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6.8.2000

98B5

Volkssagen aus Tirol

Johann Adolf Heyl (11.2.1849 Brixen, + 13.5.1927, Grab in Innsbruck-Wilten), 1897

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2070 Der Teufel als Tänzer
3032 Auf dem Weg ins Jenseits
4027 Der nächtliche Holzhacker
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4100 Das Teufelsloch
6006 Unter den Räubern
neu
7008 Der Schuss auf das Crucifix
7124 Die bestraften Sonntagsspieler
7129 Die verschneite Alm
neu
9322 Die leichtfertig verlorenen Brosamen zusammensuchen

2070 Der Teufel als Tänzer

Mei, wie die Sennerin auf der Eggeralm ins Tanzen vernarrt war; nichts hat sie lieber gethan.

Der Pfarrer hat oft geprediget, auf dem Tanzplatz wird die Unschuld krank, und auf dem Heimweg stirbt sie, und sie sollten nur einmal in den Kalender für Zeit und Ewigkeit schauen, wie der Tod hinter den Tänzern steht und mit zwei Knochen geigt; aber es war alles in den Wind geredet.

Das wussten die Senner weitum und kamen oft bei ihr zusammen und tanzten bis Mitternacht. Eines Abends war sie mit ihrer Kameradin mutterseelenallein in der Sennhütte; es wollte niemand kommen. "Wenn nur heut´ einer käm´!" Aber es kam keiner. "Wenn ich heut´doch wenigstens einmal mit einem herumtanzen könnte," sagte sie in ihrer Langweile, "und möcht´s der Teufel selber sein!" Der andern gieng bei diesen Worten ein Schaudern zu, und sie mahnte die Sennerin, nicht so zu reden, sonst könnt´ er kommen, der Unterländer.

Nach einer Zeit hörten sie über den Rain herauf lustig jodeln, dass es ihnen in die Ohren gellte. "Endlich kommt einer," rief sie freudig aus, "und noch dazu ein Lustiger; der jodelt ja, wie ich´s noch nie gehört habe."

Und herein trat ein flinker Jägersmann, bildschön, versteht sich, mit einem nobligen Schnauzbart. Wie er die Sennerin ums Tanzen fragte, hatte sie auch schon ja gesagt. Jetzt drehten sie sich herum und immer wieder und immer schneller, und während sie miteinander walzten und der Jäger lustig auf den Boden stampfte und mit der Zunge schnalzte, da stellten sich allmählich mehrere Burschen aus nachbarlichen Sennhütten ein.

Der Tanz wollte nimmer aufhören, und die Sennerin wurde allmählich windelweiß vor Anstrengung und konnte kaum mehr athmen; der Jäger ließ sie nimmer aus. Nach und nach wurde dieser größer und immer größer, und Feuer gieng ihm aus den Augen und erleuchtete die Stube; der Sennerin liefen dicke Schweißtropfen herab und nästen den Boden.

Da kam es den Zuschauern ganz unheimlich vor, furchtsam drängten sie sich in einen Winkel zusammen, und einer rannte zur Thür hinaus und gestracks ins Dorf hinab und holte den Geistlichen. Dieser lief, was er konnte, bergauf und brachte endlich mit harter Mühe den Jäger zum Weichen.

Kaum ließ er die Tänzerin aus, da fiel sie um wie ein Holzblock und lag lange wie todt. Endlich kam sie zu sich, aber die übermenschliche Anstrengung und der Schrecken warfen sie aufs Krankenbett, und erst nach Monaten stand sie wieder auf. (Kössen.)

3032 Auf dem Weg ins Jenseits

Eine mildthätige Jungfrau verschenkte einmal ihr einziges Paar Schuhe an einen Armen. Als sie nun gestorben war, musste sie auf der Wanderung ins Jenseits barfuß über eine stachelige Heide voll Dörner und Disteln gehen.

Aber sieh, an einem Dornstrauch hieng das verschenkte Paar Schuhe, das sie nun anziehen konnte. (Brixen.)

4027 Der nächtliche Holzhacker

In Sarnthal lebte einst ein überaus braver und redlicher Holzhacker, der nie, ohne die Frühmesse gehört zu haben, an die Arbeit ging. Damit verdiente er auch redlich sein Brot. Als aber einmal ein Hungerjahr eintrat, war es sein größtes Kreuz, sich und die Seinen mit der Arbeit fortzubringen. Daher begann er auch in der Nacht zu arbeiten, daß er sich mehr verdienen könnte.

Aber das ging nicht lange so fort; es verließen ihn die Kräfte. Eines Abends war er sehr müde und abgeschunden und hatte doch noch einen ordentlichen Haufen Prügel vor sich, die aufgehackt werden mußten. Weil er aber nicht mehr konnte, betete er seinen Rosenkranz und legte sich schlafen; dafür gedachte er andern Tages desto rüstiger ans Werk zu gehen.

Schon lag er in tiefem Schlafe, als er auf einmal aufgeweckt wurde. Es hackte jemand das Holz vor dem Hause. Neugierig schaute er durch das Fenster, sah aber niemanden, obwohl der Mond ganz hell schien. Es wurde jedoch weiter gehackt, und er sah ganz deutlich, wie sich das Beil auf und ab bewegte.

Er legte sich wieder ins Bett und schlief getrost weiter, als er aber am nächsten Morgen aufstand und nach dem Holze sah, war der ganze Haufen fertig gehackt. So ging es die folgenden Nächte; der Holzhacker konnte die Nacht getrost ausruhen und hatte doch doppelten Verdienst, so daß er keine Sorgen mehr zu haben brauchte.

4100 Das Teufelsloch

Auf dem Sarnerjöchl, über welches man von Sarnthal nach Passeier hinübergeht, ist ein großer Felsen und in dem Felsen eine Kluft, das Teufelsloch.

Um die Alm heroben wurde viele Jahre lang gestritten; da that einer von seinem Acker Erde in die Schuhe und einen Schöpflöffel in seinen Hut und schwur: "So wahr der Schöpfer ober meinem Kopfe ist, so wahr ist es, dass ich auf dem Grunde meiner Gemeinde stehe."

Kaum hatte er dies gesagt, da sprang der Felsen entzwei, und aus der Kluft stieg ein abscheulicher Teufel hervor; dieser packte ihn und fuhr mit seiner Beute unter Feuer und höllischem Gestank durch die Kluft in die Hölle, daher der Name "Teufelsloch".

6006 Unter den Räubern

Der selige Bartolomäus von Trient aus dem Predigerorden konnte schon als Jüngling Wunder wirken. Einmal fiel er in der Nähe von Verona bei der Kirche der Muttergottes von Epia mit seinem Gefährten unter die Räuber, und beide wurden mit Beraubung und Totschlag bedroht.

Aber sieh, auf einmal kam von der Kirche her ein Trupp Soldaten auf sie zumarschiert, welche in furchtbarem Zorn ihre Waffen schwangen. Erschreckt ergriffen die Räuber die Flucht. Als die Gefahr vorüber war, sah man plötzlich auch keine Soldaten mehr.

7008 Der Schuss auf das Crucifix

In der Heiliggeistkirche zu Prettau im Ahrntal findest du ein durchschossenes Crucifix. Von diesem wird Folgendes erzählt:

In der Krimml war einmal ein großes Schießen, und das Hauptbest bildete ein prächtiger Pfarrstier (d. i. Zuchtstier). Ein Prettauer Schütze gieng hinüber und erblickte auf dem Wege hinter Prettau das Crucifix. Daran probierte er sein Gewehr. Er sagte: "Treffe ich das Bild, dann bekomme ich sicher das Best." Er schoss also und traf den Heiland durch. Nun half ihm der Teufel, er gewann wirklich den Stier und führte ihn über den Tauern herüber.

Wo aber das durchschossene Crucifix stand, wurde der Stier plötzlich wild und spießte den Schützen durch und durch mit seinen Hörnern auf, so dass er augenblicklich todt war.
7124 Die bestraften Sonntagsspieler

In St. Lorenzen im Pusterthale lebten vorzeiten ein paar lustige Brüder, die rauchten und schnapsten und spielten und verthaten ihr Geld im Wirtshause. In die Messe giengen sie nicht; die Kirchenluft, sagten sie, thut uns nicht gut.

Dafür hatten sie desto größere Kurzweil im Wirtsstüblein, wo die Luft gesünder war. Der Pfarrer hörte aber davon und sagte es dem Richter, und der verbot es ihnen und hielt ihnen eine christliche Mahnung.

Als nun der nächste Sonntag kam, sagten die Brüder: "Wir haben die ganze Woche gearbeitet, der Sonntag gehört zur Erholung; zu was wären denn die Kapuziner auf der Welt, wenn nicht statt unser eines zu beten?"

Und weil unter dem Amte das Wirtshaus verboten war, nahmen sie eine Stallaterne und begaben sich in das Knappenloch in der Nähe des Ortes. Da wälzten sie einen großen Stein in die Mitte und huben an auf dem Stein zu spielen. Sie hatten jedoch kein Glück und verloren, so oft sie auf ein neues thaten.

Das gieng ihnen nicht mit rechten Dingen zu, denn es war keiner, dem das Geld in die Tasche fiel. Daher fiengen sie an entsetzlich zu fluchen.

Auf einmal that es einen furchtbaren Krach, und die Höhle stürzte ein und begrub die saubere Brüderschaft in den Trümmern. Seitdem ist nur mehr ein kleiner Theil des Knappenloches zugänglich.

7129 Die verschneite Alm

Dort, wo jetzt die "Althäuser" sind, die Ferner hinten in Pfunders, war in alter Zeit eine wunderschöne Alm. Die Senner hatten Überfluss an allen guten Dingen. Dabei wurden sie aber übermütig. Die Butterknollen benützten sie als Kegelkugeln.

Da kam einst ein armer Mann daher und bat um ein Almosen. Sie hatten nur Scheltworte für ihn. Da sprach der Bettler:

"Was wollt ihr lieber, Regen oder Schnee?"

Hohnlachend wählten sie den Schnee. Da fing es an zu schneien und schneite immer fort. Da wurden die Gottlosen begraben in Schnee und eis. (Pfunders)

8003 Geistersagen aus dem Lungau

Allgemein verbreitet ist die in den drei salzburgischen Gebirgsgauen die Sage vom wilden Gejaid. Dieses besteht aus bösen Geistern, die nicht in den Himmel kommen können. Des Nachts ziehen sie mit grässlichem Lärm durch die Luft; wer ihnen begegnet, den reißen sie nieder, wenn er sich nicht selber auf den Boden wirft. Im letzteren Fall jagen sie über ihn hinweg.

Auch auf den Bergen und in den Wäldern neben den alten Heerstraßen wohnen böse Geister. Wenn jemand nachts einen solchen Weg geht, rollen sie oft Steine auf ihn herab, oder sie "hölzen" Bäume auf die Straße, dass er nicht weiter kann. Da hilft aber das Beten, und erst gar, wenn einmal zum englischen Gruß geläutet wird, dann können einem solche Geister nichts mehr anhaben.

Gefährlich ist es auch, des Nachts über gewisse Brücken und Stege zu gehen, denn darunter lauert gerne der Wassermann, und der zieht die Leute zu sich ins Wasser hinunter. Sie kommen dann nie wieder zum Vorschein.

Ein junger Mensch gieng einmal des Nachts bei Mauterndorf über eine Wiese. Da sah er auf einer Anhöhe mehrere kohlschwarze Gestalten um ein riesiges Feuer herumsitzen. Er musste nahe bei denselben vorüber. Weil er sich fürchtete, zog er die Stiefel aus und schlich so leise und behutsam, als er nur konnte, vorbei und schaute fortwährend auf die schwarzen Männer. Es schien ihm, als wären sie sehr traurig, und doch waren es wieder verwegene und boshafte Gesichter. In dem erblickte ihn einer.

Gleich schoss er in die Höhe und stürzte auf den zutode Erschrockenen los. Der arme Mensch begann zu fliehen, allein der schwarze Verfolger jagte ihm nach über Stock und Block und kam immer näher, immer näher.

Jetzt musste er ihn haben, da that der Schwarze plötzlich einen markdurchdringenden Schrei und stob kläglich winselnd davon, dem Feuer zu. Der Verfolgte fiel vor Angst und Mattigkeit ganz erschöpft zu Boden; als er sich wieder aufrichtete und umherschaute, war er neben einem Baume, an dem ein heiliges Bild befestigt war.

Seltener sind die guten Geister. Wenn jemand im Winter über einen Berg muss und, von Müdigkeit und Erschöpfung überwältigt, auf dem Schneeboden einschläft, und ein wohlgesinntes Bergmännlein bemerkt es, so weckt es ihn auf und stärkt und wärmt seine erstarrten Glieder, so dass er wieder weiter kann. Ist einer unglücklicherweise daran, hoch oben im Gebirge in einen Abgrund abzuschießen, so hält ihn auch wohl ein guter Berggeist auf.

Ein Bauer stürzte auf einem "Bürgmahd" über eine steile Felswand auf hartes Gestein und schlug sich ein tiefes Loch in den Kopf. Er konnte sich nicht mehr selber helfen, blieb liegen und sank endlich in tiefen Schlaf. Im Traume sah er ein winziges Männlein mit langem Barte, das legte Heilkräuter auf seine Wunde. Als er nun aufwachte, war nirgend kein Blut mehr an der Wunde zu vesrpüren, und er fühlte sich völlig gesund und kräftig und konnte allein heimgehen.

Die Berggeister sind aber nur solchen Leuten wohlgesinnt und behilflich, die ihnen nichts zuleide thun, auch auf kein Wild Jagd machen und keinen Almfrevel treiben.

9322 Die leichtfertig verlorenen Brosamen zusammensuchen

Wenn jemand mit der Gottesgabe leichtfertig umgeht, so sammelt der Teufel alles, was verloren gegangen ist, z. B. die abgefallenen Brosamen, und schüttet es einem in der letzten Sterbstunde vor. Südtirol.

Oder der Teufel bäckt aus den verlorenen Brosamen Brot und wirft einem denselben, wenn man gestorben ist, nach. Innthal.

Ziemlich allgemein verbreitet ist der Glaube, dass der Verstorbene die im Leben leichtfertig verlorenen Brosamen zusammensuchen muss.

 

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