

"Dieser uralte Syrakuser würde neue Kraft in Ihre Adern gießen und die Kränklichkeit verscheuchen..."

 

Der Hofmeister ... öffnete, meiner Protestaktionen unerachtet, die Flasche.

 

Es war mir, als zucke mit dem Herausfliegen des Korks ein blaues Flämmchen hervor... Stärker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das Zimmer. Der Hofmeister kostete zuerst (dann der Graf). ... vergebens drangen sie in mich, auch von dem Wein des heiligen Antonius zu kosten, ich verweigerte es standhaft und verschloß die Falsche, wohl zugepfropft, wieder in ihr Behältnis.

 

Die Fremden verließen das Kloster, aber als ich einsam in meiner Zelle saß, konnte ich mir selbst ein gewisses inneres Wohlbehagen, eine rege Heiterkeit des Geistes nicht ableugnen. Es war offenbar, daß der geistige Duft des Weins mich gestärkt hatte. Keine Spur der üblen Wirkung, von der Cyrillus gesprochen... 

 

Wie? dachte ich: Wenn das wunderbare Getränk mit geistiger Kraft dein Inneres stärkte, ja die erloschene Flamme entzünden könnte, daß sie mit neuem Leben emporstrahlte? ... immer und immer wieder verfolgte mich der Gedanke, daß nur durch den Genuß des wunderbaren Weins mein Geist sich erlaben und stärken könne.

 

Das Betragen des Priors, die mich wie einen geistig Erkrankten mit gutgemeinter, aber niederbeugender Schonung behandelten, brachte mich zur Verzweiflung, und als Leonardus nun gar mich von den gewöhnlichen Andachtsübungen dispensierte, damit ich meine Kräfte ganz sammeln solle, da beschloß ich, in schlafloser Nacht von tiefem Gram gefoltert, auf den Tod alles zu wagen, um die verlorne geistige Kraft wiederzugewinnen oder unterzugehn.

 

Ich stand vom Lager auf und schlich wie ein Gespenst mit der Lampe, die ich bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klosters angezündet, durch die Kirche nach der Reliquienkammer. Von dem flackernden Schein der Lampe beleuchtet, schienen die heiligen Bilder in der Kirche sich zu regen, es war, als blickten sie mitleidsvoll auf mich herab, es war, als höre ich in dem dumpfen Brausen des Sturms, der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr, klägliche, warnende Stimmen, ja als riefe mir meine Mutter zu aus weiter Ferne:

 

"Sohn Medardus, was beginnst du, laß ab von dem gefährlichen Unternehmen!"

 

Als ich in die Reliquienkammer getreten, war alles still und ruhig, ich schloß den Schrank auf, ich ergriff das Kistchen, die Flasche, bald hatte ich einen kräftigen Zug getan! Glut strömte durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl unbeschreiblichen Wohlseins - ich trank noch einmal, und die Lust eines neuen, herrlichen Lebens ging mir auf! Schnell verschloß ich das leere Kistchen in den Schrank, eilte rasch mit der wohltätigen Flasche nach meiner Zelle und stellte sie in mein Schreibepult.

 

Da fiel mir der kleine Schlüssel in die Hände, den ich damals, um jeder Versuchung zu entgehen, vom Bunde löste, und doch hatte ich ohne ihn sowohl damals, als die Fremden zugegen waren, als jetzt den Schrank aufgeschlossen?  Ich untersuchte meinen Schlüsselbund, und siehe, ein unbekannter Schlüssel, mit dem ich damals und jetzt den Schrank geöffnet, ohne in der Zerstreuung darauf zu merken, hatte sich zu den übrigen gefunden. - Ich erbebte unwillkürlich, aber ein buntes Bild jagte das andere bei dem wie aus tiefem Schlaf aufgerüttelten Geiste vorüber.

 

... Schnell verbreitete sich der Ruf meiner gänzlichen Wiederherstellung.

 

Meine Mutter ... gab mir ein kleines Billett von der Fürstin (Anmerkung ETIKA: Heutige Prediger, aufgepaßt!)

 

"Du hast mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich so nennen), durch die Rede, die Du in der Kirche unseres Klosters hieltest, in die tiefste Betrübnis gesetzt... Der stolze Prunk Deiner Rede, Deine sichtliche Anstrengung, nur recht viel Auffallendes, Glänzendes zu sagen, hat mir bewiesen, daß Du, statt die Gemeinde zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzünden, nur nach dem Beifall, nach der wertlosen Bewunderung der weltlich gesinnten Menge trachtest. Du hast Gefühle geheuchelt, die nicht in Deinem Innern waren...Der Geist des Trugs ist in Dich gefahren und wird Dich verderben, Wenn Du nicht in Dich gehst und der Sünde entsagst..."

 

Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Äbtissin, und ich erglühte vor innerem Zorn... Umso unerträglicher waren mir die Vorwürfe der Äbtissin und des Priors, als ich in der tiefsten Tiefe meiner Seele wohl die Wahrheit derselben fühlte; aber immer fester und fester beharrend in meinem Tun, mich stärkend durch Tropfen Weins aus der geheimnisvollen Flasche, fuhr ich fort, meine Predigten mit allen Künsten der Rhetorik auszuschmücken und mein Mienenspiel, meine Gestikulationen sorgfältig zu studieren, und so gewann ich des Beifalls, der Bewunderung immer mehr und mehr.

 

... einsam und in tiefe Gedanken versunken, saß ich im Beichtstuhl... Da rauschte es in meiner Nähe, und ich erblickte ein großes, schlankes Frauenzimmer, ..., einen Schleier über das Gesicht gehängt, die ... sich mir nahte, um zu beichten. Sie bewegte sich mit unbeschreiblicher Anmut, sie kniete nieder, ein tiefer Seufzer entfloh ihrer Brust, ich fühlte ihren glühenden Atem, es war, als umstricke mich ein betäubender Zauber...

 

Jedes ihrer Worte griff in meine Brust, als sie bekannte, wie sie eine verbotene Liebe hege, die sie schon seit langer Zeit vergebens bekämpfe, und daß diese Liebe um so sündlicher sei, als den Geliebten heilige Bande auf ewig fesselten; aber im Wahnsinn hoffnungsloser Verzweiflung habe sie diesen Banden schon geflucht. - Sie stockte - mit einem Tränenstrom, der die Worte beinahe erstickte, brach sie los:

 

"Du selbst - du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe!"

 

Wie im tötenden Krampf zuckten alle meine Nerven, ich war außer mir selbst, ein nie gekanntes Gefühl zerriß meine Brust, sie sehen, sie an mich drücken - vergehen vor Wonne und Qual, eine Minute dieser Seligkeit für ewige Marter der Hölle! - Sie schwieg, aber ich hörte sie tief atmen. In einer Art wilder Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen, was ich gesprochen, weiß ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, daß sie schweigend aufstand und sich entfernte...

 

Ich hatte das Gesicht der Unbekannten nicht gesehen, und doch lebte sie in meinem Innern und blickte mich an mit holdseligen dunkelblauen Augen, in denen Tränen perlten, die wie mit verzehrender Glut in meine Seele fielen und die Flamme entzündeten. die kein Gebet, keine Bußübung dämpfte. Denn diese unternahm ich, mich züchtigend bis aufs Blut mit dem Knotenstrick, um der ewigen Verdammnis zu entgehen, die mir drohte, da oft jenes Feuer, das das fremde Weib in mich geworfen, die sündlichsten Begierden, welche sonst mir unbekannt geblieben, erregte, so daß ich mich nicht zu retten wußte vor wollüstiger Qual.

 

Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr herrliches Bild in dem Moment gemalt, als sie den Märtyrertod erleidet. Es war meine Geliebte, ich erkannte sie, ja sogar ihre Kleidung war dem seltsamen Anzug der Unbekannten völlig gleich. Da lag ich stundenlang, wie von verderblichem Wahnsinn befangen, niedergeworfen auf den Stufen des Altars und stieß heulende entsetzliche Töne der Verzweiflung aus, daß die Mönche sich entsetzten und scheu von mir wichen.

 

In ruhigeren Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und ab, in duftiger Ferne sah ich sie wandeln... überall nur sie, nur sie! - Da verwünschte ich mein Gelübde, mein Dasein! Hinaus in die Welt wollte ich und nicht rasten, bis ich sie gefunden, sie erkaufen mit dem Heil meiner Seele.

 

Kein Schlaf! - Keine Ruhe! Von ihrem Bilde verfolgt, wälzte ich mich auf dem harten Lager  und rief die Heiligen an, nicht, mich zu retten von dem verführerischen Gaukelbilde, das mich umschwebte, nicht, meine Seele zu bewahren vor ewiger Verdammnis! Nein! Mir das Weib zu geben, meinen Schwur zu lösen, mir Freiheit zu schenken zum sündigen Abfall!

 

Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht aus dem Kloster ein Ende zu machen. ... ich beschloß, unkenntlich geworden durch das Abscheren meines Bartes und weltliche Kleidung, so lange in der Stadt umherzuschweifen, bis ich sie gefunden...

 

Der letzte Tag, den ich noch im Kloster zubringen wollte, war endlich herangekommen... Schon war es Abend geworden, als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen ließ.

 

"Du hast oftmals, vorzüglich bei dem Altar der heiligen Rosalia, durch anstößige, entsetzliche Reden. die dir wie im Wahnsinn zu entfahren schienen... ein heilloses Ärgernis gegeben; ich könnte dich daher nach der Klosterzucht hart strafen, doch will ich dies nicht tun, da vielleicht irgendeine böse Macht - der Widersacher selbst, dem du nicht genug widerstanden - an deiner Verwirrung schuld ist, und gebe dir nur auf, rüstig zu sein in Buße und Gebet. Ich schaue tief in deine Seele! - Du willst ins Freie! ...

 

Eine Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach Rom. Ich habe dich dazu gewählt, und schon morgen kannst du, mit den nötigen Vollmachten und Instruktionen versehen, deine Reise antreten. ... Begib dich jetzt in deine Zelle; bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele..."

 

Er umarmte mich, und es war mir, als wisse er nun meine geheimsten Gedanken und erteile mir die Freiheit, dem Verhängnis nachzugeben, das, über mich waltend, nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in ewiges Verderben stürzen konnte.

 

Zweiter Abschnitt
Der Eintritt in die Welt
(folgt irgendwann)

ETIKA an den, der auch solche Elixiere des Teufels in seinem Besitz hat:

Dämonen lauern überall,
verlocken dich zum Sündenfall!

Der Abgrund brüllt nach frischem Blut,
nach Fleisch, nach herrenlosem Gut!

Gib deiner Schwäche nicht mehr nach,
besieg den Feind! Schluß mit der Schmach:

Sünde, Unglück, Tod und Pein
will ich nicht mehr verfallen sein!

Index 9 - - - - Retour ETIKA Start