ETIKA

Mons. von Segur

www.etika.com

Die Hölle

98B7C

In dir ist ein schwarzer Diamant

13.8.2014

 

Die Hölle. Gibt es eine, was ist sie, wie entgeht man ihr?
Von Monsignore von Segur.
Autorisirte Uebersetzung. Zweite Auflage. Mainz, Verlag von Franz Kirchheim. 1880. S. 7-10

I.                   Gibt es wirklich eine Hölle?
Es gibt eine Hölle. Die Hölle ist keine Erfindung der Menschen und kann keine solche sein.

Wir haben gesehen, daß die Völker aller Zeiten an die Hölle geglaubt haben. Das allein beweist schon, daß sie keine menschliche Erfindung ist.

Stellen wir uns einmal die Welt vor in einem Zustande vollkommener Ruhe, voller Vergnügen. Die Menschen überlassen sich furchtlos den irdischen Freuden, der Befriedigung ihrer Leidenschaften. Eines schönen Tages kommt nun ein Mensch, ein Philosoph und sagt ihnen: „Es gibt eine Hölle, einen Ort ewiger Qualen, woselbst euch Gott strafen wird, wenn ihr fortfahret, Böses zu thun; es gibt eine Hölle, in deren entsetzlichen Flammen ihr ewig brennen müsset, wenn ihr euer Leben nicht ändert!“

Welche Wirkung würde wohl eine solche Ankündigung hervorbringen?

Gewiß würde Niemand diesen Worten glauben. „Was predigst du da,“ würde man diesem Erfinder der Hölle entgegnen. „Wo hast du das gehört? Welche Beweise kannst du dafür aufweisen? Du bist ein Träumer, ein Unglücksprophet.“

Man würde es durchaus nicht glauben, weil sich in dem verdorbenen Menschen Alles instinktmäßig gegen den Gedanken an die Annahme der Hölle sträubt. Gleichwie jeder Schuldige den Gedanken an eine Strafe so viel wie möglich verbannen möchte, so, und noch viel mehr, sucht der schuldige Mensch sich des Gedankens an dieses ewige rächende Feuer zu entschlagen, in welchem alle seine Vergehen, selbst die geheimsten, unerbittlich bestraft werden sollen.

Vorzüglich aber in einer Gesellschaft von Menschen, wie wir sie uns vorgestellt haben, wo man noch niemals von der Hölle hätte sprechen hören, würden sich alle nur erdenklichen Vorurtheile zugleich mit den Leidenschaften erheben, um gegen eine solche Wahrheit aufzutreten und sie zu bekämpfen. Man würde nicht allein einem solchen Unglücksvogel mit seiner unseligen Erfindung nicht geglaubt, sondern ihn mit Entrüstung fortgejagt, mit Steinen nach ihm geworfen haben, so daß Niemanden mehr die Lust gekommen wäre, einen zweiten derartigen Versuch zu wagen. Und wenn, was aber unmöglich erscheint, die Menschen dieser Lehre Glauben geschenkt hätten; wenn, was noch unmöglicher ist, von diesem Augenblicke an alle Völker auf das Wort eines solchen Propheten hin an die Hölle geglaubt hätten, welch´ ein Ereigniß würde das nicht in der Weltgeschichte gewesen sein! Der Name dieses Entdeckers der Hölle, das Land, das Jahrhundert, in dem er gelebt, würde uns das nicht in der Geschichte aufgezeichnet worden sein?

Aber von dem Allem finden wir nirgends eine Spur. Oder ist jemals ein Mensch genannt worden, der diese erschreckende Lehre in die Welt eingeführt hätte, welche mit den Leidenschaften, die am tiefsten im Geiste, im Herzen und in den Sinnen des Menschen wurzeln, in so grellem Widerspruche steht?

So ist also die Hölle keine Erfindung des Menschen. Sie ist es nicht und kann es nicht sein. Die Ewigkeit der Höllenstrafen ist ein Lehrsatz, welchen die Vernunft nicht vollständig begreifen kann; sie kann ihn kennen lernen, annehmen, aber nicht erfassen, weil er die Vernunft übersteigt. Was nun der Mensch nicht einmal begreifen kann, wie könnte er das erfinden?

Gerade weil die Hölle, die ewig dauernde Hölle dem natürlichen Menschen so schwer faßlich ist, empört sich derselbe gegen sie und wird sich nimmer dazu verstehen, an ihre Schrecken zu glauben, wenn er nicht durch das übernatürliche Licht des Glaubens erleuchtet ist. Darum schreit man, wie wir später sehen werden, über Ungerechtigkeit, Barbarei und folglich über die Unmöglichkeit einer solchen Strafe für das Böse.

Der Glaube an die Hölle ist eine von jenen Wahrheiten, die gleichsam mit uns geboren werden; er ist ein inneres Licht, welches göttlichen Ursprunges ist und uns ohne unser Mitwirken erleuchtet; in der Tiefe unseres Gewissens, im Grunde unserer Seele eingesenkt gleich einem schwarzen Diamanten, der in düsterem Glanze erstrahlt. Niemand kann diesen Glauben aus der Tiefe unseres Herzens herausreißen, weil Gott selbst ihn darin niedergelegt hat. Man kann diesen Diamanten und sein düsteres Feuer bedecken; man kann seine Blicke von demselben wegwenden und ihn eine Zeitlang vergessen; man kann ihn mit Worten wegleugnen; aber man glaubt dennoch an ihn, und das Gewissen hört nicht auf, uns zuzurufen, daß es eine Hölle gibt.

Die Gottlosen, welche über die Hölle spotten, haben dennoch große Furcht vor derselben. Diejenigen, welche sagen, sie seien überzeugt,  daß es keine Hölle gebe, belügen sich selbst und Andere. Es ist mehr ein gottloser Wunsch des Herzens, als ein vernünftiger Widerspruch gegen diese Wahrheit von Seiten des Verstandes. Im vorigen Jahrhundert schrieb einer dieser unverschämten Gottesläugner an Voltaire, er habe nun den metaphysischen Beweis für das Nicht-Vorhandensein der Hölle entdeckt. „Da sind Sie glücklich,“ antwortete ihm der alte Patriarch der Ungläubigen; „ich bin noch weit davon entfernt, einen solchen gefunden zu haben.“

Nein, der Mensch hat die Hölle nicht erfunden und konnte sie nicht erfinden. Der Glaube an eine Hölle mit ihrem nie erlöschenden Feuer kommt von Gott selbst. Er ist ein Theil der großen, ursprünglichen Offfenbarung, welche die Grundlage der Religion und des sittlichen Lebens des ganzen Menschengeschlechtes bildet. Also, es gibt eine Hölle!

Fortsetzung folgt

Index 98 -  Index 9