ETIKA

Mons. von Segur

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Die Hölle

98B7A

Die Wette der Leutnants

7.8.2014

 

Die Hölle. Gibt es eine, was ist sie, wie entgeht man ihr?
Von Monsignore von Segur.
Autorisirte Uebersetzung. Zweite Auflage. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1880. S. III – X.
Ausgesondert von der Bibliothek des Ignatiushauses Berlin. Provinciae Germaniae Orientalis S. J.

Vorwort: Die Wette der Leutnants

Im Jahre 1837 besuchten zwei junge Lieutenants, welche erst kürzlich die Militärschule von Saint-Cyr verlassen hatten, die Sehenswürdigkeiten der Stadt Paris. Sie traten in die Himmelfahrtskirche ein und fingen an, die Bilder, Malereien und anderen Kunstgegenstände dieser schönen Rotunda zu betrachten. An Beten dachten sie nicht.

Einer von ihnen bemerkte in der Nähe eines Beichtstuhles einen jungen Priester im Chorrocke, welcher das allerheiligste Sacrament anbetete.

„Siehe doch diesen Pfarrer,“ sagte er zu seinem Gefährten; „man sollte meinen, er erwarte Jemanden.“ – Vielleicht erwartet er Dich,“ antwortete ihm der Andere lachend. – „Mich! Und wozu!“ – „Wer weiß; vielleicht, um dich Beicht zu hören.“ – „Um mich Beicht zu hören! Nun gut; willst du wetten, daß ich beichten gehe?“ – „Du! beichten! Was fällt Dir ein,“ sagte er lachend, indem er die Achseln zuckte.

„Was wettest Du?“ erwiederte der junge Officier mit einer spöttischen aber entschiedenen Miene. „Wetten wir um ein gutes Mittagessen mit Champagner. Du wirst es wohl bleiben lassen, in die Falle zu gehen.“

Kaum hatte er diese Worte vollendet, als der Andere auf den jungen Priester zuging und ihm etwas in´s Ohr sagte; dieser erhob sich und ging in den Beichtstuhl, während der improvisirte Büßer seinem Begleiter einen herausfordernden Blick zuwarf, der ihn seiner Niederlage versichern sollte, und dann niederkniete, als wolle er beichten.

„Ist er verrückt geworden!“ murmelte der Andere, und setzte sich auf eine Bank, um den Verlauf der Sache abzuwarten.

Er wartete fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde. „Was soll das sein?“ fragte er sich selbst mit einer gewissen Ungeduld; „ich möchte nur wissen, was er während dieser langen Zeit sagen mag?“

Endlich öffnete sich der Beichtstuhl; der junge Priester verließ denselben mit würdevoller Haltung; er erschien ernst und doch freudig bewegt; nachdem er den jungen Officier gegrüßt hatte, verschwand er in der Sacristei. Auch der Lieutenant hatte sich erhoben; roth wie Scharlach drehte er mit etwas verlegener Miene seinen Bart und gab seinem Freunde ein Zeichen, mit ihm die Kirche zu verlassen.

„Sprich, was ist Dir denn begegnet?“ fragte dieser lebhaft. „Weißt Du auch, daß Du beinahe zwanzig Minuten bei diesem Priester geblieben bist? Meiner Treu´, an eine Beicht von Dir hätte ich nicht gedacht. Wider Erwarten hast du Dein Mittagsmahl gewonnen. Wollen wir es gleich einnehmen?“ – „Nein,“ antwortete der Andere; „heute nicht. Vielleicht an einem anderen Tage. Ich habe zu thun und muß Dich verlassen.“ Und sichtlich aufgeregt drückte er seinem Kameraden die Hand und entfernte sich rasch.

Was war aber denn eigentlich zwischen dem Lieutenant und dem Beichtvater vorgefallen? Wir theilen es hier mit.

Kaum hatte der Priester den Schieber des Beichtstuhles geöffnet, so bemerkte er auch schon an dem Tone seines Beichtkindes, daß man ihn nur zum Besten haben wolle. Der Officier ging so weit, ihm geradezu zu sagen:

„Beichten will ich nicht; ich will mich hier blos unterhalten.“ Der Priester war eben so verständig als fromm. „Gut, lieber Freund,“ sagte er ihm, ihn mit sanftem Tone unterbrechend; „das sehe ich wohl, daß es Ihnen mit dem Beichten nicht ernst ist. Lassen wir also die Beichte ganz bei Seite und plaudern wir ein wenig mit einander. Ich interessire mich für die Soldaten, und Sie scheinen ein guter und liebenswürdiger junger Mann zu sein. Sagen Sie mir doch, welchen militärischen Grad haben Sie bereits erreicht?“

Der junge Officier fing an zu fühlen, daß er einen dummen Streich gemacht hatte; und froh, ein Mittel zu finden, sich auf anständige Weise aus der Verlegenheit zu ziehen, antwortete er ziemlich höflich: „Ich bin erst Lieutenant. Ich komme aus der Militärschule von Saint-Cyr.“

„Sie sind Lieutenant? Werden Sie lange Lieutenant bleiben?“

„Ich weiß das nicht gewiß; zwei, drei Jahre, vielleicht auch vier.“

„Und dann?“

Dann werde ich Ober-Lieutenant.“

„Und dann?“

„Dann werde ich Hauptmann.“

„Hauptmann? In welchem Alter gelangt man zu diesem Grade?“

„Wenn ich Glück habe,“ sagte der Andere lächelnd, „kann ich mit acht- oder neunundzwanzig Jahren schon Hauptmann sein.“

„Und dann?“

„Dann geht es mit dem Avancement etwas schwer; man bleibt lange Hauptmann. Dann wird man Bataillonschef; man wird Oberstlieutenant, dann Oberst.“

„So können Sie also mit vierzig Jahren schon Oberst sein. Und dann?“

„Dann werde ich Brigadegeneral und später Divisionsgeneral.“

„Und dann?“

„Dann? Dann, Herr Pfarrer, gibt es nur noch den Marschallsstab. Aber so hoch versteige ich mich nicht.“

„Nun gut! Aber sagen Sie mir, werden Sie nicht heirathen?“

„Doch, doch; wenn ich Major oder Oberst sein werde.“

„Gut, Sie werden also heirathen, werden Stabsofficier, General, Divisionsgeneral, vielleicht sogar Marschall von Frankreich werden; wer kann es wissen? Und dann, mein Herr?“ fragte der Priester mit einem Tone, in dem er den jungen Mann seine ganze Autorität fühlen ließ.

„Dann? Dann?“ erwiderte der Lieutenant ein wenig außer Fassung gebracht. „Meiner Treu, was dann geschehen wird, weiß ich nicht.“

„Sehen Sie,“ sagte hierauf der Priester in einem mehr und mehr ernsteren Tone; „es ist doch eigenthümlich, Sie wissen Alles, was bis dahin geschehen wird; was aber dann geschehen wird, das wissen Sie nicht; ich aber weiß es, und ich will es Ihnen sagen. Dann, mein Herr, dann werden Sie sterben. Dann, nach Ihrem Tode werden Sie vor Gott erscheinen und werden gerichtet werden. Und wenn Sie fortfahren zu thun, wie seither, so werden Sie verdammt werden und ewig in der Hölle brennen. – Das wird hernach geschehen.“

Als der junge Thor, ärgerlich über diesen Ausgang seines Abenteuers, sich anschickte den Beichtstuhl zu verlassen, sagte ihm der Priester schnell: „Noch einen Augenblick, mein Herr! Ich habe Ihnen noch ein Wort zu sagen. Sie sind ein Mann von Ehre, nicht wahr? Auch ich bin es. Sie haben sich ernstlich gegen mich verfehlt und sind mir eine Genugthuung schuldig. Ich verlange und fordere dieselbe von Ihnen im Namen der Ehre. Diese Genugthuung ist übrigens ganz einfach. Sie geben mir Ihr Wort, daß Sie acht Tage lang, jeden Abend, bevor Sie sich zur Ruhe begeben, niederknieen und ganz laut sprechen werden:

·        „Ich werde einst sterben; aber ich mache mir Nichts daraus.

·        Nach dem Tode werde ich gerichtet werden; aber ich mache mir Nichts daraus.

·        Beim Gerichte 1 werde ich verdammt werden; aber ich mache mir Nichts daraus.

·        Ich werde ewig in der Hölle brennen; aber ich mache mir Nichts daraus.“

Das ist Alles, was ich begehre; aber Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Nichts davon zu unterlassen, nicht wahr?“

Der Lieutenant, dem es nur darum zu thun war, sich aus der Verlegenheit zu ziehen, weil ihm die veranlaßte Unterredung immer peinlicher wurde, versprach Alles und der Priester entließ ihn freundlich, indem er ihm noch sagte:

„Lieber Freund, ich habe wohl nicht nöthig, Sie zu versichern, daß ich Ihnen von ganzem Herzen verzeihe. Wenn Sie meiner jemals bedürfen, so werden Sie mich immer hier an meinem Posten finden. Nur vergessen Sie nicht Ihr mir gegebenes Versprechen.“

Hierauf schieden Sie voneinander, wie wir bereits gesehen haben.

Der junge Offizier speiste ganz allein zu Mittag. Er war sichtlich niedergeschlagen und gedrückt. Des Abends, als er sich zur Ruhe begeben wollte, zögerte er ein wenig; aber er hatte sein Ehrenwort gegeben, und er mußte es halten.

„Ich werde sterben; ich werde gerichtet werden; ich werde vielleicht in der Hölle brennen …“ Er hatte nicht den Mut hinzuzufügen: „Aber ich mache mir Nichts daraus.“

So verstrichen einige Tage. Seine „Buße“ kam ihm immer wieder in den Sinn und tönte ihm fortwährend in den Ohren. Im Grunde war er mehr unverständig als verdorben, wie das ja bei den meisten jungen Leuten gewöhnlich der Fall ist. Noch waren die acht Tage nicht abgelaufen, als er, diesmal aber allein, in die Himmelfahrtskirche zurückkehrte; er beichtete wirklich und verließ den Beichtstuhl, die Augen voller Tränen, das Herz aber voller Freude.

Von da an blieb er, wie man mich versicherte, ein guter und eifriger Christ.

Es war der ernste Gedanke an die Hölle, welcher mit der Gnade Gottes diese glückliche Umwandlung bewirkt hatte. Sollte dieser Gedanke nicht auch auf  dich, lieber Leser, in ähnlicher Weise einwirken können? Man muß es einmal versuchen und ernstlich über die Sache nachdenken.

Man muß darüber nachdenken. Es ist für uns eine persönliche Frage und, gestehen wir es uns nur ein, es ist eine furchtbar ernste Frage. Sie drängt sich einem Jeden von uns auf; und wohl oder übel müssen wir dieselbe lösen.

So wollen wir denn, wenn es dir recht ist, kurz aber aufmerksam zwei Dinge untersuchen: Erstens, ob es wirklich eine Hölle gibt; und zweitens, was die Hölle ist.

Ich fordere von Dir nur Vertrauen und Glauben.

 

Fortsetzung folgt

1 In der autorisierten Übersetzung: Nach dem Gerichte

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